Mario Vargas Llosa : Harte Jahre

Harte Jahre
Tiempos recios Alfaguara, Barcelona 2019 Harte Jahre Übersetzung: Thomas Brovot Suhrkamp Verlag, Berlin 2020 ISBN 978-3-518-42930-3, 411 Seiten ISBN 978-3-518-76476-3 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der ernste Roman "Harte Jahre" dreht sich um zwei Putsche 1954 bzw. 1957 in Guatemala. Mario Vargas Llosa prangert die USA an, die aus wirtschaftlichen Interessen Regierungen nicht nur in Lateinamerika stürzten und dabei großen Schaden anrichteten. Außerdem veranschaulicht der Nobelpreisträger, dass bereits lange vor Donald Trump gezielt mit Fake News gearbeitet wurde.
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Kritik

"Harte Jahre" verknüpft Personen und Fakten der Zeitgeschichte mit fiktiven Figuren und Ereignissen. Auch wenn einige Szenen mitreißend sind und "Harte Jahre" Elemente eines Politthrillers enthält, scheint es Mario Vargas Llosa vor allem um die politische Anklage zu gehen, denn er verfällt immer wieder in den nüchternen Ton eines historischen Berichts.
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Vorher

Nachdem General Jorge Ubico Castañeda am 9. Februar 1931 zum Staatspräsidenten von Guatemala gewählt worden war, errichtete er eine Militärdiktatur und schaffte demokratische Einrichtungen ab. Dass am 25. Juni 1944 die Lehrerin María Chinchilla Recinos bei Demonstrationen gegen das Regime erschossen wurde, löste einen Generalstreik aus, und am 1. Juli 1944 musste Jorge Ubico Castañeda zurücktreten.

Die von ihm eingesetzte Militärjunta unter der Führung des Generals Federico Ponce Vaidez wurde am 19./20. Oktober 1944 durch einen Militärputsch gestürzt („Oktoberrevolution“). Jacobo Árbenz Guzmán, der neue Machthaber, setzte Präsidentschaftswahlen an, die von dem promovierten Philosophen Juan José Arévalo Bermejo gewonnen wurden. Er vertrat einen „geistigen Sozialismus“, der den Menschen nicht – wie Kommunismus und Nationalsozialismus – die bürgerlichen Rechte rauben würde. In diesem Sinn demokratisierte er Guatemala in seiner Regierungszeit vom 15. März 1945 bis 15. März 1951.

Jacobo Árbenz Guzmán gehörte der neuen Regierung als Verteidigungsminister an, und am 15. März 1951 folgte er Juan José Arévalo Bermejo im Präsidentenamt. Er führte den Reformkurs fort und strebte dabei einen modernen demokratischen Staat wie die USA an.

Nach dem Vorbild des Sherman Antitrust Act von 1890 wollten Arévalo und Árbenz die Marktmacht großer Konzerne einschränken. Sie verbesserten das Bildungswesen und den Arbeiterschutz. Árbenz begann 1952/53 eine Agrarreform, mit der brachliegendes Land in Guatemala an indigene Kleinbauern verteilt wurde, um das überkommene halbfeudale System abzuschaffen. Die Großgrundbesitzer erhielten eine Entschädigung in der Höhe des Wertes, den sie in ihrer Steuererklärung für das nun enteignete Land angegeben hatten. Dabei kam es zu Unruhen, die von der Presse aufgebauscht wurden.

Schlimm für Jacobo Árbenz, unerwartet auch, waren die Erstürmungen von Land und die Überfälle auf Fincas und Plantagen, zumal von Grundbesitz, den das Gesetz ausschloss, eben weil die Eigentümer es ordentlich bewirtschafteten.

Dass in Guatemala ein moderner demokratischer Staat anstelle der „Bananenrepublik“ entstehen sollte, gefährdete die Interessen der am 30. März 1899 in Boston gegründeten United Fruit Company (heute: Chiquita), die in den USA und in Europa tropische Früchte wie Bananen verkaufte. In Guatemala, wo sich der Hauptsitz des Unternehmens befand, betrieb „La Frutera“ nicht nur – wie in anderen lateinamerikanischen Ländern – riesige Plantagen, sondern außerdem die Post, die Eisenbahn und den einzigen Karibikhafen.

Die Entwicklung in Guatemala beunruhigte den US-amerikanischen Bananenunternehmer Samuel Zemurray, der 1891 im Alter von 14 Jahren – noch unter dem Namen Schmuel Zmurri – mit einer Tante von Russland in die USA ausgewandert war. 1930 verkaufte er die von ihm gegründete Cuyamel Fruit Company an die United Fruit Company in Boston. Drei Jahre später wurde er Direktor der durch die Weltwirtschaftskrise angeschlagenen UFC.

Nach der „Oktoberrevolution“ in Guatemala wandte sich Samuel Zemurray an Edward L. Bernays, einen Neffen Sigmund Freuds und Pionier bei der Anwendung psychologischer und sozialwissenschaftlicher Forschungsergebnisse in der Öffentlichkeitsarbeit (Public Relations), der in seinem 1928 veröffentlichten Buch „Propaganda“ geschrieben hatte:

In einer demokratischen Gesellschaft ist die bewusste und intelligente Manipulation der formierten Gewohnheiten und Meinungen der Massen ein wesentliches Element. Diejenigen, die diesen verborgenen Mechanismus steuern, bilden eine unsichtbare Regierung, sie ist die wahre Macht in unserem Land …

Edward L. Bernays erhielt den Auftrag, nicht nur das miserable Image der United Fruit Company zu verbessern, sondern vor allem die in Guatemala angestrebte Modernisierung zu verhindern. Zu diesem Zweck ließ der PR-Berater, der über ein hervorragendes soziales Netzwerk verfügte, die Lügenbotschaft (Fake News) verbreiten, Juan José Arévalo Bermejo sei ein Kommunist und wolle Guatemala zu einem Brückenkopf der Sowjetunion vor den Toren der USA machen.

Mario Vargas Llosa zufolge waren Edward L. Bernays und Sam Zemurray die beiden Personen, die das Schicksal Mittelamerikas im 20. Jahrhundert am stärksten beeinflussten.

Putsch 1954

Der im Januar 1953 ins Amt des US-Präsidenten eingeführte Republikaner Dwight („Ike“) D. Eisenhower ernennt den für seine harte Haltung gegenüber dem Kommunismus bzw. der Sowjetunion bekannten Parteifreund John Foster Dulles zum Außenminister, und dessen fünf Jahre jüngerer Bruder Allen Welsh Dulles wird Direktor der 1949 gegründeten CIA.

Washington entsendet im Oktober 1953 John („Jack“) Emil Peurifoy als Botschafter nach Guatemala. Der mit Betty Jane Cox verheiratete ehemalige Liftboy hat sich als Botschafter in Griechenland einen Namen gemacht, weil er dort 1952 mit Drohungen und „einem unglaublichen Händchen für Intrigen“ gegen den Willen der Königin Friederike den Feldmarschall Alexander Papagos als Premierminister durchsetzte:

„Meine Regierung wünscht, daß Papagos gewählt wird.“

Bei seiner Akkreditierung in Guatemala lässt Peurifoy keinen Zweifel daran aufkommen, dass er – ganz im Sinne der United Fruit Company und ihres PR-Beraters Edward L. Bernays – die „kommunistische“ Agrarreform in Guatemala ebenso missbilligt wie Jacobo Árbenz Guzmán im Amt des Staatspräsidenten. Er überreicht ihm eine Liste mit 40 Namen und antwortet auf die Frage, was das sei:

„Vierzig Kommunisten, die Ihrer Regierung angehören […]. Im Namen der Vereinigten Staaten fordere ich Sie auf, sie unverzüglich aus ihren Ämtern zu entfernen.“

Der katholische Erzbischof Mariano Rossell y Arellano diffamiert die Regierung ebenfalls als kommunistisch, und bald droht der US-Botschafter Peurifoy dem Land mit „Maßnahmen“, die erforderlich seien, damit Guatemala kein Außenposten der UdSSR werde.

Am 18. Juni 1954 beginnt die mit Unterstützung der USA (Operation PBSUCCESS) seit Februar in Honduras und in Nicaragua vorbereitete Militäraktion gegen Präsident Árbenz, und die von einem eigens bei Puerto Cabezas gebauten Stützpunkt gestarteten Flugzeuge bombardieren am 25. Juni die Hauptstadt von Guatemala.

Am 26. Juni bewegt Armeechef Oberst Carlos Enrique Díaz den Staatspräsidenten zum Rücktritt. Nur so könne man die USA besänftigen, meint er und verspricht, dass die Armee nicht nur das Land gegen die Aggressoren verteidigen sondern auch an den nach der „Oktoberrevolution“ eingeleiteten Sozialreformen festhalten werde. Mehrere Militärjuntas lösen sich nach dem Rücktritt von Jacobo Árbenz Guzmán am 27. Juni ab, bis sich alle Parteien auf Oberst Carlos Castillo Armas – den Anführer der „Befreiungsarmee“ – als neuen Machthaber einigen. Am 3. Juli 1954 landet Carlos Castillo Armas im Flugzeug des Botschafters Peurifoy in Ciudad de Guatemala.

Nach dem Ausscheiden der übrigen Junta-Mitglieder wird Carlos Castillo Armas am 1. September 1954 Staatspräsident von Guatemala. Seine Regierung gibt der United Fruit Company das enteignete Land zurück, schafft die Steuern auf Großgrundbesitz wieder ab und würgt auch die anderen Reformen ab.

Jacobo Árbenz Guzmán bleibt am Leben, muss aber Guatemala verlassen und erhält mit seiner Familie erst 1970 nach einer Odyssee durch viele Staaten in Mexiko Asyl. Arabella und später auch Leonora, die beiden Töchter, nehmen sich das Leben. Jacobo Árbenz Guzmán selbst stirbt 1971 unter ungeklärten Umständen in seiner Badewanne.

John Emil Peurifoy kommt bei einer Autofahrt am 12. August 1955 ums Leben, als er in der Nähe von Bangkok frontal mit einem Lastwagen zusammenstößt.

Miss Guatemala

Der Juraprofessor und Rechtsanwalt Dr. Arturo Borrero Lamas und seine nicht standesgemäße Ehefrau bekommen nach dem frühen Tod der Söhne im fünften Ehejahr 1934 eine Tochter: Marta Borrero Parra. Als das ebenso kluge wie wissbegierige Mädchen 15 Jahre alt ist, wird es von dem Arzt Dr. Efrén García Ardiles geschwängert. Arturo Borrero Lamas besteht darauf, dass die beiden trotz des Altersunterschieds von 28 Jahren auf der Stelle heiraten. Der 1950 geborene Sohn ist deshalb kein uneheliches Kind.

Nach fünf Jahren verlässt Marta Borrero Parra, die sich gern als „Miss Guatemala“ bezeichnen lässt, sowohl ihren Mann als auch ihren Sohn und sucht Zuflucht bei Staatspräsident Carlos Castillo Armas. Der ist zwar verheiratet, beginnt aber eine Affäre mit Marta Borrero Parra und sorgt dafür, dass deren Ehe mit Efrén García Ardiles annulliert wird.

Putsch 1957

Generalissimus Rafael Leónidas Trujillo Molina, der Machthaber in der Dominikanischen Republik, schickt den ehemaligen Sportreporter Johnny Abbes García, den er bei der Polizei in Mexiko ausbilden ließ und dann zum Leiter des 1957 gegründeten militärischen Geheimdienstes (Servicio de Inteligencia Militar, SIM) machte, nach Guatemala. Seine Aufgabe ist es, Staatspräsident Carlos Castillo Armas zu beseitigen.

Zur Vorbereitung des Attentats macht sich der Oberstleutnant an dessen Geliebte Marta Borrero Parra heran, freundet sich mit ihr an und bringt sie auch mit einem US-Amerikaner zusammen, der sich Mike Laporta nennt und wohl als CIA-Agent an den Anschlagsplänen beteiligt ist.

Mit Hilfe von Oberstleutnant Enrique Trinidad Oliva, des Chefs der guatemaltekischen Geheimpolizei, dringt Johnny Abbes García m 26. Juli 1957  heimlich durch eine unbewachte Seitentür in die Residenz des Staatspräsidenten ein. Nachdem der Dominikaner Carlos Castillo Armas vor den Augen seiner Ehefrau Odilia Palomo de Castillo Armas erschossen hat, verlassen er und Enrique Trinidad Oliva unbemerkt wieder das Gebäude und steigen in den Fluchtwagen, der von dem kubanischen Killer Ricardo Bonachea Léon gefahren wird.

Johnny Abbes García und Mike Laporta sorgen dafür, dass Marta Borrero Parra sofort nach der Ermordung des Präsidenten von dem kubanischen Gangster Carlos Cacel Castro nach San Salvador gefahren wird, denn der guatemaltekische Sicherheitschef Enrique Trinidad Oliva gibt seinen Komplizen nur eine Stunde Zeit, sie in Sicherheit zu bringen. Danach ordnet er ihre Verhaftung an, um von seiner eigenen Rolle abzulenken.

Nachdem Marta Borrero Parra in einem Hotel in San Salvador mit Johnny Abbes García geschlafen hat, fliegen die beiden mit einer Privatmaschine in die Dominikanische Republik.

Enrique Trinidad Oliva

Am 2. März 1958 übernimmt General Miguel Ydígoras Fuentes mit Billigung der USA das Präsidentenamt. (Auf einer seinem Freund Roberto Alejos Arzú gehörenden Finca lässt der US-Botschafter Lester D. Mallory 5000 Söldner für die geplante Invasion in der kubanischen Schweinebucht trainieren.)

Eigentlich sollte es nach dem Anschlag auf Carlos Castillo Armas so aussehen, als habe der Gardesoldat Romeo Vásquez Sánchez ihn erschossen. Johnny Abbes García hatte ihn in der Residenz des Präsidenten getötet und einen gefälschten Abschiedsbrief des jungen Mannes abgelegt, der einen Suizid des Attentäters vortäuschen sollte. Bei Romeo Vásquez Sánchez handelte es sich jedoch um einen Analphabeten.

Enrique Trinidad Oliva wird festgenommen und von Oberst Pedro Castañino Gamarra, dem Chef der Militärjustiz, beschuldigt, am Attentat auf Carlos Castillo Armas beteiligt gewesen zu sein und danach die Situation für willkürliche Verhaftungen und Amtsenthebungen missbraucht zu haben. Pedro Castañino Gamarra rät ihm, seinen Abschied von der Armee einzureichen und zwei Jahre Haft wegen Amtsmissbrauchs hinzunehmen. Enrique Trinidad Oliva lässt sich nicht darauf ein. Daraufhin wird er als Landesverräter ohne Pensionsanspruch aus der Armee ausgestoßen und fünf Jahre lang ohne Gerichtsverfahren eingesperrt. Seine Frau zieht mit den Kindern nach Nicaragua, nachdem sie die Konten leergeräumt hat.

Nach seiner Freilassung schlägt sich der Mittellose mit Gelegenheitsjobs durch, bis ihm Ahmed Kurony, „der Türke“, falsche Papiere auf den Namen „Esteban Ramos“ beschafft und ihm den Sicherheitsdienst für seine Spielhallen anvertraut.

Anfang 1963 reagiert Enrique Trinidad Oliva dummerweise, als ihn eine Frau mit seinem richtigen Namen ruft. Weil er sich von da an observiert fühlt und um sein Leben fürchtet, will er sich mit Ahmed Kuronys Hilfe nach Mexiko absetzen. Aber kurz vor dem Sturz des Staatspräsidenten Miguel Ydigoras Fuentes am 31. März 1963 wird er ermordet.

Johnny Abbes García

Marta Borrero Parra lebt seit der Flucht aus Guatemala in Ciudad Trujillo (Santo Domingo de Guzmán), der Hauptstadt der Dominikanischen Republik, und ist die Geliebte von Johnny Abbes García, obwohl dieser inzwischen eine Dominikanerin mit dem Namen Zita geheiratet hat. Als politische Kommentatorin für den Sender La Voz Dominicana engagiert sie sich für den Generalissimus und andere Diktatoren. Außerdem betätigt sie sich weiterhin als Informantin des CIA-Agenten Mike Laporta.

Im März 1930 riss Rafael Leónidas Trujillo Molina mit Unterstützung der USA die Macht in der Dominikanischen Republik an sich. Sein 17 Jahre jüngerer Bruder Héctor Bienvenido Trujillo Molina amtiert zwar seit 16. August 1952 formell als Staatspräsident, aber der Generalissimus zieht weiterhin die Fäden.

1960 lädt Staatspräsident Héctor Bienvenido Trujillo Molina die Journalistin Marta Borrero Parra ein. Ohne große Worte überreicht er ihr einen von ihm unterschriebenen Blankoscheck und gibt ihr zu verstehen, dass er Sex mit ihr haben will. Die stolze Guatemaltekin, die sich wie eine Prostituierte behandelt fühlt, stürzt sich auf den Präsidenten, ohrfeigt ihn und beißt ihm beinahe ein Ohr ab, bevor Wachen sie zurückreißen, zusammenschlagen und in einen Kerker sperren. Ein paar Tage später führt man sie zu Rafael Leónidas Trujillo Molina, der sich für das Verhalten seines Bruders entschuldigt.

Danach meint Johnny Abbes García, seine Geliebte müsse die Rache des zurückgewiesenen Staatspräsidenten befürchten und sorgt durch seine Beziehungen dafür, dass Marta Borrero Parra von den USA aufgenommen wird.

Sieben Verschwörer lauern dem Diktator Rafael Leónidas Trujillo Molina am 30. Mai 1961 an der Straße von Ciudad Trujillo nach San Cristóbal auf. Er stirbt im Kugelhagel. Joaquín Videla Balaguer, der als Chef einer Junta die Staatsführung übernimmt, sorgt dafür, dass der bisherige Geheimdienstchef Johnny Abbes García aus der Armee entlassen wird und schickt ihn am 10. Juni 1961 als „Konsul“ nach Tokio. Dort erfährt der Verstoßene, dass es weder ein Büro noch eine Aufgabe oder Bezahlung für ihn gibt. Johnny Abbes García hält sich einige Zeit mit seiner Frau Zita in Paris auf, bevor sie 1964 nach Kanada reisen, wo sie allerdings nur ein Visum für sechs Monate erhalten.

Bevor sie Kanada verlassen müssen, nimmt Johnny Abbes García das Angebot an, als Sicherheitsberater des Diktators François Duvalier („Papa Doc“) nach Haiti zu kommen und siedelt sich mit seiner Frau und den beiden kleinen Töchtern in Port-au-Prince an.

Zwei Jahre später lässt Johnny Abbes García sich auf eine Verschwörung gegen den Diktator ein, mit der dessen älteste Tochter Marie Denise („Dedé“) Duvalier de Dominique und ihr Ehemann Max Dominique verhindern wollen, dass Dedés jüngerer Bruder Jean-Claude Duvalier dem Vater als Machthaber folgt. Als 19 Offiziere erschossen werden und das Ehepaar Dominique nach Spanien verbannt wird, weiß Johnny Abbes García, dass seine Tage gezählt sind.

Er, Zita, die beiden Töchter und die drei Dienstmädchen sehen durchs Fenster, wie vier Pick-ups vor dem Anwesen halten und Männer der haitianischen Miliz Tonton Macoute sich versammeln, bevor sie die Gartentür aufreißen, die Hunde erschlagen und dann die Hühner töten. Dann treten sie die Haustür ein. Obwohl sie Schusswaffen tragen, ermorden sie die Dienstmädchen mit Messern und Knüppeln. Am Ende fallen sie über die Familie her.

Nachher

In einer Gated Community nahe der CIA-Zentrale in Langley/Virginia besucht Mario Vargas Llosa die Greisin, die er in seinem Roman „Harte Jahre“ Marta Borrero Parra nennt und führt mit ihr ein mehrstündiges Interview. Auf Fotos sieht er sie zusammen mit Angehörigen des Bush-Clans. Sie versteht sich als Republikanerin und Anhängerin des Präsidenten Donald Trump.

Einiges, was Mario Vargas Llosa beispielsweise aus dem 2017 veröffentlichten Buch „La rapsodia del crimen. Trujillo vs. Castillo Armas“ von Tony Raful über ihr Leben zu wissen glaubt, bestätigt Marta Borrero Parra. Aber sie behauptet, Johnny Abbes García sei nicht in Haiti ermordet worden, sondern lebe unerkannt in den USA. Die alte Dame lässt sich auf Fragen ihres Besuchers ein, bis er wissen möchte, ob sie mit der CIA zusammengearbeitet habe. Das Thema ist für sie tabu, und zum Abschied sagt sie:

„Machen Sie sich nicht die Mühe, mir Ihr Buch nach Erscheinen zu schicken, Don Mario. Ich werde es auf keinen Fall lesen. Aber meine Anwälte werden es lesen, nur dass Sie es wissen.“

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In seinem ernsten Roman „Harte Jahre“ prangert Mario Vargas Llosa die USA an, die aus wirtschaftlichen Interessen Regierungen nicht nur in Lateinamerika stürzten. Er meint

[…] dass es eine große Dummheit der USA war, für diesen Militärputsch gegen Árbenz als Strohmann Oberst Castillo Armas zu wählen und ihn an die Spitze der Verschwörung zu setzen. Der Sieg den sie errangen, war bloß ein vorübergehender, so nutzlos wie kontraproduktiv. Er führte nur dazu, dass in ganz Lateinamerika die Stimmung gegen die USA eskalierte und die marxistischen, trotzkistischen und fidelistischen Parteien gestärkt wurden, er radikalisierte Fidel Castros Bewegung des 26. Juli und trieb sie dem Kommunismus in die Arme.

[…] verhängnisvoll waren die Auswirkungen von Castillo Armas‘ Triumph für das übrige Lateinamerika – für Guatemala ganz besonders –, wo auf Jahrzehnte Guerillakriege und Terrorismus das Bild bestimmten sowie diktatorische Militärregime, in denen die Regierenden mordeten, folterten und ihre Länder ausplünderten, worauf die demokratische Option für ein weiteres halbes Jahrhundert aufs Abstellgleis geriet. Unterm Strich verzögerte die US-amerikanische Intervention in Guatemala die Demokratisierung des Kontinents um Jahrzehnte und kostete Tausenden von Menschen das Leben […]

Der Nobelpreisträger veranschaulicht in „Harte Jahre“, dass bereits lange vor George W. Bush und Donald Trump Regime Changes durchgeführt wurden und die US-Regierung gezielt mit Fake News operierte.

„Harte Jahre“ verknüpft Personen und Fakten der Zeitgeschichte mit fiktiven Figuren und Ereignissen. Auch wenn einige Szenen mitreißend sind und „Harte Jahre“ Elemente eines Politthrillers enthält, scheint es Mario Vargas Llosa vor allem um die politische Anklage zu gehen, denn er verfällt immer wieder in den nüchternen Ton eines historischen Berichts. Das geschieht zu Lasten des Erzählflusses.

Einfach macht es Mario Vargas Llosa den Leserinnen und Lesern auch aus anderen Gründen nicht, denn er entwickelt das Geschehen im ständigen Vor und Zurück zwischen den Zeitebenen und leistet sich im Kapitel VII sogar eine Parallelmontage. Die meisten Kapitel beginnen mit einem Personalpronomen, und bei der Fülle der Romanfiguren fällt es schwer, vor der ersten Namensnennung zu erkennen, von wem die Rede ist.

Den in 32 Kapitel gegliederten Hauptteil hat Mario Vargas Llosa mit zwei Textpassagen umrahmt, die mit „Vorher“ bzw. „Nachher“ überschrieben sind. Im Prolog schildert er, wie die United Fruit Company mit Hilfe des PR-Beraters Edward L. Bernays beginnt, die unliebsame Regierung von Guatemala zu diskreditieren. Der Epilog dreht sich um das Gespräch des Autors mit einer alten Dame, die er im Buch vorsichtshalber nicht mit ihrem richtigen Namen nennt.

Jonny Abbes García, der von 1958 bis 1961 den militärischen Geheimdienst der Dominikanischen Republik (Servicio de Inteligencia Militar, SIM) leitete, war bereits Vorbild für eine Romanfigur in „Das Fest des Ziegenbocks“.

Der Titel „Harte Jahre“ – im Original „Tiempos recios“ – geht auf die katholische Kirchenlehrerin Teresa von Ávila (1515 – 1582) zurück, in deren Autobiografie „Vida“ / „Das Buch meines Lebens“ zu lesen ist: „En tiempos recios, amigos fuertes de Dios […]“.

Den Roman „Harte Jahre“ von Mario Vargas Llosa gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Johannes Steck.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2020
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

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