Andreas Schäfer : Gesichter

Gesichter
Gesichter Originalausgabe: DuMont Buchverlag, Köln 2013 ISBN: 978-3-8321-9664-6, 255 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Auf der Rückreise von einem Ferien­aufenthalt mit seiner Familie auf Kreta beobachtet der auf Gesichtsblindheit spezialisierte Neurologe Gabor Lorenz einen Flüchtling, dem es gelingt, an Bord der Fähre zu gelangen. In Berlin fühlt Gabor sich zunehmend bedroht, denn der Flüchtling scheint ihn zu verfolgen. Als die 14-jährige Tochter verschwindet, befürchtet Gabor, dass sie von dem Mann entführt wurde. Das erweist sich bald als Irrtum, aber nun wird er selbst verdächtigt, sie missbraucht zu haben ...
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Kritik

Der geschickt komponierte Roman "Gesichter" von Andreas Schäfer beginnt wie eine Familiengeschichte, scheint dann zum Thriller zu werden und erweist sich am Ende als psychologische Studie über die Verunsicherung und Identitätskrise des Protagonisten.
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Gabor Lorenz praktiziert als Neurologe an der Charité in Berlin. Sein Spezialgebiet ist Prosopagnosie, Gesichtsblindheit, also die Unfähigkeit, Gesichter wiederzuerkennen. Diese von Gabor und seinem Team erforschte Form der visuellen Agnosie wird von manchen Kollegen nicht als eigenständige Krankheit verstanden, sondern als Begleitsymptom von Autismus. Ziel des Forschungsprojektes ist es, mehr über die Ursachen herauszufinden, die bewirken, dass Patienten ihr Gegenüber nicht mehr erkennen. Dabei hält Gabor eigentlich eine andere Frage für interessanter:

Warum können wir Gesichter überhaupt wiedererkennen? Gesichter, die wir zwanzig oder dreißig, manchmal sogar fünfzig Jahre nicht gesehen haben, aufgedunsene, abgemagerte oder in die Breite getriebene Gesichter, die ihren Charakter verändert haben […]

Medizin studierte Gabor, weil er miterlebt hatte, wie sein Vater von einem Fleischermeister aus dem Amt des Bürgermeisters einer niedersächsischen Kleinstadt verdrängt worden war.

Im Gegensatz zur Ohnmacht des Politikers, zu seiner Gefallsucht und Abhängigkeit von den Launen der Wähler und dem Wohlwollen der Parteigenossen hatte sich Gabor die Tätigkeit eines Arztes als unabhängig und solide vorgestellt.

Die Mutter hatte die Familie wegen eines anderen Mannes verlassen.

Gabor wohnt mit seiner Frau Berit, der 14-jährigen Tochter Nele und dem deutlich jüngeren Sohn Malte in einem Reihenhaus, aber die Familie besitzt außerdem ein Ferienhaus auf Kreta, wo sie auch dieses Mal die Sommerferien verbringt.

Berit, die als einzige Tochter eines Immobilienhändlers an der dänischen Grenze geboren wurde, ist Kunsthistorikerin, brach jedoch ihre Dissertation über romanische Kirchen in Südfrankreich nach vier Jahren frustriert ab. Sie arbeitete dann vorübergehend im Büro einer Galerie und ermittelte für einen Schulbuchverlag die Rechteinhaber von Bildern. Seit kurzem ist sie als Erbenermittlerin tätig.

Am Ende dieses Urlaubs stellt Gabor das Auto auf der Fähre im Hafen von Patras ab und geht noch einmal allein an Land, um Obst zu kaufen. Als er zurückkommt, beobachtet er, wie ein Mann zwischen der Zugmaschine und dem Hänger auf einen Lastwagen springt, der in den Bauch der Fähre rollt. Außer Gabor scheint niemand den Flüchtling bemerkt zu haben. Gabor sucht auf dem Fahrzeugdeck nach dem Lastwagen. Er entdeckt den blinden Passagier und schleudert ihm, ohne lange nachzudenken, die Tüte mit den soeben gekauften Bananen in den LKW.

Erst später fällt ihm ein, dass er beim Bezahlen des Obstes ein Kuvert mit fünf Postkarten in die Einkaufstüte steckte. Im letzten Jahr hatte er Berit in den Wochen nach dem Urlaub nach und nach auf Kreta geschriebene Karten geschickt, um die Erinnerungen an schöne Erlebnisse wachzuhalten. Das wollte er auch diesmal wieder so machen. Aber nun sind die Karten weg.

Den Flüchtling sieht er noch einmal, als er kurz vor dem Einlaufen der Fähre in den Hafen von Ancona den Kabinenschlüssel abgibt und dafür seinen Pass zurückbekommt. Der Steward spricht ihn dabei laut mit seinem Namen an: Mister Lorenz. Ganz in der Nähe halten zwei Offiziere den blinden Passagier fest, der Gabor offenbar wiedererkennt und ihn wütend anblickt. Ein Hämatom unter dem Auge und ein Riss in der Wange lassen vermuten, dass der Mann nicht mit Samthandschuhen angefasst wurde.

Kurz nach seiner Rückkehr eröffnet Gabor seinem Mitarbeiter Yann Rosefeldt, er werde dessen Vertrag nicht verlängern. Sie hatten zusammen in Freiburg studiert und sich dann aus den Augen verloren. Während Gabor zielstrebig in Köln, Zürich und Berlin an seiner Karriere arbeitete, praktizierte Yann auf Lanzarote, Fuerteventura und in Mexico City. Dann rief er seinen früheren Kommilitonen an und bat um einen Job. Gabor vermittelte ihm eine Assistentenstelle in seinem Forschungsteam. Dabei fühlte er sich erfolgreich, einflussreich und großzügig. Aber nun erklärt er Yann:

„Ich habe nie verstanden, warum du bei uns arbeitest. Mir kommt es vor, als vertreibst du dir die Zeit. […] Deine Ambitionslosigkeit ist für uns alle eine Provokation.“

Den Flüchtling hat Gabor fast vergessen – bis er auf Berits Nachttisch eine seiner Karten entdeckt. Sie wurde in Modena abgeschickt.

Die zweite Karte wurde in München, die dritte in Berlin-Charlottenburg abgestempelt.

Als Gabor nach Hause kommt, sieht er durchs Fenster, dass ein Mann bei Berit sitzt. Der Flüchtling! Gabor wählt die Nummer des Festnetztelefons, nutzt das Klingeln, um unbemerkt aufzusperren und reißt dann die Wohnzimmertüre auf. Aber es ist ein Vertreter, der für den Wechsel zu einem preiswerteren Telefonanbieter wirbt.

Nachts wacht Gabor auf und hört verdächtige Geräusche. Wenn er durchs Parkhaus geht, beunruhigen ihn Schritte hinter ihm, und im Auto ist er mitunter überzeugt davon, dass ihm ein anderer Wagen folgt. Während Berit in Hildesheim zu tun hat, klingelt jemand, und als Gabor nicht öffnet, tritt der Fremde gegen die Tür. Gabor knipst das Licht aus, sichert die Terrassentür und beobachtet, wie jemand mit seitlich an den Kopf gelegten Händen versucht, durch eines der Fenster ins Innere des Zimmers zu spähen. Später entdeckt er an der Fahrertür seines Autos eine Delle, die durch einen Tritt entstanden sein könnte.

Unausgeschlafen steht Gabor, der sich für eine Professur beworben hat, vor der Berufungskommission, zu deren Mitgliedern Professor Overkamp zählt, der die Klinik für Neurologie der Charité 15 Jahre lang leitete und jetzt noch einen Beratervertrag hat. Kürzlich meinte Overkamp nach einer Vorlesung Gabors:

„Sie reden über unser Fach, als würde man sich nicht die Hände schmutzig machen. Als käme man unbeschadet aus der Sache raus. Sie geben so ein verflixt sympathisches Vorbild ab. Gut für Sie, denn die Studenten lieben Sie, schlecht für die Studenten, denn das Erwachen wird schmerzhaft sein.“

Gabor befürchtet, dass sich der Flüchtling unters Publikum gemischt haben könnte, und es fällt ihm schwer, sich zu konzentrieren. Während er über die Gesichtserkennung Gesunder referiert, hält er plötzlich eine der auf Kreta geschriebenen Karten in der Hand. Berit hat ein Post-it mit den Worten „Toi, toi, toi!“ aufgeklebt. Am Ende befürchtet Gabor, versagt zu haben und die Professur nicht zu bekommen.

Während der Arbeit erhält Gabor einen Anruf von Nele. Sie sei im Foyer, schluchzt sie, ob er zu ihr kommen könne. Gabor geht los, aber es dauert, bis der Aufzug kommt, und dann wird er auch noch von Professor Overkamp aufgehalten, der sich erkundigt, ob er bei seinem Projekt mit Informatikern zusammenarbeite, die sich mit biometrischen Daten, Gesichtsschleusen und dergleichen auskennen. Als Gabor endlich in die Halle kommt, ist Nele nicht mehr da. Der Pförtner meint, sie sei mit einem etwa 25 bis 30 Jahre alten schwarzhaarigen Mann mitgegangen. Der Flüchtling! Gabor ruft Nele an, erreicht jedoch nur die Mailbox.

Nachdem Gabor und Berit vergeblich herumtelefoniert und nach Nele gesucht haben, alarmieren sie die Polizei. Erst jetzt erfährt Berit, dass die drei Karten möglicherweise von dem Flüchtling abgeschickt wurden, den Gabor auf der Fähre gesehen hatte. Er berichtet von seiner Sorge, dass der Mann sie bedrohen könnte und von dem Irren, der neulich gegen die Tür und vermutlich auch gegen das Auto trat. Daraufhin hält es auch der Polizist für denkbar, dass Nele von dem Flüchtling entführt wurde und stellt nach Gabors Angaben ein elektronisches Phantombild des Verdächtigen zusammen. Warum er auf dem Fahrzeugdeck der Fähre nach dem Flüchtling gesucht habe, fragt Berit. „Ich wollte sein Gesicht sehen“, antwortet Gabor.

Die vierte Karte wurde in einen Briefkasten nahe der Charité geworfen. Die Polizei stellt darauf einen Fingerabdruck sicher, der von Nele stammen könnte. Auf allen Karten sind Fingerabdrücke ohne Hautmuster, also wahrscheinlich von einem Menschen, der seine Fingerkuppen so behandelt hat, dass keine brauchbaren Fingerabdrücke entstehen und er nicht identifiziert werden kann.

Nach einigen Tagen fällt Gabor ein, dass Nele in den Ferien häufig mit einem jungen Griechen zusammen war, den sie ihren Eltern allerdings nicht vorstellte. Am letzten Abend fuhren die beiden mit einem Boot weg, und Nele kam statt um 23 Uhr erst um 1.30 Uhr nach Hause. Dass sie von da an verändert wirkte, führten die Eltern auf den Trennungsschmerz zurück, aber sie konnten ihrer Tochter auch nicht helfen, weil sie nicht bereit war, über den jungen Mann zu sprechen. Ist sie heimlich zu ihm nach Kreta zurückgekehrt? Gabor ruft die Nachbarn auf Kreta an, Maureen und Timothy, ein Ärztepaar aus London-Hampstead im Vorruhestand, das seit fünf Jahren ganzjährig auf der griechischen Insel lebt. Timothy lädt die Lorenz‘ zum Abendessen ein und ist überrascht, als Gabor ihm erklärt, er rufe aus Berlin an. Er habe Nele im Dorf gesehen, sagt er, und deshalb angenommen, sie seien im Ferienhaus.

Gabor fliegt sofort nach Kreta. Timothy holt ihn ab. Wegen der rapide sinkenden Grundstückspreise beabsichtigt er, sein Domizil einem Amerikaner zu verkaufen, der offenbar noch nichts von der aktuellen Situation weiß. Seit kürzlich die Leiche eines Flüchtlings am Strand gefunden wurde, wollen viele Ausländer wegziehen. Sie bezahlen die Reedereien bereits dafür, dass sie die Flüchtlinge weitertransportieren, aber es werden immer mehr.

In einem Laden glaubt Gabor, den Mann vor sich zu haben, den er auf der Fähre sah, aber sicher ist er sich nicht.

Ein deutsch sprechendes Mädchen erkennt Gabor als Neles Vater und erzählt ihm, der griechische Junge, mit dem seine Tochter viel zusammen war, heiße Georgios. Dessen Familie lebt in Athen, und Georgios studiert in Kanada.

Berit ruft an: Nele ist aufgetaucht, und zwar in einem Mädchenheim in Brandenburg.

Gabor eilt nach Berlin zurück. Weil ihn seine Frau nicht am Flughafen abholt, nimmt er ein Taxi. Frau Winkler, die Leiterin der Einrichtung, bei der Nele vor zwölf Tagen Zuflucht suchte, ist da. Das Mädchen habe in englischer Sprache darum gebeten, bleiben zu dürfen und seither kein Wort mehr geredet, sagt Frau Winkler. Sie hielt die Jugendliche zunächst für eine geflohene Zwangsprostituierte aus Polen. Erst nach einiger Zeit stieß sie auf die Vermisstenmeldung der Berliner Polizei und die Personenbeschreibung. Nele wolle mit niemandem reden, erklärt Frau Winkler, auch nicht mit den Eltern. Sie habe den Eindruck, die 14-Jährige sei vergewaltigt worden. In dem meisten Missbrauchfällen, fährt sie fort, sei der Täter unter den nahen Verwandten zu finden. Gabor begreift, dass er verdächtigt wird, seiner Tochter etwas angetan zu haben. Berit sagt ihm, Malte habe ihr erzählt, er sei einmal aufgewacht, weil Nele gestrampelt und geschrien habe, um sich des Vaters zu erwehren. Gabor erinnert sich: Während Berit in Hildesheim arbeitete, machte er mit den Kindern einen Wochenendausflug. Am Abend im Hotel waren die Kinder müde, und Nele schlief ein, ohne sich die schmutzigen Stiefel ausgezogen zu haben. Nachdem er sie eine Weile betrachtet hatte, wollte er versuchen, ihr die Stiefel vorsichtig von den Füßen zu ziehen, ohne sie zu wecken, aber sie schreckte hoch, schrie und trat nach ihm. Dadurch wachte auch Malte auf. Gabor versucht erst gar nicht, den Frauen zu berichten, was wirklich geschah. Frau Winkler klärt ihn und Berit darüber auf, dass Nele höchstens drei Wochen in ihrer Einrichtung bleiben könne. Dann werde die Heimleitung sie entweder zu den Eltern zurückbringen oder das Jugendamt verständigen.

Weil Berit ihm zutraut, seine Tochter missbraucht zu haben, zieht Gabor in ein Hotel nahe der Charité.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Yann, der vorhat, nach Armenien zu ziehen, meint am letzten Arbeitstag, er könne sich nicht vorstellen, dass Gabor seiner Tochter etwas angetan habe. Er kommt darauf zu sprechen, wie er als junger Mediziner fristlos entlassen wurde, weil seine Freundin Kyra minderjährig war. Offenbar weiß er bis heute nicht, dass Gabor damals dem zuständigen Professor aus Eifersucht auf Yanns Liebesverhältnis aufmerksam gemacht hatte. Zum Abschied gratuliert Yann seinem früheren Kommilitonen zur Professur.

Berit ruft an und entschuldigt sich wegen der falschen Verdächtigung. Sie hat inzwischen mit Nele telefoniert. Die Tochter wird nach Hause kommen. Sie gestand ihrer Mutter, während des Urlaubs mit Georgios zu einem abgelegenen Strand gefahren zu sein. Während sie dort miteinander schliefen, hatte Nele den Eindruck, dass jemand in der Nähe sei. Sie stand schließlich auf, nahm eine Fackel und ging zu dem vermeintlichen Spanner. Aber sie blickte in das Gesicht eines toten Flüchtlings und lief schreiend davon.

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Der Roman „Gesichter“ von Andreas Schäfer (* 1968) beginnt wie eine Familiengeschichte, scheint dann zum Thriller zu werden und erweist sich am Ende als psychologische Studie über die Verunsicherung und Identitätskrise eines Mannes. Der fühlt sich bedroht, muss befürchten, dass seine Tochter entführt wurde und gerät in Verdacht, sie selbst missbraucht zu haben. Es geht also nicht nur um die Frage, wie der Protagonist die Umwelt wahrnimmt, sondern auch darum, wie er selbst wahrgenommen wird, um die Übereinstimmung bzw. das Auseinanderdriften von Abbild und Wirklichkeit. Zur Identifikation dienen nicht zuletzt Fingerabdrücke und Gesichter, letztere auch in Form von Phantomzeichnungen der Polizei. Bemerkenswerterweise wählt Andreas Schäfer als Hauptfigur einen Neurologen, der sich auf Prosopagnosie spezialisiert hat, auf die Unfähigkeit, andere an ihren Gesichtern wiederzuerkennen.

Das persönliche Drama dieses Protagonisten entwickelt sich vor dem Hintergrund einer gesellschaftlichen Problematik: dem der Migration.

Andreas Schäfer zieht die Spannungsschraube in „Gesichter“ immer stärker an. Die davon ausgehende Sogwirkung täuscht zunächst über die Komplexität des Romans hinweg, über die Tiefenschärfe, mit der die Psyche des Protagonisten ausgeleuchtet wird. Um die psychologische Entwicklung nachvollziehbar zu machen, fügt Andreas Schäfer auf ebenso unaufdringliche wie virtuose Weise Erinnerungen bzw. Rückblenden in das Geschehen ein. Vieles deutet er aber nur an, sodass der Leser herausgefordert wird, das Bild zu vervollständigen.

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2013
Textauszüge: © DuMont Buchverlag

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