Arthur Schnitzler : Traumnovelle

Traumnovelle
Erstveröffentlichung: Die Dame, 1925/26 Traumnovelle Erstausgabe: S. Fischer Verlag, Berlin 1926Süddeutsche Zeitung / Bibliothek,Band 12, München 2004
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Verstört durch die Entdeckung, dass auch seine Ehefrau nicht frei von unterdrückten Sehnsüchten ist und ihre Beziehung durchaus von Dritten gefährdet werden könnte, verlässt ein Wiener Arzt sein Haus und eilt zu einem Patienten. Unversehens gerät er in eine aggressive Stimmung gegen seine Frau, die auch eine erotische Komponente hat ...
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Kritik

Obwohl Arthur Schnitzler eher sachlich und distanziert schreibt, veranschaulicht er sehr genau sowohl die Motive als auch die psychologische Entwicklung des Protagonisten, und es gelingt ihm zugleich, der "Traumnovelle" eine geheimnisvolle, teilweise surreale Atmosphäre zu geben.
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Wien zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der fünfunddreißigjährige Arzt Fridolin führt mit seiner Ehefrau Albertine, die bei der Verlobung noch keine siebzehn war, eine glückliche Ehe. Nachdem sie ihre sechsjährige Tochter zu Bett gebracht haben, unterhalten sie sich über die Redoute am Abend zuvor. Fridolin war von zwei roten Dominos begrüßt worden, und Albertine erzählt von einem melancholisch-blasierten Unbekannten mit polnischem Akzent, der ihr zunächst sympathisch gewesen sei, sie dann aber durch eine garstige Bemerkung erschreckt habe.

Harmlose und doch lauernde Fragen, verschmitzte, doppeldeutige Antworten wechselten hin und her; keinem von beiden entging, dass der andere es an der letzten Aufrichtigkeit fehlen ließ, und so fühlten sich beide zu gelinder Rache aufgelegt. Sie übertrieben das Maß der Anziehung, das von ihren unbekannten Redoutenpartnern auf sie ausgestrahlt hätte, spotteten der eifersüchtigen Regungen, die der andere merken ließ, und leugneten ihre eigenen weg. Doch aus dem leichten Geplauder über die nichtigen Abenteuer der verflossenen Nacht gerieten sie in ein ernsteres Gespräch über jene verborgenen, kaum geahnten Wünsche, die auch in die klarste und reinste Seele trübe und gefährliche Wirbel zu reißen vermögen […] sie wussten, dass gestern nicht zum erstenmal ein Hauch von Abenteuer, Freiheit und Gefahr sie angerührt […]

Albertine erinnert Fridolin an die letzten Sommerferien an einem Strand in Dänemark. Im Hotel sei ihr ein junger Marineoffizier aufgefallen. Ein Wort von ihm hätte genügt, und sie wäre ihrem Mann untreu geworden. Beim Abendessen erhielt er ein Telegramm, erbleichte, stand auf – und am anderen Tag sah sie ihn nicht mehr: Er war offenbar abgereist. Fridolin gesteht ihr, er habe während der Ferien auch ein erotisches Erlebnis gehabt. Am frühen Morgen, bevor Albertine erwachte, pflegte er am Strand spazieren zu gehen. Einmal begegnete er vor einer Badehütte einem unbekleideten, vielleicht fünfzehn Jahre alten Mädchen. Sie blickten sich an, dann ging er rasch weiter.

Fridolin wird zu einem seiner Patienten gerufen, der einen Herzanfall hat. Als er dort eintrifft, ist der Hofrat bereits verschieden. Am Totenbett trifft er auf Marianne, die sechsundzwanzigjährige Tochter des Verstorbenen. Überwältigt von ihren Gefühlen, redet sie unaufhörlich, aber Fridolin versteht, dass bereits nach Verwandten geschickt wurde und Marianne auch ihren Verlobten, den Geschichtsdozent Dr. Roediger, erwartet.

Sie hörte kaum, was er sagte. Ihre Augen wurden feucht, große Tränen liefen ihr über die Wangen herab und wieder verbarg sie ihr Gesicht in den Händen. Unwillkürlich legte er seine Hand auf ihren Scheitel und strich ihr über die Stirn. Er fühlte, wie ihr Körper zu zittern begann, sie schluchzte in sich hinein, kaum hörbar zuerst, allmählich lauter, endlich ganz ungehemmt. Mit einem Mal war sie vom Sessel herabgeglitten, lag Fridolin zu Füßen, umschlang seine Knie mit den Armen und presste ihr Antlitz daran. Dann sah sie zu ihm auf mit weit offenen, schmerzlich-wilden Augen und flüsterte heiß: „ich will nicht fort von hier. Auch wenn Sie niemals wiederkommen, wenn ich Sie niemals mehr sehen soll; ich will in Ihrer Nähe leben.“

Fridolin versucht, sie zu beruhigen und diagnostiziert Mariannes Verhalten nüchtern als Arzt („natürlich ist auch Hysterie dabei“).

Er zog Marianne fester an sich, doch verspürte er nicht die geringste Erregung; eher flößte ihm der Anblick des glanzlos trockenen Haares, der süßlich-fade Geruch ihres ungelüfteten Kleides einen leichten Widerwillen ein.

Erleichtert verabschiedet er sich, sobald Dr. Roediger und Verwandte eintreffen. Er verspürt eine seltsame Unlust, nach Hause zu gehen. In einer dunklen Gasse wird er von einer siebzehnjährigen Prostituierten angesprochen, und eh er sich versieht, folgt er ihr ins Haus. Seit seiner Gymnasiastenzeit war er nicht mehr bei einer Hure. Er findet Mizzi reizend, möchte aber nur eine Weile ihre Stimme hören. Die Geldscheine, die er ihr anbietet, nimmt sie nicht. Wieder auf der Straße, merkt er sich das Haus und nimmt sich vor, am nächsten Tag Wein und Süßigkeiten vorbeizuschicken.

In einem Café trifft er einen früheren Kommilitonen. Nachtigall hatte nach der zweiten, mit siebenjähriger Verspätung abgelegten Vorprüfung in Zoologie sein Medizinstudium aufgegeben. Nebenher hatte er am Konservatorium studiert, war aber auch auf diesem Gebiet nicht eifrig und ernsthaft genug gewesen und hatte mehr zu seinem Vergnügen Klavier gespielt. Jetzt erfährt Fridolin, dass Nachtigall sich als Pianist in polnischen, rumänischen, serbischen und bulgarischen Städten durchgeschlagen hat. In Lemberg wartet eine Frau mit vier Kindern auf ihn. Nachdem er bis vor ein paar Minuten in einem Kellerlokal gespielt hatte, wartet er jetzt darauf, dass er abgeholt und zu einem geheimen Treffen gebracht wird. Er spielte schon zweimal bei solchen Anlässen, und obwohl man ihm die Augen mit einem schwarzen Seidentuch verbunden hatte, konnte er heimlich etwas sehen. „Nackte Frauenzimmer“, rät Fridolin, und Nachtigall bestätigt: „Solche Weiber hast du nie gesehen.“ Weil die Teilnehmer maskiert sind, klingelt Fridolin den Maskenverleiher Gibiser heraus – es ist 1 Uhr nachts! – und verlangt nach einer schwarzen Larve und einer dunklen Mönchskutte. In der Kleiderkammer überraschen sie zwei Femerichter in roten Talaren mit einer Pierrette. Gibiser droht dem Mädchen, das offenbar seine Tochter ist, mit einer strengen Strafe und den beiden Männern mit der Polizei, erfüllt aber zuerst einmal die Wünsche seines Kunden.

Der folgt schließlich mit einer Kutsche dem Fahrzeug, mit dem sein früheren Kommilitone abgeholt wird. Sie fahren zu einer abgelegenen Villa. Am Eingang nennt Fridolin die Parole, die ihm Nachtigall verriet: „Dänemark“. Unvermittelt hört er eine weibliche Stimme hinter sich:

„Wenden Sie sich nicht nach mir um. Noch ist es Zeit, dass Sie sich entfernen. Sie gehören nicht hierher. Wenn man es entdeckte, erginge es Ihnen schlimm.“

Fridolin erschrickt zwar, aber die Neugier und der Stolz auf seinen Wagemut sind stärker: Er bleibt. Der Raum füllt sich mit Nonnen und Mönchen. Nachtigall beginnt zu spielen. Die Nonnen verschwinden. Dann tauchen sie an einer hell erleuchteten Stelle wieder auf, mit schwarzen Spitzenlarven vor dem Gesicht und dunklen, bis zum Nacken reichenden Schleiern über dem Haar. Ihre nackten Körper sind ausnahmslos wohlproportioniert. Tanzpaare finden sich. Dann löst eine der Schönen sich von ihrem Partner und nähert sich Fridolin. An der Stimme erkennt er, dass es sich um die Frau von vorhin handelt. Sie warnt ihn erneut, es sei fast schon zu spät für seine Flucht. Fridolin will jedoch die Frau, von der er bisher nur den wunderbaren Körper gesehen hat, nicht aufgeben und weigert sich, den Saal zu verlassen. Einer der Kavaliere, der vornehmste von allen, fordert die Unbekannte zum Tanz auf. Ein anderer verlangt flüsternd die Parole. „Dänemark“, erwidert Fridolin. „Ganz recht, mein Herr, dies ist die Parole des Eingangs. Die Parole des Hauses, wenn ich bitten darf.“ Die kennt der Eindringling nicht. Das Klavierspiel bricht ab. Die Kavaliere umringen ihn drohend. Als die Türen geschlossen sind, wird Fridolin aufgefordert, seine Maske abzunehmen. Er weigert sich. Da ruft die Unbekannte, die Fridolin gewarnt hatte: „Lasst ihn, ich bin bereit, ihn auszulösen.“ Und auf die Frage, ob sie wisse, was sie damit auf sich nehme, antwortet sie mit einem klaren „Ja“. Fridolin möchte nicht, dass eine Frau für ihn bestraft wird, aber sie drängt ihn, das Haus zu verlassen, denn ihr könne er ohnehin nicht mehr helfen.

Um 4 Uhr früh kommt Fridolin in sein Schlafzimmer und erklärt Albertine, er sei noch einige Zeit bei den Angehörigen des verstorbenen Hofrats geblieben.

Albertine erzählt ihm von einem Traum, den sie gerade hatte. Sie flog mit ihm am Hochzeitstag über den Wörthersee. Dann lagen sie nackt auf einer Wiese in der Sonne, und die Kleider waren fort. Während Fridolin unterwegs war, um etwas zum Anziehen zu besorgen, legte sich der dänische Marinesoldat zu Albertine ins Gras. Fridolin wurde von Soldaten aufgegriffen, gefesselt, ausgepeitscht, nackt und blutend vor die von ihrem langen Haar kaum verhüllte Fürstin des Landes geführt, bei der es sich um das dänische Mädchen handelte, das er unbekleidet am Strand gesehen hatte. Sie versprach dem zum Tod Verurteilten die Begnadigung, falls er bereit sei, ihr Gatte zu werden. Fridolin lehnte ab und wurde daraufhin zu dem inzwischen errichteten Kreuz hinausgeführt.

Ich aber fand dein Gebaren über alle Maßen töricht und sinnlos, und es lockte mich, dich zu verhöhnen, dir ins Gesicht zu lachen, – und gerade darum, weil du aus Treue zu mir die Hand einer Fürstin ausgeschlagen, Foltern erduldet und nun hier heraufgewankt kamst, um einen furchtbaren Tod zu erleiden.

Am Morgen versorgt Fridolin einen Kranken. Dann geht er zu dem Kellerlokal, in dem Nachtigall am Abend zuvor Klavier gespielt hatte. Die Kassiererin nennt ihm den Gasthof, in dem sein früherer Kommilitone abgestiegen war. Dort berichtet der Portier, der Gast sei um 5 Uhr früh in Begleitung von zwei Herren erschienen, die seine Rechnung für die letzten vier Wochen bezahlten, während er seinen Koffer packen sollte. Als er nach einer halben Stunde noch immer nicht zurückkam, holten sie ihn aus seinem Zimmer – er machte einen recht aufgeregten Eindruck – und fuhren mit ihm fort.

Fridolin bringt das zusammengerollte Paket mit der Maskerade zurück. Gibiser solle seine Tochter nicht unnötig streng behandeln, meint er. Da geht die Tür auf, und einer der beiden jungen Männer, die als Femerichter verkleidet waren, kommt heraus. Offenbar hat er die Nacht mit dem Mädchen verbracht. Man habe sich „auf anderem Weg geeinigt“, erklärt Gibiser dem erstaunten Kunden, und der begreift, dass der Kostümverleiher seine unmündige Tochter an Freier verschachert.

Fridolin muss seinen Dienst im Krankenhaus antreten.

Das junge Mädchen mit dem verdächtigen Spitzenkatarrh dort im letzten Bett lächelte ihm zu. Es war dieselbe, die neulich bei Gelegenheit einer Untersuchung ihre Brüste so zutraulich an seine Wange gepresst hatte. Fridolin erwiderte ihren Blick ungnädig und wandte sich stirnrunzelnd ab. Eine wie die andere, dachte er mit Bitterkeit, und Albertine ist wie sie alle – sie ist die Schlimmste von allen. Ich werde mich von ihr trennen. Es kann nie wieder gut werden.

Sobald wie möglich bittet er einen Kollegen, für ihn einzuspringen und fährt zu der Villa, in der die Orgie stattfand. Unschlüssig schaut er durchs Tor. Ein alter Diener kommt bedächtig auf ihn zu und überreicht ihm einen Brief.

„Geben Sie Ihre Nachforschungen auf, die völlig nutzlos sind, und betrachten Sie diese Worte als zweite Warnung. Wir hoffen in Ihrem Interesse, dass keine weitere nötig sein wird.“

Fridolin will Marianne aufsuchen. Im Hausflur kommt ihm Dr. Roediger entgegen. Seine Verlobte werde sich über den Besuch des Hausarztes freuen, meint er, und entschuldigt sich, weil er Besorgungen zu erledigen habe. Marianne öffnet ihm, aber Fridolin fallen nur höfliche Floskeln ein. Als er sich nach einer Weile von ihr verabschiedet, nimmt sie es kaum zur Kenntnis und bleibt wie versteinert sitzen.

Danach fällt Fridolin ein, dass er der jungen Prostituierten ein Geschenk schicken wollte. Er kauft etwas und geht mit dem Päckchen zu dem Haus. Ein anderes „nicht unhübsches Frauenzimmer“ sagt ihm, dass Mizzi krank ins Spital gebracht worden sei.

In einem Café, in dem er eine Kleinigkeit essen möchte, fällt Fridolin ein unauffällig gekleideter Herr auf, der ihn zu beobachten scheint und den er auch während des Tages schon gesehen hat. In einer Zeitung liest er eine Nachricht über eine Dame, die vor wenigen Tagen unter dem Namen Baronin Dubieski in einem vornehmen Hotel in Wien abgestiegen war, an diesem Morgen gegen 4 Uhr in Begleitung von zwei Herren zurückkam und mittags mit Vergiftungssymptomen in ein Krankenhaus eingeliefert werden musste. Fridolin erschrickt: Um 4 Uhr kam er ebenfalls nach Hause. Handelt es sich um die Unbekannte, die ihn ausgelöst hatte? Und waren es dieselben Herren, die eine Stunde später mit Nachtigall im Gasthof auftauchten?

Er findet heraus, dass die Fremde im Hotel „Erzherzog Karl“ gewohnt hatte und ins Allgemeine Krankenhaus gebracht worden war. Dort erfährt er, dass die Patientin inzwischen gestorben ist. Ungeachtet der späten Stunde geht Fridolin zum pathologisch-anatomischen Institut. Dort führt ihn ein früherer Kollege in die Totenkammer. Nur eine der Leichen, die auf den Tischen liegen, kommt in Frage, aber auch da ist Fridolin nicht sicher, ob es sich um die Unbekannte aus der Villa handelt, denn deren Gesicht kennt er nicht und es ist nicht zu übersehen, dass die Brüste der vor ihm liegenden Toten schon etwas schlaff waren – was auch an der ungünstigen Beleuchtung liegen kann.

[…] ob die Frau, die nun da drin in der Totenkammer lag, dieselbe war, die er vor vierundzwanzig Stunden zu den wilden Klängen von Nachtigalls Klavierspiel nackt in den Armen gehalten oder ob diese Tote irgendeine andere, eine Unbekannte, eine ganz Fremde war, der er niemals vorher begegnet; er wusste: auch wenn das Weib noch am Leben war, das er gesucht, das er verlangt, das er eine Stunde lang vielleicht geliebt hatte, und, wie immer sie dieses Leben weiter lebte; – was da hinter ihm lag in der gewölbten Halle, im Scheine von flackernden Gasflammen, ein Schatten unter anderen Schatten, dunkel, sinn- und geheimnislos wie sie –, ihm bedeutete es, ihm konnte es nichts anderes mehr bedeuten als, zu unwiderruflicher Verwesung bestimmt, den bleichen Leichnam der vergangenen Nacht.

Als er zu Hause im Schlafzimmer den gleichmäßig-ruhigen Atem seiner Frau hört, nimmt er sich vor, ihr alles zu erzählen und sie von der Nichtigkeit seiner Abenteuer zu überzeugen. Sein Blick fällt auf die Larve, die auf seinem Kopfkissen liegt. Sie muss aus der zusammengerollten Mönchskutte herausgefallen sein. Schluchzend geht Fridolin vor dem Bett auf die Knie. Dann fühlt er, wie ihm Albertine zärtlich übers Haar streicht. Vorbehaltslos beginnt er zu erzählen. Es dämmert bereits, als er zum Ende kommt und sie verstört fragt, was sie jetzt tun sollen. Albertine antwortet:

„Dem Schicksal dankbar sein, glaube ich, dass wir aus allen Abenteuern heil davongekommen sind – aus den wirklichen und aus den geträumten.“

Dann fügt sie hinzu:

„Nun sind wir wohl erwacht, für lange.“

Still liegen sie nebeneinander, bis die Hausangestellte um 7 Uhr an die Tür klopft und ein neuer Tag beginnt.

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Ein Ehepaar entdeckt, dass keiner der beiden Partner frei ist von unterdrückten Sehnsüchten und ihre Beziehung durchaus von Dritten gefährdet werden könnte. Verstört durch die eigene Sexualität und mehr noch durch die Angst, die Kontrolle über die Treue seiner Frau Albertine zu verlieren, gerät Fridolin in eine aggressive Stimmung gegen sie, die auch eine erotische Komponente hat. Die hysterische Verliebtheit der Tochter eines Patienten weist er zurück; einer jungen Prostituierten folgt er zwar ins Haus, beschränkt sich dann aber auf ein Gespräch mit ihr. Erst als ihn seine Neugierde und Abenteuerlust zu einer Orgie führen und er dort eine Frau sieht, die ihr Gesicht hinter einer Larve verbirgt, aber ihren wunderbaren Körper unverhüllt zeigt, ist er bereit, Albertine zu betrügen. Doch bevor es dazu kommen könnte, wird er als Eindringling entlarvt und vertrieben. Schließlich beichtet er alles seiner Frau und begreift, dass er auch in der Fremden nur Albertine gesucht hat.

„In jedem Wesen – glaub‘ es mir, wenn es auch wohlfeil klingen mag, – in jedem Wesen, das ich zu lieben meinte, habe ich immer nur dich gesucht. Das weiß ich besser, als du es verstehen kannst, Albertine.“

Statt mit dem Bruch der ehelichen Beziehung zu enden, bewirkt die Gefährdung eine Katharsis. Aus der Ehekrise gehen Fridolin und Albertine beide mit einem größeren Verständnis füreinander hervor.

Die „Traumnovelle“ bewegt sich zwischen Bewusstem und Unbewusstem, zwischen Traum, Fantasie und Wirklichkeit. Unverkennbar griff Arthur Schnitzler in dieser an mehrdeutigen Bildern reichen Erzählung auf, was er von Sigmund Freud über den Traum und das Unbewusste erfahren hatte. Obwohl Arthur Schnitzler eher sachlich und distanziert schreibt, veranschaulicht er sehr genau sowohl die Motive als auch die psychologische Entwicklung des Protagonisten, und es gelingt ihm zugleich, der „Traumnovelle“ eine geheimnisvolle, teilweise surreale Atmosphäre zu geben.

Die „Traumnovelle“ von Arthur Schnitzler gibt es auch als Hörbuch:

  • gelesen von Peter Eschberg, 3 CDs, Patmos Verlag 2002
  • gelesen von Susi Mueller, 3 CDs, Edition SusiTheVoice 2005

Unter dem Titel „Eyes Wide Shut“ hat Stanley Kubrick die „Traumnovelle“ verfilmt.

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004
Textauszüge: © S. Fischer Verlag

Stanley Kubrick: Eyes Wide Shut

Arthur Schnitzler (Kurzbiografie)

Arthur Schnitzler: Die Toten schweigen
Arthur Schnitzler: Reigen. Zehn Dialoge
Arthur Schnitzler: Leutnant Gustl
Arthur Schnitzler: Fräulein Else
Arthur Schnitzler: Spiel im Morgengrauen

Reinhard Kaiser-Mühlecker - Fremde Seele, dunkler Wald
Die lakonische Sprache, die wirkt, als sei sie aus der Zeit gefallen, passt zu den Figuren. Dass sie Halt und Orientierung verloren haben, spiegelt Reinhard Kaiser-Mühlecker, indem er vieles in "Fremde Seele, dunkler Wald" unklar lässt.
Fremde Seele, dunkler Wald

Reinhard Kaiser-Mühlecker

Fremde Seele, dunkler Wald

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