Wolfgang Schömel : Die große Verschwendung

Die große Verschwendung
Die große Verschwendung Originalausgabe: Klett-Cotta, Stuttgart 2011 ISBN: 978-3-608-93903-3, 239 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Bremer Senator Georg Glabrecht versucht, ein größenwahnsinniges Bauprojekt zu realisieren und lässt sich dabei mit einem zwielichtigen Konzern ein, dessen Führungskräfte die Politiker über den Tisch ziehen. Zur gleichen Zeit verrennt sich der 50-Jährige, dessen Ehe gescheitert ist, auf der Suche nach Liebesglück in eine chancenlose Beziehung. Er schwankt zwischen Hoffnung und Bangen, Zukunftsplänen und Depression ...
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Kritik

"Die große Verschwendung" ist teils Liebes-, teils Wirtschaftsroman. Wolfgang Schömel erzählt die tragikomische Geschichte konventionell aus der Perspektive des Protagonisten und bewegt sich am Rand einer Satire.
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Dr. Georg Glabrecht, der grüne Wirtschaftssenator von Bremen, stammt aus dem Rheingau. Als er zehn Jahre alt gewesen war, hatte sein Vater die Familie verlassen und war nach Köln gezogen. Georgs Mutter schimpfte auch danach noch, ihr Mann habe sie fortwährend zum Oralverkehr gezwungen. Erst nach dem Tod der Mutter nahm Georg wieder Kontakt mit seinem Vater auf. Vor sechs Jahren erfüllte er einen Wunsch des inzwischen Todkranken und reiste mit ihm nach Italien, wo sie unter anderem die Abtei Montecassino besichtigten. Drei Monate später starb Georgs Vater.

Vor achtzehn Jahren, mit zweiunddreißig, war Georg Glabrecht seiner jetzigen Ehefrau Marianne begegnet. Er hatte damals gerade seine Dissertation über die Außenhandelspolitik der EU und ihre Folgen für die Märkte in den Entwicklungsländern veröffentlicht, war als Lehrbeauftragter an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main tätig und schrieb als freier Mitarbeiter für die Frankfurter Rundschau. Marianne, die vier Jahre jünger ist als er und aus einer Lehrerfamilie in Wiesbaden stammt, hatte Psychologie und Journalistik studiert. Sie befragte ihn für einen Zeitungsartikel. Glabrecht, der zwei Jahre zuvor von seiner Geliebten Theresa Solling verlassen worden war, begann ein Liebesverhältnis mit ihr. Schließlich heirateten sie. Vor sieben Jahren riefen ihn die Grünen nach Bremen, und er kündigte seine Stelle bei der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit in Eschborn. Seit seine Partei mit der SPD zusammen den Stadtstaat regiert, amtiert Glabrecht als Senator. Marianne verfasst Kolumnen für das Hamburger Frauenjournal „Laura“ sowie Features für Radio Bremen und den NDR. Die Ehe ist allenfalls noch eine Zweckgemeinschaft; sie haben sich auseinandergelebt.

Glabrecht leidet unter Schlafstörungen und einem Tinnitus. Um der beruflichen Belastung standzuhalten, putscht er sich mit Koffeintabletten auf. Andererseits trinkt er viel Alkohol [Alkoholkrankheit], um sich zu betäuben und schluckt vor dem Schlafengehen prophylaktisch Tabletten gegen Kopfschmerzen. Offenbar befindet er sich in einer Midlife Crisis.

Aktuell beschäftigt ihn der Plan, auf dem zugeschütteten Hafenbecken das größte Meeresaquarium Europas („Sea World“) und eine „Maritime Oper“ zu bauen. Bremen soll ein „touristischer Leuchtturm“ werden und mit den anderen europäischen „Kreativmetropolen“ konkurrieren können. Die Gegner des Projekts kritisieren vor allem die exorbitanten Kosten und weisen darauf hin, dass Bremen aus Geldnot Schwimmbäder schließen müsse. Die Mittel solle man besser in die Renovierung von Schulen und den Bau von Kindertagesstätten investieren. Bürgermeister Reinhard Alte und Senator Georg Glabrecht halten den Kritikern entgegen, dass man die Missstände durch eine Steigerung der Attraktivität der Stadt dauerhaft beseitigen könne. Bremen will sich deshalb auch zusammen mit Hamburg für die Austragung der Olympischen Spiele bewerben. Um der Hansestadt das Image von Toleranz und Weltoffenheit zu geben, übernimmt der Bürgermeister zum Entsetzen der oppositionellen CDU sogar die Schirmherrschaft über Fetischfeste und Pervers-Partys.

Im August 2007 verhandelt Glabrecht in Oslo mit Vertretern der „Nordic Urban Development“, einer Tochtergesellschaft des Konzerns „e-bets“, der den größten Teil seiner Gewinne mit Wetten im Internet erzielt. Der Hauptsitz des auf Antigua gegründeten Unternehmens befindet sich seit letztem Jahr in einem Bürohochhaus in Gibraltar. Der Chairman von „e-bets“ heißt John Crawfield. Er ist zugleich Geschäftsführer der „Nordic Urban Development“, die Bremen angeboten hat, in den Bau der Maritimen Oper zu investieren.

Während der Verhandlungen blickt Glabrecht immer wieder Adriana Fallhorn an, die einunddreißigjährige Assistentin der Geschäftsleitung. Auch nach seiner Rückkehr geht sie ihm nicht aus dem Sinn. Dummerweise fragte er sie nicht nach ihrer Telefonnummer. Aber nach ein paar Tagen erhält er eine kurze persönliche E-Mail von ihr. Es ist der Anfang eines regen Mailverkehrs.

In der Erwartung einer großzügigen Spende des achtzigjährigen Bremer Kaffeefürsten Hinnerk Vollmer veranstaltet der Senat ein Fund-Raising-Dinner. Der Milliardär erscheint mit seiner zehn Jahre jüngeren Ehefrau Irmgard, die hinter vorgehaltener Hand „die mit dem Jodeldiplom“ genannt wird, weil sie einen Handel mit chinesischer Kleinplastik betreibt. Sylvia, das einzige Kind, begleitet das Ehepaar. Sie ist Ende vierzig und mit einem Fürsten von Sayn-Wittgenstein verheiratet, der sein Geld als Immobilienmakler verdient. Die Ehe soll nur noch auf dem Papier bestehen. Um den hoffentlich spendablen Greis in Stimmung zu bringen, setzt der Bürgermeister seine Büroleiterin neben ihn, denn die gut aussehende Enddreißigerin verfügt über „bemerkenswert große Titten“. Damit auch etwas Kultur dabei ist, wurde Günter Grass eingeladen. Reinhard Alte lockte den Nobelpreisträger mit einer im Fernsehen übertragenen Autorenlesung im Festsaal des Ratshauses nach Bremen, aber in Wirklichkeit ist das Dinner der Hauptauftritt.

Er lieferte die Aura der Weltkultur ab, die der Senat, neben den Titten, für den alten Vollmer brauchte.

Tatsächlich spendet das Ehepaar Vollmer 10 Millionen Euro für die Maritime Oper und kündigt außerdem die Gründung einer mit 5 Millionen ausgestatteten Stiftung an.

Es dauert nicht lang, bis der „Spiegel“ herausfindet, dass die Kostenpläne für die Maritime Oper schöngerechnet wurden und die „Nordic Urban Development“ zwar 80 Millionen investieren will, dafür jedoch ein Grundstück im Wert von 100 Millionen erwirbt. Außerdem ist vorgesehen, dass „e-bets“ auf der künstlichen Insel eine unbeschränkte Glückspiellizenz erhält. Das ist Wasser auf die Mühlen der Kritiker des ehrgeizigen Projekts. Glabrecht hat alle Hände voll zu tun.

Mitte Oktober bittet ihn Dr. Mavenkurt, der Justitiar der „Nordic Urban Development“, um ein Gespräch. Sie verabreden sich in einem Restaurant in Bremen. Mavenkurt überbringt Glabrecht die Nachricht, der CEO John Crawfield sei an ihm als Berater interessiert und biete ihm einen Sitz im Stiftungsrat der gemeinnützigen „Stiftung für globales Handeln“ in Liechtenstein an. Um weitere Einzelheiten zu besprechen, lädt Mavenkurt den Senator nach Davos ein und stellt ihm in Aussicht, dass auch Adriana Fallhorn da sein wird.

Ein paar Tage vor dem Wiedersehen hängt Adriana drei Nacktfotos von sich an eine E-Mail. Dennoch fällt die erste Umarmung in Davos etwas ungelenk aus. Zwei Nächte verbringen sie miteinander im Hotelzimmer.

Adrianas Großeltern waren 1936 von Bremen nach Argentinien ausgewandert. Ihr Vater, ein Professor für deutsche Literatur an der Universidad de Buenos Aires, erlag einem Herzinfarkt, als sie dreizehn Jahre alt war. Sie verbrachte ihre Jugend in Zürich, studierte in Lüneburg Betriebswirtschaftslehre und absolvierte anschließend eine Zusatzausbildung in Kulturmanagement. Dann machte sie mehrere Praktika und arbeitete als Fremdenführerin in Oslo, bevor sie bei der „Nordic Urban Development“ angestellt wurde. Ihre Mutter ist Norwegerin, lebt aber seit längerer Zeit in Wien. Bevor Adriana nach Oslo zurückfliegt, gesteht sie Glabrecht, dass sie John Crawfields Geliebte war. Der Gedanke schmerzt den Senator.

Im Januar 2008 werden die Verträge mit der „Nordic Urban Development“ unterzeichnet. Einen Monat später übernimmt Glabrecht einen Sitz im Rat der „Stiftung für globales Handeln“ in Liechtenstein.

Hinnerk Vollmer stirbt im März. Gerade noch rechtzeitig wurde er zum Professor h. c. ernannt; die Ehrenbürgerschaft verleiht Bremen ihm postum.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Zweimal trifft Glabrecht sich heimlich mit Adriana in Hamburg. Der Argwohn, sie könne noch immer mit Crawfield schlafen, quält ihn. Sie versucht, ihm das auszureden und warnt ihn, alles kaputt zu machen. Im Mai besucht er sie in Oslo.

In der Nacht nach seiner Rückkehr stirbt sein vierundsiebzigjähriger Schwiegervater Klaus in Wiesbaden an einem Schlaganfall. Marianne fährt mit dem nächsten Zug zu ihrer Mutter Gerda. Glabrecht nimmt an der Trauerfeier teil, muss danach jedoch sofort wieder nach Bremen zurück, denn die Kosten für die Maritime Oper laufen aus dem Ruder.

Marianne verlässt ihn. Sie zieht zu ihren Freunden Fred und Annie.

Beide waren sie […] aus ökologischen Gründen konsequent rebellische Wenigarbeiter und Konsumverweigerer.

Zur Grundsteinlegung der Maritimen Oper durch Bundespräsident Horst Köhler reisen auch John Crawfield und seine Assistentin nach Bremen. Adriana schläft zwei Nächte mit Glabrecht in dessen Haus. Von Dr. Mavenkurt erfährt der Senator, dass Crawfield sich vor einigen Wochen von seiner Frau trennte und Adriana seine Geliebte ist.

Frustriert und verärgert schläft Glabrecht mit seiner fünfunddreißigjährigen polnischen Haushälterin Alicija, aber mitten in der Nacht schickt er sie fort, und am nächsten Tag kündigt sie beleidigt die Stelle.

Adriana schreibt ihm, inzwischen sei ihr klar geworden, dass sie zu John gehöre.

Bei der Bürgerschaftswahl Anfang September verlieren die SPD und die Grünen ihre Mehrheit. Eine CDU-FDP-Koalition übernimmt die Regierung. Weil der Zuschuss, den Bremen für die Maritime Oper bezahlen müsste, inzwischen doppelt so hoch ist wie ursprünglich geplant, will die neue Regierung das Projekt kippen und einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss einsetzen.

Georg Glabrecht hat nun endlich Zeit, seinen alten Freund Christoph Madlé zu besuchen. Überrascht stellt er fest, dass der seit dem Tod seiner Geliebten Maria vereinsamte Geschäftsführer einer in Wiesbaden ansässigen Kulturstiftung zwar in einer alten Villa zwischen Walluf und Eltville am Rhein lebt, aber drei winzige Dienstbotenzimmer bewohnt.

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In seinem Roman „Die große Verschwendung“ erzählt Wolfgang Schömel die Geschichte einer Liebesbeziehung ohne Zukunft und leuchtet parallel dazu hinter die Kulissen der Politik. Der (fiktive) Bremer Senator Georg Glabrecht versucht, ein größenwahnsinniges Bauprojekt zu realisieren und lässt sich dabei mit einem zwielichtigen Konzern ein, dessen Führungskräfte die Politiker über den Tisch ziehen. Zur gleichen Zeit verrennt sich der Fünfzigjährige, dessen Ehe gescheitert ist, auf der Suche nach Liebesglück in eine chancenlose Beziehung. Er schwankt zwischen Hoffnung und Bangen, Zukunftsplänen und Depression. Am Ende steht der Senator vor dem Nichts.

Wolfgang Schömel kann oder mag sich zwischen den beiden Themenkreisen nicht entscheiden. „Die große Verschwendung“ ist deshalb teils Liebes-, teils Wirtschaftsroman.

Die tragikomische Geschichte wird konventionell und geradlinig (chronologisch) aus der Perspektive des Protagonisten in der dritten Person Singular erzählt. Dabei schlägt Wolfgang Schömel einen ironischen Ton an und bewegt sich zumindest phasenweise am Rand einer Satire.

Die Nebenfigur Christoph Madlé und dessen tragische Geschichte kennen wir übrigens schon aus dem Roman „Ohne Maria“ (2004).

Einige Fehler sind offenbar weder dem Autor noch dem Lektorat aufgefallen.

Glabrecht steckte seiner Frau die Zunge in den Hals, sie tat das Gleiche mit ihm. (Seite 69)

Steckte sie sich wirklich ihren Mann in den Hals? Grammatisch, stilistisch und geschmacklich völlig verkorkst ist beispielsweise der folgende Satz:

Sie war, sagte man, als sie sehr jung war, Parteigroupie gewesen, und sie sei regelmäßig von SPD-Oberen und angeschlossenen Kulturgrößen – auch von Günter Grass, dem Ehrengast beim heutigen Dinner, war die Rede – gevögelt worden. (Seite 58)

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2011
Textauszüge: © J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger

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