Sophokles : Antigone

Antigone
Uraufführung: Athen 442 v. Chr. Antigone Übersetzung: Friedrich Hölderlin, 1804 Friedrich Hölderlin, Werke in 2 Bänden Harenberg Verlag, Dortmund 1982 2. Band, Seite 397 - 450 Kommentar: Werner Frizen, Joachim Hagner Suhrkamp Verlag, Berlin 2019 ISBN 978-3-596-52214-9
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nachdem sich die beiden Söhne des Ödipus im Kampf um Theben gegenseitig getötet haben, übernimmt ihr Onkel Kreon die Herrschaft. Während er für Eteokles eine feierliche Beerdigung anordnet, lässt er die Leiche des Angreifers Polyneikes vor der Stadt liegen und untersagt ihre Bestattung unter Androhung der Todesstrafe. Antigone hält es dennoch für ihre Pflicht, den toten Bruder mit Erde zu bedecken. Als sie dabei ertappt wird, bekennt sie sich zu der Tat und nimmt die Folgen auf sich ...
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Kritik

In der griechischen Tragödie "Antigone" von Sophokles stehen sich zwei verschiedene Wertesysteme gegenüber: Kreon ordnet der Staatsräson alles andere unter. Antigone orientiert sich dagegen an den ewig gültigen göttlichen Geboten.
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Ohne Iokaste als seine verwitwete Mutter zu erkennen, zeugt der thebanische König Ödipus mit ihr die Söhne Eteokles und Polyneikes sowie die Töchter Antigone und Ismene. Als Iokaste durch den blinden Seher Teiresias die Wahrheit erfährt, erhängt sie sich, und Ödipus sticht sich die Augen aus. Doch der Fluch des Labdakiden-Hauses ist damit nicht gebrochen.

Nach dem Tod des Königs Ödipus sollen Eteokles und Polyneikes Theben im jährlichen Wechsel regieren. Eteokles macht den Anfang und weigert sich nach Ablauf seiner ersten Amtszeit, seinem Bruder den Thron zu überlassen. Stattdessen verbannt er Polyneikes, der daraufhin in Argos ein Heer zur Eroberung Thebens aushebt. Im Zweikampf vor einem der Tore der Stadt töten sich die Brüder gegenseitig.

An dieser Stelle beginnt die griechische Tragödie „Antigone“.

Iokastes Bruder Kreon übernimmt die Herrschaft über Theben. Während er für Eteokles eine feierliche Beerdigung anordnet, lässt er die Leiche des Angreifers Polyneikes vor der Stadt liegen und verbietet ihre Bestattung unter Androhung der Todesstrafe.

Antigone: Jetzt aber, ahnest du das, was der Feldherr
Uns kundgetan, in offner Stadt, soeben?
Hast du gehört es? oder weißt du nicht,
Wie auf die Lieben kommet Feindesübel?

Ismene: Nicht kam ein Wort zu mir, Antigone, von Lieben,
Kein liebliches und auch kein trauriges, seitdem
Die beiden Brüder beide wir verloren;
Die starben einen Tag von zweien Händen;
Seit aber fort das Heer von Argos ist,
Vergangne Nacht, weiß ich nichts weiter mehr
Und bin nicht glücklicher und nicht betrübter.

Antigone: Das dacht ich wohl und rief dich aus dem Hoftor
Darum, dass du’s besonders hören könntest.

Ismene: Was ist’s, du scheinst ein rotes Wort zu färben?

Antigone: Hat mit der letzten Ehre denn nicht unsre Brüder
Kreon gekränzt, beschimpfet, wechselweise?
Eteokles zwar, sagt man, behandelt er
Mit rechtem Recht, gesetzgemäß, und birgt
Ihn in der Erd, ehrsam den Toten drunten.
Vom andern aber, der gestorben ist armselig,
Von Polynikes‘ Leibe sagen sie, man hab
Es in der Stadt verkündet, dass man ihn
Mit keinem Grabe berg und nicht betraure.
Man soll ihn lassen unbeweint und grablos,
Süß Mahl den Vögeln, die auf Fraßes Lust sehn.
So etwas, sagt man, hat der gute Kreon dir
Und mir, denn mich auch mein ich, kundgetan,
Und hierher kommt er, dies Unwissenden
Deutlich zu melden. Und die Sache sei
Nicht, wie für nichts. Wer etwas tut dabei,
Dem wird der Tod des Steinigens im Orte.
So steht es dir. Und gleich wirst du beweisen,
Ob gutgeboren, ob die Böse du der Guten?

Ismene: Was aber, o du Arme, wenn es so steht?
Soll ich es lassen oder doch zu Grab gehn?

Antigone: Ob mittun du, mithelfen wollest, forsche!

Ismene: Das ist vermessen. Wie bist du daran?

Antigone: Ob du den Toten mit der Hand hier tragest?

Ismene: Dem willst zu Grabe du gehn, dem die Stadt entsagt hat?

Antigone: Von dir und mir mein ich, auch wenn du nicht es willst,
Den Bruder. Denn treulos fängt man mich nicht.

Ismene: Verwilderte! Wenn Kreon es verbietet?

Antigone: Mit diesem hat das Meine nichts zu tun.

Antigone hält es für ihre Pflicht, den toten Bruder zu beerdigen, denn über den Willen des Königs stellt sie die Gebote der Götter. Sie bittet ihre Schwester, ihr bei dem Vorhaben zu helfen, doch Ismene, die von der grundsätzlichen Überlegenheit des Mannes über die Frau überzeugt ist, wagt es nicht, gegen Kreons Gesetz zu verstoßen. Daraufhin beschließt Antigone, allein zu handeln.

Am nächsten Morgen meldet der Wächter an Polyneikes‘ Leiche, dass der Tote während der Nacht symbolisch mit Erde bedeckt wurde.

Ich sag es dir. Es hat den Toten eben
Begraben eines, das entkam, die Haut zweimal
Mit Staub bestreut und, wie’s geziemt, gefeiert.

Man legt die Leiche wieder frei. Beim zweiten Versuch, ihren Bruder zu begraben, wird Antigone vom Wächter ertappt und vor den König gezerrt. Freimütig bekennt sie sich zu ihrer Tat.

Kreon: Du also, die zur Erde neigt das Haupt,
Sagst oder leugnest du, daß du’s getan hast?

Antigone: Ich sage, dass ich’s tat, und leugn es nicht.

Kreon: […] sag aber du mir,
Nicht lange, sondern kurz, ist dir bekannt,
Wie ausgerufen ward, daß solches nicht zu tun ist?

Antigone: Ich wusste das. Wie nicht? Es war ja deutlich.

Kreon: Was wagtest du, ein solch Gesetz zu brechen?

Antigone: Darum. Mein Zeus berichtete mir’s nicht;
Noch hier im Haus das Recht der Todesgötter,
Die unter Menschen das Gesetz begrenzet;
Auch dacht ich nicht, es sei dein Ausgebot so sehr viel,
Dass eins, das sterben muss, die ungeschriebnen drüber,
Die festen Satzungen im Himmel brechen sollte.
Nicht heut und gestern nur, die leben immer,
Und niemand weiß, woher sie sind gekommen.
Drum wollt ich unter Himmlischen nicht, aus Furcht
Vor eines Manns Gedanken, Strafe wagen.
Ich wusste aber, dass ich sterben müsste.
Warum nicht? Hättst du’s auch nicht kundgetan.
Wenn aber vor der Zeit ich sterbe, sag ich, dass es
Sogar Gewinn ist. Wer, wie ich, viel lebt mit Übeln,
Bekommt doch wohl im Tod ein wenig Vorteil?
So ist es mir, auf solch Schicksal zu treffen,
Betrübnis nicht; wenn meiner Mutter Toten,
Als er gestorben, ich grablos gelassen hätte,
Das würde mich betrüben. Aber das
Betrübt mich gar nicht. Bin ich aber dir,
Wie ich es tat, nun auf die Närrin kommen,
War ich dem Narren fast Narrheit ein wenig schuldig.

Kreon erklärt Antigone, Polyneikes habe seine Heimat verraten und sei deshalb als Feind anzusehen. Er hält die Staatsräson für wichtiger als ethische Maximen, und damit die Gültigkeit des von ihm erlassenen, von Antigone gebrochenen Gesetzes nicht in Frage gestellt wird, beabsichtigt er, seine Nichte hinrichten lassen.

Ismene behauptet, an der Tat beteiligt gewesen zu sein und erklärt sich bereit, mit ihrer Schwester zusammen zu sterben, aber das lehnt Antigone entschieden ab.

Kreons Sohn Haimon, der mit Antigone verlobt ist, respektiert zwar seinen Vater, verlangt jedoch in einer zunehmend heftig ausgetragenen Auseinandersetzung mit ihm die Begnadigung seiner Braut. Er wirft Kreon vor, gegen die göttlichen Gebote zu verstoßen und den Staat wie seinen Besitz zu verwalten, ohne auf andere zu hören. Der junge Mann wendet sich gegen die Tyrannei seines Vaters und tritt für die Herrschaft des Volkes ein. Der Streit endet mit einem Zerwürfnis von Vater und Sohn.

Statt Antigone hinrichten zu lassen, befiehlt Kreon, sie lebendig in einer Felsenhöhle einzumauern.

Antigone bereut ihre Tat nicht, denn sie ist überzeugt, das Richtige getan zu haben. Zwar bedauert sie es, unverheiratet sterben zu müssen, aber sie freut sich darauf, ihre Familienangehörigen im Totenreich wiederzusehen.

Der blinde Seher Teiresias berichtet von einem schlechten Omen, aber Kreon ignoriert die Warnung. Er bezichtigt Teiresias der Lüge und wirft ihm vor, korrupt zu sein. Im Zorn prophezeit Teiresias Kreon den Tod in seiner Familie. Unsicher geworden, fragt der König den Chor, was er tun solle. Die Alten raten ihm, Antigone freizulassen und Polyneikes der Sitte gemäß zu bestatten.

Kreon begreift, dass er aus Hochmut falsch gehandelt hat, will dem Rat folgen. Doch die Läuterung kommt zu spät. Antigone hat sich bereits in der Höhle mit dem Gürtel ihres Kleides erhängt, um nicht qualvoll zu sterben. Haimon ersticht sich vor den Augen seines Vaters mit dem Schwert und erfüllt damit Teiresias‘ Prophezeiung. Aus Gram über den Tod ihres Sohnes nimmt sich auch Kreons Gemahlin Eurydike das Leben. Durch einen Boten erfährt Kreon, dass ihm Eurydike vor ihrem Suizid die Schuld am Tod des Sohnes gab.

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In der griechischen Tragödie „Antigone“ von Sophokles stehen sich zwei verschiedene Wertesysteme gegenüber: König Kreon ordnet der Staatsräson alles andere unter, denn er ist überzeugt, dass es die Aufgabe des Herrschers sei, für Ordnung in der Polis zu sorgen und mit drakonischen Strafen die Einhaltung der von ihm erlassenen Gesetze zu erzwingen. Bei seinen Entscheidungen glaubt der Tyrann, die öffentliche Meinung missachten zu können. Seine charakterstarke Nichte Antigone orientiert sich dagegen kompromisslos an den ewig gültigen göttlichen Geboten und übertritt staatliche Gesetze, die ihnen widersprechen. Indem Antigone gegen das Regime aufbegehrt, wenn sie es aus ethischen oder humanistischen Gründen für erforderlich hält, ist sie ein Vorbild der Widerstandskämpfer. Sie steht zu ihrer Tat und nimmt die Konsequenzen auf sich. Im Gegensatz zu ihrer Schwester Ismene ist Antigone nicht bereit, die Rolle der sich dem Mann grundsätzlich unterordnenden Frau zu akzeptieren und den Männern die Politik zu überlassen.

Sowohl Kreon als auch Antigone sind Autonomisten, menschliche Wesen, die das Gesetz in die eigene Hand genommen haben. Ihre jeweiligen Formulierungen von Gerechtigkeit sind im gegebenen Fall unvereinbar. Doch in ihrer Gesetzbesessenheit sind sie nahe daran, sich spiegelbildlich zueinander zu verhalten […] Der Konflikt zwischen Kreon und Antigone besteht nicht nur zwischen Stadt und Haus, sondern auch zwischen Mann und Frau. Kreon setzt seine politische Autorität mit seiner sexuellen Identität gleich. (George Steiner: Die Antigonen. Geschichte und Gegenwart eines Mythos, München 1988)

Kreon hat […] nicht ganz Unrecht und Antigone nicht ganz Recht. Im Gegenteil: Es ist ja so, dass beide gerade dadurch, dass jeder ganz Recht haben will, ins Unrecht geraten […]
Das gilt zunächst von Kreon […] Er will die Polis-Gesetze (die natürlich zu beachten sind) zur absoluten Norm erheben. Damit überschreitet er das Maß und verfehlt das Richtige. Es gilt aber auch von Antigone, denke ich – trotz aller Gegenstimmen. Sie will das, was sie für die göttlichen Gesetze hält, zur absoluten Norm erheben, unter Verwerfung der Menschengesetze. Damit überschreitet nun sie das Maß und verfehlt das Richtige. (Joachim Latacz: Einführung in die griechische Tragödie, Göttingen 1993)

Kreon respektiert am Ende den Rat der Greise und zeigt Einsicht. Auch das Publikum soll durch die Tragödie geläutert werden.

Die Vorgeschichte der Handlung kennen wir aus der griechischen Mythologie, dem Schauspiel „Sieben gegen Theben“ von Aischylos und den beiden anderen Tragödien der Thebanischen Trilogie von Sophokles – „König Ödipus“ und „Ödipus auf Kolonos“ –, die allerdings erst nach „Antigone“ entstanden.

Es ist bemerkenswert, dass „Antigone“ an einem einzigen Ort spielt: vor dem Königspalast in Theben. Gegliedert ist die in Versform geschriebene griechische Tragödie in fünf Akte, einen Prolog und einen Exodus. (In der griechischen Tragödie spricht man allerdings nicht von einem Akt, sondern von einem Epeisodion, also einer Episode.) Der aus fünfzehn thebanischen Greisen bestehende Chor stellt den Rat der Polis dar, kommentiert das Geschehen und tritt mit Darstellern in einen Dialog. Der Chor hilft also dem Publikum, über die Bedeutung des Stücks nachzudenken.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel bezeichnete die Tragödie „Antigone“ von Sophokles in seinen Vorlesungen über Ästhetik als das vollkommenste Kunstwerk, das er kannte.

Die klassische Übersetzung stammt von Friedrich Hölderlin aus dem Jahr 1804 („Antigonä“). Felix Mendelssohn Bartholdy schrieb im Auftrag des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. eine aus einer Ouvertüre und sieben Stücken für Männerchor und Orchester bestehende Schauspielmusik für die „Antigone“-Übersetzung von Johann Jakob Christian Donner, die am 28. Oktober 1841 im königlichen Privattheater im Neuen Palais in Potsdam erstmals aufgeführt wurde. Karl Gustav Vollmoeller lieferte 1906 eine Neuübersetzung und Bühnenbearbeitung, die Max Reinhardt mehrmals inszenierte (Antigone des Sophokles, übersetzt und für die Bühne bearbeitet von Karl Gustav Vollmoeller, S. Fischer Verlag, Berlin 1906).

Der Stoff inspirierte auch im 20. Jahrhundert Autoren: Walter Hasenclever (Antigone, 1917), Jean Cocteau (Antigone, 1922), Jean Anouilh (Antigone, 1944) und Bertolt Brecht (Antigone Modell 48, 1948) schufen neue Bühnenstücke, Rolf Hochhuth schrieb die Novelle „Die Berliner Antigone“ (1963). Einige Opernkomponisten griffen die Tragödie ebenfalls auf: Tommaso Traetta (Antigona, 1772), Arthur Honegger (Antigone, 1927), Carl Orff (Antigonae, 1949) und Georg Katzer (Antigone oder Die Stadt, 1989). Werner Schroeter inszenierte 2009 in der Freiluft-Agora vor der Berliner Volksbühne ein Theaterstück für vier Schauspielerinnen, dass er zusammen mit Monika Keppler aus der „Antigone“ (Sophokles / Friedrich Hölderlin) und der „Elektra“ (Sophokles / Hugo von Hofmannsthal) geformt hatte: „Antigone / Elektra. Alles ist tot – Formen der Einsamkeit“.

Literatur über „Antigone“ von Sophokles:

  • Sophokles: Antigone. Herausgegeben und übertragen von Wolfgang Schadewaldt (Insel Verlag, Frankfurt/M 1974)
  • Sophokles: Antigone. Text und Materialien, bearbeitet von Herbert Fuchs und Dieter Seiffert (Cornelsen, Berlin 2003)
  • Sophokles: Antigone. Unterrichtskommentar von Herbert Fuchs und Dieter Seiffert (Cornelsen, Berlin 2003)
  • Judith Butler: Antigones Verlangen. Verwandtschaft zwischen Leben und Tod (Übersetzung: Reiner Ansén, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 2001)
  • Thomas Möbius: Sophokles, Antigone. Königs Erläuterungen und Materialien (Bange Verlag, Hollfeld 2005)
  • Otto Pöggeler: Schicksal und Geschichte. Antigone im Spiegel der Deutungen und Gestaltungen seit Hegel und Hölderlin (Verlag Wilhelm Fink, München 2004)
  • Werner Theurich: Antigone. Ein Mythos und seine Bearbeitungen
    (Bange Verlag, Hollfeld 2009)


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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2009

Jean Anouilh: Antigone

Julien Green - Fremdling auf Erden
Die Schauergeschichten, die den Leser am Schluss ins Leere laufen lassen, sind deshalb so spannend, weil die Handlung aus der subjektiven Wahrnehmung der Personen erzählt wird und keine eindeutige Auflösung möglich ist: "Fremdling auf Erden".
Fremdling auf Erden

Julien Green

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