William Trevor : Turgenjews Schatten

Turgenjews Schatten

William Trevor

Turgenjews Schatten

Originalausgabe: Reading Turgenev Viking, London 1991 Turgenjews Schatten Übersetzung: Thomas Gunkel, Nachwort: Rainer Moritz Hitzeroth Verlag, Marburg 1993 Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2011 ISBN: 978-3-455-40342-8, 284 Seiten, 19.99 € (D) Taschenbuch: dtv, München 2015 ISBN: 978-3-423-14391-2, 284 Seiten, 9.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die 21-jährige Irin Mary Louise Dallon heiratet den 14 Jahre älteren Laden­besitzer Elmer Quarry, den sie zwar nicht liebt, von dem sie sich aber ein besseres Leben erhofft. Zwischen der zarten Frau und dem Tölpel kann es keine Gemein­sam­keiten geben. Eine verwandte Seele findet Mary Louise stattdessen in ihrem kranken Cousin Robert. Als er stirbt, zieht sie sich vollends in eine Fantasiewelt zurück ...
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Kritik

Melancholisch und ohne Effekt­hascherei, aber im Wechsel zwischen zwei Zeitebenen, erzählt der irische Schriftsteller William Trevor in "Turgenjews Schatten" von Illusio­nen, unerfüllbarer Liebe, Verlust, Schmerz, Morbidität und Einsamkeit.
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Mary Louise Dallon wuchs mit ihren älteren Geschwistern Letty und James auf dem Bauernhof der protestantischen Eltern im Pfarrbezirk Culleen der Irischen Republik auf. Nach dem Schulabschluss hätte sie gern als Verkäuferin in der nahen Kleinstadt gearbeitet, am liebsten in Dodd’s Medical Hall, einer Apotheke. Aber fünf Jahre lang gelang es ihr nicht, einen Ausbildungsplatz bzw. eine Anstellung zu bekommen, und es blieb ihr nichts anderes übrig, als zu Hause auf dem Hof zu helfen.

Im Januar 1955 wird die inzwischen 21-jährige Mary Louise Dallon von dem 14 Jahre älteren Elmer Quarry ins Kino der nahen Kleinstadt eingeladen. Sie schauen sich den Film „Flammende Sinne“ mit Lana Turner in der Hauptrolle an.

Elmer betreibt mit seinen beiden älteren Schwestern Matilda und Rose das traditionsreiche Stoffgeschäft der für ihre protestantische Ethik bekannten Familie Quarry. Während dort früher allerdings fünf Verkäuferinnen beschäftigt waren, gibt es inzwischen kaum noch genügend für Matilda und Rose zu tun. Elmer erledigt vorwiegend die Büroarbeit. Die drei unverheirateten Geschwister wohnen über dem Laden. Rose wurde nie umworben. Matilda hatte zwar vor zehn Jahren einen Verlobten, aber der kam 1945 als Bordschütze der Royal Air Force bei einem Unfall in einem Hangar ums Leben. Elmer war noch nie mit einer Frau zusammen. Zwar fiel ihm vor einiger Zeit Letty Dallon auf, die kräftiger gebaut ist als ihre Schwester Mary Louise, aber sie kommt für ihn nicht als Ehefrau in Betracht, weil sie mehrmals mit einem Jungen ausging, ohne dessen Braut zu werden. Nun umwirbt der grobschlächtige Ladenbesitzer die zierliche Mary Louise Dallon. Obwohl seine Schwestern ebenso wie Mary Louises Geschwister gegen die Verbindung sind, verlobt er sich mit ihr und heiratet sie am 10. September 1955.

Für die Flitterwoche hat er ein irisches Seebad ausgesucht und dort im Strand-Hotel ein Zimmer gebucht. Es handelt sich mehr um eine Pension als um ein Hotel, doch Elmer ist damit zufrieden. Beim Abendessen am Hochzeitstag sitzt das frisch gebackene Ehepaar mit drei männlichen Gästen zusammen, die anschließend noch die Gaststätte McBirney’s aufsuchen. Elmer schlägt Mary Louise vor, ebenfalls hinzugehen. Als sie ins Hotel zurückkommen, ist er betrunken und schläft sofort ein, ohne die Ehe vollzogen zu haben.

Mary Louise Quarry lässt sich von ihren beiden Schwägerinnen in die Tätigkeiten im Stoffgeschäft einweisen und übernimmt auch einen Teil der Hausarbeit. Obwohl sie sich bemüht, alles richtig zu machen, beschweren sich Matilda und Rose fortwährend bei ihrem Bruder über sie.

Gern zieht sich Mary Louise in eine der beiden Dachkammern zurück, die früher als Kinderzimmer dienten. Und in ihrer Freizeit fährt sie allein mit dem Fahrrad herum. Dabei findet sie sich im Frühjahr 1957 vor dem Haus ihrer Tante Emmeline wieder, wird prompt von ihr entdeckt und auf eine Tasse Tee eingeladen. Die verwitwete Schwester ihrer Mutter wohnt hier mit ihrem Sohn Robert. Dessen spielsüchtiger Vater war noch vor der Geburt des Kindes gestorben. Tante Emmeline verkauft auf dem Markt selbst angebautes Gemüse, Äpfel und Weintrauben. Davon bestreitet sie den Lebensunterhalt für sich und den Sohn. Robert ist arbeitsunfähig. Er litt schon als Kind unter Herz- und Lungenproblemen. Als Emmeline ihn nicht mehr zur Schule fahren und von dort abholen konnte, musste er den Schulbesuch abbrechen. Mary Louise hat Robert seit zwölf Jahren nicht mehr gesehen.

Von nun an treffen sie sich heimlich jeden Sonntag, nachdem Mary Louise ihre Eltern besucht hat, auf einem längst aufgegebenen Friedhof. Dort liest Robert seiner Cousine aus der Novelle „Erste Liebe“ sowie den Romanen „Väter und Söhne“ und „Am Vorabend“ von Iwan Sergejewitsch Turgenjew vor. Robert wird Mary Louises Vertrauter; mit ihm kann sie über alles reden, auch über ihre unglückliche Ehe und die gehässigen Schwägerinnen. Als Zwölfjährige war sie in ihren Cousin verliebt, und er überrascht sie nun mit dem Geständnis, dass er damals ebenfalls in sie verliebt gewesen sei. Auf Roberts Frage, warum sie geheiratet habe, antwortet Mary Louise:

„Ich dachte, es wäre schon das Richtige. Ich dachte, mich würde sonst niemand heiraten. Ich wollte in der Stadt leben.“

Niemand erfährt von ihren gemeinsamen Stunden auf dem Friedhof. Nach ein paar Wochen lässt Mary Louise sich zweimal von Robert zart küssen. In der Nacht darauf stirbt er.

Als Mary Louise von seinem Tod erfährt, sinkt sie ohnmächtig zu Boden.

Nach dem Begräbnis erbittet sie sich von Tante Emmeline die drei Bücher, aus denen Robert ihr vorlas. Sie hätte auch gern ein Foto ihres Cousins, aber Emmeline gibt keine der wenigen Abbildungen ihres Sohnes aus der Hand.

Inzwischen verbringt Mary Louise nicht nur tagsüber viel Zeit in einer der Dachkammern, sondern schläft auch dort. Elmer ist im Grunde froh darüber, im Bett allein zu sein und nicht immer wieder mit seiner Impotenz konfrontiert zu werden. Er hat längst zu trinken begonnen und gehört jetzt zu den Stammgästen in Hogans Bar. Über seinen Alkoholkonsum wird viel getuschelt, und die meisten Leute glauben, dass er sich auf diese Weise über die Kinderlosigkeit seiner Ehe hinwegtröstet.

Einmal schmecken die aufgewärmten Frikadellen ekelig, die Matilda und Rose essen wollen. Nachdem sie die Bissen ausgespuckt haben, stellen sie eine grünliche Verfärbung im Inneren der Frikadellen fest. Sie verdächtigen ihre Schwägerin, das Essen vergiftet zu haben. Elmer bricht der Schweiß aus, denn Renehan, der Eisenwarenhändler von nebenan, berichtete ihm, dass Mary Louise Rattengift gekauft habe.

Matilda und Rose erzählen herum, dass ihre Schwägerin nicht bei vollem Verstand sei. Sie sind überzeugt, dass ihr Bruder mit dem Trinken aufhören würde, sobald Mary Louise nicht mehr da wäre. Um mit ihren Eltern darüber zu reden, fahren sie eigens nach Culleen und raten ihnen, ihre Tochter in einer Anstalt für geistesgestörte Frauen unterzubringen. Wenn Elmer, der erst sehr viel später vom Vorstoß seiner Schwestern erfährt, von Saufkumpanen auf seine Frau angesprochen wird, meint er:

„Ach, es geht ihr gut. Mary Louise ist gern allein, und das verstehen meine Schwestern nicht. Sie fährt gern mit dem Fahrrad umher, und im Haus hat sie gern einen Bereich für sich. Das ist alles. Sonst nichts.“

Letty Dallon heiratet 1958 den nur wenig älteren katholischen Tierarzt Dennehy. Der Bräutigam, dessen Vater eine Gastwirtschaft in Ennistane besitzt, kauft einen Bauernhof für sich und seine Frau, die bald nach der Hochzeit schwanger wird.

Durch Lettys Eheschließung wird das Zimmer im Elternhaus frei, das sie sich früher mit ihrer jüngeren Schwester geteilt hatte, und die Dallons nehmen die einsame Emmeline bei sich auf.

An dem Tag, an dem Emmelines Hausrat versteigert wird, holt Mary Louise alles Geld aus dem Wandsafe – es handelt sich um die Geschäftseinnahmen einer ganzen Woche – und ersteigert außer den Zinnsoldaten, die Robert von seinem Vater geerbt hatte, auch noch einige Möbel aus seinem Zimmer. Danach sucht sie eine arme, kinderreiche Familie auf, der Tante Emmeline Roberts Kleidung schenkte, und kauft ein paar der Sachen. Das restliche Geld bringt sie zurück. Matilde und Rose drängen ihren Bruder, seine Frau wegen Diebstahls bei der Polizei anzuzeigen, aber Elmer unternimmt nichts.

Ungeachtet des Protests ihrer Schwägerinnen lässt Mary Louise die Möbel von zwei Lastwagenfahrern liefern und in die von ihr bewohnte Dachkammer hinauftragen.

Während eines inzwischen seltenen Besuchs im Elternhaus bittet Mary Louise ihre Mutter darum, sich ihr früheres Zimmer noch einmal ansehen zu dürfen, obwohl Tante Emmeline nicht da ist.

Erst eine Weile später fällt das Fehlen der goldenen Uhr auf, die Robert als Erinnerungsstück an seinen Vater besaß. Emmelines Schwester erinnert sich an den seltsamen Wunsch ihrer Tochter und fährt noch am selben Tag in die Stadt, um Mary Louise zur Rede zu stellen. Die Uhr hängt an einem Ehrenplatz in der Dachkammer. Unumwunden erklärt Mary Louise ihrer Mutter, Robert hätte ihr die Uhr geschenkt, wenn er nicht so früh gestorben wäre.

Elmer Quarry bringt seine Frau 1959 mit ausdrücklicher Zustimmung seiner Schwiegereltern in einem Heim für psychisch gestörte Frauen unter und übernimmt dafür die Kosten, obwohl ihn seine Schwestern drängen, Mary Louises Familie dafür aufkommen zu lassen.

31 Jahre verbringt Mary Louise in dem Heim. Dann wird es geschlossen. Elmer holt seine Frau ab. Ihre Eltern sind inzwischen gestorben. James hat Angela Eddery geheiratet und den Hof übernommen, aber keiner ihrer Söhne ist willens, die Landwirtschaft weiterzuführen. Elmer musste das heruntergekommene Stoffgeschäft verkaufen, wohnt aber nach wie vor mit seinen inzwischen 74 bzw. 73 Jahre alten Schwestern über dem Laden. Er erzählt Mary Louise während der Fahrt von Neuerungen in der Stadt wie einem Gasthaus mit Fernsehgerät und einem Geschäft mit Selbstbedienung. Mary Louises Schwager Dennehy praktiziert nicht mehr als Tierarzt und hat den Bauernhof aufgegeben. Stattdessen führt er mit Letty zusammen das Gasthaus seines Vaters erfolgreich weiter. Die beiden würden Mary Louise gern bei sich aufnehmen, aber sie zieht das Alleinsein in der Dachkammer vor.

Dorthin bringt Elmer ihr auch die Reste des Essens, das seine Schwestern sich mit ihm teilen. Immer wieder drängt sie ihn, dafür zu sorgen, dass Roberts Gebeine auf den aufgelassenen Friedhof umgebettet werden. Dort möchte sie ebenfalls begraben werden. Als Elmer seine Frau abholte, versicherte man ihm, sie sei wieder gesund, aber Mary Louise erzählt ständig von Russen. Das findet Elmer ebenso wenig normal wie einen Menschen, der eigens einen Toten umbetten lassen will, um später seine letzte Ruhe neben ihm auf einen längst nicht mehr benutzten Friedhof zu finden.

Mary Louise geht regelmäßig in die Kirche. Meistens ist sie mit dem Geistlichen allein. Sie vertraut ihm an, dass sie schon vor acht Jahren im Heim aufgehört habe, Medikamente zu nehmen. Das Rattengift kaufte sie eigens beim benachbarten Eisenwarenhändler, damit Elmer davon erfuhr, aber die Packung blieb ungeöffnet. Kichernd erzählt sie dem Pfarrer, wie sie Frikadellen mit grüner Tinte einfärbte.

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Ähnlich wie Emma Roualt in Gustave Flauberts Roman „Madame Bovary heiratet Mary Louise Dallon – die Protagonistin des Romans „Turgenjews Schatten“ von William Trevor – einen Mann, den sie nicht liebt, von dem sie sich aber ein besseres Leben erhofft, und wird schwer enttäuscht. Zwischen der zierlichen jungen Frau und dem 14 Jahre älteren grobschlächtigen Ladenbesitzer kann es keine Gemeinsamkeiten geben. (Dessen Familienname Quarry lässt sich bezeichnenderweise mit „Fels“ übersetzen.) Eine verwandte Seele findet Mary Louise stattdessen in ihrem gleichaltrigen, von klein auf kranken Cousin Robert, der ihr aus Büchern von Iwan Sergejewitsch Turgenjew vorliest. Als Robert stirbt, zieht Mary Louise sich vollends in eine friedvolle Fantasiewelt zurück, ohne wie ihre beiden Schwägerinnen zu verbittern.

Währenddessen verfällt ihr ebenso schwacher wie gutmütiger Ehemann Elmer dem Alkohol, und er verliert das traditionsreiche Stoffgeschäft seiner Familie. Mary Louises Bruder James kann den geerbten Bauernhof der Eltern zwar noch selbst bewirtschaften, aber seine Söhne sind nicht bereit, den Betrieb zu übernehmen. Letty, der Schwester von James und Mary Louise, geht es besser: Ohne auf die Gepflogenheiten zu achten, heiratet die irische Protestantin einen Katholiken, der seine Tätigkeit als Tierarzt schließlich aufgibt und mit ihr gemeinsam die von seinem Vater geerbte Gaststätte erfolgreich weiterführt.

Der irische Schriftsteller William Trevor erzählt in „Turgenjews Schatten“ vor dem Hintergrund der Entwicklungen in seinem Land und dem Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten von Illusionen, unerfüllbarer Liebe, Verlust, Schmerz, Morbidität und Einsamkeit. Dabei kommentiert er das Geschehen nicht, sondern setzt es in Szene, und die Figuren charakterisiert er durch ihr Verhalten. Obwohl „Turgenjews Schatten“ von menschlichen Katastrophen handelt, bleibt William Trevor leise und melancholisch; er kommt ohne Pathos und Effekthascherei aus. Meisterhaft ist es, wie er die psychische Störung der Hauptfigur zum Ausdruck bringt. Mary Louise ist nicht wirr, sondern ihre Ver – bzw. Entrücktheit folgt einer nachvollziehbaren inneren Logik.

Obwohl die Handlung im wiederholten Wechsel der Zeitebenen Mitte der Fünfzigerjahre und Mitte der Achtzigerjahre spielt, wirkt „Turgenjews Schatten“ aufgrund des Inhalts und der Sprache beinahe wie ein Roman aus dem 19. Jahrhundert. Aber die Originalausgabe des Romans „Reading Turgenev“ erschien nicht 1891, sondern 1991, und zwar mit „My House in Umbria“ kombiniert in dem Doppelband „Two Lives“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2016
Textauszüge: © Hoffmann und Campe Verlag

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