Reso Tscheischwili : Die Himmelblauen Berge

Die Himmelblauen Berge
Originalausgabe: 1980 Die Himmelblauen Berge Übersetzung: Julia Dengg, Ekaterine Teti Nachwort: Ilia Gasviani Edition Monhardt, Berlin 2017 ISBN: 978-3-9817789-2-2, 160 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der georgische Schriftsteller Sosso bringt ein bereits mehrmals überarbeitetes Manu­skript mit dem Titel "Die Himmelblauen Berge. Tian Shan" in den Verlag. Weil er nicht jedem der Ratsmitglieder, die über Annahme oder Ablehnung zu befinden haben, einen Durchschlag geben kann, ver­teilt er die vorhandenen Exemplare und bittet darum, sie nach dem Lesen weiter­zu­reichen. Während er immer wieder versucht, die Dinge am Laufen zu halten, ver­schwin­den nach und nach Exemplare oder Teile davon ...
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Kritik

Der Mikrokosmos des Verlags spie­gelt die Ineffektivität und In­effi­zienz des bürokratischen Sys­tems. "Die Himmelblauen Berge" ist eine originelle, tragikomische Parabel von Reso Tscheischwili, eine absurd-surreale Farce mit An­klän­gen an Kafka und Beckett.
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Wasso Tschorgolaschwili ist als Lektor bei einem Verlag beschäftigt. Weil der Putz in seinem Büro bröckelt und er befürchtet, das monumentale Gemälde „Grönländische Landschaft“ könne von der Wand fallen, möchte er es abhängen lassen. Jemand rät ihm, stattdessen seinen Schreibtisch aus der Gefahrenzone zu rückten, aber Wasso weist darauf hin, dass er seit 27 Jahren an derselben Stelle sitze und nicht vorhabe, das zu ändern. Ohne schriftliche Genehmigung will der Handwerker Grischa das Bild allerdings nicht abnehmen. Als Wasso einen gegengezeichneten Antrag vorweisen kann, fragt er Grischa, wann dieser das Bild wegschaffen werde.

„Das Bild.“ Er zeigt ihm den Antrag.
„Das Bild?“
„Ja, das Bild.“
„Wann Sie wollen.“
„Nämlich?“
„Für mich ist es egal. Wann Sie wollen!“
„Heute?“
„Heute …? […] Heute kann ich nicht, Onkel Wasso.“
„Wann dann?“
„Für mich ist es egal. Wann Sie wollen.“
„Morgen?“
„Morgen kann ich nicht, Onkel Wasso …“
„Wann dann?“
„Wann Sie wollen.“
[…]

Ein schmächtiger Bürger möchte zu Direktor Wascha. Die Vorzimmerdame Tina meldet ihn an:

„Ein Mann ist da, er sagt, Kuparadse hat angerufen, er ist bezüglich der Fabeln da …“
„Er soll warten.“
„Werden Sie ihn empfangen?“
„Das geht nicht.“ […]
Tina kommt, die Papierbögen und Einladungen an die Brust gedrückt, ins Wartezimmer zurück.
„Dürfte ich?“, fragt der schmächtige Bürger schüchtern und starrt auf die Tür des Direktors.
„Er ist nicht da, er ist gegangen.“
„Ich bitte vielmals um Entschuldigung, verzeihen Sie, aber er ist doch gar nicht herausgekommen!“
„Das heißt gar nichts …“, murmelt Tina zu sich selbst […].

In seinem Koffer hat der Mann gar keine Fabeln, und er ist auch kein Schriftsteller, sondern Vulkanologe, eigentlich Bergbauingenieur. Er sucht eine Beschäftigung, denn er muss ein Jahr lang anderswo unterkommen, bevor ihn sein bisheriger Arbeitgeber zurücknimmt.

Endlich kann er dem Direktor sein Anliegen vortragen. Wascha antwortet:

„Wenn Kuparadse nicht angerufen hätte und wir ihm keine so große Achtung entgegenbrächten, sage ich Ihnen frei heraus, könnten wir Ihnen nicht weiterhelfen. Herr Wasso weiß, wie überlastet wir sind, Sie sehen es wohl selbst.“

Sobald der Vulkanologe das Büro verlassen hat, erkundigt sich der Direktor noch einmal nach dem Namen des Anrufers und fragt dann, wer dieser Kuparadse überhaupt sei.

Der Schriftsteller Sosso bringt ein bereits mehrmals aufgrund von Einwänden des Verlags überarbeitetes Manuskript, das jetzt statt „Die Himmelblauen Brücken“ den Titel „Die Himmelblauen Berge. Tian Shan“ trägt. Verlagsmitarbeiter begrüßen ihn. Die einen meinen, dass er abgenommen, die anderen, dass er zugenommen habe. Sosso versucht, die mitgebrachten Durchschläge des abgetippten Manuskripts zu verteilen, denn der aus Schukri, Kako, Tengis, Boria, Kote, Bela und Wasso bestehende Rat wird über Annahme oder Ablehnung entscheiden.

Schukri Gomelauri weigert sich strikt, das Manuskript zu lesen. Als Sosso merkt, dass er die für Wasso und Otar vorgesehenen Durchschläge vertauscht hat, bringt er das wieder in Ordnung. Weil er nicht für jeden einen Durchschlag hat, sollen die vorhandenen Exemplare nach dem Lesen weitergegeben werden:

„Irodion wird es [,,,] noch heute fertiglesen und gleich morgen Zwerawa weitergeben, wenn er kommt, und wenn er nicht kommt, Kote, dann nimm du es ihm ab, gib die eine Hälfte Tengis, die andere Hälfte Kako und lest es nach dem Tauschprinzip, wenn es euch keine Umstände macht!“

Als Wasso zwischen zwei Etagen im Aufzug steckenbleibt, liest er in dem Manuskript. Allerdings hat er das erste Viertel Kote gegeben, und das letzte Achtel ist verschwunden.

Kote hat schließlich die letzten 10 Seiten gelesen, ohne zu wissen, aus welchem Manuskript sie stammen.

Im Hof findet Sosso einen feucht und schimmelig gewordenen Durchschlag.

Direktor Wascha behauptet, das Manuskript „Die Himmelblauen Berge. Tian Shan“ gelesen zu haben und meint, zwei Titel seien zu viel. Tina gesteht anschließend, sie habe nicht mehr an das Manuskript in ihrer Schublade gedacht und vergessen, es dem Direktor zu geben. Der fragt sich daraufhin, was er wohl gelesen habe.

Nachdem der Direktor sein Exemplar irgendwo verloren hat, bringt Sosso ihm die Original-Handschrift, und weil die nicht lesbar ist, schickt er sich an, vorzulesen. Dabei schläft der Direktor ein, wird aber bald durch das Klingeln des Telefons geweckt. Sosso muss das Vorlesen abbrechen, weil Artawas Chubuluri zum Direktor gebracht wird, der Erste Stellvertreter des Vorsitzenden der georgischen Motoball-Föderation und Kapitän der Nationalmannschaft. Im Verlag wird nämlich angenommen, dass das Bröckeln des Putzes und die Risse in den Mauern von Vibrationen verursacht werden, die beim Üben des Motoball-Teams auf dem Gelände neben dem Verlag entstehen.

Die Putzfrau Ania fegt und wischt weiterhin Putz und Staub auf.

Frau Tamar, die Kassiererin, klagt über Kopfschmerzen und glaubt, dass er Fußboden hin und wieder schwanke.

Sosso findet schließlich heraus, dass unter dem Verlagsgebäude ein U-Bahn-Tunnel gebaut wird. Das Gebäude schwankt und vibriert bei den unterirdischen Sprengungen.

Grischa erhält von irgendeiner Instanz den Auftrag, das Bild „Grönländische Landschaft“ in Wassos Büro stärker zu befestigen, statt es abzuhängen. Wassos Sekretärin Bela, an deren Kleid sich immer wieder ein Knopf öffnet und den Blick auf den Ansatz der Brüste freigibt, ertappt den Handwerker beim heimlichen Lesen der auf dem Schreibtisch herumliegenden Seiten des Manuskripts von „Die Himmelblauen Berge. Tian Shan“ und tadelt ihn deshalb.

Weil im Verlag nicht nur Seiten aus Sossos Manuskript und komplette Exemplare verschwinden, sondern immer wieder auch andere Dinge, hat sich Irodian einen Tresor einbauen lassen. Das Schloss ist jedoch kaputt.

Sosso drängt auf eine Entscheidung:

„Alle lesen es, Herr Wascha, und Sie müssen den Rat einberufen. Sie müssen Herrn Wasso damit beauftragten, Schota ist auf Dienstreise, Chabursania erscheint nicht zur Arbeit, Kako ist in Zichisdsiri, Tschitschinadse ist auf Kursus, Zwerawa in der Armee, Gomelauri liest es aus Prinzip nicht, wo Kopaleischwili ist, weiß niemand … Irodion sagt, er ist faktisch im Urlaub.“

Endlich tritt der Rat in Wassos Büro zusammen. Weil Ziala Agladse in Mutterschaftsurlaub ist, übernimmt Bela die Protokollführung. Die beiden korrespondierenden Ratsmitglieder Ewgeni und Warden beschweren sich darüber, dass sie „Die Himmelblauen Berge. Tian Shan“ nicht lesen konnten, weil sie keinen Durchschlag bekamen. Der Direktor flüstert mit Wasso. Die beiden seien doch entlassen worden, meint er. Wasso bestätigt es, weiß aber, dass die Kündigung noch irgendwo herumliegt und noch nicht unterschrieben wurde.

Während der Ratssitzung kommt eine ausländische Landschaftsbau-Belegschaft herein, und der Fremdenführer erläutert in einer den Ratsmitgliedern unverständlichen Sprache das Bild „Grönländische Landschaft“.

Offenbar hat keines der Ratsmitglieder alle Seiten des Manuskripts gelesen. Statt eine Entscheidung zu treffen, wird Sosso empfohlen, sich an höhere Instanzen zu wenden.

Das Gemälde „Grönländische Landschaft“ fällt von der Wand und trifft Wasso.

Sosso findet im Taxi eine Mappe mit einem Durchschlag von „Die Himmelblauen Berge. Tian Shan“. Die habe jemand im letzten Herbst liegen lassen, erklärt der Taxifahrer. Er las den Text, und die Geschichte gefiel ihm aus irgendeinem Grund. Sosso dürfe die Mappe mitnehmen, meint er, aber der Autor verzichtet darauf.

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Der Roman „Die Himmelblauen Berge“ von Reso Tscheischwili spielt fast ausschließlich in einem „pseudoklassischen Bauwerk aus den Dreißigerjahren“. Ort und Zeit werden nicht genannt, aber es ist davon auszugehen, dass wir uns in den Siebzigerjahren in der Sozialistischen Sowjetrepublik Georgien befinden. Das Verhalten der Verlagsmitarbeiter spiegelt den Bürokratismus, die Unbeweglichkeit, Ineffektivität und Ineffizienz des kommunistischen Systems. Da sind Formalien und Prozeduren, Anträge und Genehmigungen wichtiger als Entscheidungen oder Ausführungen. Und das Gebäude ist marode – wie das System.

Über den Inhalt des Manuskripts „Die Himmelblauen Berge. Tian Shan“ verrät Reso Tscheischwili nichts, aber sowohl die Farbe himmelblau als auch die Berge stehen für Raum und Weite, Luft und Freiheit. Das kontrastiert mit dem Verlagsgebäude. Es ist jedoch eher nicht zu erwarten, dass Sossos Roman in diesem System jemals veröffentlicht wird.

Reso Tscheischwili macht keine Angaben darüber, wieviel Zeit zwischen einzelnen Szenen vergeht, und es gibt weder Kapitel noch Abschnitte oder Episoden. Einer Bemerkung des Taxifahrers am Ende des Buches entnehmen wir allerdings, dass zwischen der ersten und letzten Seite einige Monate vergangen sind. Durch die Aneinanderreihung von Szenen ohne zeitliche Zäsuren verstärkt Reso Tscheischwili in „Die Himmelblauen Berge“ den Eindruck einer absurden Tretmühle ohne Anfang und Ende.

Ähnlich wie ein Theaterstück besteht der Roman „Die Himmelblauen Berge“ weitgehend aus Dialogen in wörtlicher Rede.

„Die Himmelblauen Berge“ ist eine originelle, tragikomische und witzige Parabel von Reso Tscheischwili nicht nur auf das kommunistische System, sondern auch auf das Spießertum, eine absurd-surreale Farce mit Anklängen an Franz Kafkas Roman „Der Prozess“ und Samuel Becketts Theaterstück „Warten auf Godot“.

Der georgische Schriftsteller, Dramaturg und Drehbuchautor Reso Tscheischwili (1933 – 2015) veröffentlichte „Die Himmelblauen Berge“ 1980. Vier Jahre später wurde die literarische Vorlage in der UdSSR verfilmt („Blaue Berge oder Eine unwahrscheinliche Geschichte“), aber zumindest in Westdeutschland kennt man Reso Tscheischwili kaum. Umso mehr ist es zu schätzen, dass die Edition Monhardt diesen Text von Julia Dengg und Ekaterine Teti aus dem Georgischen übersetzen ließ und daraus 2017 ein schön gebundenes Buch machte (Fadenheftung, farbiger Vorsatz, Lesebändchen), das in 1000 nummerierten Exemplaren verfügbar ist. Es enthält außer dem Roman ein Nachwort von Ilia Gasviani mit dem Titel „Die Himmelblauen Berge“ von Reso Tscheischwili – Absurdes Theater auf Georgisch“.

Für die Verfilmung schrieb Reso Tscheischwili selbst das Drehbuch.

Originaltitel: Blaue Berge oder Eine unwahrscheinliche Geschichte – Regie: Eldar Schengelaja – Drehbuch: Reso Tscheischwili, nach seinem Roman „Die Himmelblauen Berge“ – Kamera: Lewan Paataschwili – Schnitt: Leonid Ashiani – Musik: Gija Kantscheli – Darsteller: Ramas Giorgobiani, Wasil Kachniaschwili, Teimuras Tschirgadse, Iwane Sakwarelidse, Sesilia Takaischwili, Grigol Nazwlischwili, Wladimir Meswrischwili, Otar Gunzadse, Darejan Sumbataschwili, Seinab Bozwadse, Nino Tutberidse, Georgi Tschchaidse, Michail Kikodse, Guram Lortkipanidse, Guram Petriaschwili, Omar Schotaschwili u.a. – 1984; 90 Minuten

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2017
Textauszüge: © Edition Monhardt

Adriana Altaras - Das Meer und ich waren im besten Alter
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