Franz Kafka : Der Prozess

Der Prozess
Der Prozess Manuskript: 1914/15 Erstausgabe durch Max Brod 1925 © Schocken Verlag Berlin 1935 / New York 1946
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Trotz der Verhaftung an seinem 30. Geburtstag darf sich der Bankprokurist Josef K. frei bewegen. Vergeblich versucht er herauszufinden, wessen er angeklagt wurde und wie er sich rechtfertigen könnte. Ebenso wenig greifbar sind das Gericht und das Gesetz ...
mehr erfahren

Kritik

Franz Kafka tritt in "Der Prozess" weder als Erzähler noch als Kommentator auf. Was geschieht, erfahren die Leser nur aus der Perspektive der Hauptfigur Josef K.
mehr erfahren

„Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ So beginnt der Roman. Trotz der Verhaftung an seinem 30. Geburtstag darf sich der Bankprokurist Josef K. frei bewegen. Vergeblich versucht er herauszufinden, wessen er angeklagt wurde und wie er sich rechtfertigen könnte. Ebenso wenig greifbar sind das auf einem Dachboden tagende Gericht und das Gesetz.

In einem Prozess, von dem nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch der Angeklagte ausgeschlossen bleibt, wird Josef K. schließlich von einer anonymen, für ihn unerreichbaren Gerichtsinstanz, die sich seinem Verständnis entzieht, zum Tod verurteilt. Und Josef K. fügt sich dem mysteriösen Urteilsspruch, ohne jemals zu erfahren, was man ihm vorwirft. Zwei höfliche Schergen holen ihn ab und erstechen ihn an seinem 31. Geburtstag „wie einen Hund“ in einem Steinbruch. Mit den Worten „es war, als sollte die Scham ihn überleben“, endet er Roman.

nach oben

In seinem „Brief an den Vater“ berichtet Kafka im November 1919 von einem traumatischen Erlebnis in seiner Kindheit: Als er eines Nachts um etwas Wasser bat, trug ihn der Vater vom Bett auf den Balkon und verschloss die Tür. Erst nach einiger Zeit holte er ihn wieder ins Zimmer. Kafka schreibt:

Noch nach Jahren litt ich unter der quälenden Vorstellung, dass der riesige Mann, mein Vater, die letzte Instanz, fast ohne Grund kommen und mich in der Nacht aus dem Bett auf die Pawlatsche [Balkon] tragen konnte und dass ich also ein solches Nichts für ihn war.

Dieses Gefühl des Ausgeliefertseins an eine übermächtige Autorität erlebt auch Josef K.

Vielleicht geht es Kafka aber auch um die Erlösung von einer Art Erbsünde oder seine Schuldgefühle wegen erotischer Begierden.

Er warf sich auf sein Bett und nahm vom Waschtisch einen schönen Apfel, den er sich gestern Abend für das Frühstück vorbereitet hatte.

Dieter Schrey interpretiert diese Stelle in „Der Prozess“ als Sinnbild dafür, dass Josef K. an seinem 30. Geburtstag einen Neuanfang versucht. Er möchte sich von einer verdrängten Schuld reinigen und den Unterschied zwischen Gut und Böse erkennen. Der Apfel steht aber nicht nur für das Streben nach Erkenntnis, sondern auch für das Bewusstwerden der Sünde.

Peter Weiss schreibt in seinem Roman „Fluchtpunkt“:

Kafka hatte nie gewagt, die Urteilssprüche der Richter zu revidieren, er hatte die Übermacht verherrlicht und sich ständig vor ihr gedemütigt. Wenn er einmal auf dem Weg war, sie zu durchschauen, so sank er schon bald ins Knie, um Abbitte zu leisten. … Nie hatte er sich von seinem Vater lossagen können, und auch vor der Frau hatte er nie etwas anderes empfunden als seine Untauglichkeit […] Bei Kafka war alles von der Furcht vor Berührungen durchsetzt. Sein Schmerz lag im Gedanklichen, er schilderte den Kampf der Ideen, der widerstreitenden Empfindungen. Er befand sich auf einer hoffnungslosen Suche nach der Nähe der anderen, er träumte von einer Gemeinschaft, einer Begnadigung, einer Versöhnung, und immer wieder hatte er das Unerreichbare, das Unmögliche vor sich. (© Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1962)

Ein Schlüssel für das Verständnis der kafkaesken Romanwelten ist eine Parabel, die ein Geistlicher Josef K. im Dom erzählt: Ein Mann nähert sich dem Tor zum Gesetz, aber der Türhüter weist ihn zurück. Jahrelang wartet er vor dem Tor, bittet immer wieder vergebens um Einlass. Bevor er stirbt, fragt er den Türhüter, warum niemand außer ihm versucht habe, vorgelassen zu werden. Der Türhüter erwidert: „Hier konnte niemand sonst Einlass erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.“

Franz Kafka tritt in seinem Roman „Der Prozess“ weder als Erzähler noch als Kommentator auf. Was geschieht, erfahren wir Leser und Leserinnen nur aus der Perspektive der Hauptfigur Josef K. Die Einzelheiten werden durchaus konkret und sorgfältig geschildert – jedoch immer nur aus K.’s Sicht. Dabei steht K. mit seiner Wahrnehmung offenbar allein, denn seine Mitmenschen finden ganz normal, was er für absonderlich hält, und sie wundern sich andererseits über sein aus ihrer Sicht verrücktes, sinnloses Verhalten. Doch was andere denken, erfahren wir wiederum ausschließlich von K., der eine Welt erlebt, die den Überzeugungen der Leserinnen und Leser widerspricht und ihnen surreal und grotesk vorkommt.

Natürlich beobachtet K. nicht nur, was um ihn herum und mit ihm geschieht, sondern er stellt dazu auch Überlegungen an, und diese inneren Monologe schlagen sich ebenfalls im Text nieder. Wir erwarten also, dass wir an Erfahrungen K.’s teilnehmen werden, die uns seine eigene Entwicklung andeuten und sein Weltbild verständlich machen. Aber das geschieht nicht. Die Leserinnen und Leser werden allein gelassen. Was K. aus seinem Bewusstsein verdrängt, können wir allenfalls vermuten und aus Indizien erschließen. Weil es weder ein psychologisches Profil noch eine Vorgeschichte gibt, ist Josef K. ein „Mann ohne Eigenschaften“, eine Figur, die wohl für den Menschen schlechthin steht.

Die Leserinnen und Leser bleiben irritiert, weil sie der Betrachtungsweise des Protagonisten ausgeliefert sind und sich dessen ihrer eigenen widersprechenden Denkweise auch nicht psychologisch erklären können. Dadurch fühlen sie sich hilflos wie K., als unverständliche Ereignisse über ihn hereinbrechen.

Orson Welles verfilmte 1962 „Der Prozess“ mit Anthony Perkins und Romy Schneider.

Originaltitel: Der Prozess – Regie: Orson Welles – Drehbuch: Orson Welles und Antoine Tudal, nach dem Roman „Der Prozess“ von Franz Kafka – Kamera: Edmond Richard – Schnitt: Yvonne Martin – Musik: Jean Ledrut, Tommaso Albinoni – Darsteller: Anthony Perkins, Jeanne Moreau, Orson Welles, Romy Schneider u.a. – 1962

Nach Motiven aus „Der Prozess“ und „Das Schloss“ und einem Drehbuch von Lem Dobbs drehte Steven Soderbergh 1992 eine fiktive Filmbiografie über einen Prager Versicherungsangestellten (Jeremey Irons), dessen Freund ermordet wird: „Kafka“.

2004 erschien „Der Prozess. Ein Hörstück nach Franz Kafka“. Es handelt sich dabei um eine gekürzte Fassung des Romans (Regie: Andrea Gerk, Sprecher: Philipp Hochmair, 2 CDs, 100 Minuten, Berlin 2004). Peter Matic ist der Sprecher eines vollständigen Hörbuches „Der Prozess“ (Deutsche Grammophon, 7 CDs, 8 Std 15 Min, Berlin 2008).

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002 / 2008

Franz Kafka (Kurzbiografie)

Franz Kafka: Der Heizer
Franz Kafka: Die Verwandlung
Franz Kafka: Ein Bericht für eine Akademie
Franz Kafka: In der Strafkolonie
Franz Kafka: Ein Hungerkünstler
Franz Kafka: Das Schloss
Franz Kafka: Amerika

Arno Geiger - Unter der Drachenwand
In seinem Antikriegsroman "Unter der Drachenwand" zeigt Arno Geiger die Absurdität des Kriegs und rekonstruiert zugleich das Lebensgefühl der Menschen in den Kriegsjahren 1943/44. Dabei gibt er sich lediglich als Herausgeber von Auszügen aus Briefen und Tagebüchern, lässt also (fiktive) Zeitzeugen zu Wort kommen.
Unter der Drachenwand

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde im Juli durch einen professionellen Neubau ersetzt. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei.