Hermann Ungar : Die Klasse

Die Klasse

Hermann Ungar

Die Klasse

Die Klasse Erstausgabe: Rowohlt Verlag, Berlin 1927
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Ein Lehrer leidet unter Minderwertigkeits-Komplexen und befürchtet, seine Frau könne einen attraktiveren Mann bevorzugen. Als er ungewollt einen Schüler in den Tod treibt, erschrickt er über die unbeabsichtigten Folgen, die eine Tat haben kann und würde der damit verbundenen Verantwortung am liebsten entfliehen.
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Kritik

"Die Klasse" ist ein beklemmender, grotesker und literarisch bemerkenswerter Roman, der jahrzehntelang vergessen war und erst in den Achtzigerjahren wiederentdeckt wurde.
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Er wusste, dass die Blicke der Knaben ihn umlauerten, dass jede Blöße, die er sich gab, sein Verderben werden konnte.

Mit diesem Satz beginnt Hermann Ungars Roman „Die Klasse“. Der Lehrer Josef Blau wittert überall die bevorstehende Revolte und ist überzeugt, den Zusammenbruch der Ordnung nur durch große Anstrengung noch eine Weile hinausschieben zu können.

Er kämpfte mit allen Mitteln, die Zucht aufrechtzuerhalten. Es war alles verloren, wenn sie sich einmal gelöst hatte. Wenn der erste Stein gelockert war, stürzte das Gebäude.

Bei den achtzehn Schülern in seiner Klasse, die ihn heimlich nach dem hässlichen, boshaften Schwätzer in der „Ilias“ Thersites oder Thereschen nennen, rechnet er nicht mit Nachsicht.

Der Mensch, sagte man, sei mit Güte und Mitleid begabt; wenn dem so war, waren vierzehnjährige Knaben keine Menschen. Ihre Herzen waren grausam.

Das Wort „Klasse“ versteht er nicht nur in seiner schulischen, sondern auch in seiner sozialen Bedeutung, denn als Schullehrer und Sohn eines Gerichtsdieners fühlt er sich den – bis auf Johann Bohrer – aus wohlhabenden Familien stammenden Schülern gesellschaftlich unterlegen.

Josef Blau lässt sich auf keine privaten oder persönlichen Gespräche mit seinen Schülern ein, er glaubt Distanz wahren zu müssen, Distanz auch zwischen den Schülern und seiner Frau Selma, zumal sie schwanger ist und ihr Anblick die Jungen auf lüsterne Gedanken über die Ursache dieses Zustands bringen könnte.

Er wohnt mit Selma und deren verwitweter Mutter Mathilde Kosterhoun in einer Mietwohnung.

Das Haus war schwarz vom Ruß des gegenüberliegenden Bahnhofs. Nur dort, wo der Mörtel sich von den Wänden gelöst hatte, war das Dunkel von hellen gelben Flecken durchbrochen.

Auch zu Hause achtet Josef Blau auf die „Schranke der Zucht“. Er weiß, dass er „mager, gelb und armselig“ aussieht, und vielleicht vergleicht Selma ihn schon mit einem, der „größer, stärker, männlicher“ ist als er. Er rechnet durchaus damit, sie zu verlieren, aber diese Niederlage will er wie die Revolte der Schüler hinausschieben. Deshalb verlangt er beispielsweise, dass Selma bodenlange Röcke trägt wie eine alte Frau.

In seiner Kindheit aß Josef Blau bei wohlhabenden Bürgern der Stadt in der Küche, täglich in einem anderen Haus. Bei Kaufmann Wismuth traf er einmal mit Modlizki zusammen, der das Gleiche tat. Modlizki war „der Genosse seiner Jugend, Armut und Niedrigkeit“. Dann aber bekam Josef Blau ein Stipendium, konnte das Gymnasium besuchen, und eines Tages holte ihn ein Fräulein aus der Küche, in der er mit Modlizki saß, an den gedeckten Familientisch.

Modlizki wurde von dem Ehepaar Colbert halb als Diener und halb als Pflegekind aufgenommen, aber nachdem „er sich etwas hatte zuschulden kommen lassen, was den Sitten eines vornehmen Hauses zuwider war“, musste er das Haus verlassen. Inzwischen dient er in einem herrschaftlichen Haus.

Josef Blau nimmt an, dass Modlizki seine Benachteiligung ihm gegenüber nie vergessen hat. Weil jedoch Schüler wie der 15-jährige Karpel, den er für seinen größten Feind in der Klasse hält, Modlizki zu vertrauen scheinen, hält sich der Lehrer an den Diener, um herauszufinden, was die Schüler vorhaben.

Widerstrebend unternimmt Josef Blau mit seiner Klasse einen Schulausflug zu einer Wallfahrtskirche. Dort treffen sie auf den neuen Lehrer Leopold und dessen Schulklasse. Blau traut seinen Augen nicht: Lehrer und Schüler machen mit nacktem Oberkörper Gymnastik! Das kommt ihm wie ein heidnischer Tanz vor. Weil er den Anblick nicht erträgt, hetzt er mit seinen Schülern weiter – bis er ohnmächtig zu Boden sinkt.

Als er die Augen wieder aufschlägt, sieht er sich von allen Seiten umringt, und der andere Lehrer beugt sich über ihn. Leopold verspricht, sich um Josef Blaus Klasse zu kümmern und rät ihm, mit dem nächsten Zug nach Hause zu fahren. Karpel meldet sich freiwillig, um ihn zu begleiten, aber das lehnt Blau ab, denn er befürchtet, es komme dem Schüler nur darauf an, ihn unter vier Augen verhöhnen zu können.

Allein macht Josef Blau sich auf den Weg zum Bahnhof. Als er beobachtet, dass Karpel ihm folgt, verbirgt er sich in einem Waldstück hinter einem Baum. Karpel nähert sich, bleibt zögernd stehen und läuft dann unvermittelt weiter.

Als Josef Blau nach Hause kommt, trifft er dort seinen feisten Onkel Bobek an, der Kalbsbraten mitgebracht hat, um mit Selma und ihrer schwerhörigen Mutter ein Fest zu feiern. Erst vor ein paar Tagen unterschrieb ihm Blau als Bürge einen Wechsel über 1000 Kronen, die sich Bobek von seinem Freund Berger leihen wollte. Entsetzt stellt Blau jetzt fest, dass Bobek das geliehene Geld offenbar verprasst. Zur Rede gestellt, gibt Bobek zu, die 1000 Kronen benötigt zu haben, weil einer seiner Gläubiger sein Geld zurückverlangt hatte. Um das eine Loch zu stopfen habe er ein neues aufmachen müssen.

Onkel Bobek prahlt, was für ein Kerl er gewesen sei. Heute noch würde er es mit jedem Zwanzigjährigen aufnehmen.

Aber ein richtiger Mann, weißt du, wie ich so alt war, wenn ich nachts nach Hause kam, da konnte ich getrunken und gegessen haben, was ich wollte. Siehst du, nicht einmal die Zigarre nahm ich aus dem Mund, Tag für Tag, jahraus, jahrein, da war mit ganz gleichgültig, was sie sagte, die gottselige Martha. Da gabs kein Erbarmen, und das war nicht alles, was so nebenher ging. Kannst dich nur mal in der Gegend umsehen, da laufen sie herum, so an die dreißig Bobeks gewiss. Hat manchmal ein schönes Stück Geld gekostet. Aber wozu es sich aufheben, pflege ich zu sagen.

Einige Stunden später erscheint Lehrer Leopold, um sich nach dem Befinden seines Kollegen zu erkundigen. Blau argwöhnt sofort, dass Leopold nicht seinetwegen gekommen sei, sondern um Selma zu sehen.

Sie strebten zueinander, alle, die hier saßen, wussten es. Man musste sich in den Weg stellen, so lange es Zeit war. Er sah Selma neben Leopold, nackt, das lange blonde Haar gelöst.

Er war breit und voll Kraft. Neben diesem musste sie nicht verdorren wie neben Josef Blau. Leopold drückte sie in den Armen, dass sie aufschrie, sie war voll Lust wie er, der sich über sie neigte und sie nahm. Es gab kein Mittel gegen Leopold, sie eilte ihm zu, im Traum und am Tage …

Als bei Selma die Wehen einsetzen, wird die Hebamme geholt. Diese entbindet Selma von einem Jungen, der auf den Namen Josef Albert getauft werden soll.

Am nächsten Morgen fiebert Selma. Ihr Mann, der auf einem Sofa geschlafen hat, tritt zu ihr ans Bett. Da flüstert sie ihm zu, der Schüler Karpel verfüge inzwischen über den Wechsel. Dann fällt ihr der Kopf wieder zurück aufs Kissen.

Wieso hat Karpel den Wechsel und woher weiß Selma das? Will Karpel seinen Lehrer in Schrecken halten, ihn erniedrigen, ihn wehrlos machen? Josef Blau fühlt sich dem Schüler ausgeliefert und sucht in seiner Verzweiflung Modlizki auf. Der meint, Blau könne Karpel in Schach halten, wenn er ihn beim Verlassen eines Freudenhauses ertappe, und er verspricht, ihm dabei zu helfen.

Doch Josef Blau überrascht nicht Karpel beim Verlassen der angegebenen Adresse in der Kasernengasse, sondern einen anderen Schüler namens Laub.

Als Josef Blau von Bobek das Geld für den Rückkauf des Wechsels verlangt, wendet sich dieser an Mathilde. Die Witwe ist bereit, auszuhelfen – unter der Bedingung, dass der Lebenskünstler sie heiratet. Der ist dazu bereit.

Modlizki steht vor der Tür. Laub hat sich erhängt! Eine Untersuchung wird stattfinden. Man muss verhindern, dass jemand herausfindet, wo Laub mit Karpel und Modlizki gewesen ist. Karpel soll sagen, er sei mit Laub in den Anlagen herumgelaufen.

Josef Blau stützte sich auf den Tisch. Er hielt die Hand vor dem Mund. Die Tür hatte sich geöffnet. Etwas Warmes, Klebriges drang aus seinem Mund über die Finger. Ob es Blut war? Laubs Blut, das an seinen Händen klebte? Er hob die Hände, er drehte sich im Kreise, dann kam neues Blut, er musste die Fäuste in den Mund stopfen, das Loch stopfen, Bobek, die Mutter, Modlizki drehten sich um ihn. Sie schrien durcheinander. Nun rissen sie an ihm. Er wehrte sich nicht. Er schloss die Augen.
Die Mutter brachte Wasser. Modlizki erbot sich, den Arzt zu holen.
„Ein Blutsturz“, sagte Modlizki.

Josef Blau, der einige Zeit im Bett bleiben muss, erinnert sich, wie er als Kind zählte, wenn er nicht einschlafen konnte. Er lässt sich Papier und Bleistift geben, möchte nur noch zählen und sechsstellige Zahlen multiplizieren, um nichts denken oder tun zu müssen, was anderen schaden könnte.

Er wollte rechnen, das zog nichts nach sich, niemand musste darum sterben.

Sobald man etwas tue, lade man Schuld und Verantwortung auf sich.

Vielleicht war es gut, in einer Zelle zu sitzen und irrsinnig zu sein. Oder in einer Zelle zu sitzen und zu beten. … Ja, mit dem Geld und mit der Unkeuschheit begann es. Wer es begriff, lebte ohne Schuld. Er saß und konnte gehorchen wie ein Knabe in der Schule und die Verantwortung des Lehrers trug er nicht und die Strafe des Richters traf ihn nicht.

Als Josef Blau sich einigermaßen von dem Blutsturz erholt hat, feiert seine Schwiegermutter mit Onkel Bobek Hochzeit. Der Lehrer Leopold bringt einen Trinkspruch auf das Brautpaar aus. Blau soll dem Beispiel folgen. Aber statt an Bobek und Mathilde wendet er sich an Selma und Leopold. Selma hält sich die Ohren zu. „Er ist betrunken“, schreit die Schwiegermutter. Und Leopold drängt ihn ins Schlafzimmer.

Bald nach der Hochzeit erzählt ihm Bobek, dass er den Wechsel bei seinem Freund Berger ausgelöst habe. Bei Berger? Also war Karpel gar nicht im Besitz des Wechsels! Grundlos hatte Blau versucht, ihn vor dem Freudenhaus in der Kasernengasse zu überraschen und dadurch Laub in den Tod getrieben.

Selma lässt sich das Haar scheren und trägt Kopftücher, um keine Männerblicke zu provozieren und ihrem Mann keinen Grund für Eifersucht zu geben. Aber Josef Blau zieht sich in das Zimmer zurück, das durch die Heirat seiner Schwiegermutter frei geworden ist und verfolgt von dort aus die täglichen Besuche des anderen Lehrers bei Selma.

Im Schrank hinterlässt er einen Brief an sie.

Ich bin nicht schuldiger als andere, aber ich bin ausgewählt worden, meine Schuld zu erkennen. Ich würde sie tragen, wenn die Sühne nur mich treffen könnte, aber sie trifft alle, denn wir hängen miteinander zusammen.

Josef Blau will fort, ohne Abschied zu nehmen. Er möchte allein sein und ein Leben führen, „für sich, nicht verkettet mit anderen, unbelastet von tötender Verantwortung“.

Als er Modlizki noch einmal aufsucht, deutet dieser an, dass auch Karpel die Absicht habe, sich das Leben zu nehmen. Josef Blau eilt zu dem Schüler. Im Gespräch mit Karpel erfährt er, dass der Pubertierende verwirrt und verstört ist, sich offenbar in ein homosexuelles Verhältnis mit Modlizki verstrickt hat und deshalb die Gelegenheit bei dem Schulausflug nutzen wollte, um mit seinem Lehrer zu sprechen.

Josef Blau begreift, was er falsch gemacht hat.

Wir alle sind Schüler, eine große Klasse, und wir sehen nur die Schwierigkeiten der heutigen Aufgabe, aber den großen Lehrplan sehen wir nicht.

Karpel weint sich an seiner Schulter aus. Josef Blau weiß, dass der Schüler seine Hilfe jetzt nicht mehr benötigt.

Der Roman endet mit den Worten:

Dann ging er raschen Schrittes zurück zur Stadt, zurück zu Josef Albert, Selma, Lehrer Leopold, der Mutter und Onkel Bobek, mit denen er verbunden war.

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Hermann Ungar wurde 1893 im Judenghetto der mährischen Kleinstadt Boskovice geboren, wo sein Vater eine Branntweinfabrik und eine Gastwirtschaft besaß. 1918 promovierte er in Jurisprudenz, und von 1922 bis 1928 war er Handelsattaché bzw. Legationssekretär an der tschechoslowakischen Gesandtschaft in Berlin. Dann quittierte er den diplomatischen Dienst und ließ sich als freier Schriftsteller nieder, aber er lebte nicht mehr lang: Am 28. Oktober 1929 starb er an einem Blinddarmdurchbruch, den die Ärzte übersehen hatten, vielleicht, weil sie wegen seiner Hypochondrie unvorsichtig geworden waren.

Thomas Mann und Stefan Zweig gehörten zu den wenigen, die Hermann Ungar zu dessen Lebzeiten schätzten. Ungars Dramen, Erzählungen und Romane gerieten völlig in Vergessenheit und wurden erst in den Achtzigerjahren neu entdeckt.

Hermann Ungar zeigt den Menschen als Opfer pathologischer Ängste und sexueller Obsessionen. Josef Blau leidet unter Minderwertigkeitskomplexen, fühlt sich in paranoider Weise bedroht und befürchtet, seine Frau könne einen attraktiveren Mann bevorzugen. Durch sein Verhalten treibt er ungewollt einen Schüler – dessen Name Laub ein Anagramm seines eigenen darstellt – in den Tod. Da erschrickt er über die unbeabsichtigten Folgen, die eine Tat, vielleicht auch ein Gedanke, haben kann und würde der damit verbundenen Verantwortung am liebsten entfliehen. (Mit diesem Thema setzte sich übrigens auch Krzysztof Kieślowski in seinem Film „Die zwei Leben der Veronika“ auseinander.)

Ob das glückliche Ende, die plötzliche Besinnung des Lehrers, psychologisch überzeugend ist, sei dahingestellt. Auf jeden Fall ist „Die Klasse“ ein beklemmender, grotesker und literarisch bemerkenswerter Roman.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002
Textauszüge: © Paul Zsolnay Verlag, Wien / Darmstadt

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