David Foster Wallace : Unendlicher Spaß

Unendlicher Spaß
Originalausgabe: Infinite Jest, 1996 Unendlicher Spaß Übersetzung: Ulrich Blumenbach Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009 ISBN: 978-3-462-04112-5, 1547 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die USA haben sich mit Kanada und Mexiko vereinigt. Das Leben in dieser Gesellschaft wird von der Unterhaltungsindustrie beherrscht. Die Menschen versuchen, ihre innere Leere und ihre Depressionen durch Drogen, Alkohol oder sinnlosen Zeitvertreib zu kompensieren. Besonders ausgeprägt ist das bei Leistungssportlern: Durch die gewaltigen Anstrengungen verdrängen sie die innere Hohlheit, und um wenigstens zeitweise den enormen Leistungsdruck zu vergessen, der auf ihnen lastet, greifen sie zu Suchtmitteln ...
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Kritik

"Unendlicher Spaß" – das Opus magnum von David Foster Wallace – ist eine vielschichtige Genremischung, in der sich hyperrealistische Episoden mit anderen Darstellungsformen abwechseln.
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Die USA gibt es nicht mehr; sie haben sich mit Kanada und Mexiko zur „Organization of North American Nations“ (O. N. A. N.) vereinigt. Die Besiedelung an der nördlichen Ostküste wich einer gigantischen Giftmülldeponie. Man gebraucht keine Jahreszahlen mehr, sondern spricht zum Beispiel vom Jahr des Whoppers, des Tucks-Hämorrhoidensalbentuchs, der mäuschenstillen Maytag-Spülmaschine, der Milchprodukte aus dem Herzen Amerikas, der Inkontinenz-Unterwäsche oder des Glad-Müllsacks, denn die Bezeichnungen überlässt der Staat zahlungskräftigen Sponsoren aus der Wirtschaft, die auch jeweils für ein Jahr die Freiheitsstatue in New York entsprechend einkleiden dürfen. Die Unterhaltungsindustrie beherrscht das Leben. Allgemeine Fernsehprogramme kennen die ONANisten nicht mehr; jeder von ihnen wird kostenlos mit einem individuellen Programm versorgt. Weil der von dem ehemaligen Schlagersänger Johnny Gentle regierte Staat autark ist, spielt die Außenpolitik kaum noch eine Rolle.

Allerdings kämpfen frankokanadische Separatisten mit Terroranschlägen für die Unabhängigkeit ihrer Provinzen. Die gefährlichste Terrororganisation nennt sich „Assassins des Fauteuils Rollents“ (A. F. R. – Rollstuhlattentäter). Sie versucht, in den Besitz der Originalkassette des Films „Unendlicher Spaß“ zu kommen, um ihn in das Kabelnetz einzuspeisen und als Waffe einzusetzen. Dieses letzte Werk des Regisseurs James O. Incandenza ist nämlich so unterhaltsam, dass jeder Zuschauer irreversibel in den Zustand eines Kleinkindes versetzt wird, alles um sich herum vergisst und nur immer wieder „Unendlicher Spaß“ sehen möchte. Selbstverständlich bemüht sich der Geheimdienst der O. N. A. N., die Verbreitung des gefährlichen Films zu verhindern.

James O. Incandenza arbeitete ursprünglich auf dem Gebiet physikalischer Optik. Bevor er postmoderne Experimentalfilme zu drehen begann, gründete er die „Enfield Tennis Academy“ (E. T. A.) auf einem Hügel bei Boston. Schließlich wurde er alkoholkrank und verübte Selbstmord, indem er seinen Kopf auf komplizierte Weise in einen Mikrowellenherd steckte.

James O. Incandenza hinterließ eine Witwe – die Linguistin Avril, eine schlanke Zwangsneurotikerin Mitte fünfzig – und drei Söhne: den inzwischen in Arizona lebenden Footballspieler Orin, den verkrüppelten und geistig behinderten Filmemacher Mario und Hal. Harold („Hal“) James Incandenza, der jüngste der drei Brüder, hatte den toten Vater mit dem Kopf im Mikrowellenherd aufgefunden und musste daraufhin von einem Schocktherapeuten behandelt werden. Weil der damals Dreizehnjährige nicht verstand, was der Therapeut von ihm wollte, studierte er die Theorien der Psychoanalyse. Inzwischen hat er eine ungekürzte Ausgabe des Oxford English Dictionary auswendig gelernt. Bei der Aufnahmeprüfung an der University of Arizona legt der Siebzehnjährige neun Essays vor, die so genial sind, dass die Prüfungskommission seine alleinige Autorenschaft bezweifelt. Hal beweist nicht nur außergewöhnliche intellektuelle Fähigkeiten, sondern entwickelt sich auch an der Enfield Tennis Academy zu einem der besten Tennisspieler des Landes.

Um den rücksichtslosen Drill und den enormen Leistungsdruck an der Eliteschule wenigstens zeitweise zu vergessen, konsumiert Hal wie die meisten Mitschüler Drogen. Weil er weiß, wie Urintests manipuliert werden können, fällt er nicht auf.

Aufgrund der vielen Süchtigen ist es nicht verwunderlich, dass sich unterhalb der Enfield Tennis Academy eine Entzugsklinik befindet: „Ennet House“. Hier leben nicht nur Alkoholkranke und Drogenabhängige, sondern auch Ruhmsüchtige und Perverse. Geleitet wird Ennet House von dem Hünen Don Gately, der als Sohn einer jeden Tag von seinem Stiefvater verprügelten Alkoholikerin aufwuchs. Der frühere Dieb, der versehentlich zum Mörder geworden war, trinkt seit vier Jahren nicht mehr und engagiert sich bei den Anonymen Alkoholikern. Er betet zwar regelmäßig, empfindet dabei allerdings nur eine grenzenlose Leere.

Zu den Patienten in Ennet House gehört seit einem missglückten Selbstmordversuch Joelle van Dyne, die in dem Film „Unendlicher Spaß“ von James O. Incandenza die Hauptrolle spielte, den fertigen Film aber nie gesehen hat. Als „Madame Psychosis“ moderierte sie eine nächtliche Hörfunksendung. Sie verschleiert sich, angeblich wegen ihrer überirdischen Schönheit. Tatsächlich wurde ihr Gesicht durch einen Säureanschlag ihrer Mutter, der eigentlich ihrem Vater galt, entstellt.

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Als David Foster Wallace sein Opus magnum „Infinite Jest“ in den Neunzigerjahren schrieb, verlegte er die Handlung in die nahe Zukunft. (Das Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche entspricht wohl dem Jahr 2009.) Aber seine Kritik zielt auf die gegenwärtige westliche Gesellschaft. „Unendlicher Spaß“ dreht sich um Menschen, die ihre innere Leere, ihren Ich-Verlust, ihre Einsamkeit, ihre Anhedonie, ihre Depressionen durch Drogen, Alkohol, sinnlosen Zeitvertreib oder verschiedene Obsessionen zu kompensieren versuchen und süchtig werden. Besonders ausgeprägt ist das bei Leistungssportlern: Durch die gewaltigen Anstrengungen verdrängen sie die innere Hohlheit, und um wenigstens zeitweise den enormen Leistungsdruck zu vergessen, der auf ihnen lastet, greifen sie zu Suchtmitteln. David Foster Wallace demonstriert in „Unendlicher Spaß“ vor allem die zerstörerische Wirkung der Reizüberflutung durch die Unterhaltungsindustrie. Die von ihr beherrschte Gesellschaft ist totalitär, denn die verblödeten Individuen sind zu Objekten geworden, die kaum noch eigene Entscheidungen zu treffen vermögen.

„Unendlicher Spaß. Infinite Jest“ ist eine vielschichtige, überbordende Mischung aus Gesellschafts- und Entwicklungsroman, Familiengeschichte, Sport- und Drogendrama, Psychothriller, Satire und Science Fiction. Das Personal des komplexen, multiperspektivischen Romans besteht aus drei Dutzend zum Teil skurrilen Figuren. Hyperrealistische, extrem detaillierte Episoden wechseln sich mit Monologen, einem stream of consciousness und anderen Textformen ab. Die mitunter nicht enden wollenden Sätze zeichnen sich durch treffsichere Wendungen aus.

„Unendlicher Spaß“ ist vieles gleichzeitig: eine satirische Zukunftsversion des westlichen Kapitalismus, ein Abgesang auf den amerikanischen Wettbewerbs- und Sportwahn, Medienkritik, ein radikales Sprachexperiment, eine Shakespeare-Modernisierung. Aber es ist auch eine Verballhornung des traditionellen Familienromans. (Richard Kämmerlings: Das kurze Glück der Gegenwart. Deutschsprachige Literatur seit ’89)

Man watet seitenlang durch Gaddismäßiges Partygelaber, es gibt hart gegeneinander geschnittene Therapieprotokolle und vernuschelten Slang, verfremdete Sportreportagen, trockene Listen und Rezepturen, filmwissenschaftlichen Seminarsprech und Technikgeknatter. All das wuchert in alle Richtungen, nach vorne und hinten (die Kapitel sind zeitlich wild durcheinandergemischt) nach oben und unten (Wallace arbeitet viel mit Fußnoten). Kurzum, man weiß im Verlauf des Buches oftmals nicht, wo einem gerade der Kopf steht. (Alex Rühe, Süddeutsche Zeitung, August 2009)

Endlos geschichtet und in sich gefaltet ist die Textur dieses Romans. Es gibt darin keinen privilegierten Punkt. „Unendlicher Spaß“ praktiziert das Erzählen als All-Over, als akribische Bearbeitung einer Oberfläche, die zwar den Ausgriff in viele Bereiche kennt, Dichtepunkte, komische Crescendi ebenso wie – und nicht zu knapp – das monotone Totlaufen in der endlosen Reihung von Wahnwitz. Und zwar ist das alles auf eine kaum überschaubare Zahl von Stimmen verteilt, die in Ulrich Blumenbachs Übersetzung neben vielen anderen die Sprachen der Jugend, der Wissenschaft, der Filmtheorie oder auch mal Baslerdeutsch sprechen. Der Grundton freilich ist von seltsamer Umständlichkeit, mit jugendsprachlichen Flapsigkeiten und Fachvokabular gleichermaßen durchsetzt. Ein sehr eigener Sound, der den Grundzug des Buchs nur noch einmal verstärkt: Das Wallace-Universum von „Unendlicher Spaß“ kennt kein Außen. (Und, denkt man allzu oft: auch kein Ende.) (Ekkehard Knörer, TAZ, August 2009)

Nicht selten geht er [der Leser] unter in den Wasserfällen endloser Sätze, in der Vielfalt der Perspektiven, der Sprechweisen, des plötzlichen Tonfallwechsels, wo Sarkasmus und Trauer, Hohn und Mitleid dicht beieinanderwohnen. Wer den Beckmesser spielen wollte, müsste sagen: Als Roman ist das Ding aus dem Ruder gelaufen. Aber es handelt sich, gerade deshalb, um große Kunst. Es ist komisch bis zum Kalauer und erschütternd bis zum schwer Erträglichen. Wer es gelesen hat, ist danach ein anderer. (Ulrich Greiner, Die Zeit, September 2009)

An der Übersetzung des Romans „Infinite Jest“ ins Deutsche arbeitete Ulrich Blumenbach (* 1964) sechs Jahre lang. Er wurde für „Unendlicher Spaß“ mit dem Übersetzer-Preis der Leipziger Buchmesse 2010 ausgezeichnet.

Das Monumentalwerk von David Foster Wallace besteht in der Übersetzung von Ulrich Blumenbach aus 1547 Seiten und wiegt 1491 Gramm. Dazu gehören auch 388 Anmerkungen, die nur scheinbar einen Anhang darstellen, in Wirklichkeit jedoch mit zum Roman gehören.

In dem Hörbuch „Unendlicher Spaß. Ein Buch als Ereignis“ lesen acht Schauspieler – Harald Schmidt, Maria Schrader, Manfred Zapatka, Joachim Król u.a. – Ausschnitte aus dem Roman von David Foster Wallace. Außerdem stellen der Übersetzer Ulrich Blumenbach, der Verleger Helge Malchow sowie die Literaturkritiker Elmar Krekeler und Denis Scheck das Buch vor. (München 2010, 2 CDs, ISBN: 978-3-86717-586-9)

David Foster Wallace wurde am 21. Februar 1962 als erstes Kind von James Donald und Sally Foster Wallace in Ithaca, New York, geboren. Der Vater, der zu diesem Zeitpunkt noch Logik und Mathematik studierte, bekam einige Monate nach der Geburt seines Sohnes einen Lehrauftrag an der University of Illinois at Urbana-Champaign. Die Familie zog nach Philo südlich von Urbana, Illinois, und Davids Mutter begann am Parkland College in Champaign Englisch zu unterrichten. Nach ihrem Sohn brachte sie noch eine Tochter zur Welt: Amy.

Zunächst strebte David Foster Wallace eine Karriere als Tennisprofi an und kämpfte sich bis auf Platz 17 der US-Rangliste vor. Dann studierte er nach dem Vorbild seines Vaters Logik und Mathematik. Das Literatur- und Philosophie-Studium, das er anschließend betrieb, schloss er 1985 ab, und zwei Jahre später fügte er noch einen Mastertitel in kreativem Schreiben hinzu. Die Promotion an der philosophischen Fakultät der Harvard University brach er allerdings 1992 ab und übernahm einen Lehrauftrag an der Illinois State University in Normal. Seinen Durchbruch als Schriftsteller schaffte David Foster Wallace mit dem 1996 veröffentlichten Roman „Infinite Jest“. Im Jahr darauf erhielt er den Genius Award der MacArthur Foundation. 2002 wurde er Professor für englische Literatur und Creative Writing am Pomona College in Claremont, Illinois. Zwei Jahre später heiratete er die Künstlerin Karen Green.

Als diese am 12. September 2008 von einer Vernissage nach Hause kam, fand sie ihn tot vor. Er hatte sich in seiner Garage in Claremont erhängt. Aussagen seines Vaters zufolge war er seit Jahrzehnten schwer depressiv gewesen. In einem Interview hatte er gewitzelt: „Ich hatte mit zwanzig eine Art Midlife Crisis, weshalb ich in Sachen Langlebigkeit schlechte Karten haben dürfte.“ (zit. nach Alex Rühe, a.a.O.)

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2010 / 2011
Textauszüge: © Verlag Kiepenheuer & Witsch

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