Christa Wolf : Medea. Stimmen

Medea. Stimmen
Medea. Stimmen Originalausgabe: Luchterhand Literaturverlag, München 1996 ISBN: 3-630-86935-1, 236 Seiten dtv, München 1998 ISBN: 3-423-12444-X, 217 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nachdem Medea, die Tochter des Königs von Kolchis, Jason geholfen hat, in den Besitz des Goldenen Vlieses zu gelangen, flieht sie mit ihm und den Argonauten. In Korinth, wo König Kreon regiert, aber der Erste Astronom Akamas die Fäden zieht, werden sie aufgenommen. Als Medea hinter ein Staatsgeheimnis kommt, eine Freveltat, mit der Kreon seinen Sturz verhinderte, sorgt Akamas durch Gerüchte dafür, dass sie aus der Stadt gejagt wird ...
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Kritik

Christa Wolf deutet Medea zur verleumdeten Humanistin um und macht aus dem griechischen Mythos einen vielschichtigen, gesellschaftskritischen Roman, der sich trotz des ernstes Themas wie ein spannender Politthriller liest.
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Medea erwacht aus einem Fiebertraum und versucht sich zu orientieren. Sie liegt in einer Lehmhütte in Korinth und erinnert sich, dass sie aus dem Seitenflügel des königlichen Palastes, den sie mit ihrem Ehemann Jason und den Zwillingssöhnen Meidos und Pheres bewohnte, verstoßen wurde. Seither lebt sie mit ihrer Vertrauten Lyssa und deren Tochter Arinna in dieser Hütte. Jason, der Medea öffentlich verleugnet, schleicht sich hin und wieder zu ihr, um mit ihr zu schlafen.

Bei Medea handelt es sich um die Tochter von Aietes, des Königs von Kolchis, einer Stadt am Schwarzen Meer, dem östlichen Rand der Welt, und dessen Ehefrau Idya. Sie wuchs mit Lyssa, der Tochter ihrer Amme, zusammen auf. Später wurde Lyssa die Amme von Meidos und Pheres.

Der Tempel der Hekate in Kolchis, in dem Medea als Oberpriesterin fungierte, wurde immer mehr zum Treffpunkt von Menschen, die mit der Herrschaft des Königs Aietes unzufrieden waren und seine verschwenderische Prachtentfaltung missbilligten. (Inzwischen weiß Medea, dass der Prunk im Vergleich mit dem höfischen Leben in Korinth armselig war.) Die von Frauen geprägte Oppositionsbewegung wollte Medeas ältere Schwester Chalkope zur Königin machen und besann sich auf die Tradition, derzufolge ein König höchstens zweimal sieben Jahre lang regieren durfte. Aietes saß seit fast vierzehn Jahren auf dem Thron. Zunächst sah es so aus, als sei er bereit, auf die Forderungen einzugehen und die Krone seinem Sohn Absyrtos zu überlassen, aber dann opferte er ihn seiner Macht: Seine Günstlinge gaben fanatischen Frauen einen Wink. Sie drangen durch den merkwürdigerweise unbewachten Eingang in die Gemächer von Absyrtos vor, rissen ihn aus dem Bad und hackten ihn in Stücke, die sie auf einem Acker verstreuten.

Nachts sammelte Medea die Leichenteile ihres ermordeten jüngeren Bruders ein.

Etwa zur gleichen Zeit trafen die Argonauten in Kolchis ein.

Ihr Anführer Jason, der Sohn Aisons, des Königs von Iolkos in Thessalien, und dessen Ehefrau Polymede, war als Säugling zu dem weisen Kentauren Cheiron ins Piliongebirge gebracht worden. Dadurch sollte er vor seinem Onkel Pelias geschützt werden, der bald darauf seinen älteren Halbbruder Aison stürzte und die Macht an sich riss. Als junger Mann kehrte Jason nach Iolkos zurück und forderte Pelias auf, seinem Vater die Krone zurückzugeben. Pelias versprach, es zu tun, sobald Jason das Goldene Vlies aus Kolchis geholt habe. Dabei handelte es sich um das Fell des von Phrixos, dem vor seiner Stiefmutter Ino geflohenen Sohn des Königs Athamas von Böotien, in Kolchis geopferten Widders Chrysomeles.

Nachdem die fünfzig Argonauten mit ihrem von Phrixos‘ Sohn Argos gebauten Schiff Argo in den Hafen von Kolchis eingelaufen waren, gingen Jason und sein Gefährte Telamon an Land. Sie erschraken über die Leichen, die in einem Hain in Beuteln aus Rinder-, Schaf- und Ziegenfellen aufgehängt waren und von Vögeln bis auf die Knochen abgenagt wurden. (Später erfuhren sie, dass die Bewohner von Kolchis verstorbene Frauen im Gegensatz zu Männern beerdigten.) Im Hof des aus Holz gebauten Königspalastes trafen Jason und Telamon auf Medea, die gerade Wasser aus einem Brunnen trank, der auch Milch, Wein und Öl spendete. Telamon pfiff leise durch die Zähne, als er Medea erblickte, und Jason fühlte sich von der schönen jungen Prinzessin verzaubert.

Jetzt überfällt mich das Bild wieder, das ich all die Jahre unter der Oberfläche gehalten habe. Das grausamste und unwiderstehlichste Bild, das ich von ihr habe. Medea als Opferpriesterin vor dem Altar einer uralten Göttin ihres Volkes, in ein Stierfell gehüllt, eine aus Stierhoden gefertigte phrygische Mütze auf dem Kopf, Zeichen der Priesterin, die das Recht hat, Schlachtopfer zu vollziehen. Und das tat Medea. Sie schwang am Altar das Messer über den geschmückten Jungstier und schlitzte ihm die Halsschlagader auf, dass er in die Knie brach und verblutete. Die Weiber aber fingen das Blut auf und tranken davon, und Medea als erste, und mir schauderte vor ihr, und ich konnte den Blick nicht von ihr wenden, und ich bin sicher, sie wollte, dass ich sie so sah, schrecklich und schön, ich begehrte sie, wie ich noch nie eine Frau begehrt hatte, ich hatte nicht gewusst, dass es dieses Begehren gibt, das dich zerreißt, und ich floh, als die Weiber im Blutrausch zu stampfen anfingen und grässlich zu tanzen, und ich wusste, ohne diese Frau konnte ich nicht mehr weg. Ich musste sie haben. (Seite 64f)

Medea brachte die Gäste zu ihrem Vater. Als Jason ihn um die Herausgabe des Goldenen Vlieses bat, stellte ihm der König Bedingungen, die er für unerfüllbar hielt: Jason sollte die Stierherde und die Riesenschlange besiegen, die das in der Krone einer Eiche im Hain des Ares aufgehängte Goldene Vlies bewachten. Jedes Jahr breiteten die Kolcher das Fell nach der Schneeschmelze in einem Gebirgsbach aus, um damit den in den Bergen vom Wasser weggeschwemmten Goldstaub aufzufangen.

Unerwartet erhielt Jason Unterstützung von Medea, die allerdings als Gegenleistung verlangte, dass sie danach mit an Bord der Argo gehen durfte. Sie riet ihm, zum Schein auf das Goldene Vlies zu verzichten und die Abreise vorzubereiten. Beim Abschiedstrunk im Palast mischte sie in die Gläser der Kolcher ein Schlafmittel. Auf ähnliche Weise schaltete sie auch die Wachen aus. Dann reichte sie Jason eine aus Stierhoden gefertigte Mütze, die ihn unsichtbar machte. So war es ihm möglich, die Stiere zu töten, die das Goldene Vlies bewachten. Bevor er sich der Eiche näherte, um die sich eine dreiköpfige Schlange wand, ließ er sich von Medea mit einer Salbe einreiben, die ihn gegen das Schlangengift unempfindlich machte. Aber das wäre gar nicht nötig gewesen, denn Medea träufelte dem Ungeheuer Saft aus frisch geschnittenen Wacholderweigen in die Augen und betäubte es damit. Unbehelligt kletterte Jason in die Baumkrone und holte das Goldene Vlies herunter.

Bei ihrer Flucht auf die Argo nahm Medea eine von Lyssa heimlich zusammengestellte Gruppe von Getreuen mit. Nur Presbon, der eitle Sohn einer Magd und eines Offiziers der Palastwache, schloss sich den Flüchtlingen unaufgefordert an.

Medea verließ Kolchis, weil sie in der verdorbenen Stadt, in der ihr Bruder ermordet wurde, nicht bleiben wollte. Aietes verfolgte sie mit seiner Flotte, bis Medea Absyrtos‘ Knochen nach und nach aus der Argo warf. Da ließ der König seine Tochter und die Argonauten mit dem Goldenen Vlies ziehen.

In Iolkos hatte König Pelias Jasons Vater Aison mit der Lüge, die Argo sei untergegangen, in den Suizid getrieben. Jason und Medea, die sich unterwegs vermählt hatten, mussten vor ihm fliehen. Zuflucht fanden sie bei König Kreon in Korinth. Dort gebar Medea kurz nach der Ankunft die Zwillinge Meidos und Pheres.

Medea wunderte sich anfangs darüber, welche Bedeutung die Korinther dem Gold beimessen. Heerscharen von Beamten ermitteln, wieviel Gold jeder der Bewohner besitzt und setzen dementsprechend die Steuer fest, die er zu entrichten hat.

Der Vater unseres Königs Kreon war ein kluger Mann. Mit einem einzigen Verbot hat er das Gold in Korinth zum begehrten Objekt gemacht: mit dem Gesetz, dass Korinther, deren Abgaben an den Palast nicht eine bestimmte Höhe erreichten, keinen Goldschmuck tragen durften. (Seite 38)

Die Korinther, die ihr Land gewaltsam von den Ureinwohnern geraubt hatten, glauben, dass sie allen anderen Menschen überlegen seien und verachten die Kolcher wie alle Fremden. Medea kritisiert das:

Ihr überhebt euch über alles und alle, das verstellt euch den Blick für das, was wirklich ist, auch dafür, wie ihr wirklich seid. (Seite 179)

Medea hat zwar Macht über Menschen, aber ihre Unangepasstheit missfiel den Korinthern von Anfang an. Jason tadelte sie deshalb.

Und sie? Ich bin nicht von Kolchis weg, um mich hier zu ducken, solche Reden führt sie und bindet ihren wilden Haarbusch nicht ein, wie die Frauen von Korinth es nach der Hochzeit tun, und sagt noch: Na und? findest du mich nicht schöner so? Die Unverschämte. Weiß ganz genau, was ich schön, wen ich am schönsten finde. Und läuft durch die Straßen wie ein Ungewitter und schreit, wenn sie zornig ist, und lacht laut, wenn sie froh ist. (Seite 67)

Vor einiger Zeit beendete Medea eine Hungersnot in Korinth, indem sie die Menschen lehrte, welche Wildpflanzen genießbar sind und sie dazu brachte, auch Pferdefleisch zu essen. Inzwischen leugnen die Korinther, aus freien Stücken Unkraut und Pferdefleisch verzehrt zu haben; sie behaupten, Medea habe sie verhext.

Weil der Hof ihr stolzes Wesen nicht ertrug, musste Medea den Palast verlassen.

Jedenfalls packte sie beinahe erleichtert ihre Sachen, viel war es nicht, ich [Jason] stand herum, sah ihr zu, sagte nichts, hatte nichts zu sagen. Lyssa machte nebenan die beiden Kinder fertig, dann standen sie vor mir, mit ihren Bündeln, so wie sie einst in diesen stolzen Palast eingezogen waren, mir wurde heiß, ich schluckte. Ich höre Medea noch fragen: Na, gehst du mit? Auf die Idee war ich noch gar nicht gekommen, und genau das hatte sie mir mit ihrer Frage zeigen wollen. (Seite 52f)

Vor einiger Zeit, als Jason und Medea schon nur noch eine Scheinehe führten, besuchte Medea ein Fest, das Kreon für Kaufleute und Gesandte aus Libyen und anderen Mittelmeerländern gab. Jason hatte sie dazu überredet und ihr eingeschärft, es gelte das Ansehen des Königs zu wahren. Allerdings stellte Medea verärgert fest, dass man ihr einen Platz bei den Dienstleuten am Ende der Tafel zugewiesen hatte. Glücklicherweise saß sie zwischen dem ihr treu ergebenen Argonauten Telamon und ihrem Freund Leukon, dem Zweiten Astronom des Königs. Mit ihnen unterhielt sie sich prächtig, und durch ihr lautes Lachen zog sie die Blicke auf sich.

Als Medea beobachtete, wie Königin Merope, die sich nur selten zeigte, vorzeitig und ohne Gruß das Fest verließ, schlich sie ihr ins düstere Kellergewölbe nach, in das unterirdische Spiegelbild des Palastes. Merope kauerte eine Weile schluchzend in einem Gang. Nachdem sie sich entfernt hatte, ging Medea zu der Stelle und ertastete im Dunkeln das Skelett eines Kindes. Ist Korinth auf eine Untat gegründet? Hatte sie eine verdorbene Stadt mit einer anderen vertauscht?

Agameda hatte gesehen, dass Medea der Königin nachgeschlichen war.

Agameda stammte aus Kolchis. Im Alter von zehn Jahren war sie Vollwaise geworden. Medea, die mit ihrer Mutter befreundet gewesen war, nahm sie als Tempelschülerin auf, behandelte sie jedoch besonders streng, damit ihr niemand nachsagen konnte, sie bevorzuge die Tochter einer verstorbenen Freundin. Agameda hasst Medea deshalb, obwohl sie ihr viel zu verdanken hat und durch sie zur Heilerin wurde. Sie warnt andere vor der „berüchtigten Ausstrahlung“ Medeas (Seite 74) und tut sich mit Presbon zusammen, dem Mann, der Medea aus eigenen Stücken gefolgt war. Seit der eitle Geck mit seiner „unbezähmbaren Ichsucht“ (Seite 33), der inzwischen die Festspiele in Korinth ausrichtet, gemerkt hat, dass er Medea gleichgültig ist, hasst er sie.

Die beiden Verschwörer suchen Akamas auf, den Ersten Astronom des Königs und mächtigsten Mann der Stadt. Der lässt sie zunächst warten und sich dann berichten, was Agameda beobachtet hat. Aufgrund seiner Nachfragen begreift Agameda, dass in den Kellergewölben ein Staatsgeheimnis verborgen ist. Erst nachdem sie mehrmals beteuert hat, Medea nicht gefolgt zu sein, beruhigt Agameda sich. Offenbar ist das Geheimnis so furchtbar, dass es nicht öffentlich gegen Medea verwendet werden kann. Aber da weiß Agameda Rat: Man müsse Medea eben etwas anderes zur Last legen, sie zum Beispiel beschuldigen, in Kolchis ihren Bruder Absyrtos ermordet zu haben.

Jason muss im Ältestenrat zu dem Gerücht Stellung nehmen, Medea habe Absyrtos umgebracht. Er windet sich, indem er erklärt, als Medea an Bord der Argo gekommen sei, habe er wegen der Dunkelheit nicht erkennen können, was sie in ihrem Bündel bei sich trug.

Absyrtos, Bruder, bist also gar nicht tot, hab dich umsonst Knöchelchen um Knöchelchen aufgelesen auf jenem nächtlichen Acker, auf dem die wahnsinnigen Weiber dich verstreut hatten, armer zerstückelter Bruder. Bist mir nachgekommen, zäh, wie ich dich gar nicht gekannt habe, aber wie habe ich dich denn gekannt, hast deine zerstückelten Glieder wieder zusammengesetzt, am Grunde des Meeres sie wieder versammelt, Bein und Bein, und bist mir gefolgt, als Luftgebilde, als Gerücht. Du wolltest nie mächtig sein, jetzt bist du es. (Seite 97)

Bei dem von Medea entdeckten Skelett handelt es sich um die sterblichen Überreste der älteren der beiden Königstöchter. Als Kreon befürchtete, die von Merope angeführten, mit seiner Herrschaft unzufriedenen Frauen könnten Iphinoe an seine Stelle setzen, beschloss er, das Mädchen zu töten. (Die Krone vererbt sich in Korinth ohnehin in mütterlicher Linie.) Seine Männer brachten Iphinoe in den Keller. Ihre Amme begleitete sie und sprach beruhigend auf sie ein, bis Iphinoe auf einem eigens errichteten Altar geopfert wurde. Der Schock machte die Amme geisteskrank, und bald darauf fand man ihre Leiche unterhalb der Klippen von Korinth. Offiziell hieß es, ein mächtiger junger König aus einem fernen Land habe Iphinoe entführt und zu seiner Frau gemacht.

Iphinoes jüngere Schwester Glauke verdrängte das traumatische Ereignis. Medea gab sich viel mit ihr ab und ließ sie vor allem von ihrer Kindheit erzählen.

Sie hielt mich ganz fest […] sie sprach leise mit mir, als wir uns der Stelle näherten und meine Hände feucht wurden und meine Füße sich gegen den Boden stemmten, sie beruhigte mich durch ihre Worte, nein, es war mehr als Beruhigung, es war eines ihrer Zauberkunststücke, das ist mir jetzt klar, denn auf einmal nahm ich nichts mehr wahr als eine große Stille, und als die Geräusche wiederkehrten, saß ich neben ihr auf der Steinbank am anderen Ende des Palasthofes im Schatten des uralten Olivenbaumes, ich musste also doch gelaufen sein, jene Stelle passiert haben, ohne in die Zustände zu verfallen, vor denen ich mich so fürchtete, fast war mir, als müsse ich sie nachholen, damit alles seine Richtigkeit hatte, aber sie sagte, das sei nun nicht mehr nötig, sie legte meinen Kopf in ihren Schoß, strich mir über die Stirn und redete leise von dem Kind, das ich einmal gewesen sei und das mit jener Stelle auf dem Hof eine unerträgliche Erinnerung verbinde, die ich hätte vergessen müssen, um weiterleben zu können, was ja auch in der Ordnung gewesen sei, wenn nicht im Kopf des Kindes, während es heranwuchs, das Vergessene mitgewachsen wäre, ein dunkler Fleck, der größer wird, verstehst du mich, Glauke, bis er sich des Kindes, des Mädchens bemächtigt habe, ach ich verstand sie, nur zu genau verstand ich sie, sie warf mir das Seil zu, an ihren Fragen sollte ich mich hinablassen, sie wollte mich vorbeiführen an den gefährlichen Stellen, die ich alleine nicht passieren konnte […] (Seite 147f)

Schließlich erinnerte sich Glauke an einen grauenhaften Streit ihrer Eltern am Brunnen im Hof und dann auch daran, wie sie als Kind durch Geräusche aus dem Schlaf hochschreckte, auf den Korridor hinausging und sah, wie Iphinoe von einem Trupp bewaffneter Männer weggeführt wurde. Beinahe wäre Glauke durch die Aufarbeitung der Vergangenheit von ihren epileptischen Anfällen befreit worden. Sie mochte Medea, aber seit diese offenbar in Ungnade gefallen ist, zweifelt Glauke an der Lauterkeit ihrer Absichten und glaubt, sich die von Medea heraufbeschworenen Erinnerungen nur eingebildet zu haben.

Glauke ist in Jason verliebt. Anfangs unterdrückte sie ihre Gefühle, aber dann fand sie heraus, dass Medea eine Liebesbeziehung mit dem Bildhauer Oistros hat und die Ehe mit Jason nur noch zum Schein besteht. Inzwischen hat Jason die Absicht, sich vollends von Medea zu trennen und Glauke zu heiraten. Allerdings ahnt sie nicht, dass es ihm dabei nur darum geht, Kreon zu beerben und König von Korinth zu werden.

Als die Erde bebt, glauben die Bewohner von Korinth, Medea sei daran schuld und jagen sie durch die Straßen. Sie kann sich gerade noch in Oistros‘ Werkstatt retten. Während überall Tote unter den Trümmern liegen und deshalb Seuchen drohen, wird ein toter Höfling pompös bestattet. Dadurch zieht Kreon den Unwillen der Korinther auf sich.

Die Pest beginnt in Armenvierteln und breitet sich dann auch in die besseren Gegenden aus.

Obwohl die meisten aus Furcht vor der Ansteckung in ihren Häusern bleiben, trifft Leukon sich auch weiterhin mit Medea. Er gibt zu, von der Opferung der Königstochter gewusst zu haben, versucht Medea jedoch klar zu machen, dass es verschiedene Stufen des Wissens gebe.

Leukons Geliebte ist die mit Oistros zusammenarbeitende Steinschneiderin Arethusa. Sie macht kein Geheimnis daraus, dass sie auch mit einem Alten ins Bett geht, den alle nur den Kreter nennen und manche für ihren Vater halten. Er hatte sie nach einem Erdbeben auf Kreta aus den Trümmern gerettet und hierher gebracht. Als der Kreter an der Pest erkrankt, pflegt Arethusa ihn bis zuletzt. Dabei infiziert sie sich selbst und stirbt ebenfalls.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Anders als ihre Landsleute, die dem Opferfest im Artemis-Tempel fernbleiben, nimmt Medea die Einladung gegen den Rat ihrer Freunde an. Damit die Götter die Pest beenden, sollen nicht nur Stiere getötet werden, sondern auch die Männer, die im Tempel Asyl fanden, nachdem sie vor der Willkür ihrer Herren weggelaufen waren. Medea bringt die Priesterinnen dazu, das Tor vor der heranrückenden Menge zu schließen, aber es wird aufgebrochen. Furchtlos tritt sie dem Anführer entgegen und verweist darauf, dass die Vorfahren immer nur einen Menschen opferten. Alles andere sei Frevel, ruft sie. Auf diese Weise gelingt es ihr, die Gefangenen bis auf einen Mann vor dem sofortigen Tod zu bewahren.

Während der anschließenden Mondfinsternis feiern die Kolcherinnen ihr eigenes Fest. Das wird gestört, als Turon, ein Gehilfe des Akamas, im heiligen Hain einen Baum fällt. Die aufgebrachten Kolcherinnen fallen über ihn her, entmannen ihn, spießen sein Gemächt auf und tragen es demonstraiv durch die Stadt. König Kreon lässt daraufhin die Kolcher niedermachen. Nur einigen Frauen und Kindern gelingt es, zu Arinna in die Berge zu fliehen.

Medea, die mit den Kolcherinnen gefeiert hatte, blieb bei dem Bewusstlosen im Hain und stillte die Blutung mit Heilpflanzen. Dann brachte sie Oistros dazu, eine Trage zu bauen und ihr zu helfen, den Verletzten in die Stadt zu bringen. Dort übergaben sie ihn zwei Soldaten der Palastwache. Nun heißt es plötzlich, Medea habe die hysterischen Weiber angeführt. Turon will sie gesehen haben. Sie muss sich vor Gericht verantworten.

In einer fensterlosen Kammer wartet Medea auf das Urteil. Das steht von vornherein fest, denn bei dem Gerichtsverfahren handelt sich um einen Schauprozess. Presbon sagt gegen sie aus, wirkt jedoch aufgrund seiner Eitelkeit unglaubwürdig. Geschickter verhält sich Agameda. Sie verbirgt ihren Hass und biegt die Wahrheit so raffiniert zurecht, dass der Eindruck entsteht, Medea habe seit langer Zeit planmäßig auf den Untergang des Königshauses von Korinth hingearbeitet.

Medea wird aus Korinth verbannt und darf ihre beiden Söhne nicht mitnehmen. Wie bei einem Sündenbock üblich, wird sie durch die Straßen geschleift, von der Menge beschimpft, bedroht, bespuckt und dann durchs Südtor hinausgestoßen. Bevor sie weggeht, prophezeit sie Korinth den Untergang. Leukon beneidet sie.

Neid, weil sie, das unschuldige Opfer, frei war von innerem Zwiespalt. Weil der Riss nicht durch sie ging, sondern zwischen ihr und jenen klaffte, die sie verleumdet, verurteilt hatten, die sie durch die Stadt trieben, beschimpften und bespuckten. (Seite 224)

Und manchmal frage ich mich, was gibt einem Menschen, was gab dieser Frau das Recht, uns vor Entscheidungen zu stellen, denen wir nicht gewachsen sind, die uns aber zerreißen und uns als Unterlegene, als Versagende, als Schuldige zurücklassen. (Seite 225f)

Die Pest flaut ab.

Als sich Glauke, die nach dem Urteilsspruch zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder einen epileptischen Anfall erlitt, im Brunnen des Palasthofes ertränkt, werden Kommandos ausgeschickt, die nach Medea suchen. Aber sie finden weder sie noch ihre inzwischen ebenfalls verschwundene Vertraute Lyssa, deren Tochter sich seit einiger Zeit in den Bergen versteckt. Akamas lässt nicht nur das Gerücht verbreiten, die Göttin Artemis habe Medea in einem Schlangenwagen der Erde enthoben, sondern er sorgt auch dafür, dass die Leute glauben, Medea habe Glauke ermordet. Es heißt, Medea habe sich zum Schein mit ihrer Rivalin versöhnt und ihr zum Abschied ein weißes Hochzeitskleid geschenkt, das allerdings vergiftet gewesen sei und Glauke die Haut verbrannt habe. Besinnungslos vor Schmerz und Kühlung suchend habe Glauke sich in den Brunnen gestürzt.

Jason, dessen Pläne damit wie ein Kartenhaus zusammengebrochen sind, liegt nur noch unter dem vermoderten Rumpf der in Hafennähe aufgedockten Argo. Telamon versorgt ihn nicht notdürftig.

König Kreon zieht sich ins Innere seiner Gemächer zurück und empfängt niemanden außer Akamas, der sich nun auf dem Höhepunkt seiner Macht befindet, die nicht zuletzt darauf basiert, „dass sie unsichtbar bleibt und jedermann, besonders der König, fest überzeugt ist, er allein, Kreon, sei die Quelle der Macht in Korinth“ (Seite 122). Der Erste Astronom lässt Königin Merope unter Hausarrest stellen und jagt seine Mitwisser Presbon und Agameda aus der Stadt.

Von Arinna erfährt Medea nach Jahren, dass Meidos und Pheres vom Pöbel gesteinigt wurden und man sie beschuldigt, ihre Söhne ermordet zu haben, um sich an Jason zu rächen.

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Nach „Kassandra“ beschäftigt sich Christa Wolf mit einer weiteren Figur aus der griechischen Mythologie: Medea. Allerdings deutet sie den Mythos bewusst aus weiblicher Sicht um. Bei Christa Wolf ist Medea keine hasserfüllte Furie, die sich grausam dafür rächt, dass ihr Ehemann Jason sie verlassen hat. Dass die Zauberin Medea ihren Bruder Absyrtos, ihre Rivalin Glauke und ihre Söhne Meidos und Pheres ermordet habe, ist hier nichts als ein Gerücht, das der heimliche Machthaber Akamas bewusst streut, um die ebenso starke und stolze wie eigenwillige und unangepasste Immigrantin zu zerstören. Tatsächlich verkörpert Medea das Ideal einer humanen Gesellschaft. Die Könige von Kolchis und Korinth regieren dagegen nur noch aufgrund von Freveltaten: Aietes ließ seinen Sohn Absyrtos ermorden, Kreon seine Tochter Iphinoe. Beide zerschlugen damit Aufstandsbewegungen, die von ihren Ehefrauen Idya bzw. Merope mit dem Ziel angeführt worden waren, Verbesserungen der politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse durchzusetzen. Dabei dachte Christa Wolf bei dem im Osten liegenden Kolchis an die DDR und beim reichen, arroganten Korinth, in dem man alle anderen Menschen für Barbaren hält, an die Bundesrepublik Deutschland. Die Bewohner von Korinth belügen sich selbst und verdrängen die unbewältigte Vergangenheit. Opportunismus, Mangel an Zivilcourage und Xenophobie bestimmen ihr Verhalten. Medea machen sie zum Sündenbock.

Um nicht den Anschein zu erwecken, die neue Sicht auf Medea sei die objektive Wahrheit, verzichtet Christa Wolf auf einen auktorialen Erzähler. Stattdessen lässt sie in den elf Kapiteln des Romans sechs „Stimmen“ auftreten. Wir „hören“ vier Monologe von Medea, je zwei von Jason und Leukon, je einen von Agameda, Akamas und Glauke. Das ist ein überzeugender Ansatz, auch wenn die Figuren schablonenhaft bleiben, keine individuelle Sprache haben und deshalb ein wenig wie Marionetten wirken, die von ein und derselben Person – der Autorin – bewegt werden.

Auch innerhalb der Monologe ist die Darstellung nicht streng chronologisch, sondern sie folgt den Erinnerungen der Figuren.

Trotz des antiken Stoffes, der ernsten, vielschichtigen Thematik und der „verernsteten Sprache“ (Roberto Simanowski) liest sich der Roman „Medea. Stimmen“ wie ein spannender Politthriller.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2010
Textauszüge: © Luchterhand Verlag

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