Marguerite Yourcenar : Anna, soror ...

Anna, soror …

Marguerite Yourcenar

Anna, soror ...

Manuskript: 1925, 1935, 1980 Originalausgabe: Anna, soror ... Editions Gallimard, 1981 Anna, soror ... Übersetzung: Anna Ballarin Manholt Verlag, Bremen 2003 119 S., ISBN 3-924903-5-0, 18 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Neapel 1595. Nach dem Tod ihrer Mutter spüren Anna und Miguel, wie in ihrer bisher unschuldigen Geschwisterliebe eine beunruhigende Leidenschaft keimt. Das macht ihnen Angst. Miguel drängt darauf, seine Ausbildung als Page in Madrid zu beginnen, doch als die geplante Reise abgesagt wird, jubelt er: "Gott hat es nicht gewollt!" ...
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Kritik

Die kraftvolle, ergreifende Erzählung wirkt wie aus einem Guss, stilistisch homogen und in einem großen Schwung verfasst. Obwohl es sich bei "Anna, soror ..." um ein Jugendwerk Marguerite Yourcenars handelt, ist die Komposition bereits meisterhaft.
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Anna wird 1575 in Neapel geboren. Ihr Vater Don Alvaro, Marchese de la Cerna, verdankt seine Stellung als Kommandant im Castel Sant‘ Elmo der Gunst des spanischen Vizekönigs. (Neapel ist 1503 bis 1734 die Hauptstadt des Vizekönigreichs von Aragon.) Einige Jahre nachdem seine erste Frau und sein einziger Sohn aus erster Ehe der Pest erlegen waren, heiratete er Valentina de Montefeltro.

Als Anna ein Jahr alt war, kam Donna Valentina mit einem Sohn nieder, der auf den Namen Miguel getauft wurde.

Die beiden Kinder teilen mit ihrer vornehmen Mutter die gleichsam klösterliche Abgeschiedenheit, die Don Alvaro anordnete, weil er wegen der Schönheit seiner Frau besorgt ist, ein anderer Mann könne auf sie aufmerksam werden. Donna Valentina nimmt es bereitwillig hin und verbringt ihre Zeit mit Anna und Miguel vornehmlich in den kleinen Gewölbezimmern der Festung, auf den Landgütern in Kalabrien und im Kloster von Ischia.

Im August 1595 kündigt Don Alvaro an, sein Sohn werde noch vor Weihnachten nach Madrid reisen, um dort als Page in die Dienste des Herzogs von Medina zu treten.

Zuvor begleitet Don Miguel seine Mutter und seine Schwester zu den Ländereien in Acropoli, wo sein Vater Reben angebaut hat. Ausnahmsweise kann Don Alvaro diesmal die Weinlese nicht selbst überwachen und schickt deshalb seine Frau mit den Kindern allein hin. Während des Aufenthalts auf dem Land stirbt Donna Valentina im Alter von 39 Jahren. Ihre Kinder bringen den Sarg nach Neapel.

In der Bibel seiner verstorbenen Mutter stößt Don Miguel auf die Geschichte von Amnon, der seine Schwester Thamar vergewaltigt.

Eine Möglichkeit, die er niemals zu bedenken gewagt hatte, stieg vor ihm auf. Sie machte ihm Angst.

Weil Don Alvaro beim Herzog von Medina in Ungnade fällt, wird die geplante Spanienreise seines Sohnes abgesagt. Don Miguel, der bisher darauf drängte, so rasch wie möglich abreisen zu können, weil ihn seine Gefühle für Anna beunruhigen, verfällt in einen Glückstaumel: „Gott hat es nicht gewollt!“ Er kann bei seiner Schwester bleiben. Doch um sich abzulenken, fängt er ein Lasterleben in den Hafenspelunken an.

Morgens fand sich Don Miguel auf der Schwelle irgendeiner einfachen Hafenkneipe wieder, krank, vor Kälte schlotternd, stumpf vor Müdigkeit, so düster wie der Himmel bei Anbruch der Dämmerung.

Er zahlt Zufallsbekannten die Zeche, sieht einer kaum 20-jährigen Hure namens Anna beim Tanz zu, vergnügt sich mit Kurtisanen, und einmal begegnet er im Flur einer Spelunke seinem Vater.

In der Karwoche 1596 zieht Donna Anna sich nicht, wie gewohnt, ins Kloster von Ischia zurück. Als ihr Bruder sie nach dem Grund fragt, wagt sie es nicht, ihm zu sagen, dass sie in seiner Nähe bleiben möchte.

Unerklärliche Ängste erfassten sie vor ihrem Bruder; bei der geringsten Berührung seiner Hände fühlte er sie erschauern. Dann entfernte er sich. Abends, in seinen eigenen Gemächern, war er bis zu Tränen erregt und machte sich Vorwürfe wegen seines Begehrens und seiner Skrupel, und er fragte sich voller Entsetzen, was am nächsten Tag zur gleichen Stunde geschehen würde.

Nachdem ihr Bruder sie in einer heftigen Gefühlswallung am Gründonnerstag daran hinderte, in einer Kirche den aus Ton modellierten Gekreuzigten zu küssen, liest auch Donna Anna mit rasendem Herzen die Stelle im Alten Testament über die Vergewaltigung Thamars durch ihren Bruder Amnon.

In dieser Nacht hört Don Miguel ein Geräusch an seiner verriegelten Zimmertür.

Er setzte seine Füße auf die Fliesen und erhob sich ganz leise. Instinktiv hielt er seinen Atem an. Er wollte sie nicht erschrecken, er wollte nicht, dass sie sein Lauschen bemerkte. Er fürchtete, sie könnte die Flucht ergreifen, und mehr noch fürchtete er, sie würde bleiben. Die Holzdiele auf der anderen Seite der Schwelle knarrte ein wenig unter zwei nackten Füßen. Er näherte sich der Tür, lautlos, hielt oft inne, und schließlich lehnte er sich gegen den Türflügel. Er spürte, dass sie sich ebenfalls dagegen lehnte; das Zittern ihrer beiden Körper übertrug sich auf das Holz. Es war absolut finster: jeder vernahm im Dunkeln den schweren Atem des Begehrens, dem eigenen gleich. Sie wagte nicht, ihn zu bitten, die Tür zu öffnen. Und er wartete darauf, dass sie spräche, damit er es wagen könne. Das Gefühl von etwas Unmittelbarem und nicht wieder Gutzumachendem ließ ihn erstarren; gleichzeitig wünschte er, sie wäre niemals gekommen und wäre doch bereits eingetreten.

Mittags sucht er seinen Vater auf und teilt ihm mit, dass er auf einer der bewaffneten Galeeren angeheuert hat, die zwischen Malta und Tanger Jagd auf Piraten machen. Don Alvaro ist entsetzt: Sein einziger Erbe auf einem dieser veralteten, schlecht ausgerüsteten und mit Abenteurern besetzten Schiffe! Aber er hält Miguel nicht davon ab:

„Ich vermute, Euch ist eine Prüfung auferlegt worden. Ich muss sie nicht kennen. Niemand hat das Recht, sich zwischen ein Gewissen und Gott zu stellen.“

Am diesem Abend – es ist Karfreitag – begegnen sich die Geschwister auf dem Balkon, der ihre Zimmer verbindet.

Obwohl Don Miguel damit rechnet, von seiner Schiffsreise nicht zurückzukehren, beichtet er an Ostern nicht, denn eine Art Eifersucht hindert ihn daran, sein Geheimnis auch nur einem Priester zu enthüllen. – Wegen einer Flaute verzögert sich seine Abreise um einige Tage. Später, als Anna bereits über 60 ist, erinnert sie sich an diese Zeit:

„Fünf Tage und fünf Nächte eines stürmischen Glücks erfüllten mit ihrem Widerhall und Widerschein alle Winkel der Ewigkeit.“

Ende Mai 1596 erhält Anna die Nachricht vom Tod ihres Bruders. Die Galeere stieß auf halbem Weg zwischen Sizilien und Afrika auf algerische Freibeuter. Zwar wurden die Piraten besiegt, aber das spanische Schiff trieb tagelang manövrierunfähig umher, bis es an der Küste von Sizilien strandete. Da waren die meisten bereits verdurstet.

Don Alvaro muss mit einem Konvoi nach Flandern ins Exil. Anna de la Cerna begleitet ihn nach Brüssel, wo die Infantin die Vermählung der jungen Aristokratin mit Egmont de Wirquin arrangiert. Am 7. August 1600 findet die Hochzeit statt. Ergeben erträgt Anna ihren Ehemann, der ihrem Vater zürnt, weil dieser sein Vermögen frommen Stiftungen überlässt.

Im Juli 1602 klopft ein in Lumpen gehüllter Mann an die Pforte des Klosters San Martino in Neapel und bittet darum, als niedrigster der Brüder aufgenommen zu werden. Prior ist Don Ambrosio Caraffa, dessen jüngerer Bruder Liberio von Don Alvaro enthauptet wurde, weil er die Bauern gegen die Steuerbeamten aufgewiegelt hatte. In dem Bettler erkennt der Prior den ehemaligen Kommandanten der Festung Sant‘ Elmo. Vor zehn Jahren hätte er ihn mit einem Dolch empfangen, aber inzwischen ist sein Zorn verflogen.

Die Gespenster töten einander nicht an diesem Ort des Friedens.

Als 60-jährige Witwe überlässt Anna ihr Landgut dem einzigen noch lebenden Sohn und richtet sich im Kloster von Douai, in dem ihre Tochter als Nonne lebt, als Pensionärin ein.

Ein Priester möchte ihr im Todeskampf beistehen. Aber seine Bemühungen scheitern an Sprachschwierigkeiten, und das Kruzifix, das er ihr vor die Augen hält, vermag sie nicht mehr zu erkennen.

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Die ursprüngliche Fassung der kraftvollen, ergreifenden Erzählung „Anna, soror …“ entstand im Frühjahr 1925 innerhalb weniger Wochen während eines Aufenthalts der Autorin in Neapel und unmittelbar danach. Vor allem der Teil bis zur Abreise Donna Annas und ihres Vaters ins Exil nach Flandern wirkt denn auch wie aus einem Guss, stilistisch homogen und in einem großen Schwung verfasst. Nuanciert erleben wir das Keimen der leidenschaftlichen Geschwisterliebe und die Angst, mit der Bruder und Schwester auf ihre Gefühle reagieren. Symbolische Szenen wie zum Beispiel das Lauschen der Geschwister auf beiden Seiten der verschlossenen Tür sorgen für Resonanz und verstärken die dichte Atmosphäre. Werden sie die Schwelle überschreiten? Obwohl es sich bei „Anna, soror …“ um ein Jugendwerk handelt, ist die Komposition bereits meisterhaft.

Souverän geht Marguerite Yourcenar mit der moralischen Frage der Geschwisterliebe um und schreibt mit großem Verständnis, ohne die Spur einer Anklage, ohne Effekthascherei über den Inzest, der noch dazu an einem Karfreitag beginnt. Natürlich haben Leser und Kritiker versucht, auch in dieser Erzählung autobiografische Züge zu entdecken. In ihrem Nachwort schreibt die Autorin dazu, sie habe zwar einen 19 Jahre älteren Halbbruder gehabt, sich jedoch nie mit ihm verstanden. Eine verständliche Reaktion darauf, so meint sie, sei nicht die Figur eines blutschänderischen, sondern eines liebevollen Bruders gewesen.

Bestimmt ist es kein Zufall, dass Marguerite Yourcenar die Erzählung in einer von Reformation und Gegenreformation geprägten Zeit – also in einer Epoche des Umbruchs – spielen lässt.

Die Geschichte war ursprünglich als Teil eines Romans mit dem Titel „Remous“ konzipiert, den Marguerite Yourcenar dann allerdings nicht vollendete. 1935 verbesserte sie Stil, Syntax und Grammatik der Erzählung. Doch erst nachdem sie den Text 1980 noch einmal gründlich überarbeitet und vor allem einige Passagen aufgelockert hatte, wurde „Anna, soror …“ erstmals veröffentlicht (1981).

Die deutschsprachige Ausgabe erschien im Frühjahr 2003 im Manholt Verlag, einem kleinen Verlag in Bremen, der pro Jahr vier bis fünf Romane vor allem aus dem französischen Sprachgebiet und der Zeit ab dem Ende des 19. Jahrhunderts herausbringt. Das fadengebundene Buch mit Marguerite Yourcenars Erzählung „Anna, soror …“ trägt unter einem stilvollen braunen Schutzumschlag einen passenden schwarzen Einband.

Marguerite Yourcenar (eigentlich: Marguerite Antoinette Jeanne de Crayencour, 1903 – 1987) stammte aus einem alten französisch-belgischen Adelsgeschlecht. Ihre Mutter, Fernande de Cartier de Marchienne, starb im Kindbett. Ihr Vater, Michel Cleenewerck de Crayencour, ein hochgebildeter, nonkonformistischer Kosmopolit, war zu diesem Zeitpunkt bereits 50. Marguerite studierte in Frankreich, England und in der Schweiz. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete sie als Lehrerin in den USA, und 1939 ließ sie sich auf der Insel Mount Desert (Maine) an der amerikanischen Ostküste nieder. Als erste Frau wurde sie 1980 in die Académie française aufgenommen.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2003
Textauszüge: © Manholt Verlag

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Geschickt macht Andrea van Bebber in ihrem Roman "Töne durch die Wand" aus einem Teil der Handlung einen Rahmen und fügt die Vorgeschichte der Protagonistin in Form von Erinnerungen bzw. Rückblenden ein.

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