Anne Frank : Liebe Kitty

Liebe Kitty
Het Achterhuis Manuskript: 1944 Anne Frank Liebe Kitty Ihr Romanentwurf in Briefen Übersetzung: Waltraud Hüsmert Essay von Laureen Nussbaum Secession Verlag für Literatur, Zürich 2019 ISBN 978-3-906910-62-8, 207 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Das Tagebuch der Anne Frank und ihr fragmentarischer Briefroman bestehen zum großen Teil aus gut beobachteten Charakterstudien. Auch über sich selbst reflektierte Anne Frank kritisch. Wir erfahren, was ein kluges, sensibles und literarisch begabtes Mädchen in der Pubertät dachte und empfand, das zwei Jahre lang mit sieben anderen Menschen in einem Versteck zusammengepfercht und von der Umwelt weitgehend isoliert war.
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Kritik

Aus Anne Franks Tagebuch-Eintragungen und ihrer Überarbeitung mischte ihr Vater Otto Frank stillschweigend eine dritte Version. Außerdem strich er in der Buchveröffentlichung Passagen über Annes körperliche Entwicklung bzw. die Entdeckung der Sexualität ebenso wie kritische Äußerungen über ihre Mutter und andere Mitbewohner im Versteck. Anne Franks Romanfragment konnte erst 2019 publiziert werden: "Liebe Kitty".
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Das Tagebuch der Anne Frank und ihr fragmentarischer Briefroman bestehen zum großen Teil aus gut beobachteten Charakterstudien, die allerdings nicht frei von Vorurteilen sind. Auch über sich selbst reflektierte Anne Frank kritisch.

Wir erfahren, was ein kluges, sensibles und literarisch begabtes Mädchen in der Pubertät dachte und empfand, das zwei Jahre lang mit sieben anderen Menschen in einem Versteck zusammengepfercht und von der Umwelt weitgehend isoliert war. In dieser Zeit entwickelte sich Anne Frank deutlich erkennbar weiter.

Zugleich handelt es sich bei  Anne Franks Texten um ergreifende Dokumente über das Schicksal einiger Jüdinnen und Juden, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Von ihnen überlebte nur Annes Vater Otto Frank den Holocaust.

 Leseproben aus Anne Franks Romanfragment

20. Juni 1942
Liebe Kitty,
dann fange ich gleich mal an, es ist gerade so schön ruhig […]

Sonntag, 27. September 1942
Liebe Kitty,
[…] Manche Leute scheinen ein besonderes Vergnügen daran zu finden, nicht nur ihre eigenen, sondern auch die Kinder ihrer Bekannten mit zu erziehen, so auch die van Pels. An Margot ist nichts zu erziehen, die ist von Natur aus die Güte, Liebenswürdigkeit und Intelligenz in Person, aber ich schleppe ihren Teil an Ungezogenheit in reichlichem Maß mit mir herum. Mehr als einmal schwirren am Tisch die tadelnden Worte und frechen Antworten hin und her.

Donnerstag, 1. Oktober 1942
Liebe Kitty,
[…] Wenn es schon in Holland so schlimm ist, wie werden sie dann erst in den fernen und barbarischen Gegenden leben, in die man sie schickt? Wir nehmen an, dass die meisten ermordet werden. Der englische Sender spricht von Vergasung; vielleicht ist das ja die schnellste Todesart.

Samstag, 7. November 1942
Liebe Kitty,
[…] Wer außer mir selbst wird später alle diese Briefe lesen? Wer außer mir selbst wird mich trösten?

Freitag, 20. November 1942
Liebe Kitty,
[…] es hilft uns und denen da draußen nicht, wenn wir so trübsinnig bleiben, wie wir alle im Augenblick sind, und was hat es für einen Sinn, aus dem Hinterhaus ein schwermütiges Hinterhaus zu machen?
Bei allem, was ich tue, muss ich an die anderen denken, die fort sind, und wenn ich über etwas lachen muss, höre ich erschrocken wieder auf und denke bei mir, was für eine Schande es ist, dass ich so fröhlich bin.

Mittwoch, 4. August 1943
Liebe Kitty,
Du weißt nun, nachdem wir gut ein Jahr lang Hinterhäusler sind, schon so einiges über unser Leben, aber komplett kann ich es Dir trotzdem nicht schildern; es ist alles so durch und durch anders als in normalen Zeiten und bei normalen Leuten. Damit Du trotzdem einen etwas näheren Einblick in unser Leben bekommst werde ich ab jetzt hin und wieder einen Teil von einem gewöhnlichen Tag beschreiben.

Montagabend, 8. November 1943
Liebe Kitty,
wenn Du meinen kleinen Stapel Briefe hintereinander durchlesen würdest, dann fiele Dir bestimmt auf, in was für unterschiedlichen Stimmungen sie geschrieben wurden.

Sonntag, 2. Januar 1944
Liebe Kitty,
als ich heute Vormittag nichts zu tun hatte, blätterte ich in meinem Tagebuch und stieß mehrmals auf Briefe, die das Thema „Mutter“ mit so heftigen Worten behandeln, dass ich einen Schreck bekam und mich fragte: „Anne, bist du es, die von Hass gesprochen hat, oh, Anne, wie konntest du das tun?“ Ich blieb mit der aufgeschlagenen Seite in der Hand sitzen und dachte darüber nach, warum ich so bis oben hin voller Wut und wirklich auch irgendwie voller Hass gewesen bin, dass ich Dir das alles anvertrauen musste. Ich habe versucht, die Anne von vor einem Jahr zu verstehen und zu entschuldigen, aber mein Gewissen ist nicht rein […]

Dienstag, 7. März 1944
Liebe Kitty,
wenn ich über mein Leben von 1942 nachdenke, fühlt es sich wie etwas Unwirkliches an. Dieses Leben hat eine ganz andere Anne als die erlebt, die im Hinterhaus erzogen wird.

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Familie Frank

Elkan Juda Cahn (1796 – 1884) – ein Vorfahre von Anne Frank – lebte noch im 1462 eingerichteten Judenghetto in Frankfurt am Main. Seine Enkelin Alice Stern vermählte sich 1886 mit dem Bankier Michael Frank. Ihr 1889 geborener Sohn Otto, das zweite von vier Kindern, heiratete 1925 Edith Holländer, die ein Jahr jüngere Tochter des Aachener Fabrikanten Abraham Holländer und dessen Ehefrau Rosa.

Das Paar bekam zwei Töchter: 1926 Margot Betti und am 12. Juni 1929 Anneliese Marie („Anne“).

1929 brach das Bankhaus der Familie in Frankfurt zusammen. Nachdem 1933 der Nationalsozialist Friedrich Krebs das Amt des Oberbürgers der Stadt übernommen hatte, emigrierten die Franks.

Amsterdam

Otto Frank zog 1933 nach Amsterdam. Dort gründete er ein Handelshaus und übernahm die niederländische Vertretung von Opekta. Im Februar 1934 ließ er seine Frau und die Töchter nachkommen, die sich vorübergehend bei Edith Franks seit 1929 verwitweter Mutter in Aachen einquartiert hatten. (Rosa Holländer folgte ihnen nach dem Pogrom im November 1938.)

Vergeblich versuchte Otto Frank, auf dem Umweg über Kuba in die USA zu emigrieren.

Am 1. September 1939 löste Hitler mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg aus. Am 10. Mai 1940 marschierten die Deutschen in Holland ein, und am 29. Mai wurde Arthur Seyß-Inquart zum Reichskommissar für die besetzten Niederlande ernannt. Die Deportationen aus Holland begannen im Jahr darauf.

Das Hinterhaus

Als Margot Frank am 6. Juli 1942 aufgefordert wurde, sich „für einen eventuellen Arbeitseinsatz im Ausland“ zu melden, war die Familie alarmiert und zog sofort – zehn Tage früher als geplant – in ein vorbereitetes Versteck im Hinterhaus des von Otto Franks Firma benützten Büro- und Lagergebäudes an der Prinsengracht 263 in Amsterdam.

Wir zogen uns alle vier so dick an, als müssten wir in einem Kühlschrank übernachten, und das nur, um noch ein paar Kleidungsstücke mitzunehmen. Kein Jude in unserer Lage hätte es riskiert, mit einem Koffer voller Kleidung das Haus zu verlassen. Ich hatte zwei Hemden, drei Hosen, ein Kleid, darüber Rock, Jacke, Sommermantel, zwei Paar Strümpfe, geschlossene Schuhe, Mütze, Schal und noch viel mehr an, ich bekam schon zu Hause kaum noch Luft, aber danach fragte keiner. Margot packte ihre Schultasche mit Schulbüchern voll, holte ihr Fahrrad aus dem Unterstand und radelte hinter Miep her in eine für mich unbekannte Ferne. [8. Juli]

Am 13. Juli folgten Hermann und Auguste van Pels mit ihrem 16-jährigen Sohn Peter, und im November nahmen die Untergetauchten auch noch den Zahnarzt Dr. Fritz Pfeffer auf. Damit waren sie zu acht.

Ein drehbarer Aktenschrank tarnte den einzigen Zugang im Hauptgebäude. Otto Franks Angestellte Hermine („Miep“) Gies, Johannes Kleiman, Victor Kugler und Bep Voskuijl halfen den Verfolgten.

Ergreifung

25 Monate lang blieb das Versteck unentdeckt – bis zum 4. August 1944. An diesem Tag verhaftete der Wiener SS-Unteroffizier Karl Josef Silberbauer die Familien Frank und van Pels, Fritz Pfeffer sowie Johannes Kleimann und Victor Kugler.

Johannes Kleimann wurde am 18. September 1944 aus gesundheitlichen Gründen freigelassen; Victor Kugler gelang am 28. März 1945 die Flucht. Die Menschen aus dem Versteck deportierte man am 3. September 1944 mit dem letzten Transport vom Durchgangslager Westerbork ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, wo sie drei Tage später eintrafen. Herman van Pels wurde Anfang Oktober 1944 vergast; seine Frau Auguste kam im April 1945 auf dem Transport ins Konzentrationslager Theresienstadt ums Leben; ihr Sohn Peter starb am 5. Mai 1945 mit achtzehn in Mauthausen – drei Tage vor der Befreiung des Konzentrationslagers. Fritz Pfeffer kam am 20. Dezember 1944 im Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg ums Leben. Edith Frank starb am 6. Januar 1945 in Auschwitz an Unterernährung.

Otto Frank gehörte zu den Häftlingen in Auschwitz, die am 27. Januar 1945 von der Roten Armee befreit wurden. Auf dem Umweg über Odessa und Marseille kehrte er nach Holland zurück. Erst am 18. Juli 1945 fand der Witwer heraus, dass auch seine beiden Töchter nicht mehr lebten: Sie waren im Februar oder März 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen einer Typhus-Erkrankung erlegen.

Das Tagebuch der Anne Frank

Anne Frank führte von ihrem 13. Geburtstag am 12. Juni 1942 an ein Tagebuch in holländischer Sprache. Am 20. Juni schrieb sie:

Um nun die Idee von der lang ersehnten Freundin in meiner Fantasie noch zu steigern, will ich nicht, wie jeder andere, nur Tatsachen in mein Tagebuch schreiben, sondern dieses Tagebuch meine Freundin selbst sein lassen, und diese Freundin heißt: Kitty!

Von da an beginnt sie ihre Einträge mit „Liebe Kitty“.

Nachdem Anne Frank am 28. März 1944 durch eine Hörfunksendung erfahren hatte, dass Gerrit Bolkestein, der Minister für Bildung, Kunst und Wissenschaft der niederländischen Exilregierung, nach dem Krieg eine Dokumentation über die deutsche Besatzungszeit zusammenstellen wollte, begann sie im Mai, die ursprünglichen Einträge für eine Briefroman-Veröffentlichung zu überarbeiten.

Mittwoch, 29. März 1944
Liebe Kitty!
Gestern sprach Minister Bolkestein am Oranje-Sender darüber, dass nach dem Krieg eine Sammlung von Tagebüchern und Briefen aus diesem Krieg herauskommen soll. Natürlich zielten alle gleich auf mein Tagebuch. Stell Dir vor, wie interessant es wäre, wenn ich einen Roman vom „Hinterhaus“ veröffentlichen würde. Bei dem Titel allerdings würden die Menschen denken, es handele sich um einen Detektiv-Roman. Aber jetzt im Ernst: Wird es nicht Jahre nach dem Krieg, vielleicht nach zehn Jahren, unglaublich erscheinen, wenn wir erzählen, wie wir als Juden hier gelebt, gesprochen, gegessen haben? (Das Tagebuch der Anne Frank, Übersetzung: Anneliese Schütz)

Zweieinhalb Monate arbeitete Anne Frank an dem Manuskript. Das Romanfragment endet zufällig mit der zitierten Eintragung vom 29. März 1944. Im (noch nicht überarbeiteten) Tagebuch stammt der letzte Eintrag vom 1. August 1944.

Bei der Festnahme der Untergetauchten am 4. August 1944 leerte SS-Unteroffizier Karl Josef Silberbauer eine Mappe mit Anne Franks Aufzeichnungen und ließ die Blätter achtlos am Boden liegen.

Hermine („Miep“) Gies sammelte sie nach dem Zugriff auf und übergab sie Otto Frank, als dieser aus Auschwitz zurückkehrte.

Miep

Hermine wurde am 15. Februar 1909 in Wien als Tochter von Karoline Santrouschitz geboren. Im Dezember 1920 schickten die Eltern das unterernährte Mädchen nach Holland, und knapp vier Jahre später zog Hermine mit ihren Pflegeeltern Nieuwenburg von Leiden nach Amsterdam. Im Alter von 24 Jahren erhielt Hermine Santrouschitz eine Anstellung in Otto Franks Handelsvertretung für Opekta. Im Juli 1941 heiratete sie Jan Gies. „Miep“ gehörte dann zum kleinen Kreis von Angestellten, die den im Hinterhaus Versteckten halfen. Außerdem nahm das Ehepaar Gies im Mai 1943 den Studenten Kuno van der Horst bei sich auf, der untertauchen musste, weil er keine Loyalitätserklärung gegenüber den deutschen Besatzern abgeben wollte.

Veröffentlichung

Aus Anne Franks Tagebuch-Eintragungen (Fassung A) und ihrer Überarbeitung (Fassung B) mischte Otto Frank stillschweigend eine dritte Version. (Anstelle der verloren gegangenen Aufzeichnungen von Dezember 1942 bis Dezember 1943 konnte er nur Annes Neufassung verwenden.) Für die geplante Buchausgabe strich Otto Frank Passagen über Annes körperliche Entwicklung bzw. die Entdeckung der Sexualität ebenso wie kritische Äußerungen über ihre Mutter und andere Mitbewohner im Versteck.

Die deutsche Übersetzung der Erstausgabe erschien 1950 im Verlag Lambert Schneider, Heidelberg, unter dem Titel „Das Tagebuch der Anne Frank“ (Übersetzung: Anneliese Schütz). Im Juni 1952 kam „The Diary of a Young Girl“ in den USA heraus.

Anne Franks Romanfragment konnte erst 2019 veröffentlicht werden, und zwar in einer deutschen Übertragung von Waltraud Hüsmert unter dem Titel „Liebe Kitty. Ihr Romanentwurf in Briefen“. Die 1927 in Frankfurt am Main geborene amerikanische Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Laureen Nussbaum, deren Eltern Joseph und Marianne Klein zum Freundeskreis der Familie Frank gehört hatten, schrieb dazu einen Essay.

Vergleicht man Annes „Hinterhaus“, die B-Fassung also, in der testkritischen Ausgabe mit der parallel gedruckten ersten, unbearbeiteten Fassung des Tagebuchs, dann fällt auf, mit wieviel Selbstkritik und literarischem Sachverstand die kaum Fünfzehnjährige bei ihrer Neufassung vorging. Viele Eintragungen ließ sie ganz weg, andere überarbeitete sie, fügte neue Beschreibungen, Erkenntnisse und verbindende Gedanken hinzu und schuf so einen interessanten, höchst lesbaren Text. Deutlich erkennbar sind neben ihrem beachtlichen schriftstellerischen Talent auch die Einsichten, die sie aus ihrer fleißigen und überaus ernsthaften Lektüre vor allem von historischen Romanen und von Biografien bedeutsamer Figuren gewonnen hatte […]

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2019
Textauszüge: © Anne Frank Haus, Amsterdam

Das Tagebuch der Anne Frank
Mirjam Pressler: „Grüße und Küsse an alle“. Die Geschichte der Familie von Anne Frank
Robert Dornhelm: Anne Frank

Anna Gavalda - Zusammen ist man weniger allein
"Zusammen ist man weniger allein" ist ein anspruchsloser Unterhaltungsroman von Anna Gavalda, ein Großstadtmärchen über Gutmenschen, bei dessen Lektüre man sich wohlfühlen kann – wenn man nichts anderes vorhat, als der Realität für ein paar Stunden zu entfliehen.
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