Toril Brekke : Ein rostiger Klang von Freiheit

Ein rostiger Klang von Freiheit
Klangen av frihet H. Aschehoug & Co, Oslo 2020 Ein rostiger Klang von Freiheit Übersetzung: Gabriele Haefs Stroux Edition, München 2022 ISBN 978-3-948065-22-5, 331 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die Handlung spielt 1967/68, in einer Zeit des Um- und Aufbruchs. Im Mittelpunkt steht eine norwegische Abiturientin, die ihren Weg sucht und sich gegen die Bevormundung durch den patriarchalischen Großvater auflehnt. Agathe und ihr jüngerer Bruder Morten leiden darunter, dass die Mutter sie vor vier Jahren verließ und nichts mehr von ihnen wissen will. Warum ist das so? Es hängt mit einem Familiengeheimnis zusammen. Aber davon ahnen Agathe und Morten zunächst nichts.
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Kritik

"Ein rostiger Klang von Freiheit" lässt sich als Familienroman und Coming-of-Age-Geschichte lesen. Toril Brekke überlässt das Wort der Ich-Erzählerin Agathe, die sich allerdings nicht als 18- bzw. 19-Jährige äußert, sondern erst im Nachhinein. So wie die Erzählerin und die Protagonistin nicht völlig deckungsgleich sind, gibt es auch einen Unterschied zwischen der Oberfläche des Geschehens und verborgenen Zusammenhängen, Traumatisierungen und Familiengeheimnissen.
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Die Flucht der Mutter

Lilleberg, Stadtteil von Oslo, Sommer 1967. Agathe („Aggi“) ist 18 Jahre alt und wird nach den Ferien die letzte Klasse des Gymnasiums besuchen. Ihre Mutter Veronica heiratete den Klavierstimmer Isak, als Agathe fünf Jahre alt war. Ein Jahr später brachte sie den Sohn Morten zur Welt. Vor vier Jahren verließ die Jazzpianistin ihre Familie in Norwegen und zog mit dem Bassisten Lennart nach Kopenhagen.

Veronicas Eltern wohnen in Bekkelaget bei Oslo; ihre Schwester Helene lebt mit ihrem Ehemann Jacques und der Tochter Madeleine in Paris. Jan Erik („Jannik“), der Bruder von Helene und Veronica, fährt zur See, und Agathe wird später erfahren, dass ihr Onkel als Funkoffizier (Puster) tätig ist.

Lennart ruft an: Veronica ist verschwunden!

Agathe und Morten fahren mit der Bahn zu Lennart nach Kopenhagen. Inzwischen weiß er, dass ihn Veronica wegen eines Posaunisten namens Niels verlassen hat. Die beiden spielen in derselben Band wie der Bassist. Agathe und Morten besuchen ein Konzert der Gruppe. Als ihre Mutter sie nach ihrem Auftritt erkennt, flüchtet sie mit Niels.

Dass die Mutter nichts von ihm und seiner Schwester wissen will, ist vor allem für Morton ein Schock.

Freiheit

Zurück in Oslo-Lilleberg, wechselt Agathe fürs letzte Jahr vor dem Abitur auf ein von der Rektorin Mosse Jørgensen nach dem Vorbild von Summerhill geleitetes „Versuchsgymnasium“.

Als ihr an der Universität lehrender Großvater Gustav Monate später davon erfährt, kommt es zum Eklat, denn er hält das reformpädagogische Gymnasium für einen Kindergarten ohne Zucht und Ordnung. Durch seine Kontakte verschafft er seiner Enkelin einen Platz in der Osloer Kathedralschule, aber Agathe lässt sich nicht umstimmen, und ihre Großmutter hält zu ihr.

Am Strand schlägt Agathes Freundin Laila vor, die BHs zu verbrennen. Anne, die mit ihrem Freund Tobben dabei ist, fragt erschrocken, wozu das gut sein soll, und Laila antwortet: „Aus Protest natürlich […]. Gegen Unterdrückung von Frauen und den ganzen Scheiß.“ Laila und Agathe ziehen sich aus, verbrennen ihre Büstenhalter und baden mit den Jungs Kai und Tobben nackt. Dabei fühlen sie sich selbstsicher, frei und feministisch.

Im Alter von 16 Jahren war Agathe mit dem doppelt so alten Schlagzeuger Philip zusammen. Nun, zwei Jahre später, begegnen sie sich zufällig. Philip wird einige Zeit in den USA spielen und überlässt Agathe seine Wohnung. Sie genießt die neue Freiheit und hat zumeist ihren Freundeskreis mit in der Wohnung. Dass sie dadurch ihren traumatisierten jüngeren Bruder allein lässt, kommt ihr nicht in den Sinn.

Vaterschaften

Isak hat eine neue Freundin. Rakel arbeitet als Ankleiderin am Theater.

An Weihnachten 1967 kommen nicht nur Tante Helene und Onkel Jacques mit Agathes Cousine Madelaine aus Paris, sondern auch Agathes Onkel Jannik überrascht die Familie mit einem Besuch. Vor 13 Jahren hatte er auf einem Schiff angeheuert und seither nichts mehr von sich hören lassen.

Jannik und sein Vater Gustav sehen sich kaum an. Unvermittelt fragt Jannik, wie es seinem Halbbruder gehe. Damit ist Mikael Bloch gemeint, der Sohn von Veronicas erster Klavierlehrerin, die Paul Bloch geheiratet hatte, Gustavs besten Freund. Bei Mikaels Geburt hieß es dann, sie sei vorzeitig gewesen. Inzwischen arbeitet Janniks Halbbruder Mikael in einem renommierten Architektenbüro und lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Bærum.

Bevor Janniks Anspielung auf einen Seitensprung seines Vaters ihre volle Wirkung entfalten kann, reißt Morton die Stimmung ungewollt in eine andere Richtung. Er möchte wissen, wer sein leiblicher Vater ist. Das sei selbstverständlich Isak, heißt es, aber Morton ahnt inzwischen, dass das nicht wahr ist, obwohl Isak es gern wäre. Mortons Verdacht bestätigt sich: Er wurde von einem Franzosen namens Alexandre gezeugt. Dessen Ehefrau und der Sohn waren im Senegal ermordet worden. Helene fügt beschwichtigend hinzu, dass ihre Schwester Veronica damals Isak geheiratet habe, damit Morton einen Vater bekam.

Ebenso unvorhergesehen wie Jannik auftauchte, verschwindet er wieder.

Aktfotos

Kai, der zu Agathes Freundeskreis gehört, wohnt mit seiner Mutter Lily in Lambertseter, einem Vorort von Oslo. Er möchte eine schwedische Fotoschule besuchen und benötigt für seine Bewerbungsmappe Aktfotos.

Anne Iversen und Torbjørn („Tobben“) Larsen, die inzwischen ein Liebespaar geworden sind, lassen sich von Kai überreden, sich auszuziehen. Aber sie bewegen sich viel zu verkrampft, und am Ende löst Agathe die beiden als Aktmodell ab.

Kurz darauf hängt das Schwarz-Weiß-Foto eines nackten Mädchen-Torsos an der Innenseite der Klassenzimmertür. Alle bewundern es. Nur Agathe weiß, dass die anderen ihren Körper anschauen. Später erfährt Agathe, dass Kai auch Aktfotos von ihr verkaufte. Sie fühlt sich ausgenutzt, beschwert sich jedoch nicht und nimmt stillschweigend die Geldscheine, die Kai ihr nach Annes Aufforderung hinhält.

Im März 1968 kommt Philip aus den USA zurück. Als Dank für die Wohnung schläft Agathe mit ihm – und infiziert sich sowohl mit Filzläusen als auch mit Gonorrhöe.

Morten

Am 4. April 1968 wird Martin Luther King ermordet.

Morten will seinen Vater kennenlernen. Er und seine Freunde Willy, Sander, Pilo und Roger legen für die Reisekosten zusammen. Pilo und Sander begleiten Morten nach Paris.

Agathe warnt ihre Verwandten in Frankreich telefonisch vor. Tante Helene ist zunächst aufgebracht, aber dann gibt sie nach und redet mit ihrer Schwiegermutter. Von ihr erfährt sie, dass Alexandre inzwischen mit seiner verwitweten Mutter in Bordeaux lebt und Geschäftsmann ist. Helene fährt mit den drei Jungs hin. Morten ist willkommen. Alexandres Mutter freut sich darüber, nun doch noch einen Enkel zu haben. Morten wird seinen Vater und seine Großmutter von nun an in den Ferien besuchen.

1968

Im Mai 1968 berichtet Madeleine ihrer Cousine Agathe begeistert von den Unruhen in Paris, von den Demonstrationen gegen den Vietnam-Krieg und der Solidarität von Studenten und Arbeitern.

Kurz nach dem Abitur und dem norwegischen Nationalfeiertag wird Agathe 19 Jahre alt. Ihr Freund Leon, Lailas jüngerer Bruder, denkt als einer der wenigen daran, gratuliert und bringt Geschenke.

Jannik taucht erneut auf, diesmal mit seiner schwangeren Ehefrau Lillian, die ebenfalls als Funkoffizierin auf einem Schiff tätig war. Die beiden haben soeben in einer Seemannskirche in Rotterdam geheiratet und werden nun in Fredrikstad wohnen, wo Jannik eine Stelle als Personalchef in einem Betrieb erhält, an dem sein Schwiegervater beteiligt ist. Bald darauf bringt Lillian die Tochter Stella zur Welt.

In der Nacht zum 21. August 1968 marschieren Truppen der Sowjetunion, Polens, Ungarns und Bulgariens in der Tschechoslowakei ein und beenden den „Prager Frühling“.

Agathe beginnt ihr Studium und zieht mit Leon, Laila und einem Studentenpaar aus Bergen in eine Wohngemeinschaft.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Das Familiengeheimnis (Spoiler)

Großvater Gustav beabsichtigt, seinen bevorstehenden 75. Geburtstag groß zu feiern. Aber nach Todesfällen in der Familie wird daraus nichts. Zudem muss seine Frau ins Krankenhaus, und die Ärzte diagnostizieren bei ihr Leukämie.

Gefeiert wird also nur im engsten Familienkreis. Helene, Jacques und Madeleine reisen aus Paris an. Die Großmutter darf vorübergehend das Krankenhaus verlassen, um teilnehmen zu können. Plötzlich reißt Veronica die Tür auf. Sie stellt klar, dass Isak nur Agathes und Mortens Pflegevater ist. Dass Morten seinen leiblichen Vater gefunden hat, wissen die Anwesenden bereits. Jetzt erfahren sie, dass Agathe von ihrem eigenen Großvater Gustav gezeugt wurde.

Jannik beobachtete als Kind, wie der Vater sich nachts zu Veronica schlich. Dann hörte er seine Schwester weinen und dazu Geräusche, die er erst später zuordnen konnte. Weil er dann begriff, das der Vater die Tochter missbraucht hatte, ging er zur See und brach den Kontakt zur Familie in Oslo ab. An Weihnachten 1967 kam er zurück und wollte das Familiengeheimnis aufdecken, aber dann reiste er wieder ab, ohne es getan zu haben.

Die Großmutter stirbt.

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Toril Brekkes Buch „Ein rostiger Klang von Freiheit“ lässt sich als Familienroman und Coming-of-Age-Geschichte lesen.

Die Handlung spielt 1967/68, in einer Zeit des Umbruchs. Die Achtundsechziger-Bewegung begann mit den Bürgerrechts-Aktivisten in den USA und dem Protest gegen den Vietnam-Krieg. Die Aufbruchstimmung bewirkte den „Prager Frühling“, eine Freiheitsbewegung, die nach wenigen Monaten von den Ostblock-Staaten gewaltsam niedergeschlagen wurde. Für Aufsehen nicht nur im eigenen Land sorgten auch Demonstrationen, Straßenschlachten und ein wochenlanger Generalstreik in Paris. In der Bundesrepublik Deutschland entstand in diesem Zusammenhang die Außerparlamentarische Opposition (APO). Angestrebt wurden außer einer Hochschul- und Bildungsreform eine stärkere Demokratisierung und Emanzipation, eine Enttabuisierung der Sexualität und Liberalisierung der Sexualmoral sowie ein Ende von Unterdrückung und Autoritätsgläubigkeit.

Im Mittelpunkt des Romans „Ein rostiger Klang von Freiheit“ der norwegischen Schriftstellerin Toril Brekke (*1949) steht eine Abiturientin, die ihren Weg sucht und sich gegen die Bevormundung durch den patriarchalischen Großvater auflehnt. Agathe und ihr jüngerer Bruder Morten leiden darunter, dass die Mutter sie vor vier Jahren verließ und nichts mehr von ihnen wissen will. Warum ist das so? Es hängt mit einem Familiengeheimnis zusammen. Aber davon ahnen Agathe und Morten zunächst nichts.

Toril Brekke überlässt das Wort in „Ein rostiger Klang von Freiheit“ der Ich-Erzählerin Agathe, die sich allerdings nicht als 18- bzw. 19-Jährige äußert, sondern erst im Nachhinein. So wie die Erzählerin Agathe und die Protagonistin Agathe nicht völlig deckungsgleich sind, gibt es auch einen Unterschied zwischen der Oberfläche des Geschehens und verborgenen Zusammenhängen, Traumatisierungen und Familiengeheimnissen, die Toril Brekke an mehreren Stellen in „Ein rostiger Klang von Freiheit“ andeutet und erst am Ende zur Gänze aufdeckt. Diese Diskrepanzen machen den literarischen Reiz der Lektüre aus.

Übrigens: Blochs Vorname wird auf Seite 216 mit Paul, auf Seite 218 jedoch zweimal mit Saul angegeben.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2022

Joachim Zelter - Die Verabschiebung
Joachim Zelter beginnt den Roman "Die Verabschiebung" mit dem Ende und entwickelt die Geschichte dann chronologisch. Dabei erleben wir das Geschehen weitgehend aus Julias Sicht. Wir müssen davon ausgehen, dass Joachim Zelter nicht übertreibt, sondern ein (fiktives) Asylverfahren realistisch darstellt. Das ist erschütternd.
Die Verabschiebung