Carmen Buttjer : Levi

Levi
Levi Originalausgabe Verlag Galiani Berlin (Kiepenheuer & Witsch), Berlin 2019 ISBN 978-3-86971-179-9, 257 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Bei der Beerdigung der Asche seiner Mutter packt Levi die Urne und rennt damit davon. Zuflucht sucht der verstörte Elfjährige bei dem undurchschaubaren Nachbarn Vincent und dem Kioskbesitzer Kolja Černý, einem früheren Kriegsfotografen, der von Erinnerungen an schreckliche Erlebnisse heimgesucht wird. Weil Levi sich zeitweise einbildet, seine Mutter sei von einem Tiger getötet worden, versucht er, diesen mit der Urne als Köder in eine Falle zu locken ...
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Kritik

Carmen Buttjer erzählt vorwiegend aus der Sicht eines traumatisierten Elfjährigen in der Ich-Form. Dabei inszeniert sie das Geschehen mit viel Empathie und Fantasie. Aber das wirkt auf virtuose Weise mehr poetisch als anschaulich. Elliptische Auslassungen gehören zu den charakteristischen Stilelementen in "Levi". Bereits in ihrem Debütroman beweist Carmen Buttjer eine außerordentliche literarische Begabung.
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Familie Naquin

Levi ist der elfjährige Sohn des Rechtsanwalts David Naquin und der Pathologin Katharina Naquin. Er wurde in Paris geboren, wo seine Eltern sich kennengelernt hatten. Die Familie wechselte mehrmals den Wohnsitz und wohnt seit einem Jahr in der vierten Etage eines Mietshauses in einer Stadt mit 3,8 Millionen Einwohnern.

Wenn der Vater abends nicht zu Hause ist und die Mutter Spätschicht hat, nimmt sie den Jungen mit ins Krankenhaus. Dort sitzt er an ihrem Schreibtisch, während sie nebenan Leichen seziert.

Mein Vater war anders. Je mehr Zeit ich mit ihm verbrachte, desto weniger wusste ich über ihn. Eigentlich nur drei Dinge: Er war Anwalt und stritt gerne und kam meistens erst nach Hause, wenn ich schon eingeschlafen war, wohingegen es morgens andersherum war. Da war er schon weg, obwohl er noch in der Küche stand. Dann kannte ich noch seine Adresse, es war dieselbe wie meine.

Eines Abends beobachtet Levi im Krankenhaus, wie eine Leiche im Plastiksack aus der Notaufnahme in die Pathologie gebracht wird. Katharina Naquin bereitet die Übergabe an die Gerichtsmedizin vor. Levi schläft ein. Um Mitternacht wacht er auf. Die Leiche ist fort, aber seine Mutter liegt blutüberströmt am Boden. Sie wurde erstochen.

Flucht

Bei der Beerdigung packt Levi die Urne und rennt damit davon. Sein Vater holt ihn ein und schreit:

„Weißt du, was du jetzt tun wirst? Du kommst hierher und stellst die verdammte … du stellst … du wirst sie … diese …“

Levi läuft nach Hause, holt ein paar Sachen aus der Wohnung und baut dann auf dem Flachdach des Hauses sein Zelt auf.

Ich konnte mich gar nicht mehr daran erinnern, wie es früher ohne so viele Gedanken in meinem Kopf gewesen war. Noch vor drei Wochen waren es viel weniger gewesen, und davor noch weniger. Vor einem Jahr, da war ich mir sicher, hatte ich niemals nachgedacht, und jetzt dachte ich nur noch, und je mehr ich mich anstrengte nicht zu denken, desto mehr dachte ich. Ich dachte und dachte und dachte. Auch darüber, ob man zu viel nachdenken konnte.

Als David Naquin zornig heimkommt, nimmt er an, dass sein Sohn bereits schläft. Erst am nächsten Morgen stellt er fest, dass Levi nicht in der Wohnung ist. Er sucht nach ihm.

Levi schleicht sich aus dem Haus. Zuflucht sucht er bei zwei Männern, bei Vincent, der im 5. Stockwerk des Mietshauses wohnt, und bei dem Kioskbesitzer Kolja, dem er gern beim Einräumen der Kühltruhen hilft.

Kolja Černý

Nachdem Koljas Vater in Prag jahrelang immer wieder Ausreiseanträge gestellt hatte, die stets abgelehnt worden waren, verhaftete man ihn und seinen damals 20 Jahre alten Sohn Anfang 1977. Kolja kam nach einigen Tagen frei, aber sein Vater blieb verschwunden. Er floh aus dem Land und auf Umwegen nach New York.

Als Kriegsfotograf dokumentierte Kolja die Grausamkeit von Kriegen. Die Journalistin Joan, mit der er jahrelang eng zusammengearbeitet hatte, kam ebenso ums Leben wie der mit ihm befreundete Kollege Tom. Die Erinnerungen quälen ihn, auch wenn er versucht, sie mit Whisky zu betäuben.

Gedächtnisschwund war eine der besten Arten, sein Leben zu bewältigen.

Nach dem Verlassen der Tschechoslowakei hatte Kolja nie länger als ein halbes Jahr an einem Ort gelebt, bis er vor einem Jahr einen Kiosk erwarb, und zwar gegenüber dem Mietshaus, in dem Levi wohnt.

Wenn er müde war, setzte er sich vor den Laden, nahm seinen Schlüsselbund in die Hand, schloss die Augen, und sobald sie ihm entglitten und herunterfielen, war es Zeit, wieder aufzuwachen. Jedenfalls sagte er das immer. Ich hatte ihm nie verraten, dass ich es war, der seine Schlüssel nach der Schule aufhob, um sie so lange neben ihm auf den Asphalt zu schmeißen, bis er aufgewacht war.

Kolja berichtet Levi, was in der Zeitung steht. Eine Leiche wurde aus der Pathologie gestohlen. Dass Levi auf seine alte Pistole stößt und sie mitnimmt, merkt er nicht.

Vincent

Vincent, der eine Etage höher wohnende Nachbar der Naquins, ist halb so alt wie Kolja. Levi weiß so gut wie nichts über den 30-Jährigen, der nicht gern über seine zwielichtigen Geschäfte redet. Nur dass sein Vater bei einer Werft über Jahre hinweg sehr viel Geld veruntreute und nach der Aufdeckung mit dem Auto von einer Brücke raste, erzählt er Levi. Der findet lose Tabletten bei ihm und erfährt, dass es sich um alte Aufputsch- und Beruhigungsmittel handelt, die Vincent allerdings selbst nicht mehr voneinander unterscheiden kann.

Weil Levi meint, seine Mutter sei von einem Tiger getötet worden und das Raubtier in eine Falle locken will, klettert er mit Vincent durch den Zaun eines ehemaligen Schwimmbads und platziert die Urne als Köder in der Mitte des trockenen Beckens. Aber nichts passiert.

Am Abend kehren die beiden zurück – und treffen vor dem Kiosk auf Kolja und Levis Vater. Vincent, der die Urne trägt, holt sich ein Bier aus einer Kühltruhe. David Naquin entreißt ihm die Flasche und schleudert sie auf die Straße, wo sie zerschellt. Dann packt er die Urne und schlägt dem Nachbarn ins Gesicht. Kolja zieht Levi zur Seite und versucht zu schlichten, aber dabei wird ihm ein Teil eines Zahns ausgeschlagen. David fordert seinen Sohn barsch zum Mitkommen auf, und als der nach Koljas Arm greift, wird er noch wütender, packt Levi und zerrt ihn mit.

Levi

Levi versteckt die von Kolja gestohlene Pistole im Bad. Es klingelt, und er hört, wie Kriminalbeamte mit seinem Vater reden. Inzwischen hat die Polizei die aus der Pathologie geholte Leiche gefunden, allerdings völlig verkohlt in einem ausgebrannten Transporter. Levi hört, wie sein Vater behauptet, zur Tatzeit zu Hause gewesen zu sein. Weil der Junge weiß, dass das eine Lüge ist und mitbekam, dass seine Eltern sich zuletzt noch mehr als vorher stritten, argwöhnt er, dass der Vater die Mutter ermordet haben könnte.

Nach einer heftigen Auseinandersetzung mit seinem Vater bewirft Levi geparkte Autos mit Steinen, bis ihn der Streifenpolizist Jan Tiemann aufgreift, mit aufs Revier nimmt und David Naquin anruft, der bald darauf kommt, um seinen Sohn abzuholen. Vier Autos habe er beschädigte, schimpft der Vater. Levi greift ins Lenkrad, der Wagen schleudert und kommt nach einer Drehung um 180 Grad zum Stehen. Levi reißt die Tür auf und rennt erneut davon.

Die Nacht verbringt er ganz oben auf einem Baugerüst.

Ich war so müde, dass ich mich nicht bewegen konnte, und dachte daran, meine Augen geschlossen zu halten um kein Teil der Wirklichkeit zu werden.

Als er aufwacht, fühlt er sich so allein wie noch nie. Er kehrt zurück, aber sein Zelt wurde von Windböen zerrissen. Notgedrungen schleicht Levi sich in die Wohnung. Sein Vater sitzt in der Küche auf einem Stuhl, hat den Kopf auf die Arme gelegt und schläft.

Vater und Sohn

Stunden später wachen beide auf. Erneut rennt Levi mit der Urne davon. Der Vater folgt ihm aufs Dach. Der Elfjährige legt eine Bohle zu dem drei Meter entfernten Dach des Nachbarhauses und beginnt zu balancieren. Er verliert das Gleichgewicht, kann sich jedoch liegend festhalten, und die Urne klemmt unter seiner Brust. Als der Erwachsene sich nähert, droht Levi, die Urne fallen zu lassen. Mit der alten Pistole schießt er auf seinen Vater und trifft ihn an der linken Schulter.

Nachdem der Junge aufs Dach zurückgekehrt ist, fragt er seinen Vater, warum er die Mutter erstochen habe. David beteuert, ihr nichts angetan zu haben. Noch erstaunter als über die Frage seines Sohnes ist er, als er hört, dass Levi zum Tatzeitpunkt in der Pathologie war. Warum der Vater den Polizisten angelogen habe, bohrt Levi nach, und David erklärt, er sei am anderen Ende der Stadt gewesen. (Wir vermuten, dass er dort bei seiner Geliebten war, zumal das Ehepaar Naquin in letzter Zeit besonders häufig stritt und Katharina am letzten Tag ankündigte, ihren Mann zu verlassen.)

David murmelt: „Wenn ich könnte, würde ich dir sagen, was wirklich passiert ist, wer es war und was wir tun müssen, damit es leichter wird, doch die Wahrheit ist, dass ich weder weiß, was geschehen ist, noch, ob wir es je herausfinden werden.“

„Wie sollen wir ohne sie leben?“, fragt Levi, und der Vater antwortet: „Das weiß ich auch noch nicht.“

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Ein traumatisierter elfjähriger Junge namens Levi steht im Zentrum des tragikomischen Debütromans von Carmen Buttjer (*1988). Die Zahl der Nebenfiguren ist übersichtlich; außer Levis Vater David Naquin gibt es noch den für das Kind undurchschaubaren Nachbarn Vincent und den Kioskbesitzer Kolja Černý, einen von quälenden Erinnerungen heimgesuchten früheren Kriegsfotografen, der wie Levi und dessen Vater nahestehende Personen verloren hat.

Die Geschichte beginnt mit einer Szene, die erst allmählich als Trauerfeier erkennbar wird. Schließlich begreifen wir, dass die Urne mit der Asche von Levis Mutter beerdigt werden soll. Aber der verstörte Junge rennt mit der Urne davon.

Mit dieser Passage lernen wir sogleich Carmen Buttjers ungewöhnlichen Stil kennen. Sie erzählt vorwiegend aus der Sicht des Elfjährigen in der Ich-Form. Dabei inszeniert sie das Geschehen mit viel Empathie und Fantasie. Aber das wirkt auf virtuose Weise mehr poetisch als anschaulich. Details werden zwar hyperrealistisch dargestellt, aber Zusammenhänge bleiben – wie in der kindlichen Wahrnehmung – unklar und werden in keinem Fall erläutert. Elliptische Auslassungen gehören zu den charakteristischen Stilelementen in „Levi“, beispielsweise in der folgenden Szene, mit der das 30. Kapitel beginnt:

Die Planke bewegte sich im Wind, den Schuss selbst bekam ich gar nicht mit. Nur das Geräusch von aufgeschreckten Vögeln, deren Flügel durch die Luft schlugen. Als wäre ein Schwarm über uns hinweggeflogen. Als ich nach oben schaute, konnte ich keinen entdecken. Auch meinen Vater sah ich nicht länger vor mir stehen. Meine Ohren fiepten.

Aus den Andeutungen ergeben sich des Öfteren Cliffhanger. Sie steigern die Spannung. Aber am Ende lässt Carmen Buttjer vieles offen – und diese Unklarheit passt perfekt zu ihrem besonderen Stil. Das ist nichts, was man in einer Schreibschule lernen könnte. Bereits in ihrem Debütroman „Levi“ beweist Carmen Buttjer eine außerordentliche literarische Begabung, zumal sie nicht nur formal und inhaltlich ganz neue Akzente setzt, sondern zugleich eine geschliffene Sprache beherrscht.

Den Roman „Levi“ von Carmen Buttjer gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Jasna Fritzi Bauer (978-3-86484-597-0).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2019
Textauszüge: © Verlag Kiepenheuer & Witsch

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