Adeline Dieudonné : Das wirkliche Leben

Das wirkliche Leben
La Vraie Vie L'Iconoclase, Paris 2018 Das wirkliche Leben Übersetzung: Sina de Malafosse dtv, München 2020 ISBN 978-3-423-28213-0, 240 Seiten ISBN 978-3-423-43690-8 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die zu Beginn zehn Jahre alte Ich-Erzählerin und ihr vier Jahre jüngerer Bruder Gilles müssen immer wieder mit ansehen, wie der Vater, ein passionierter Jäger, die Mutter zusammenschlägt. Dass ein freundlicher Eisverkäufer vor ihren Augen bei einer Explosion getötet wird, traumatisiert vor allem Gilles. Seine Schwester glaubt zunächst, den grauenhaften Unfall ungeschehen machen zu können ...
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Kritik

In ihrem Debütroman "Das wirkliche Leben" lässt Adeline Dieudonné die Protagonistin eine beklemmende Coming-of-Age-Geschichte erzählen. Realistisch ist die ungewöhnliche Handlung nicht, sondern sie weist Züge eines Schauermärchens auf. Die Handlung dreht sich um die Selbstbehauptung eines Mädchens in einem Strudel von nicht nur häuslicher Gewalt.
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Die Familie

Bei uns zu Hause gab es vier Schlafzimmer. Meines. Das meines Bruders Gilles. Das meiner Eltern. Und das der Kadaver.
Mazamas, Wildschweine, Hirsche. Antilopenschädel in verschiedenen Größen und von allen möglichen Arten: Springböcke, Wasserböcke, Impalas, Gnus, Oryxantilopen. Dann noch ein paar Zebraköpfe. Und auf einem Podest ein ganzer Löwe, die Zähne in den Hals einer kleinen Gazelle geschlagen.
In einer Ecke schließlich − die Hyäne.
Zwar war sie ausgestopft, doch sie lebte, da war ich mir sicher, und genoss den Schrecken in den Augen aller, die sie unzuschauen wagten.

Mit diesen Worten beginnt der Roman „Das wirkliche Leben“ von Adeline Dieudonné.

Die zu Beginn zehn Jahre alte Ich-Erzählerin, deren Namen wir nicht erfahren, wohnt mit ihrem vier Jahre jüngeren Bruder Gilles und den Eltern in einer „Demo“ genannten Reihenhaussiedlung am Galgenwäldchen.

Etwa fünfzig graue Einfamilienhäuser, aufgereiht wie Grabsteine.
In den Sechzigerjahren hatte an derselben Stelle noch ein Weizenfeld gelegen. Zu Beginn der Siebziger war die Siedlung dann innerhalb von sechs Monaten aus dem Boden geschossen, wie eine Warze. Ein Pilotprojekt.

Der als Buchhalter bei einem nahen Vergnügungspark beschäftigte Vater nutzt jede Möglichkeit zur Jagd, vorzugsweise auf Großwild. Sein ganzer Stolz ist ein Elefantenstoßzahn. Den anderen Zahn des von Wilderern erlegten Tieres besitzt ein Bekannter, mit dem er sich die Kosten für die Safari teilte. Außer den Trophäen interessiert ihn kaum etwas. Abends sitzt er vor dem Fernsehgerät und trinkt Whisky.

Jeder Abend verlief nach dem gleichen Ritual. Mein Vater schaute zuerst die Nachrichten und erklärte meiner Mutter dabei jede Neuigkeit, da er sie für unfähig hielt, ohne seine Kommentare irgendwas zu kapieren.

Wenn er zu lange auf die nächste Großwildjagd warten muss, wird er unruhig, sucht nach irgendeinem Grund für einen Wutanfall und schlägt dann seine Frau vor den Augen der Kinder zusammen.

Am Ende fand sich meine Mutter immer am Boden wieder, reglos und schlaff wie ein leerer Kissenbezug. Danach, das wussten wir, hatten wir wieder ein paar Wochen Ruhe.

Die Mutter wehrt sich nicht, lebt in ständiger Angst und versucht, nicht aufzufallen. Ihre Sorge gilt einem Wellensittich und drei Zwergziegen.

Blumenwalzer

Um Gilles kümmert sich dessen Schwester. Sie liebt sein „Milchzahnlächeln“.

Sobald die Kinder abends den Blumenwalzer aus dem Ballett „Der Nussknacker“ von Peter Tschaikowsky hören, laufen sie hinaus zum Wagen des freundlichen Eismanns und kaufen sich ein Hörnchen mit zwei Kugeln. Anders als ihr Bruder lässt sich die Zehnjährige stets ein Sahnehäubchen aufs Eis spritzen, obwohl der Vater es verboten hat.

Eines Abends explodiert dabei der Sahnespender. Die Kinder sehen, wie dem Eismann eine Gesichtshälfte weggerissen wird, bevor er tot zusammenbricht.

Die Zehnjährige fühlt sich schuldig am Tod des Mannes. Hätte sie nur nicht verbotenerweise Sahne haben wollen!

Kann ein kleines Mädchen ins Gefängnis kommen, weil es Sahne zu seinem Eis bestellt hat? Wird die Polizei das meinem Vater verraten?

Ich wollte zu den Ziegen, weil ich hoffte, dass ihr gleichgültiges Widerkäuen mich in die Realität zurückbringen und beruhigen würde.

Doch all das ergab für mich keinen Sinn mehr. Meine Wirklichkeit hatte sich aufgelöst.

Zeitreise

Damit ihr Bruder das „Geschmeiß“ los wird, das sich nach dem grauenhaften Unfall in seinem Kopf eingenistet hat und er wieder lächeln kann, nimmt sie sich vor, eine Zeitmaschine zu konstruieren und bis zu dem verhängnisvollen Abend zurückzufliegen. Sie malt sich aus, wie sie dann das Eis − Schokolade und Stracciatella − zur Verwunderung des Eismanns ohne Sahne haben möchte. Damit wäre wieder alles in Ordnung.

Monica, eine ältere allein in einem der Häuser wohnende Frau, die den Geschwistern früher von Drachen erzählte, soll bei der Erfindung helfen. Sie meint:

„Man braucht dazu eine Mischung aus Naturwissenschaft und Zauberei. Wenn du willst, kümmere ich mich um das Gewitter. Das Wissenschaftliche, das musst du dir selbst aneignen.“

Das Mädchen eifert Marie Curie nach und gibt sich nicht mit dem Schulunterricht zufrieden, sondern eignet sich Wissen über physikalische Zusammenhänge auch aus Bibliotheksbüchern an. Einen Hundewelpen, den sie mit Billigung ihres Vaters haben darf, nennt sie nach Marie Curies Mädchennamen Skłodowska „Dowka“.

Als sie glaubt, alles für die Zeitreise vorbereitet zu haben und Monica um das versprochene Gewitter bittet, sagt die alte Frau:

„Aber … Du weißt schon, dass das Ganze nur ein Spiel ist, nicht wahr?“

Ein Spiel!? Es geht darum, ihren Bruder zu retten!

Tierquäler

Zum achten Geburtstag erhält Gilles als Geschenk vom Vater ein Jahresabonnement für den Schießstand.

Die Ich-Erzählerin ertappt ihren Bruder dabei, wie er seinem vor Schmerzen quiekenden Chinchilla eine Reißzwecke in dessen linke Pfote drückt. Einige Zeit später verschwinden nach und nach die Katzen aus der Siedlung, und als es keine Katzen mehr gibt, tauchen die ersten Zettel mit Fotos von vermissten Hunden auf. Sie macht sich Sorgen um Dowka, denn sie ahnt, wer der Täter ist.

Seine einzige Möglichkeit, überhaupt noch etwas zu empfinden, war anscheinend Tiere zu quälen oder zu töten.

Wie eine unbeteiligte Beobachterin kommt sie sich vor.

Mein Vater schlug meine Mutter zusammen – und den Vögeln war das egal. Ich fand das tröstlich. Ich fand es tröstlich, dass sie einfach weiter zwitscherten, dass die Bäume knarrten und der Wind in den Blättern der Kastanien rauschte. Ich war nur eine unbedeutende Zuschauerin bei dem Stück.

Professor Yotam Pawlović

Als die Gymnasiastin 13 Jahre alt ist, lässt der Naturwissenschaftslehrer ihre Mutter kommen und erklärt ihr, dass ihre Tochter aufgrund außergewöhnlicher naturwissenschaftlicher und mathematischer Fähigkeiten eine Klasse überspringen soll.

Meine Mutter schaute wie eine Kuh, der man die Heisenberg’sche Unschärferelation zu erklären versuchte.
„Ach, das ist ja schön.“

Der Lehrer fordert die Hochbegabte auf, Yotam Pawlović aufzusuchen, einen am anderen Ende der Siedlung wohnenden ehemaligen Professor für Quantenphysik an der Universität Tel Aviv. Schon am nächsten Tag folgt sie dem Rat.

Yaëlle, die stumme Ehefrau des Greises, trägt eine Maske, um ihr zerstörtes Gesicht zu verbergen. Das Paar lernte sich an der Universität in Tel Aviv kennen. Sie studierte Medizin, er Physik. Nach dem Examen praktizierte Yaëlle in einem Krankenhaus, und weil sie dort viele misshandelte Frauen behandeln musste, gründete sie mit anderen zusammen ein Frauenhaus. Dort suchte eines Tages eine Frau namens Lyuba mit ihrem sechs Monate alten Sohn Zuflucht vor ihrem gewalttätigen Ehemann. Yaëlle half ihr, Familienangehörige in Russland ausfindig zu machen und die Reise zu organisieren. Der Ehemann rächte sich an der Medizinerin, die seiner Frau zur Flucht verholfen hatte, lauerte ihr mit Komplizen auf und übergoss sie nach stundenlanger Folter mit Säure. Dabei wurden die Sprechwerkzeuge, ein Auge und das Gesicht zerstört.

Hetzjagd

Professor Pawlović ist bereit, einmal pro Woche mit der wissbegierigen Gymnasiastin zu arbeiten, verlangt dafür jedoch ein Honorar, und um es bezahlen zu können, bietet das Mädchen in der Siedlung seine Dienste als Babysitterin an.

Den Anfang macht die 13-Jährige bei einem Paar, das sie schon länger kennt. Die Frau, die sie für sich „Feder“ nennt, weil sie so schlank ist, hat einen zweijährigen Sohn und ein Baby, Takeshi und Yumi. Heimlich verliebt sich die Ich-Erzählerin in den Vater der Kinder, einen muskulösen Sportler, einen „Champion“.

Im Jahr darauf weckt der Vater mitten in der Nacht Sohn und Tochter und fährt mit ihnen im Jeep zu einem Treffen mit zwei anderen Männern und deren Söhnen auf einer Waldlichtung.

Die Gymnasiastin wundert sich darüber, dass der Vater sie in diese Männerwelt mitgenommen hat. Aber dann erfährt sie den Grund: Die Männer geben ihr fünf Minuten Vorsprung. Dann wollen sie mit der Hetzjagd auf sie beginnen.

Ihr bleibt nichts anderes übrig, als loszurennen. Irgendwann stolpert sie in der Dunkelheit, bricht sich auf einem Felsbrocken eine Rippe und reißt sich die Hand auf. Der Schmerz ist kaum zu ertragen. Als sie die Scheinwerfer eines Autos sieht, hofft sie auf Rettung, läuft auf die Straße und hält den Wagen an. Aber beim Fahrer handelt es sich um einen der Männer und seinen Sohn. Die Hetzjagd ist zu Ende. Als Trophäe wird dem Mädchen eine Haarlocke abgeschnitten.

Ein Jahr später erwirbt ein US-amerikanisches Unternehmen den Vergnügungspark, und nach zwölf Jahren Betriebszugehörigkeit wird dem Vater der inzwischen 15-jährigen Protagonistin gekündigt.

Sie geht seit zwei Jahren zu Professor Pawlović, ohne dass ihr Vater etwas davon ahnt. Solange er tagsüber im Vergnügungspark zu tun hatte, konnte die das Geheimnis wahren, doch weil er jetzt arbeitslos ist, fällt ihm ihre Abwesenheit auf, und er will wissen, was sie treibt. Einmal hebt er sie wie ein Katzenjunges am Hals hoch.

Showdown

Nach dem Babysitten fährt Yumis und Takeshis Vater sie und ihren Hund stets nach Hause, damit sie nicht im Dunkeln durch die Siedlung gehen muss. Es erregt sie, wenn seine Hand am Schalthebel beinahe ihren Oberschenkel streift. Eines Abends wirft sie sich ihm entgegen, als er anhält. Er steigt aus, öffnet die Beifahrertür und führt sie ins Galgenwäldchen. Dort lässt sie sich von ihm deflorieren.

Nachdem er zum  Auto zurückgekehrt und weggefahren ist, sieht sie, dass ihr Vater im Garten steht und sie beobachtet. Bevor sie etwas tun kann, ruft er nach Dowka, und der kleine Hund rennt los. Sie folgt ihm in Panik. Ihr Vater hat die zappelnde Dowka beim Hals gepackt. Die 15-Jährige beißt ihn mit aller Kraft ins Handgelenk, aber er reißt seine Tochter an den Haaren zurück und während der tote Hundekörper auf die Steinplatten klatscht, wird das Mädchen von einem Faustschlag im Gesicht getroffen. Der Vater tritt auf seine am Boden liegende Tochter ein, bis sie ihm mit einem Schlag das Nasenbein, bricht. Während er zurücktaumelt, rennt sie ins Haus und zieht ein Fleischermesser aus dem Messerblock.

Vater und Mutter kommen fast gleichzeitig in die Küche. Die Mutter bleibt mit aufgerissenen Augen stehen. Der Vater spürt, dass die Tochter es nicht fertig bringt, auf ihn einzustechen. Höhnisch lachend entwindet er ihr das Messer, packt sie im Nacken und drückt es ihr an die Kehle.

Da steht Gilles in der Tür. Er richtet eine Pistole auf den Vater. Der fordert ihn auf, ihm die Waffe auszuhändigen. Die Mutter ruft: „Gilles, schieß!“ Der Elfjährige drückt ab.

Es heißt, dass die Stille, die auf Mozart folgt, immer noch Mozart ist. Aber niemand sagt etwas über die Stille, die auf einen Schuss folgt. Und auf den Tod eines Mannes.

Die Polizei legt den Fall bald zu den Akten, weil es sich zweifellos um Notwehr handelte.

Ein Sammler kauft die Jagdtrophäen und lässt sie mit einem Lastwagen abholen.

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In ihrem Debütroman „Das wirkliche Leben“ entwickelt die 1982 in Brüssel als Tochter des belgischen Rennfahrers Pierre Dieudonné geborene Schauspielerin Adeline Dieudonné eine beklemmende Coming-of-Age-Geschichte.

Dabei überlässt sie das Wort der Hauptfigur, einem anfangs zehn, am Ende 15 Jahre alten Mädchen, dessen Namen wir nicht erfahren. Entsprechend subjektiv, kindlich und schnörkellos ist die Sprache.

Die Charaktere werden von Adeline Dieudonné nicht differenziert ausgeleuchtet, und realistisch ist die ungewöhnliche Geschichte auch nicht. „Das wirkliche Leben“ weist Züge eines Schauermärchens auf. Die Handlung dreht sich um die Selbstbehauptung eines Mädchens in einem Strudel von häuslicher Gewalt. Horror, Grausamkeit, Angst und Hoffnung, Jäger und Beute, Schönes und Hässliches kommen sich in „Das wirkliche Leben“ nah. Weil früh zu ahnen ist, dass die Handlung nur mit einer Gewalttat enden kann, baut sich Spannung auf.

„La Vraie Vie“ / „Das wirkliche Leben“ stand monatelang auf der französischen Bestsellerliste, wurde mit 14 Literaturpreisen ausgezeichnet und in 20 Sprachen übersetzt.

Den Roman „Das wirkliche Leben“ von Adeline Dieudonné gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Camilla Renschke.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2020
Textauszüge: © dtv

Javier Marías - Der Gefühlsmensch
Aus Erinnerungen und einem nachdenklichen Monolog komponiert Javier Marías den Roman "Der Gefühlsmensch". Indem er den roten Faden immer wieder an anderen Stellen anknüpft, wiederholt, variiiert und kontrapunktiert er das Hauptthema und verwischt die Grenzen zwischen Realität und Imagination.
Der Gefühlsmensch