Jean Genet : Die Zofen

Die Zofen
Les bonnes Uraufführung: Paris 1947 Die Zofen Übersetzung: Gerhard Hock Originalausgabe Merlin-Verlag, Hamburg 1957 7. Auflage: Merlin-Verlag, Gifkendorf 2006 ISBN 978-3-87536-200-8, 41 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Claire und Solange sind der Willkür und den Launen der "gnädigen Frau" ausgelieferte Zofen. Dagegen rebellieren sie heimlich, beispielsweise wenn Claire Kleider der "gnädigen Frau" anzieht und in deren Rolle schlüpft. Nachdem die Zofen den "gnädigen Herrn" durch falsche Anschuldigungen ins Gefängnis gebracht haben, wollen sie die "gnädige Frau" ermorden ...
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Kritik

Das Bühnenstück "Die Zofen" von Jean Genet dreht sich um Unterwerfung und Abhängigkeit, Willkür, Machtlosigkeit, Frustration – und das Aufbegehren der Erniedrigten gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse. Ebenso faszinierend wie der Wechsel zwischen realistischen und absurd-künstlichen Szenen ist das Oszillieren zwischen Tragödie und Komödie.
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1. Szene

Solange und ihre jüngere Schwester Claire arbeiten als Zofen für ein reiches Ehepaar. Weil sie kein anderes Zuhause haben, sind sie von den Arbeitgebern völlig abhängig. Je nach Laune beschenkt oder schikaniert die „gnädige Frau“ die beiden, und die Zofen sind ihrer Willkür ausgeliefert.

Dagegen rebellieren sie heimlich. Kürzlich sorgte Claire mit falschen anonymen Anschuldigungen dafür, dass der „gnädige Herr“ wie ein gewöhnlicher Dieb verhaftet und ins Gefängnis gebracht wurde.

Vor ein paar Tagen wollte Solange die schlafende „gnädige Frau“ im Bett erwürgen, brachte es jedoch nicht fertig, aber die Schwestern haben beschlossen, nach der Beseitigung des „gnädigen Herrn“ die „gnädige Frau“ zu ermorden.

Während die Zofen allein zu Hause sind, zieht Claire ein kostbares Kleid der Arbeitgeberin an und spielt die „gnädige Frau“, während Solange weiter unterwürfig bleibt, allerdings jetzt im Rollenspiel statt in der Realität. Am Ende tut Solange so, als erwürge sie ihre Schwester.

Das Telefon klingelt. Am Apparat ist der „gnädige Herr“. Er wurde aus der Haft entlassen und möchte sich mit seiner Frau in einem Restaurant in der Stadt treffen. Die Zofen sollen es der „gnädigen Frau“ ausrichten.

2. Szene

Die „gnädige Frau“ kommt nach Hause. Statt sie über die Freilassung ihres Mannes zu informieren, wollen die Zofen ihren Mordplan durchführen. Deshalb serviert Claire der „gnädigen Frau“ einen vergifteten Lindenblütentee. Aber jedes Mal, wenn die „gnädige Frau“ die Tasse an die Lippen führt, fällt ihr etwas ein, das sie am Trinken hindert – und den kalt gewordenen Tee mag sie dann auch nicht mehr.

Sie schenkt den Zofen Kleider und meint: „Ihr habt Glück, dass euch jemand Kleider schenkt. Wenn ich welche brauche, muss ich sie mir kaufen.“

Der „gnädigen Frau“ fällt auf, dass die Zofen das Telefon benutzten, und von ihr zur Rede gestellt berichten sie, dass der „gnädige Herr“ anrief und die „gnädige Frau“ in einem Restaurant erwartet. Daraufhin weist die „gnädige Frau“ auch den inzwischen wieder heißen Tee zurück und jubelt, dass sie stattdessen mit ihrem Mann Champagner trinken werde. Sie eilt davon.

3. Szene

Wieder allein, verfallen die beiden Zofen erneut ins Rollenspiel. Sie wissen, dass ihre Intrige bald auffliegen wird. Sie müssten fliehen, wissen aber nicht, wo sie Zuflucht finden könnten. In der ausweglosen Situation bringt Claire in der Rolle der „gnädigen Frau“ Solange dazu, ihr den tödlichen Tee zu servieren – und trinkt ihn bewusst.

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Die Tragödie „Die Zofen“ von Jean Genet dreht sich um Klassenunterschiede, Privilegien, Unterwerfung und Abhängigkeit, Willkür, Machtlosigkeit und Frustration, aber auch um das Aufbegehren der Erniedrigten gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse.

Jean Genet schlug vor, die drei Frauenrollen in „Die Zofen“ mit männlichen Schauspielern zu besetzen, um das Irreale zu betonen. Das herkömmliche Illusionstheater lehnte er ebenso wie Bertolt Brecht ab. „Die Zofen“ bewegt sich denn auch zwischen der Realität der sozialen Verhältnisse und dem zunächst spielerischen Aufbegehren der Unterdrückten. Ebenso faszinierend wie der Wechsel zwischen realistischen und absurd-künstlichen Szenen ist das Oszillieren des Stücks „Die Zofen“ zwischen Tragödie und Komödie. Ein Lehrstück ist es dagegen überhaupt nicht; das ambivalente, konfliktreiche Beziehungsgeflecht der drei Figuren bleibt unerklärt – und gerade das ermöglicht es den Darstellern, ihr Können zu zeigen.

Jean Genet (1910 – 1986) wurde ein halbes Jahr nach der Geburt von seiner unverheirateten Mutter Camille Gabrielle Genet (1888 – 1919) der Fürsorge in Paris überlassen und wuchs als Pflegekind in Alligny-en-Morvan auf. Nach eigenen Angaben begann er im Alter von zehn Jahren, seine Pflegeeltern zu bestehlen. Während er 1937 bis 1942 wegen verschiedener Delikte immer wieder inhaftiert war, begann er, Gedichte zu schreiben und gleichzeitig an zwei Dramen und drei Romanen zu arbeiten.

Die erste Fassung der Tragödie „Les bonnes“ / „Die Zofen“ von Jean Genet wurde am 17. April 1947 vom Théâtre de l’Athénée in Paris uraufgeführt (als Vorspiel zu „Der Apollo von Bellac“ von Jean Giraudoux).

Gerhard Hock übersetzte den Text ins Deutsche („Die Zofen“, Merlin-Verlag, Hamburg 1957), und die deutsche Erstaufführung von „Die Zofen“ fand 1957 in Bonn statt.

Thomas Engel drehte 1964 mit Gisela Trowe, Inge Langen und Edda Seippel eine Fernsehfassung von „Die Zofen“. 1974 verfilmte Christopher Miles das Stück.

Die Zofen – Originaltitel: The Maids – Regie: Christopher Miles – Drehbuch: Robert Enders nach der Tragödie „Die Zofen“ von Jean Genet – Kamera: Douglas Slocombe – Schnitt: Peter Tanner – Musik: Laurie Johnson – Darsteller: Glenda Jackson, Susannah York, Vivien Merchant, Mark Burns

Der britische Komponist John Lunn vertonte die Tragödie „Die Zofen“ ebenso wie sein schwedischer Kollege Peter Bengtson („Jungfrurna“). Das von Dieter Gackstetter choreografierte Ballett „Die Zofen“ mit der Musik von Walter Haupt wurde 1977 in München uraufgeführt.

Mein Buchtipp orientiert sich an der am 29. September 2023 vom Volkstheater München uraufgeführten Inszenierung von Lucia Bihler mit Silas Breiding, Lukas Darnstädt und Jakob Immervoll (Bühne: Jessica Rockstroh, Kostüme: Leonie Falke).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2023

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