Patrick Modiano : Gräser der Nacht

Gräser der Nacht
L'herbe des nuits Éditions Gallimard, Paris 2012 Gräser der Nacht Übersetzung: Elisabeth Edl Carl Hanser Verlag, München 2014 ISBN 978-3-446-24721-5, 176 Seiten Taschenbuchausgabe dtv, München 2016 ISBN 978-3-423-14494-0
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Schriftsteller Jean versucht zu rekonstruieren, was Jahrzehnte zuvor – Mitte der Sechzigerjahre – in Paris geschah, als er 21 Jahre alt war und einige Wochen lang eine Liebesbeziehung mit einer drei Jahre älteren Frau hatte, die dann unvermittelt untertauchte. Hatte sie tatsächlich einen Mann erschossen?
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Kritik

Auf elegante Weise gleitet Patrick Modiano in seinem Roman "Gräser der Nacht" zwischen den beiden Zeitebenen hin und her. Dabei verweist er immer wieder auf Jeans altes Notizbuch und betont auf diese Weise, dass wir das Geschehen nicht hier und jetzt miterleben, sondern rückblickend.
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Jean und Dannie

Jean und Dannie begegnen sich Mitte der Sechzigerjahre in der Cafeteria der Cité Internationale Universitaire de Paris. Dort, im Pavillon der USA, bewohnt Dannie ein Zimmer, obwohl sie weder Studentin noch Amerikanerin ist. Jean ist 21, und Dannie behauptet, gleich alt zu sein. (Später wird er erfahren, dass sie drei Jahre älter ist.)

Zehn Tage, nachdem sie sich kennenlernten, zieht Dannie ins Unic Hôtel in der Rue du Montparnasse. Der Marokkaner Ghali Aghamouri, der mit ihr ebenso wie mit dem Geschäftsführer Lakdhar befreundet ist, hat ihr dort ein Zimmer besorgt.

Jean und Dannie werden ein Paar, obwohl der angehende Schriftsteller völlig anders ist als die zwielichtige Clique, mit der Dannie im Unic verkehrt: Paul Chastagnier, Pierre Duwelz, Gérard Marciano und Georges B., den sie Rochard nennen.

Jahrzehnte später schreibt Jean:

Ich glaube, all jene, die Dannie „die Flaschen vom Unic Hôtel“ nannte, waren tot, auf jeden Fall „Georges“, alias Rochard, und Paul Chastagnier. Nicht ganz so sicher bin ich mir bei Duwelz und Gérard Marciano. Von Aghamouri hatte ich nie wieder etwas gehört. Und Dannie war ein für allemal verschwunden.

In einer Buchhandlung glaubt Jean, eine Reinkarnation von Jeanne Duval zu sehen. Über die 1820 in Haiti geborene schwarze Sängerin und Tänzerin will er ein Buch schreiben. Sie war in Paris zunächst die Geliebte des Fotografen, Karikaturisten, Schriftstellers und Luftschiffers Nadar (Gaspard-Félix Tournachon) und dann die Muse des Dichters Charles Baudelaire.

Ghali Aghamouri verabredet sich mit Jean unter vier Augen und warnt ihn vor dem Umgang mit Dannie. Sie habe Schlimmes getan, sei in großen Schwierigkeiten und könne ihn mit ins Verderben reißen, meint er. Dannie sei auch nicht ihr richtiger Name. Er selbst habe ihr beispielsweise einen Studentenausweis auf den Namen seiner Frau Michèle Aghamouri besorgt.

Als Jean sie darauf anspricht, behauptet Dannie, sie habe alle Papiere verloren und sich neue besorgen müssen.

Jean wundert sich darüber, dass sich Dannie Briefe postlagernd an verschiedene Postämter schicken lässt, aber er fragt nicht weiter nach.

Bald zieht sie vom Unic Hôtel ins Hôtel Perceval um. Aber sie trifft sich auch weiterhin mit Männern aus der Clique.

Sie wolle Jean zeigen, wo sie früher gewohnt habe, sagt Dannie. Als die Concierge-Loge unbesetzt ist, schleicht sie sich mit ihm durchs Treppenhaus und sperrt mit dem Schlüssel, den sie bei sich trägt, eine Wohnung auf. Nachdem sie Schubladen durchwühlt und verschiedene Papiere in die Manteltaschen gestopft hat, packt sie einen Plattenspieler und Schallplatten in eine Einkaufstasche, die Jean trägt, als sie sich an der zurückgekehrten Concierge vorbeischleichen.

Ein anderes Mal nimmt Dannie ihn mit zu einem Landhaus in Feuilleuse im Département d’Eure-et-Loir. La Barberie ist der Name des Anwesens wie des Weilers. Auch dafür hat Dannie Schlüssel. Aber sie hält Jean davon ab, Licht abzumachen und erklärt, sie habe den Aufenthalt nicht mit der Besitzerin, Madame Dorme, abgestimmt.

Verhör

Von einem Tag auf den anderen verschwindet Dannie spurlos. Jean findet einen unter der Tür hindurch geschobenen Abschiedsbrief von ihr, in dem sie nicht verrät, wohin sie reisen will.

Bald darauf erhält Jean eine Vorladung zur Préfecture de Police am Quai de Gesvres. Ein Beamter namens Langlais fragt ihn über die Clique im Unic Hôtel aus und möchte wissen, ob er Mireille Sampierry kenne. Den Namen hat Jean noch nie gehört.

Rückblick

Jahrzehnte später trifft der erfolgreiche Schriftsteller den inzwischen pensionierten Kommissar in einem Café, und Langlais sagt:

Ich bin Ihnen von weitem gefolgt, seit all der Zeit“, sagte er zu mir. „Ich habe sogar Ihr letztes Buch gelesen, über diese … Jeanne Duval …“

Bei seiner Pensionierung vor zehn Jahren habe er ein paar Akten behalten, erklärt Langlais, darunter auch die über „Dannie“, die in Wahrheit Dominique Roger hieß. Er wohnt gleich in der Nähe und übergibt Jean die 25 Jahre alte Akte.

Jean erfährt daraus, dass Ghali Aghamouri 1938 in Fez geboren wurde und als Mitglied der marokkanischen Sicherheitspolizei in Paris zu tun hatte, als er Jean vor Dannie warnte.

Dannie stammte nicht aus Casablanca, wie sie behauptete, sondern wurde in Paris geboren. Ihre Mutter hieß Andrée Lydia Roger. Außer den Namen Mireille Sampierry und Michèle Aghamouri benutzte noch weitere, zum Beispiel nannte sie sich auch Jeannnine de Chillaud. Wegen Ladendiebstählen hatte sie eine achtmonatige Haftstrafe verbüßt, und drei Monate bevor sie Jean begegnete, soll sie einen Mann erschossen haben.

Kurz vor Mitternacht hörte ein Concierge in einem Mietshaus am Quai Henri-IV zwei Schüsse. Zehn Minuten später verließen zwei Männer und zwei Frauen die auf den Namen Mireille Sampierry gemeldete Wohnung. Nach einer Stunde kamen sie zurück und schafften einen Mann zum vor dem Hauseingang geparkten Wagen. Ein Tatzeuge namens Jean Terrail sagte aus, dass es in der Wohnung zu einem Streit gekommen sei. Mireille Sampierry habe einem Mann seine Waffe entrissen und ihn im Handgemenge versehentlich damit erschossen, weil sich zwei Schüsse lösten.

Vermutlich setzte sich Dominique Roger mit einer Frau namens Méreux Hélène Dorme ins Ausland ab und tauchte dort unter.

Anhand der Polizeiakte und seines alten schwarzen Notizbuches versucht Jean zu rekonstruieren, was vor Jahrzehnten geschah.

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Der Schriftsteller Jean versucht zu rekonstruieren, was Jahrzehnte zuvor – Mitte der Sechzigerjahre – in Paris geschah, als er 21 Jahre alt war und einige Wochen lang eine Liebesbeziehung mit einer drei Jahre älteren Frau hatte, die dann unvermittelt untertauchte. Hatte sie tatsächlich einen Mann erschossen? Wenn ja, war es ein Attentat, ein Unfall oder Notwehr? Auf jeden Fall benutzte sie mehrere Namen, und auch der, den sie Jean gegenüber angegeben hatte – Dannie –, war falsch. Dennoch empfindet Jean ihr Verschwinden als Verlust.

Patrick Modiano spielt in seinem Roman „Gräser der Nacht“ mit Thriller-Elementen. Aber es geht ihm nicht um die Aufklärung eines Tötungsdelikts; im Gegenteil: gerade auf die Rätselhaftigkeit kommt es ihm an. Dass Dannie in zwielichtigen Kreisen verkehrt, falsche Papiere benutzt und über Schlüssel verfügt, die ihr offenbar nicht gehören, schafft eine Atmosphäre der Gefahr.

Auf elegante Weise gleitet Patrick Modiano in „Gräser der Nacht“ zwischen den beiden Zeitebenen hin und her, zwischen Jeans melancholischen Erinnerungen und seinen gegenwärtigen Gedanken.

Für mich hat es Gegenwart oder Vergangenheit niemals gegeben. Alles verschmilzt […].

Patrick Modiano verweist immer wieder auf Jeans altes Notizbuch, das ihm bei seinen Erinnerungen hilft – und uns Leserinnen und Lesern nicht vergessen lässt, dass wir das Geschehen nicht hier und jetzt miterleben, sondern rückblickend. Das betont Patrick Modiano und findet einen einen ganz besonderen Stil für die Entwicklung der sparsamen Handlung.

Die steht allerdings in Zusammenhang mit der Entführung des in seiner Heimat zum Tod verurteilten marokkanischen Politikers Mehdi Ben Barka, der am 29. Oktober 1965 in Paris entführt und noch am selben oder am folgenden Tag erschossen wurde. Über die Einzelheiten der Tat, die Drahtzieher und die politischen bzw. geheimdienstlichen Zusammenhänge besteht noch heute Unklarheit.

Dannie, einen der Namen der weiblichen Hauptfigur des Romans, fand Patrick Modiano in einem Gedicht des Lyrikers, Schriftstellers, Dramatikers und Journalisten Jacques Séraphin Audiberti (1899 –1965), der auch einen Cameo-Auftritt in „Gräser der Nacht“ hat. Und einem Gedicht des russischen Dichters Ossip Emiljewitsch Mandelstam (1891 – 1938) entnahm Patrick Modiano den Buchtitel „Gräser der Nacht“.

Am 9. Oktober 2014 erhielt Patrick Modiano den Nobelpreis für Literatur. Noch im selben Jahr brachte der Carl Hanser Verlag die deutschsprachige Übertragung seines Romans „L’herbe des nuits“ heraus: „Gräser der Nacht“.

Den Roman „Gräser der Nacht“ von Patrick Modiano gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Ulrich Matthes.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2024
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

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Kristín Steinsdóttir erzählt Siegtruds Geschichte nicht chronologisch, sondern in einem Kaleidoskop bruchstückartiger Erinnerungen. Dem Charakter der Hauptfigur entsprechend, ist die Sprache unspektakulär und schnörkellos, ruhig, herb und unsentimental.
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