Seni Glaister : Mr Doubler und die Kunst der Kartoffel

Mr Doubler und die Kunst der Kartoffel
Mr Doubler Begins Again HarperCollins, Glasgow 2019 Mr Doubler und die Kunst der Kartoffel Übersetzung: Julia Walther HarperCollins, Hamburg 2019 ISBN 978-3-95967-258-0, 432 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Mr Doubler, ein kauziger Kartoffelbauer, lebt auf seinem abgelegenen Hof wie ein Einsiedler. Die Tochter besucht ihn einmal im Monat mit der Familie, der Sohn noch seltener. Fremde sieht Mr Doubler keine – außer seiner Haushaltshilfe Mrs Millwood. Als diese wegen einer Krebserkrankung auf absehbare Zeit ausfällt und er für sie beim ehrenamtlich betriebenen Tierheim einspringt, ändert sich sein Leben von Grund auf …
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Kritik

Um Mr Doubler herum hat Seni Glaister andere markante Charaktere gruppiert, die sie bis auf zwei Ausnahmen warmherzig porträtiert. Die meisten von ihnen sind schrullig wie die Hauptfigur. Viel Handlung gibt es in dem tragikomischen Roman "Mr Doubler und die Kunst der Kartoffel" nicht; es geht der Autorin vor allem um nachdenkliche Gespräche der Personen und ein Plädoyer für Mitmenschlichkeit.
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Mirth Farm

Vor vier Jahrzehnten erwarb Mr Doubler ein abgelegenes Gehöft auf einem Hügel und die dazugehörigen Äcker. Er pflanzt ausschließlich Kartoffeln und experimentiert nach dem Vorbild des anerkannten Kartoffelzüchters John Clarke (1889 – 1980) damit, um eine gegen die Kartoffelfäule resistente Sorte anbieten zu können. Dabei verzichtet er auf moderne Geräte, und Genmanipulationen kämen für ihn schon gar nicht in Frage. Um sich auf sein Lebenswerk konzentrieren zu können, hält er keine Tiere und baut weder Getreide noch Gemüse an.

„Fleisch kann man einfrieren und verkaufen, anderes Getreide wie Reis hält sich ewig, aber die Kartoffel will entweder in der Erde oder in Ihrem Bauch sein. Dazwischen hält sie sich nicht gerne auf. […] Das ist gut, denn sobald etwas auf dem internationalen Markt gehandelt wird, wird es zum politischen Pfand. Die Preise schnellen in astronomische Höhen, Bauern werden vom Markt verdrängt, Quoten auferlegt und Sanktionen verhängt. Das alles ist mit der Kartoffel nicht möglich, deshalb baut einfach jedes Land seine eigenen an. Das bedeutet, dass in schweren Zeiten wirtschaftlicher Unruhe die Kartoffel erschwinglich bleibt. Man kann einer Kartoffel vertrauen.“

„Meine Kinder sind nicht mein Vermächtnis. Meine Kartoffeln sind mein Vermächtnis. „

Seine Frau Marie ertrug die Einsamkeit und Eintönigkeit auf der Mirth Farm ein paar Jahre lang, dann erklärte sie ihm, dass es so nicht weitergehen könne.

„Ich habe ihr recht gegeben. Ich war sofort bereit, ihr recht zu geben. Ich habe ihre Hand gehalten und gesagt, ja, wir können uns etwas anderes suchen. Ja, wir können hier oben zusammenpacken, aber ich bin etwas Wichtigem auf der Spur, und ich brauche noch ein bisschen mehr Zeit.“
Doubler hielt inne, um den genauen Wortlaut aus zwei Jahrzehnten verdrängter Erinnerungen hervorzukramen. „‚Wie lange?‘, hat sie gefragt. ‚Wie viel Zeit brauchst du noch?‘ ‚Zehn Jahre‘, habe ich geantwortet. ‚Maximal fünfzehn.'“

Marie verschwand ohne ein weiteres Wort. Ein paar Wochen später schickte ein in Spanien tätiger Rechtsanwalt die Scheidungspapiere, und Marie verzichtete auf das Sorgerecht für die beiden Kinder. Doubler lernte kochen, Wäsche waschen, bügeln und so weiter, um für Camilla und Julian sorgen zu können. Aber sobald beide ihre eigenen Familien gegründet hatten, verließ er die Mirth Farm nicht mehr. Was er benötigt, bestellt er telefonisch in Geschäften naher Dörfer und Städte. Statt dafür Geld zu bezahlen, bietet er den Lieferanten einmal im Jahr eine entsprechende Menge seines selbst hergestellten ganz besonderen Gins an. Außerdem brennt er aus seinen Kartoffeln einen hochwertigen Wodka, den er gegen Geld verkauft, um beispielsweise die Stromrechnung bezahlen zu können.

An jedem ersten Sonntag im Monat besucht ihn seine Tochter Camilla mit ihrem Ehemann Darren und den Kindern. Sie achtet darauf, dass ihr Bruder Julian, dem es peinlich ist, der Sohn eines Kartoffelbauern zu sein, wenigstens viermal im Jahr mit seinen Kindern ebenfalls kommt.

Julians Kinder […] waren bereits durch ihre teure Schulbildung verdorben worden. Schon jetzt waren sie arrogant, genau wie ihr Vater, und durch das fehlende stabile Familienleben hatten sie rasch gelernt, Julians Schuldgefühle zu ihrem Vorteil auszunutzen. Genau das hatte man ihnen auf ihrer Privatschule beigebracht: die Schwächen der Erwachsenen zu erkennen und Kapital daraus zu schlagen. Das zeigte sich in kostspieligen Dingen wie Skiurlauben und Cricket-Reisen in die USA, teurem elektronischen Schnickschnack und dem Gefühl, dass ihnen das alles zustand – was ihnen im späteren Leben eine erfolgreiche Karriere sichern würde.

Andere Gesichter sieht Mr Doubler nicht abgesehen von der Haushaltshilfe Mrs Millwood.

Grove Farm

Eines Tages kommt statt der Witwe Gracie Millwood deren Tochter Madeleine („Midge“) mit ihrem Kleinwagen den Hügel herauf. Mr Doubler kennt sie noch nicht und weiß auch nicht, dass sie als Rechtsanwältin mit drei Kollegen in einer Kanzlei arbeitet. Sie teilt ihm mit, dass ihre Mutter an Krebs erkrankt ist, sich einer Chemotherapie unterziehen muss und auf absehbare Zeit ausfallen wird.

Mrs Willwood möchte im Krankenhaus keinen Besuch von Mr Doubler, aber sie ruft ihn fast täglich an und schickt mehrmals pro Woche ihre Tochter vorbei, damit diese nach ihm sieht. Midge schlägt ihm vor, mit einer Zeitungsannonce eine andere Haushaltshilfe für ihn zu suchen, aber er zieht es vor, alles allein zu machen, und als Mrs Willwood ihn bittet, für sie zweimal in der Woche ein paar Stunden im Tierheim einzuspringen, setzt er sich mit Colonel Maxwell, dem ehrenamtlichen Leiter der Einrichtung, in Verbindung.

Das Tierheim wurde nach dem Tod des Bauern auf der Grove Farm eingerichtet. Dons Witwe Olive hat den Bauernhof und das Gelände zur Verfügung gestellt.

Gleich am ersten Tag, nach einer kurzen Einführung durch Maxwell, fährt ein Pick-up mit einem Pferdeanhänger vor. Eine Frau steigt aus und erklärt dem neuen Mitarbeiter des Tierheims, sie wolle ihren Esel abholen. Während sie die Klappe des Anhängers öffnet, bemüht Doubler sich geduldig, den Esel zu ihr zu bringen. Da kommt Maxwell angefahren. Mrs Mitchell habe den Pick-up und den Anhänger soeben an einer Tankstelle gestohlen, erklärt er Doubler. Sie könne den Esel nicht zurückhaben.

Einige Zeit später klingelt Mr Doubler bei Maddie Mitchell. Zunächst lehnt sie es ab, mit jemandem vom Tierheim zu sprechen, aber als er erklärt, dass er gekommen sei, um sich ihre Version der Geschichte anzuhören, lässt sie ihn doch ins Haus.

[Doubler:] „Aber Sie verstehen doch sicher […] die praktischen Umstände? Sie verstehen, weshalb alle dachten, dass er anderswo besser aufgehoben wäre?“
[…] Doubler beschloss, ruhig zu bleiben, eine sanfte, schmeichelnde Taktik zu wählen, statt auf Konfrontation zu gehen. „Aber er braucht eine gewisse Pflege, und um die können Sie sich unter diesen Umständen nicht kümmern. […]
Sie können ihn nicht hierbehalten!“
„Aber warum denn nicht? Das begreife ich einfach nicht. Es ist ein großes Haus. Zwei Schlafzimmer. Und ein Esszimmer. Wozu brauche ich ein Esszimmer? Ich gebe wahrlich keine Dinnerpartys. Meistens esse ich abends vor dem Fernseher. Allein. Er könnte das Esszimmer haben, wenn er die Treppe nicht schafft.“
„Aber nein, das geht nicht, Mrs Mitchell. Genau das ist das Problem. Sehen Sie denn nicht, was für ein haarsträubender Vorschlag das ist?“
„Aber warum? Nennen Sie mir einen vernünftigen Grund. […]“
„Es gibt viele Gründe, aber ich fange mit dem offensichtlichen an. Mrs Mitchell, er braucht jede Menge Gras zum Weiden.“
„Er braucht was?“
„Gras“, Mrs Mitchell. Das verstehen Sie doch, oder?“

An dieser Stelle merkt Maddie Mitchell, dass sie aneinander vorbei geredet haben: Mr Doubler meinte den Esel, sie ihren Ehemann Thomas, den die Kinder nach einem Herzinfarkt und einem kurz darauf folgenden Schlaganfall in einem Pflegeheim untergebracht haben. Den Bauernhof der Eltern verkauften sie, um die Rechnungen bezahlen und der Mutter ein Haus einrichten zu können. Allerdings taten sie das alles, ohne Maddie nach ihren Wünschen und Vorstellungen zu fragen.

Den Esel hatte sie von ihrem früheren Hof geholt und in der Garage untergebracht. Aber die Nachbarn beschwerten sich über den Gestank, und die Behörden verfügten, dass der Esel ins Tierheim kam.

Doubler erfährt, dass die Witwe Olive ‒ die Besitzerin der Grove Farm ‒ drei erwachsene Kinder hat. Aber die ältere Tochter lebt in San Francisco, die jüngere in Melbourne und der Sohn in Sydney. Sie ist seit dem Tod ihres Mannes ebenso vereinsamt wie Maddie, die sich obendrein in der von ihren Kindern für sie ausgesuchten Behausung unwohl fühlt. Beide Frauen leiden unter dem Kontrollverlust. Deshalb bringt Doubler Olive und Maddie auf die Idee, gemeinsam auf der Grove Farm zu wohnen. Sie wollen allerdings nicht herumsitzen, sondern wieder ein wenig Landwirtschaft betreiben und sich die Kontrolle über ihr Leben zurückholen.

Julian

Julian versucht seinem Vater am Telefon einzureden, dass es ratsam wäre, den Jahrzehnte alten Land Rover gegen einen Kleinwagen zu tauschen. Er tut so, als würde er ihm damit einen Gefallen tun. Midge findet jedoch heraus, dass es sich bei dem kaum gefahrenen Land Rover aus dem Jahr 1949 um ein wertvolles Sammlerstück handelt. Doubler nimmt zunächst an, dass sein Sohn davon nichts geahnt habe, aber Camilla belehrt ihn eines Besseren. Sie kennt ihren berechnenden Bruder.

Die Mirth Farm liegt inmitten der Ländereien Peeles, des größten Kartoffelbauern der Grafschaft. Inzwischen bekam Doubler drei Schreiben von ihm, zunächst ein Kaufangebot, dann unverhüllte Drohungen. Schließlich kommt Peele persönlich vorbei, aber Doubler erklärt ihm, er werde seinen Hof nicht aufgeben und mache sich nichts aus Geld.

Peele ist 25 bis 30 Jahre jünger als Doubler und trifft sich mit Julian im Golfklub. Midge und Olive sitzen am Nebentisch, als die beiden Männer über das geplante Grundstücksgeschäft reden. Peele und Julian haben einen Deal, demzufolge Julian einen Hektar Land und ein Haus bekommt, wenn sein Vater Peele die Mirth Farm übereignet. Nachdem es auch Julian nicht gelungen ist, seinen Vater zu überreden, berichtet er seinem Geschäftspartner, er habe sich bereits mit einem Arzt und einem Rechtsanwalt in Verbindung gesetzt, die ihm dabei  helfen wollen, den Vater wegen Unzurechnungsfähigkeit unter Vormundschaft zu stellen oder sogar in eine psychiatrische Klinik einweisen zu lassen. Olive hält es nicht mehr auf ihrem Stuhl. Sie springt auf und wirft den beiden Männern unmoralisches Handeln vor. Dann klärt sie Julian Doubler darüber auf, dass Peele nicht nur seinen Vater, sondern auch ihn über den Tisch ziehen wollte. Der reiche Kartoffelbauer beabsichtigt nicht, seine Ackerfläche zu vergrößern, sondern will eine ganze Siedlung bauen. Mit dem Gemeinderat hat er bereits eine informelle Einigung darüber erzielt. Und wenn dann auch noch ein Bahnanschluss entsteht, wird sich der Wert des Areals vervielfachen.

Aufgebracht wirft Julian seinem Golfpartner vor, er habe ihn mit einem Stück Land und einem Haus abspeisen wollen. Peele entgegnet, er habe ihm einen Deal angeboten, und er sei darauf eingegangen. Dass er seine Karten nicht aufgedeckt habe, könne man ihm nicht vorwerfen.

Ende

Sobald Gracie Millwood am Telefon sagt, dass sie in der Verfassung sei, Besucher zu empfangen, fährt Doubler zu ihr – und überrascht sie mit dem Vorschlag, sich auf der Mirth Farm zu erholen, und zwar als seine Ehefrau.

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Im Zentrum des Romans „Mr Doubler und die Kunst der Kartoffel“ von Seni Glaister steht ein kauziger Kartoffelbauer, der auf seinem abgelegenen Hof wie ein Einsiedler lebt. Als sein Lebenswerk betrachtet er die Züchtung der besten Kartoffeln in der Gegend, und er würde nie auf die Idee kommen, dabei moderne Methoden oder gar Gentechnik einzusetzen. Doubler trauert der Zeit nach, als ein Bauer im Sommer 18 Stunden am Tag arbeitete und sich im Winter ausruhte.

„Landwirte brauchen inzwischen nicht mehr auf den Sonnenaufgang zu warten. Ihre Traktoren sind mit starken Scheinwerfern ausgestattet und von Computern gesteuert. Heutzutage können sie vierundzwanzig Stunden am Tag arbeiten.“

Seine Tochter besucht ihn einmal im Monat mit der Familie, der Sohn deutlich seltener. Dem ehrgeizigen Banker Julian Doubler ist es peinlich, der Sohn eines Kartoffelbauern zu sein. Fremde sieht Mr Doubler keine – außer seiner Haushaltshilfe Mrs Millwood.

Als diese sich wegen einer Krebserkrankung einer Chemotherapie unterziehen muss und auf absehbare Zeit ausfällt, lehnt er es ab, Ersatz zu suchen. Statt sich an ein neues Gesicht zu gewöhnen, macht er lieber alles selbst. Allerdings kommt noch etwas hinzu: Mrs Millwood bittet ihn, zweimal in der Woche ein paar Stunden beim ehrenamtlich betriebenen Tierheim für sie einzuspringen. Also verlässt Mr Doubler nach einem Jahrzehnt erstmals wieder den Hügel, auf dem sich seine Farm befindet. Dadurch ändert sich sein Leben von Grund auf …

Um Mr Doubler herum hat Seni Glaister andere markante Charaktere gruppiert, die sie bis auf zwei Ausnahmen – Julian und Peele – warmherzig porträtiert. Die meisten von ihnen sind schrullig wie die Hauptfigur. Der Banker Julian, für den Geld der alleinige Maßstab ist und der nicht davor zurückschreckt, seinen eigenen Vater zu übervorteilen, bleibt allerdings ein Klischee.

Seni Glaister hat „Mr Doubler und die Kunst der Kartoffel“ in 39 Kapitel gegliedert. Viel Handlung gibt es nicht; es geht der Autorin vor allem um beinahe philosophische, jedenfalls nachdenkliche Gespräche der Personen. Ob das alles realistisch ist? Schön wäre es. Auf jeden Fall gibt der wegen des Humors und der Tragikomik unterhaltsame Roman Denkanstöße. „Mr Doubler und die Kunst der Kartoffel“ ist ein Plädoyer für Mitmenschlichkeit.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2019
Textauszüge: © HarperCollins

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