Romy Hausmann : Marta schläft

Marta schläft
Marta schläft Originalausgabe dtv Verlagsgesellschaft, München 2020 ISBN 978-3-423-26250-7, 385 Seiten ISBN 978-3-423-43688-5 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Als Nadja 15 Jahre alt war, wurde ihre sich prostituierende Mutter erschlagen. Inzwischen ist sie 35 und arbeitet in einer Anwaltskanzlei. Nachdem ihre frühere Kollegin Laura ihren Liebhaber erstochen hat, will Nadja ihr helfen, die Tat zu vertuschen, damit die vierjährige Tochter nicht mit der Mutter im Gefängnis aufwachsen muss.
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Kritik

Wer beim Lesen auf Action und Suspense abfährt, könnte von dem Psychothriller "Marta schläft" enttäuscht sein. Romy Hausmann beginnt mehrere Handlungsstränge auf verschiedenen Zeitebenen und springt zwischen ihnen hin und her. Erst allmählich lassen sich die Zusammenhänge durchschauen, und dabei ergeben sich neue Wendungen.
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17. Juni 1999

Die 15 Jahre alte Nadja Kulka und ihr fünfjähriger Bruder Janek, die wohl kaum denselben Vater haben, leben bei ihrer Mutter Marta in einer verwahrlosten Mietwohnung in der polnischen Stadt Zabrew.

An diesem Morgen haben Nadja und Janek verschlafen. Janek bringt noch kaum die Augen auf und klagt über Kopfschmerzen, aber seine Schwester geht mit ihm zur im selben Haus wohnenden Tante Evelyn hinunter und bittet sie, Janek in den Kindergarten zu bringen. In dem Glas, aus dem sie beide am Abend zuvor Cola getrunken haben, fallen Nadja weiße Partikel auf und sie begreift, dass Marta sie mit zerstoßenen Schlaftabletten ruhig stellte, damit die Kinder die Freier nicht störten.

Als Janek fort ist, hebt Nadja die Mutter aus der Badewanne, schleift sie ins Schlafzimmer, legt sie ins Bett und kocht Tee.

Was sollte ich denn machen? Ich musste ihr doch helfen! Sie hatte beim Baden einen Kreislaufkollaps erlitten. So zumindest sah es für mich aus: Sie lag ohnmächtig in der Wanne, ihr schlapper, rechter Arm hing über dem Rand.

Es klingelt: Tante Evelyn ist zurück. Nadja erklärt ihr, dass Marta krank im Bett liege. „Marta schläft.“ Nachdem Tante Evelyn kurz ins Bad und ins Schlafzimmer geschaut hat, lässt sie sich von Nadja aus der Wohnung schieben. Aber kurz darauf kommt sie mit Polizisten wieder.

Kommissar Fedor Botzki, den Nadja und Janek als „Onkel Fedor“ kennen, stellt fest, dass Marta der Schädel eingeschlagen wurde, augenscheinlich mit einer Bronzestatue in der Badewanne. Er geht davon aus, dass Nadja mit ihrer Mutter allein in der Wohnung war und nimmt sie fest.

Tante Evelyn telefoniert mit ihrem Cousin, dem aus Zabrew stammenden, in Berlin arbeitenden Rechtsanwalt Ludwig Abramczyk, der als Jugendlicher in Magda verliebt gewesen war. „Onkel Adwo“ (Advokat) übernimmt Nadjas Verteidigung, glaubt ihr aber nicht, als sie beteuert, sie habe den letzten Gast bei ihrer Mutter im Bad gehört und das viele Blut zunächst gar nicht wahrgenommen.

Nadja 2014 / 2015

Nadja wird wegen Totschlags zu sieben Jahren Haft verurteilt. Nach der Verbüßung der Strafe kehrt die 22-Jährige nach Zabrew zurück und kümmert sich um ihre herzkranke Tante Evelyn, bis diese stirbt und Ludwig Abramczyk sie nach Berlin holt, ihr regelmäßige Stunden bei einer Psychotherapeutin verschafft und sie in der renommierten Großkanzlei beschäftigt, deren Seniorchef er ist.

Nadja kleidet und benimmt sich unauffällig. Außer dem Chef weiß niemand, dass sie im Gefängnis war. Enge Beziehungen pflegt sie keine. Am ehesten könnte man noch die in derselben Kanzlei tätige Assistentin Laura Brehme als Freundin betrachten, aber die heiratet 2014 Ludwig Abramczyks Partner Gero van Hoven und hört zu arbeiten auf.

Im Juli 2015, einige Monate nach der Geburt ihrer Tochter Vivi, kommt Laura van Hoven noch einmal in die Kanzlei, um das Baby herumzuzeigen. Plötzlich kann niemand mehr sagen, wo der Säugling ist. Alle suchen hektisch nach Vivi. Gero findet sie am Rand der Dachterrasse in Nadjas Armen. Entsetzt nimmt er Nadja das Kind ab und kündigt ihren Arbeitsvertrag.

Daraufhin klärt Ludwig Abramczyk seinen Partner über Nadjas Vergangenheit auf und bringt ihn dazu, die Kündigung zurückzunehmen.

Mordfall Nelly Schütt, 2014 / 2015

Nelly Elisabeth Schütt ist 22 Jahre alt und arbeitet an der Rezeption eines von ihren Eltern Bettina und Klaus-Peter geführten Hotels in Mecklenburg.

Im Frühjahr 2014 verliebt sie sich in den Gast Paul Heger, einen 41-jährigen Pharmavertreter aus Berlin, der mit seiner Ehefrau Simone eine 14 Jahre alte Tochter hat: Jullia Estelle. Mehr als ein Dutzend Mal verabreden sich Nelly und Paul im Autobahn-Hotel „Zervenwald“ an der A24 bei Suckow.

In der Annahme, Paul habe sich für sie entschieden und werde sich von seiner Frau nach 17 Ehejahren trennen, fährt Nelly nach Berlin und malt sich eine gemeinsame Zukunft mit ihm aus. Aber das Ehepaar schickt sie entrüstet fort, und für Nelly bricht eine Welt zusammen.

Zwei Wochen lang hört sie nichts von Paul. Dann bestellt er sie mit einer SMS ins Hotel „Zervenwald“.

Drei Tage später findet man Nellys Leiche im unteren Bereich eines Abhangs im Wald nahe des Hotels. Die 22-Jährige erlitt einen Genickbruch.

Paul wird unter Mordverdacht festgenommen. Er beteuert zwar, Nelly nichts getan zu haben, aber niemand glaubt ihm, denn er hat ein Motiv und sowohl Indizien als auch Zeugenaussagen sprechen gegen ihn.

Die Verteidigung wird von Tabea Lenggries vorbereitet. Sie gehört zu den Anwältinnen und Anwälten der Kanzlei Abramczyk & van Hoven und ist Geros Geliebte. Als der 42-Jährige die Affäre mit ihr beendet, weil er sich in die Assistentin Laura Brehme verliebt hat, kündigt Tabea, und er übernimmt Paul Hegers Verteidigung.

Sein Gegner im Gerichtssaal ist der Staatsanwalt Fred Mertens. Obwohl der Angeklagte nicht aufhört, seine Unschuld zu beteuern, wird er wegen Totschlags verurteilt.

Im Juli 2015 wendet sich ein junger Mann namens Hannes Liewert an Gero van Hoven und will ihm ein Kuvert mit einem Geständnis übergeben, doch in diesem Augenblick beginnen alle in der Kanzlei nach Vivi zu suchen. Einige Tage später passt Hannes Liewert den Anwalt in der Tiefgarage ab und reicht ihm erneut das schriftliche Geständnis. Er sei mit Nelly zur Schule gegangen, sagt er. Nachdem sie von Paul und Simone Heger in Berlin abgewiesen wurde, ließ sie sich auf ihn ein und er glaubte, endlich eine Chance bei ihr zu haben. Aber dann schickte sie ihn unerwartet weg. Er vermutete, dass sie sich erneut mit Paul Heger im Hotel „Zervenwald“ treffen wollte und passte sie auf dem Parkplatz ab. Sie fuhr mit ihm zum nahen Wald und ging ein Stück mit ihm. Als sie ihn höhnisch auslachte, stieß er sie, ohne auf dem Abgrund hinter ihr zu achten.

Gero van Hoven unternimmt nichts, setzt sich auch nicht für seinen wohl zu unrecht inhaftierten Mandanten ein. An Nellys fünftem Todestag erhängt sich Hannes Liewert.

Nadja, 2019

Nadja Kulka arbeitet jetzt seit fünfeinhalb Jahren in der Kanzlei. Im Oktober 2017 zog sich Ludwig Abramczyk aus Altersgründen in seine polnische Heimat zurück, und Gero van Hovens wurde Nachfolger seines väterlichen Freundes an der Spitze der Kanzlei.

Unvermittelt taucht Laura van Hoven kurz vor Dienstschluss in der Kanzlei auf und fragt Nadja nach ihrem Mann. Der hat in Magdeburg zu tun. Weil die 34 Jahre alte Ehefrau verstört wirkt, bietet Nadja ihr Hilfe an und fährt am Abend zu ihr nach Charlottenburg. Auf dem Kachelboden im Wohnzimmer liegt die Leiche eines Mannes mit vier Messerstichen in der Brust. Es handelt sich um Geros Tennispartner und Lauras Liebhaber Aron Bruckstätt.

Laura schluchzt, dass ihr Ehemann wohl kaum die Verteidigung übernehmen würde und falls doch, müsste sie befürchten, dass er ihr schaden wolle, um sich für ihre Untreue zu rächen. Nadja möchte nicht, dass Vivi – Laura hat die Vierjährige zu ihren Schwiegereltern gebracht – jahrelang ohne Mutter aufwachsen muss.

Nadja hilft Laura, die Leiche in die Garage zu schleppen und in den Kofferraum eines SUV zu heben. Mit dem Wagen fährt sie am nächsten Morgen zu einer Adresse im Spreewald, die Laura ihr gegeben hat. Es handele sich um das leerstehende Häuschen ihrer Großmutter, sagte Laura. Dort habe sie sich mehrere Male heimlich mit Aron getroffen. Sie will mit ihrem Auto nachkommen und dann mit Nadjas Hilfe die Leiche auf dem abgelegenen Grundstück vergraben.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Aber am Zielort wird Nadja von Gero van Hoven erwartet. Bald darauf trifft auch Laura ein.

Nadja wird gezwungen, ein Grab auszuheben. Als sie nicht mehr kann und Gero die aufgeschürften Hände zeigt, schickt er sich an, sie beim Schaufeln abzulösen. Aber sie schlägt ihn mit dem Spaten nieder. Gleich darauf heult ein Motor auf. Nadja gibt Gas, doch als Gero nach ihr ruft, hält sie an und kommt zurück.

Wollte sie fliehen, weil sie dachte, Nadja habe ihren Mann getötet? Hätte sie ihn einfach liegen lassen? Nadja weiß es nicht, begreift allerdings, dass die beiden sie wegen ihrer Vergangenheit als Sündenbock ausgesucht haben. Das Ehepaar will ihr Aron Bruckstätts Ermordung anhängen. Zu diesem Zweck hat Laura auch das Messer mitgebracht, mit dem sie ihren Liebhaber erstach und das Nadja am Vorabend anfasste.

Laura und Gero, 2019

Nachdem Laura ihren Liebhaber zwei (!) Tage zuvor erstochen hatte, rief sie in ihrer Verzweiflung ihren Mann in Magdeburg an. Der kam sofort nach Berlin. Laura gesteht die Affäre und behauptet, sie habe mit Aron Bruckstätt Schluss machen wollen. Deshalb seien sie in Streit geraten. (In Wirklichkeit war es umgekehrt.) Daraufhin tigerte Gero durchs Zimmer, bis er sich einen Plan zurecht gelegt hatte.

Als Laura im Spreewald bemerkt, dass Gero eine Pistole bei sich hat, befürchtet sie, er werde nicht nur Nadja, sondern auch sie töten. Nach längerem Hin und Her erträgt sie die Situation nicht mehr. Sie will aufgeben und bricht zusammen.

Auf dem Beifahrersitz ihres Autos kommt sie wieder zu sich. Ihr Mann ist nicht da. Nadja fährt den Wagen. Auf Geheiß Geros bringt sie Laura nach Berlin zurück.

Der betrogene Ehemann nimmt alles auf sich. Das zuständige Gericht verurteilt ihn wegen Totschlags zu sechs Jahren Haft. In der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel wird er von dem ein Jahr jüngeren Mithäftling Paul Heger mit einem Messer schwer verletzt.

Nadja, 2019

Eine Kundin hinterlässt in Jan Spengers Gemüseladen in Berlin einen Brief, den der 25-Jährge erst entdeckt, als sie wieder fort ist.

Kurz darauf besucht ihn seine zehn Jahre ältere Schwester Nadja in der Mietwohnung, in der er mit seiner Frau Kati und dem Baby Marta lebt.

Janek wuchs bei Adoptiveltern auf. Nun erfährt er von Nadja, was am 17. Juni 1999 geschehen war.

Als seine damals 15 Jahre alte Schwester an diesem Morgen herausfand, dass die Mutter den Kindern Schlafmittel in die Cola gemischt hatte, obwohl Janek asthmakrank war, stellte sie Marta im Bad zur Rede. Es kam zu einem heftigen Streit, und im Zorn packte Nadja eine Bronzefigur und schlug sie der in der Wanne liegenden Mutter viermal auf den Kopf.

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Wer beim Lesen vor allem auf Action und Suspense abfährt, könnte von dem Psychothriller „Marta schläft“ enttäuscht sein. Es dauert lang, bis die Geschichte Fahrt aufnimmt. Romy Hausmann fängt mehrere Handlungsstränge an, ohne dass sich auf den ersten hundert Seiten ein roter Faden erkennen lässt. Wer schreibt die nicht abgeschickten Briefe und an wen sind sie gerichtet? Aus welcher Zeit stammen sie? Was bedeutet die Leiche im Kofferraum? Und gibt es eine Verbindung zwischen der Fahrerin Nadja Kulka und der fünf Jahre zuvor ermordeten Gastwirtstochter Nelly Schütt?

Romy Hausmann entwickelt den Plot in „Marta schläft“ nicht chronologisch von 1999 bis 2019, sondern springt zwischen mehreren Zeitebenen hin und her. Dabei lässt sie Nadja als Ich-Erzählerin und Briefschreiberin auftreten. Deren subjektive Perspektive korrigiert sie in Kapiteln, in denen wir anderen Romanfiguren über die Schulter schauen. Was in „Marta schläft“ anfangs übergangslos wirkt, erweist sich allmählich als gut durchdachtes Räderwerk, in dem nicht nur alle Handlungsstränge zusammenhängen, sondern immer wieder neue Wendungen entstehen.

Die Protagonistin Nadja eignet sich weder als Identifikationsfigur noch als Sympathieträgerin, und auch keiner der anderen Charaktere wird ausgeleuchtet. Das Verhalten der Figuren ist auch nicht immer realistisch.

Den Psychothriller „Marta schläft“ von Romy Hausmann gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Anna Fischer, Matthias Koeberlin und Inka Löwendorf.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2020
Textauszüge: © dtv Verlagsgesellschaft

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