Marcel Jouhandeau : Die geheime Reise

Die geheime Reise
Le Voyage secret Paris 1949 Die geheime Reise Hg. Oliver Lubrich DVB-Verlag (Das vergessene Buch), Wien 2022 ISBN 978-3-903244-22-1, 254 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Ein Ich-Erzähler, der weder Orts- noch Personennamen nennt, keine Zeitangaben macht und auch keine politischen Ereignisse erwähnt, grübelt während einer Auslandsreise darüber nach, dass er sich in den Reiseleiter verliebt hat. Die unter Strafe stehende Homosexualität verheimlicht er jedoch ebenso wie die Faszination, die das bereiste Land und dessen Regime auf ihn ausübt.
mehr erfahren

Kritik

Im Oktober 1941 nimmt Marcel Jouhandeau mit sechs anderen französischen Schriftstellern an einer von Gerhard Heller geleiteten Propagandareise durch Deutschland und Österreich teil. Dabei führt er ein Tagebuch, und 1949 veröffentlicht er unter dem Titel "Die geheime Reise" einen literarischen Text dazu, der sich in kein Genre zwängen lässt.
mehr erfahren

Die geheime Reise

Der Ich-Erzähler M. G., ein französischer Schriftsteller, verabschiedet sich von seiner Frau Élise und tritt mit einer Gruppe eine Auslandsreise an. Der Reiseleiter X. stammt wohl aus dem bereisten Land, aber er spricht auch französisch. Die Männer fahren mit dem Zug, übernachten in Hotels und nehmen an kulturellen Veranstaltungen teil.

Heute Morgen Besuch im Museum von W., in Begleitung von H. und in Abwesenheit von X., der sich ausruht.

M. G. verliebt sich in X., versucht das platonisch bleibende Begehren jedoch zu verbergen, um sich nicht zu kompromittieren, denn Homosexualität steht unter Strafe.

Selbst aus dem Glück, das er mir schenkt, habe ich mir eine Tortur gemacht, aber ich glaube, ich habe ihn auch seinerseits auf ein Prokrustesbett gelegt. Meine Aufmerksamkeit ist zu angespannt und mein Blick zu starr, um nicht für ihn zur Folter zu werden. […] Die Heftigkeit meines Gefühls leitet seinen guten Willen auf Abwege. Er weiß nicht mehr, wie er mit mir ohne Skandal umgehen kann, und ich weiß nicht mehr, wie ich mit ihm überhaupt umgehen kann.

Immerhin lässt er X. sein Tagebuch lesen.

Ich übergebe ihm mein Tagebuch, in dem ich seit der Abfahrt meine Gefühle niedergelegt habe; ‒ so wirft man sich in die Flammen.

Erinnerungen an Deutschland. Reisetagebuch 1941

Das in „Die geheime Reise“ erwähnte Tagebuch lesen wir im zweiten Teil des von Oliver Lubrich herausgegebenen und im Verlag Das vergessene Buch (DVB) veröffentlichten Buchs.

Marcel Jouhandeau führte es vom 3. bis 26. Oktober 1941, während er mit sechs anderen französischen Schriftstellern Deutschland und Österreich bereiste und am 24./25. Oktober mit 50 Schriftstellern aus 14 Ländern an einem Kongress in Weimar teilnahm, bei dem die „Europäische Schriftsteller-Vereinigung“ gegen den PEN-Club gegründet wurde.

Während in „Die geheime Reise“ keine Orte genannt werden, können wir im Tagebuch die Reiseroute nachvollziehen: Paris ‒ Köln ‒ Bonn – Bingen – Mainz – Frankfurt – Heidelberg – Baden-Baden ‒ Freiburg – Bodensee – München – Salzburg – Wien – Berlin – Weimar – Paris.

Für wen oder für was bin ich gekommen? für Frankreich und für mich, denn seit ich lesen, verstehen und fühlen kann, liebte ich Deutschland, seine Philosophen, seine Dichter, seine Gelehrten, seine Musik, aber seit 1940 liebe ich es noch mehr, wegen all des Schadens, den es uns hätte zufügen können und den es uns nicht zugefügt hat, und auch wegen jenes Schadens, von dem es ohne Frage verhindert hat, dass man ihn uns zufügte.

nach oben (zur Kritik bzw. Inhaltsangabe)

Mit X. auf dem Weg nach B.

So lautet der Titel des Nachworts von Prof. Dr. Oliver Lubrich, der an der Universität Bern Germanistik und Komparatistik lehrt. Von ihm erfahren wir noch einiges mehr über die Propagandareise im Oktober 1941, an der Marcel Jouhandeau (1888 – 1979) teilnahm. Geführt wurde die Gruppe, zu der auch Abel Bonnard, Robert Brasillach, Jacques Chardonne, Pierre Drieu la Rochelle, André Fraigneau und Ramon Fernandez gehörten, von Gerhard Heller (1909 – 1982), der im Oktober 1940 nach Paris einberufen worden war und dort mit dem Dienstgrad eines Sonderführers für die Literaturpolitik der Besatzungsmacht zuständig war. Dazu gehörten auch die Buchzensur und die Papierzuteilung für Buchdruckereien.

In Wien begegnete die Reisegruppe dem in der Hofburg residierenden Gauleiter und Reichsstatthalter Baldur von Schirach. Joseph Goebbels empfing die sieben französischen Schriftsteller am 22. Oktober in Berlin und tauchte drei Tage später auch bei dem Kongress in Weimar auf. Darüber gibt es Eintragungen in seinen Tagebüchern (23. / 27. Oktober 1941).

In „Die geheime Reise“ nennt Marcel Jouhandeau nur zwei Namen. Mit Jean ist vermutlich der Lyriker, Komponist, Volksschullehrer und NS-Funktionär Hans Baumann (1914 – 1988) gemeint. Élise war die Tänzerin, mit der Marcel Jouhandeau seit 1929 verheiratet war: Élisabeth Toulemon.

Marcel Jouhandeau schreibt im Tagebuch über seinen Judenhass und erwähnt dabei Léon Blum, der Frankreich von Juni 1936 bis Juni 1937, vom 13. März bis 8. April 1938 und nach dem Krieg als Premierminister regierte:

Keine Politik. Nur 1936 zutiefst gekränkt, weil ich mich von den Juden regiert fühlte […] dass ich mich weniger weit entfernt fühlte von Herrn Hitler als von Herrn Blum.
[…] Alles, nur kein jüdischer Sieg, alles, nur keine jüdische Herrschaft, und das würde eine deutsche Niederlage für uns bedeuten in diesem Krieg, der ein jüdischer Krieg ist.

Zu „Die geheime Reise“ meint Oliver Lubrich:

Ist Le Voyage secret ein Roman oder ein Gedicht? Ein roman poétique oder ein poème en prose? Lesen wir einen Reisebericht, ein Tagebuch oder eine Autobiografie? Ein Journal intime oder Confessions? Eine Beichte oder eine Liebeserklärung? Handelt es sich um ein Notizbuch, eine Sammlung von Aphorismen oder einen Essay? […] Ist es ein Traum, ein Tagtraum, eine Halluzination? Eine erotische Fantasie oder eine narzisstische Selbstbeobachtung? […] Le Voyage secret erweist sich bereits formal als mehrfach lesbar.

Erotik und Poesie, Mythos und Mystik, Religion und Metaphysik dienen Jouhandeau dazu, seine Reise von 1941 zu verklären. Seine Verfahren sind Ästhetisierung und Pathos, bisweilen auch Kitsch beziehungsweise das, was man später „Camp“ nennen wird.

Der Ich-Erzähler grübelt während der Rundreise durch Deutschland und Österreich darüber nach, dass er sich in den Reiseleiter verliebt hat. Diese Gefühle verheimlicht er jedoch ebenso wie die Faszination, die das nationalsozialistische Deutsche Reich auf ihn ausübt. Homosexualität steht unter Strafe, und auch wegen seiner Kollaboration mit der Besatzungsmacht muss M. G. sich in Frankreich in Acht nehmen.

Die französische Originalausgabe wurde 1949 ohne den Namen des Autors veröffentlicht „Le Voyage secret, par l’auteur de L’ABJECTION“.

Das im Oktober 1941 von Marcel Jouhandeau geführte Reisetagebuch ‒ „Souvenirs d’Allemagne“ ‒ wird vom Institut mémoires de l’édition contemporaine in der Abbaye d’Ardenne in Saint-Germain-la-Blanche-Herbe bei Caen aufbewahrt. Eine Abschrift als Typoskript ‒ „Carnet de Voyage“ ‒ liegt in der Bibliothèque littéraire Jacques-Doucet an der Place du Panthéon in Paris.

Die von Oliver Lubrich herausgegebene und im DVB-Verlag (Das vergessene Buch) veröffentlichte Ausgabe enthält neben „Die geheime Reise“ und dem Reisetagebuch einen umfangreichen Anhang mit Fotos und Faksimiles, mit einem Nachwort von Oliver Lubrich, einem editorischen Bericht, einem Literaturverzeichnis, einer Zeittafel und Kurzbiografien.

nach oben (zur Kritik bzw. Inhaltsangabe)

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2022
Textauszüge: © DVB-Verlag

Christian Oelemann - Freundschaftspiel
Aufgrund der Handlung ist "Freundschaftspiel" als Jugend­roman zu klassifizieren. Vor allem der Aufbau macht das Buch jedoch auch für Erwachsene lesenswert, denn Christian Oelemann spielt mit verschiedenen Erzählebenen.
Freundschaftspiel