Nikoletta Kiss : Das Licht vergangener Tage

Das Licht vergangener Tage
Das Licht vergangener Tage Originalausgabe Wilhelm Heyne Verlag, München 2019 ISBN 978-3-453-42321-3, 447 Seiten ISBN 978-3-641-23384-6 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

István Szabó fliegt 1949 als Student beinahe von der Kunsthochschule in Budapest, weil er sich nicht an die sozialistischen Vorgaben hält. Kurz vor dem Abschluss gibt er 1951 alles auf, um seine in ein Dorf verbannte große Liebe Rebeka Bárdossy begleiten zu können. Während er sich dort mit der harten Arbeit und den elenden Lebensbedingungen begnügt, rebelliert Rebeka und kehrt 1953 allein nach Budapest zurück.
mehr erfahren

Kritik

Vor dem Hintergrund politischer Ereignisse in Ungarn vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum Volksaufstand 1956 entwickelt Nikoletta Kiss in ihrem fulminanten Roman "Das Licht vergangener Tage" eine konfliktreiche Geschichte mit zahlreichen Wendungen, die sich vor allem um politische Freiheit und individuelle Selbstbestimmung dreht.
mehr erfahren

Berlin 2017

Die knapp 40 Jahre alte Berliner Galeristin Anna Hartmann ist ungewollt schwanger. Michael Reidl, ihr in Wien lebender 54-jähriger Lebensgefährte, ahnt noch nichts von seiner Vaterschaft. Als Anna den Wiener Galeristen 2002 kennenlernte, wollte sie noch Künstlerin werden und zeigte ihm ihre Arbeiten, aber er riet ihr, stattdessen auf ihr Organisationstalent zu bauen, und so leitet sie seit damals die Galerie Reidl in Berlin. Ebenso lang führen die beiden eine Wochenendbeziehung.

Bei Anna in der Galerie taucht im Mai 2017 ein Rechtsanwalt aus Budapest auf. Dr. Mihály Karsay bringt ihr ein von dem ungarischen Künstler István Szabó um 1950 gemaltes Bild mit. Dabei handelt es sich seinem Mandanten zufolge um ein Porträt von Annas Großmutter, einer geborenen Rebeka Bárdossy, deren Adresse er für den Kunstsammler Prof. Dr. Róbert Breitner herausfinden soll.

Anna und ihre Mutter Edit Hartmann haben seit langem keinen Kontakt mehr zu Rebeka. Edit verzeiht ihr nicht, dass sie bis heute nicht weiß, wer ihr Vater ist oder war. Rebeka schickte sie in ein Internat und wollte eine Opernsängerin aus ihr machen, ohne sich um die Vorstellungen ihrer Tochter zu kümmern. Anna weiß lediglich, dass ihre ungarische Großmutter 1956 in die USA auswanderte, sich nach ein paar Jahren von ihrem amerikanischen Ehemann trennte und inzwischen in Wien lebt. Ebenso wie ihre Mutter wuchs Anna vaterlos auf, denn Edit verließ ihren Eheman Gerhard Hartmann, um selbstbestimmt leben zu können.

Zwei Wochen nach dem Besuch Mihály Karsays erfährt Anna, dass dessen Mandant Róbert Breitner am 3. Juni in Budapest gestorben ist und ihre Großmutter als Alleinerbin eingesetzt hat.

Wien 2017

Anna beabsichtigt ohnehin, am Wochenende zu Michael Reidl nach Wien zu fliegen. Bei dieser Gelegenheit will sie Kontakt mit ihrer Großmutter aufnehmen.

Michael, der Anna vom Flughafen in Wien-Schwechat abholt, reagiert zunächst schockiert auf die Nachricht von Annas Schwangerschaft. Dann versichert er, sowohl mit einer Abtreibung als auch mit einem Kind einverstanden zu sein. Falls Anna das Kind haben wolle, würde er für die Wiener Galerie einen Geschäftsführer suchen und die Galerie in Berlin selbst übernehmen. Anna fühlt sich innerlich zerrissen und folgt am Ende Michaels Rat, sich einen Termin für einen Schwangerschaftsabbruch in Wien geben zu lassen.

Als sie später erfährt, dass Michael für den Tag der Abtreibung ein Treffen mit einer Kuratorin in New York vereinbart hat, ist sie entsetzt. Und dass er von einem Routineeingriff spricht, macht es nicht besser.

Wien, Budapest und Érd, 2017

Mit ihrer Großmutter verabredet sich Anna in einem Wiener Café. Rebeka tut zunächst so, als interessiere sie das alles nicht und unterstellt ihrer Enkelin, auf die Erbschaft zu spekulieren. Aber dann überrascht sie Anna mit der Aufforderung, sie nach Budapest zu begleiten.

Dort werden die beiden Damen von Mihály Karsay empfangen. Anna besucht auch den Maler István Szabó in Érd südwestlich der ungarischen Hauptstadt. Allmählich kann sie sich eine Vorstellung davon machen, was ihre Großmutter in den Jahren vor der Emigration erlebte.

Unmittelbar vor dem Termin in der Wiener Klinik beschließt Anna, ihn abzusagen. Sie will das Kind behalten und teilt es Michael am Telefon mit.

Rebeka sagt zu ihrer Enkelin:

„Das Glück, Anna, ist nicht bombastisch, nicht ekstatisch. Es ist unscheinbar wie eine stille Geste oder ein Lächeln. Es ist wie Wasser, das dir durch die Finger rinnt.“

Nach einem Restaurant-Essen mit Anna in Budapest meint Rebeka:

„Du hast die Augen der Hartmanns, Kind, aber wir sind uns ähnlicher, als du denkst. Sieh dich vor! Mach nicht die gleichen Fehler wie ich! […]
Und jetzt lass uns gehen. Es ist scheußlich hier geworden!“
Rebeka erhob sich […] und schritt aus dem Restaurant mit der Haltung einer Frau, die mit sich und ihrem Leben im Reinen war.
Anna sah ihr nach. Erst als ihre Großmutter schon an der Tür war, stand sie selbst auf und wollte ihr folgen – doch etwas hielt sie zurück. Es war ein Gefühl, als würde jemand sie beobachten. Michael? […]
Aus dem Durcheinander in ihrem Kopf blitzte dieser einzige klare Gedanke auf. Mach nicht die gleichen Fehler wie ich! Sie vernahm ein Räuspern, zuckte zusammen und rüstete sich für sein stilles Lächeln, seine Frage vielleicht. Eine Frage, auf die sie nun eine Antwort hatte.
Sie drehte sich um und erstarrte. Es war der Kellner, der ihr die Rechnung reichte.

Budapest 1949

Rebeka Bárdossy träumt davon, Schauspielerin zu werden, aber nach keinem Vorsprechen erhält sie ein Angebot. Ihre Mutter starb 1945, und das Unternehmen des Witwers Kálmán Bárdossy wurde verstaatlicht.

Um Rebeka buhlen zwei Männer, die kaum verschiedener sein könnten: der Kunststudent István Szabó, Sohn eines Schlossers, und der zehn Jahre ältere Dr. Róbert Breitner, ein Professor an der Akademie. István Szabó porträtiert Rebeka, und Róbert Breitner kauft ihm das Gemälde ab.

Dem Kunststudenten wird vorgeworfen, sich nicht an die sozialistischen Vorgaben zu halten. Damit er nicht kurz vor dem Abschluss von der Hochschule verwiesen wird, vermittelt ihm Breitner einen Studienplatz bei den Grafikern.

Als 24-jähriger Doktorand lernte Róbert Breitner seine spätere, damals noch Kunst studierende Frau in Wien kennen. Drei Jahre nach der Eheschließung verstarb Aurelia an einer Lungenentzündung. Das war vor fast zwanzig Jahren. Im Dezember 1949 hält der Professor bei Kálmán Bárdossy um die Hand von dessen Tochter an – ohne vorher mit Rebeka darüber gesprochen zu haben. Und er sorgt dafür, dass seine Verlobte für eine während der Proben ausgefallene Schauspielerin am Belvárosi-Theater einspringen kann. Sie spielt die Hauptrolle in der Tragödie „Antigone“ von Sophokles. Bei ihrem Künstlernamen lässt Rebeka das im Sozialismus verpönte aristokratische Y ihres Familiennamens weg und nennt sich Rebeka Bárdoss.

Budapest und Szolmár 1951

Am 20. Juni 1951 sucht Éva Varga Zuflucht bei István Szabó, mit dem sie und ihr Ehemann Rudi befreundet sind. Sie haben sich an der Kunsthochschule kennengelernt. Éva erträgt es nicht länger, dass Rudi immer wieder nach anderen Frauen riecht. Die Tochter einer Krankenschwester und eines Arbeiters ist die erste in der Familiie, die studiert. Sie will Fotografin werden.

Éva übernachtet nicht nur bei István, sondern schläft auch mit ihm. Am frühen Morgen werden sie geweckt: Ein fremder Junge überbringt István einen Zettel. Es handelt sich um einen Hilferuf Rebekas. István wartet nicht, bis Éva sich angezogen hat, sondern eilt sofort zur Villa der Bárdossys.

Kálmán und Rebeka Bárdossy erhielten am Tag zuvor einen Deportationsbescheid für den Morgen des 21. Juni. Vergeblich telefonierte der enteignete Unternehmer herum: Niemand wollte ihm helfen. Auch Róbert Breitner tat nur so, als werde er sich für seine Verlobte und deren Vater einsetzen. Kálmán Bárdossy erhängte sich in der Nacht. Am Morgen muss Rebeka zu anderen betroffenen Personen auf einen Lastwagen klettern.

Nachdem der LKW ein paar Meter gefahren ist, kommt István Szabó angerannt, hält ihn auf, gibt sich gegenüber den Vertretern der politischen Polizei (AVO) als Rebekas Ehemann aus und lässt sich ebenfalls auf der Ladefläche mitnehmen. Er wirft sein Studium hin, um Rebeka beistehen zu können.

Sie werden nach Szolmár gebracht, ein Dorf in der ungarischen Tiefebene. Die bei der Agrarreform weitgehend enteignete Bauernfamilie, der Rebeka und István zugeteilt werden, bringt sie in der Scheune unter. István fängt in der Ziegelbrennerei von Szolmár an, und Rebeka muss Feldarbeit leisten.

Sie freundet sich mit Andi Tabác an, die mit ihrem Mann Lajos die Zwillinge Áron und Attila hat. Bald nach dem Eintreffen der Deportierten bringt sie ihr drittes Kind zur Welt: die Tochter Katalin.

Der Ratsvorsitzende sorgt schließlich dafür, dass das vermeintliche Ehepaar Bárdossy in die sonst nur zu festlichen Anlässen benutzte gute Stube der Familie Tabác umziehen kann.

Szolmár 1953

Nach dem Tod Stalins am 5. März 1953 hoffen die Deportierten, nach Budapest zurückkehren zu dürfen, aber daraus wird nichts.

Die Bewohner von Szolmár tuscheln entrüstet, Rebeka und István seien gar nicht verheiratet. Eine wilde Ehe gilt hier als Schande, und als das Gerede nicht mehr zu überhören ist, kündigen die beiden Betroffenen ihre Hochzeit an, um die Gemüter zu beruhigen.

István hat ein unbewohntes Bauernhaus außerhalb des Dorfes entdeckt. Das will er instandsetzen, um mit Rebeka dort wohnen zu können. Er hat sich inzwischen mit dem kargen Landleben abgefunden. Aber Rebeka erträgt das nicht. Sie fährt allein nach Budapest zurück.

Budapest und Érd, 1953/54

Rebeka bekommt keine Niederlassungserlaubnis für Budapest, und für ein Engagement als Schauspielerin besteht auch keine Aussicht. In ihrem früheren Elternhaus wohnt inzwischen eine Beamtenfamilie.

István verlässt Szolmár ebenfalls. Er kommt als Untermieter bei einer Witwe in Érd unter und findet eine Anstellung bei einem Tischler.

Im Januar 1954 kommt Éva erneut zu ihm. Sie ist nun endgültig entschlossen, Rudi wegen seiner Untreue zu verlassen und zieht dauerhaft zu István. Als Éva schwanger wird, freuen sich die beiden auf das Kind. Der Junge erhält den Namen Isti.

Budapest 1956

Von seinem Freund Levin Légrády erfährt István schließlich, dass er eine Tochter hat. Sie heißt Edit. Rebeka zieht sie allein auf. Róbert Breitner unterstützt sie. István trifft Rebeka in dem Hotel, in dem sie als Kellnerin arbeitet. Damit ihr das möglich ist, passt ihre frühere Amme auf das Kind auf.

István begehrt Rebeka, entscheidet sich jedoch für seine Familie. Aber Éva gefällt sich in der Opferrolle und meint, sie müsse nun gegenüber Rebeka und deren Tochter zurückstehen. Sie erklärt István, sie wolle nicht aus Vernunftgründen weiter mit ihm zusammenleben, sondern Schmetterlinge im Bauch spüren, wie es bei Rudi der Fall gewesen sei.

Nachdem Éva ihn verlassen hat, zieht István zu Rebeka, Edit und der Amme.

Am 23. Oktober 1956 demonstrieren Studenten der Technischen Universität Budapest. Schüsse auf Demonstranten lösen einen Volksaufstand aus, der erst Anfang November von sowjetischem Militär niedergeschlagen wird. Das neue von Moskau eingesetzte diktatorische Regime unter János Kádár lässt Hunderte von politischen Gegnern hinrichten.

Der amerikanische Zeitungsreporter Frank Crary, den Rebeka 1953 bei der Zugfahrt von Szolmár nach Budapest kennenlernte, will mit ihr, Edit und István das Land verlassen. István sträubt sich dagegen, ohne seinen Sohn zu emigrieren, aber vielleicht kann er Éva zum Mitkommen überreden. Er vermutet sie bei Rudi Varga. Der lebt jedoch nicht mit ihr, sondern mit seiner langjährigen Geliebten Lulu zusammen.

Frank findet eine Möglichkeit, das Land zu verlassen. Allerdings ist dafür ein Passierschein erforderlich, und den bekommt nur der Amerikaner. István bringt ihn auf den Gedanken, Rebeka als seine Frau oder Verlobte und Edit als seine Tochter auszugeben. Auf diese Weise kann Frank die beiden mit in die USA nehmen. István bleibt zurück.

nach oben

Vor dem Hintergrund politischer Ereignisse in Ungarn vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum Volksaufstand 1956 entwickelt Nikoletta Kiss in ihrem fulminanten Roman „Das Licht vergangener Tage“ eine konfliktreiche Geschichte mit zahlreichen Wendungen, die an Romane des 19. Jahrhunderts denken lässt.

Im Zentrum der Handlung stehen Rebeka Bárdossy, die Tochter eines nach dem Zweiten Weltkrieg enteigneten ungarischen Unternehmers, ihre Enkelin, die Berliner Galeristin Anna Hartmann, und der Künstler István Szabó.

István Szabó fliegt 1949 als Student beinahe von der Kunsthochschule in Budapest, weil er sich nicht an die sozialistischen Vorgaben hält. Kurz vor dem Abschluss gibt er 1951 alles auf, um seine in ein Dorf verbannte große Liebe Rebeka Bárdossy begleiten zu können. Während er sich dort mit der harten Arbeit und den elenden Lebensbedingungen begnügt, rebelliert Rebeka und kehrt 1953 allein nach Budapest zurück. Allerdings kann sie ihren Traum von einer Karriere als Schauspielerin nicht verwirklichen und schlägt sich stattdessen als allein erziehende Mutter einer Tochter mit der Arbeit als Kellnerin durch. Sie heiratet schließlich einen amerikanischen Journalisten, der sie während des Ungarischen Volksaufstands Ende 1956 mit in die USA nimmt. Weil ihr Freiheitsdrang die Ehe scheitern lässt, wächst ihre Tochter Edit vaterlos auf.

Das Bedürfnis ihrer Enkelin nach Selbstbestimmung ist nicht weniger stark als ihr eigenes. Als Anna Hartmann schwanger wird, entscheidet sie sich nach inneren Kämpfen am Ende für das Kind, obwohl sie mit dessen Vater lediglich eine Wochenendbeziehung führt.

„Das Licht vergangener Tage“ dreht sich um individuelle und politische Freiheit, Selbstbestimmung und den Widerspruch zwischen Vernunft und Leidenschaft. Es fällt auf, dass sowohl Rebeka als auch Anna ihre ursprünglichen Lebensentwürfe nicht verwirklichen können: Rebeka wird keine Schauspielerin, Anna keine Malerin.

Nikoletta Kiss entwickelt die Geschichte im Wechsel zwischen der Gegenwart (2017) und einer Zeitebene in der Vergangenheit (1949 bis 1956). Dabei wirkt die Gegenwart wie eine Rahmenhandlung, und in Anna Hartmann spiegelt sich Rebeka Bárdossy, die eigentliche Hauptfigur.

Die lebendig dargestellten Charaktere sind nicht zuletzt aufgrund ihrer Zerrissenheit (Shadowing) interessant. Nikoletta Kiss inszeniert das Geschehen in „Das Licht vergangener Tage“ ebenso anschaulich wie nachvollziehbar.

Nikoletta Kiss wurde 1978 in Budapest geboren, wuchs jedoch in Berlin auf. Nach dem BWL-Studium an der Humboldt Universität arbeitete sie zwölf Jahre lang als Unternehmensberaterin in Deutschland, den USA und in Australien. „Das Licht vergangener Tage“ ist ihr Debütroman.

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2020
Textauszüge: © Wilhelm Heyne Verlag

Ödön von Horváth - Geschichten aus dem Wiener Wald
Bei dem 1931 uraufgeführten Volksstück "Geschichten aus dem Wiener Wald" von Ödön von Horváth handelt es sich um eine bitterböse, tragikomische Gesellschaftssatire.
Geschichten aus dem Wiener Wald