Angelika Klüssendorf : Das Mädchen

Das Mädchen
Das Mädchen Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011 ISBN 978-3-462-04284-9, 183 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

"Das Mädchen" – anfangs 12, am Ende 17 Jahre alt – wächst in einer kaputten Familie in der DDR auf, in einem von Frustration und Aggression, Lieblosigkeit und fehlender Solidarität geprägten Umfeld. Kein Wunder, dass es lügt, stiehlt und sich mit anderen prügelt. Um die ebenso ungerechte wie mitleidlose Behandlung auszuhalten, flüchtet das Mädchen immer wieder in die Welt der Literatur und – davon inspiriert – der Fantasie.
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Kritik

Obwohl es in dem Adoleszenzroman "Das Mädchen" kaum Lichtblicke gibt, wirkt die Lektüre nicht deprimierend, weil sich letztlich auch eine Selbstbefreiungs-Geschichte andeutet. Angelika Klüssendorf schreibt lakonisch-sachlich, ohne Gefühlsaufwallungen oder gar Larmoyanz, im Präsens und linear-chronologisch. Die Namenlosigkeit der Protagonistin sorgt ebenso für Distanz wie die dritte Person Singular, die allerdings die Innenperspektive nicht ganz ausschließt.
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Die Mutter

Scheiße fliegt durch die Luft, streift die Äste einer Linde, trifft das Dach eines vorbeifahrenden Busses, landet auf dem Strohhut einer jungen Frau, klatscht auf den Bürgersteig. Die Menschen auf der Straße bleiben stehen und schauen nach oben. […] Der Briefträger entdeckt zuerst, woher sie kommt, und alle folgen mit überraschten und angeekelten Blicken seinem Zeigefinger, der auf ein Fenster im dritten Stock eines Mietshauses deutet. […] Im offenen Fenster ist der Kopf eines Mädchens zu sehen, ein dünner, weit ausholender Arm, und schon fliegt der nächste Batzen. […]
Das Mädchen ist zwölf Jahre alt, ihr Bruder Alex sechs, seit Tagen sind sie in der Wohnung eingeschlossen. Die Toiletten sind in diesen Mietshäusern immer ein halbes Stockwerk tiefer, so hat sich eine Menge Scheiße im Eimer angesammelt.

Mit diesen Zeilen beginnt Angelika Klüssendorf ihren Roman „Das Mädchen“. Wir befinden uns in den Siebzigerjahren. Über den Ort erfahren wir lediglich, dass es sich um eine Stadt in der DDR handelt. Der Name der Protagonistin wird kein einziges Mal genannt. Die Zwölfjährige und ihr halb so alter Bruder Alex werden von ihrer als Kellnerin einer Mitropa-Gaststätte im Schichtdienst arbeitenden Mutter tyrannisiert. Oft schlägt die alkoholkranke, promiskuitive Frau in rasendem Zorn auf die Kinder ein.

Zu den wenigen angenehmen Stunden im Leben des Mädchens gehören die mit der Lektüre von Büchern verbrachten. Aus Begeisterung beginnt sie, den Roman „Der Graf von Monte Christo“ abzuschreiben.

Sie bekommt mit, dass die Mutter im vierten Monat schwanger ist und das Kind nicht haben will. Aber für eine legale Abtreibung ist es zu spät. Nachts hört das Mädchen ein Stöhnen aus der Küche: Die Mutter sitzt mit gespreizten Beinen in einer Blutlache am Boden und bearbeitet sich mit Stricknadeln. Einige Zeit später muss sie ins Krankenhaus und erleidet eine Fehlgeburt. Es wären Zwillinge gewesen.

Der Vater

Eines Abends bringt die Mutter einen Mann mit, dem sie das Mädchen als seine Tochter vorstellt. Er sei jedoch nicht der Vater von Alex, betont sie. Einige Zeit wohnt der Mann, der möglicherweise gerade aus dem Gefängnis kam, bei ihnen. Das Mädchen muss mehrmals am Abend in eine Kneipe und Netze voller Flaschenbier nach Hause tragen. Nach mehreren lautstarken Auseinandersetzungen und vorübergehenden Trennungen bleibt der Mann fort.

Das Mädchen stiftet den kleinen Bruder des Öfteren dazu an, das Reaktionsvermögen von Autofahrern zu testen, indem sie unmittelbar vor einem nahenden Fahrzeug von den Gehsteigen links und rechts entgegengesetzt über die Straße rennen. Dabei wird Alex schließlich angefahren und mit einem Schlüsselbeinbruch ins Krankenhaus gebracht.

Im Winter schickt die Mutter das Mädchen zum Brikett-Klauen. Aber das Kind wird auch bei Ladendiebstählen aus eigener Initiative erwischt. Es schwänzt die Schule, übernachtet in einer Laube. Auf dem Polizeirevier erfährt die Zwölf- oder Dreizehnjährige, dass ihr Vater sie im Einverständnis mit dem Jugendamt abholen werde. Mit im Auto sitzt seine neue Lebensgefährtin Ellen. Sie fahren an die Ostsee, wo der Vater kellnert und schließlich die Leitung einer schäbigen Gaststätte übernimmt.

Elvis

Nach einer Scharlach-Erkrankung wird das Mädchen von der Mutter abgeholt. Sie fahren mit dem Zug nach Hause, wo Henry auf sie wartet, der augenblickliche Liebhaber der Mutter, die erneut schwanger ist und einige Zeit später einen Sohn namens Elvis auf die Welt bringt. Weil sie sich nicht um ihn kümmert, springt die Tochter ein. Die sorgt auch nachts liebevoll für ihren kleinen Halbbruder – und während des Schulunterrichts schläft sie deshalb wiederholt ein. Wie seine Vorgänger verlässt Henry die kaputte Familie im Streit.

Nachdem die frustrierte Kellnerin der Tochter erklärt hat, dass sie gar nicht geboren werden sollte, es aber mit der Abtreibung nicht geklappt hatte, verschluckt das Mädchen die Mine eines zerbrochenen Kopierstifts. Vom Krankenhaus wird sie in das Kinderheim „Geschwister Scholl“ gebracht.

In den Ferien dürfen die meisten Kinder nach Hause, aber das Mädchen auf Anordnung der Mutter nicht. Weil sie Elvis sehen möchte, schleicht sie sich aus dem Heim, schlägt sich bis in ihre Heimatstadt durch und wartet am nächsten Morgen vor der Kinderkrippe auf ihre Halbbrüder. Alex wundert sich, sie zu sehen. Sie nimmt das Baby aus dem Kinderwagen und liebkost es. Erzieherinnen kommen hinzu. Jemand ruft die Polizei. Sie wird abgeführt, begreift aber nicht, was daran strafbar sein soll, den kleinen Bruder zu lieben.

Ungerecht behandelt zu werden ist ihr vertraut, doch dieser Zorn darüber ist für sie neu. Die Einsicht, dass sie nicht liebenswert ist, erfüllt sie nun mit trotziger Aufsässigkeit.

An Weihnachten versucht sie erneut, Elvis zu sehen, aber bevor sie dazu eine Gelegenheit hat, fällt sie einem Polizisten auf und wird erneut in ein Durchgangsheim für jugendliche Straftäter und von dort zurück ins Kinderheim gebracht.

Schule und Kinderheim

Dass sie sich im Heim mit einem älteren Jungen prügelt, der von ihr wie von anderen Kindern die Nachspeisen einfordert, verschafft ihr Respekt. Sie wird zur Anführerin einer kleinen Bande und zeigt den anderen Mädchen, wie sie es anstellt, bei Ladendiebstählen nicht erwischt zu werden.

Die Mädchen wollen ihre Geheimnisse mit ihr teilen; es freut sie, und gleichzeitig ist sie eingeschüchtert durch das Vertrauen, das die Mädchen ihr plötzlich entgegenbringen. Als sie von sich erzählen soll, findet sie zuerst keine Worte, doch dann denkt sie sich Geschichten aus, erzählt von einem aus dem Irrenhaus entflohenen Verrückten, der sie verschleppt und tagelang in einer Höhle gefangen gehalten hat. […]

Ihre Mitschülerin Constanze, die Schönste in der Klasse, himmelt einen ein Jahr älteren Neuen an, der wie das Mädchen im Heim wohnt. Um an Andy heranzukommen, macht sie das Mädchen zur Vertrauten.

[Das Mädchen] hat auch nur eine resignierte Vorstellung von ihrem späteren Mann, die sie den anderen Mädchen nicht erzählt. Ihr späterer Mann ist älter als sie, er ist dick und bettlägerig, er hat einen Hund, mit dem sie Gassi geht. Sie darf dem dicken Mann das Essen bringen, die Bettwäsche wechseln, sie darf ihm vorlesen. Sie reden kaum miteinander, Berührungen sind ausgeschlossen, sie bekommt Geld für ihre Dienste.

Um eine Mathematikarbeit nicht mitschreiben zu müssen und die Schule schwänzen zu können, täuscht sie Bauchschmerzen vor, so überzeugend, dass ihr der Blinddarm herausgenommen wird.

Ferien

Als die Mutter sie einlädt, die Sommerferien zu Hause zu verbringen, freut sie sich. Aber die Mutter fährt am Morgen nach der Ankunft ihrer Tochter in den Urlaub an den Balaton. Das Mädchen muss sich um ihre beiden Halbbrüder kümmern, bis die Mutter am letzten Ferientag mit einem Mann zurückkommt.

Es wird ihr nie wieder passieren, nimmt sie sich vor, hoffnungsvoll irgendwohin zu fahren.

Schulabschluss

Nach dem Schulabschluss und der Entlassung aus dem Heim beginnt sie eine Ausbildung als Zootechnikerin / Mechanisatorin. Beispielsweise lernt sie, wie man Kühe melkt. Um für längere Zeit krankgeschrieben zu werden, lässt sie sich den linken Unterarm von einer Kollegin mit einer Eisenstange brechen.

Schließlich wird sie 17. Aber sie feiert ihren Geburtstag nicht.

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In diesem Adoleszenzroman porträtiert Angelika Klüssendorf ein zu Beginn 12, am Ende 17 Jahre altes Mädchen. Es wächst in einer kaputten – heute sagt man: dysfunktionalen – Familie in der DDR auf, in einem Prekariat, das es im Arbeiter- und Bauernstaat offiziell gar nicht gab, in einem von Frustration, Alkoholismus und Aggression, Lieblosigkeit und fehlender Solidarität geprägten Umfeld. Kein Wunder, dass das Mädchen lügt, stiehlt und sich mit anderen prügelt. Bei den Erwachsenen handelt es sich durchwegs um dumpfe Beamte, verständnislose Erzieher und gescheiterte Existenzen. Um die ebenso ungerechte wie mitleidlose Behandlung auszuhalten, flüchtet das Mädchen immer wieder in die Welt der Literatur und – davon inspiriert – der Fantasie. Obwohl es in „Das Mädchen“ kaum Lichtblicke gibt, wirkt die Lektüre nicht deprimierend, weil sich letztlich auch eine Selbstbefreiungsgeschichte andeutet.

Angelika Klüssendorf schreibt lakonisch-sachlich, ohne Gefühlsaufwallungen oder gar Larmoyanz, im Präsens und linear-chronologisch. Die Namenlosigkeit der Protagonistin sorgt ebenso für Distanz wie die dritte Person Singular, die allerdings die Innenperspektive nicht ganz ausschließt. Kommentare mit Erklärungen und Beurteilungen einer auktorialen Erzählerin versagt sich Angelika Klüssendorf konsequenterweise. Die Sprache ist bewusst einfach und schnörkellos.

Autobiografische Bezüge sind unübersehbar.

„Das Mädchen“ (2011) ist der erste Teil einer Trilogie, die Angelika Klüssendorf mit „April“ (2014) fortsetzte und mit „Jahre später“ (2018) abschloss. Alle drei Titel kamen auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2018
Textauszüge: © Verlag Kiepenheuer & Witsch

Angelika Klüssendorf: April

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