Angelika Klüssendorf : Vierunddreißigster September

Vierunddreißigster September
Vierunddreißigster September Originalausgabe Piper Verlag, München 2021 ISBN 978-3-492-05990-9, 217 Seiten ISBN 978-3-492-97396-0 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die Handlung spielt nach der Wende in einem ostdeutschen Dorf. Nach 40 Ehejahren erschlägt Hilde ihren schlafenden Mann mit einer Axt, tanzt dann auf der Silvesterparty einer Schriftstellerin mit einem Biobauern und verschwindet, bevor die Leiche entdeckt wird. Der Ermordete beobachtet nun die Lebenden und andere Tote im Dorf.
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Kritik

Obwohl Angelika Klüssendorf ihren Roman "Vierunddreißigster September" mit einem Mord beginnt, ist es kein Thriller, sondern eine surreale Dorfgroteske. Zahlreiche Miniporträts der Bewohner ergeben einen poly­perspek­tivischen Ansatz. Kaum einer Romanfigur gelingt es, die Tristesse des Dorfes zu verlassen.
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Hilde und Walter

Hildes Mutter Gerda Engel war Schäferin. Als sie im Alter von 36 Jahren ein totes Schaf zu bergen versuchte, wurde sie von einem Bus angefahren, und von da an machte ihr ein steifes Bein zu schaffen. Außerdem litt sie an einem Panzerherz. Vor 40 Jahren sorgte sie dafür, dass ihre Tochter Hilde den sechs Jahre älteren Waidmann Walter heiratete, der es in der DDR zum Brigadeleiter für Forstwirtschaft brachte. Nach einer Fehlgeburt mit Anfang 40 konnte Hilde keine Kinder mehr bekommen. Schriftstellerin hatte sie werden wollen, aber das war ihr von der Mutter ausgeredet worden, und Hilde arbeitete bis zum Rentenalter als Sprechstundenhilfe in der Arztpraxis von Dr. Kies. In ihrer Freizeit malte sie und schrieb Gedichte. Sie lernte Schwimmen und absolvierte einen kostenlosen Kurs der Volkshochschule in Tschuktschisch.

Dass sie nicht den Mut fand, Walter zu verlassen, zermürbte Hilde.

Walter hat schon seit langer Zeit zwei Lipome an der Stirn. Vor kurzem ließ er eine MRT von seinem Kopf machen. Vier Wochen vor Silvester sitzt das Rentnerehepaar bei Dr. Kies im Wartezimmer, um das Ergebnis zu erfahren. Aber Hilde geht allein ins Sprechzimmer und erfährt, dass ihr Mann an einem weit fortgeschrittenen inoperablen Gliobastom erkrankt ist und nicht mehr lang leben wird.

Hilde fragt sich, wo Walters ständige Wut geblieben ist und wundert sich über seine ungewohnte Freundlichkeit.

Wo war sein trockener, staubiger Kern, wo seine Bösartigkeit geblieben?

An Silvester geht Walter ins Bett. Hilde spaltet dem Schlafenden mit einer Axt den Schädel. Dann besucht sie die Silvesterparty der im Dorf lebenden Schriftstellerin und tanzt mit dem Biobauern Wolfgang.

Walters Leiche wird erst einige Tage später entdeckt. Dem Rollschuhmädchen Helen, das mit den Eltern im Pfarrhaus wohnt und während der Woche in einem Internat ist, fallen während eines Sturms die offenen Fenster des Hauses auf, und sie verständigt die Polizei.

Hilde ist verschwunden.

Walter schaut bei seiner eigenen Beerdigung zu.

Die Erde fällt dumpf auf den Sargdeckel. Ich verabschiede mich von meinen sterblichen Überresten.

Die Toten und die Lebenden

Seine ebenfalls tote Schwiegermutter Gerda, die ihr Lithopädion bei sich hat, weist Walter die Aufgabe eines Berichterstatters zu. Also beobachtet er die Menschen im Dorf, die Toten und die Lebenden.

Die 97-jährige Witwe Röschen lebt abgeschieden im Wald und wartet noch immer vergeblich auf die Rückkehr ihres Sohnes Norbert aus dem Krieg. Als sie damals im neunten Monat schwanger war, starb der Vater des Kindes. Norbert wurde 1945 als 15-Jähriger eingezogen. Weil er nicht als Kanonenfutter enden wollte, desertierte er – und wurde erschossen.

Gabriela hieß früher Gabriel und wuchs in Uruguay auf. Weil sich Gabriel in eine Sächsin verliebte, wanderte er aus und heiratete in Leipzig, aber die Frau erwies sich als Tyrannin. Nach mehreren „Depressionen, Kliniken, Operationen“ kann Gabriela sich kaum noch vorstellen, männlich gewesen zu sein, aber die Geschlechtsumwandlung ist noch nicht abgeschlossen. Die 45-Jährige lebt von staatlicher Unterstützung und jobbt nebenher für den Biobauern Wolfgang, der in jungen Jahren mal verheiratet war aber seit langem allein lebt.

Dr. Kies kann seine Frau nicht mehr ausstehen.

Ja, ein gewisses Talent für das Arrangieren von Blumen konnte man ihr nicht absprechen, er hatte sie vor Jahren dafür gelobt, und das war ihr zu Kopf gestiegen. Seitdem hatte sie einen Kunsthandwerkkurs besucht, sich mit Ohrringen und Halsketten behängt, zu singen angefangen. Ausgerechnet für die Rolle der Klytämnestra war sie in der Theatergruppe ausgewählt worden – nach dem vorhersehbaren Fiasko hatte sie einen Englisch-Sprachkus besucht. Als sie vor Monaten mit den Wasserfarben begann, hatte er ihr Getusche noch belustigt aus der Ferne betrachtet.

Als sie in der Wohnung ihre Aquarelle aufhängt, wischt er mit einem feuchten Lappen darüber und fügt Schwarz hinzu. Er steigert sich in einen Furor hinein und wütet mit nacktem Oberkörper.

Nelli Panzer ist die Besitzerin des Mühlenhofs und arbeitet halbtags im Tierheim. Ihr Mann hat längst eine andere Familie. Pede, der ältere der beiden Söhne, starb im Alter von zehn Jahren. Bei einer Blinddarm-Operation wachte er nicht mehr aus der Narkose auf. Dabei hatte er die Bauchschmerzen nur simuliert, um einer Mathematikprüfung zu entgehen. Der überlebende Bruder, Leo, ist ständig bekifft. Er scheitert bei der Prüfung zum Kindergärtner, verspricht aber seiner Mutter, sie im Herbst zu wiederholen.

Weil der Ehemann der inzwischen verwitweten Ortsvorsteherin Doris Hauptmann der Staatssicherheit war, genoss sie eine Reihe von Privilegien und reiste beispielsweise einmal nach Paris. Davon durften die anderen Dorfbewohner nichts wissen.

Amelie und Florian kamen vor drei Jahren aus dem Westen. Sie bewohnen das sanierte Herrenhaus im Dorf.

Karl, Brankas gewalttätiger Ehemann, saß neun Jahre lang wegen eines Raubüberfalls im Gefängnis. Dann kehrte der Wirt des Goldenen Ochsen zurück als sei nichts gewesen – und starb beim ersten Geschlechtsverkehr mit seiner Frau nach der Haft an Herzversagen.

Bei Branka entdeckt Walter schließlich einen Gedichtband, den seine verschwundene Witwe Hilde in Tschuktschisch verfasst hat.

Die Wirtin verkauft die Dorfgaststätte Zum Goldenen Ochsen und zieht nach Hamburg, wo sie ein Frauenhaus eröffnen will.

Hans, dem Sohn der dicken Hubert, musste nach einem Motorradunfall, den er im Alter von 20 Jahren hatte, ein Unterschenkel amputiert werden. Er lebt von einer Invalidenrente. Es heißt, der Regisseur des Films „E. T.“ denke darüber nach, das Leben von Hans‘ Großvater zu verfilmen. Tatsächlich kommt der Regisseur mit einem Dolmetscher und zwei Bodyguards ins Dorf gefahren und bleibt ganze 54 Minuten bei der dicken Hubert und ihrem Sohn. Er werde von sich hören lassen, sagt er beim Abschied.

Das Rollschuhmädchen, durch das die Polizei auf den Mordfall aufmerksam wurde, verlässt das Dorf. Helen beginnt eine Weltreise. Erstes Ziel ist Taschkent, danach geht es über Indien nach China.

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Angelika Klüssendorf beginnt ihren Roman „Vierunddreißigster September“ mit einem Mord. Aber als die Leiche entdeckt wird, ist die Mörderin längst verschwunden. Und „Vierunddreißigster September“ ist kein Thriller, sondern eine nach der Wende in Ostdeutschland spielende Dorfgroteske.

Walter, der Ermordete, beobachtet die Lebenden und andere Tote. Er erfährt, dass ihn seine Ehefrau mit einer Axt erschlug, findet jedoch nicht heraus, warum sie es tat. Vor allem im mittleren der drei Teile des surrealen, tragikomischen Romans „Vierunddreißigster September“ reiht Angelika Klüssendorf Miniporträts von Dorfbewohnern aneinander und schafft so einen polyperspektivischen Ansatz. Zwischendurch kommt immer wieder der tote Walter als Ich-Erzähler und Kommentator zu Wort.

Kaum einer Romanfigur gelingt es, die Tristesse des Dorfes zu verlassen.

Zwei Männer (Eisenalex und Leo Panzer) spielen wenigstens mit der Idee, es gäbe einen vierunddreißigsten September, an dem alles anders wäre. Dabei dachte Angelika Klüssendorf wohl an den 1931 von Erich Kästner veröffentlichten Kinderroman „Der 35. Mai oder Konrad reitet in die Südsee“.

Den Roman „Vierunddreißigster September“ von Angelika Klüssendorf, gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Corinna Harfouch und Walter Kreye.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2023
Textauszüge: © Piper Verlag

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