Christian Kracht : Eurotrash

Eurotrash
Eurotrash Originalausgabe Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021 ISBN 978-3-462-05083-7, 210 Seiten ISBN: 978-3-462-32125-8 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Christian Kracht fährt alle zwei Monate nach Zürich, um seine über 80 Jahre alte Mutter zu besuchen. Nach der Ankunft im Hotel hängt er seinen Gedanken über die neureiche Familie nach. Als er dann seine Mutter zu einer Reise motiviert, will sie nach Afrika, aber stattdessen fahren sie mit einem Taxi in der Schweiz herum ...
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Kritik

Der Roman "Eurotrash", mit dem Christian Kracht an "Faserland" anknüpft, ist autofiktional, ohne dass wir zwischen Fakten und Fiktion unterscheiden können. Es ist ein virtuoses, mit Namedropping gespicktes Spiel, eine bizarre, tragikomische Road Novel in geschliffener Sprache.
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Die neureiche Familie

Christian Kracht fährt alle zwei Monate nach Zürich, um seine Mutter zu besuchen. Im Hotel denkt er über seine Familie nach.

Ich lebte in der Vergangenheit, in den letzten fünfundzwanzig, fünfunddreißig Jahren, die sich ebenfalls so anfühlten, als seien sie nicht nur geschehen, sondern ewig präsent. Die Vergangenheit war immer viel realer und elastischer und präsenter als das Jetzt.

Sein Großvater mütterlicherseits war 1928 in die NSDAP eingetreten. In den Dreißigerjahren arbeitete der Untersturmführer der SS als persönlicher Referent für den Ministerialrat Horst Dreßler-Andreß, den Leiter des Hauptamts Rundfunk im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda. Nach seinem Tod fand man in seinem Haus auf Sylt Utensilien für sadomasochistische Spiele, und es stellte sich heraus, dass er heimlich junge Mädchen in seinen Keller bestellte, und zwar aus Island, wegen der „nordischen Rasse“.

Christian Krachts Großvater väterlicherseits war Taxifahrer in Hamburg-Altona gewesen, aber sein gleichnamiger, 1921 geborener Vater avancierte nach dem Zweiten Weltkrieg mit Unterstützung des britischen Verbindungsoffiziers George Clare, dessen Eltern die Nationalsozialisten in Auschwitz ermordet hatten, zum Generalbevollmächtigten des Springer-Konzerns. Christian Kracht senior war nicht nur häufig bei Axel Springer im Klenderhof in Kampen zu Gast, sondern traf sich auch des Öfteren mit Rudolf Augstein zum Essen im Mühlenkamper Fährhaus in Hamburg. Er war mit Ralph Giordano befreundet und hatte eine Affäre mit Inge Feltrinelli. In der Zeitschrift „Bunte“ hieß es einmal, er sei mit Brigitte Bardot verheiratet gewesen.

Mohamed Al-Fayed war ein Nachbar, als  Christian Kracht Senior ein Chalet in Gstaad von Karim Aga Khan erworben hatte . Außerdem besaß Christian Kracht Senior ein Sommerhaus in Saint-Jean-Cap-Ferrat, ein Haus in Kampen, eine Wohnung im Londoner Stadtteil Mayfair und ein Haus auf Sea Island in Georgia. Für einen Sommer mietete er die Villa der portugiesischen Bankiersfamilie Espírito Santo in Cascais. Er starb vor zehn Jahren in seinem Château in Morges am Genfer See.

Seine letzte Ehefrau flog mit der in einer Plastiktüte verpackten Asche des Kremierten in einer Birkin-Handtasche für 35 000 Euro im Learjet von Genf nach Hamburg und verstreute sie von einer Barkasse aus in der Elbe.

Seine Ex-Frau, die Mutter seines Sohnes Christian, hatte man nicht zur Trauerfeier eingeladen. Ihren 80. Geburtstag verbrachte sie in der geschlossenen Abteilung der psychiatrischen Klinik Elfenstein in Winterthur. Es war nicht ihr erster Aufenthalt in der Psychiatrie. Beim ersten Mal, in Meiringen, hatte sie sich noch selbst eingewiesen.

Christian Kracht fragt sich nach der Ankunft im Hotel in Zürich, in welchem Zustand er seine Mutter am nächsten Vormittag in ihrer Wohnung vorfinden wird. Er weiß von ihrer Tablettensucht (Zolpidem, Phenobarbital, Quetiapin) und ihrem übermäßigen Wodka-Konsum. Abscheulich findet er vor allem, dass sie billigen Kochwein trinkt, die Flasche zu 7.50 Franken bei Migros.

1949, als sie elf Jahre alt war, wurde sie in Itzehoe mehrere Wochen lang von einem Fahrradhändler sexuell missbraucht, der er ihr dafür ein Fahrrad versprochen hatte.

Als Christian Kracht elf Jahre alt war, schickte man ihn nach Kanada in ein Internat, wo er ebenfalls vergewaltigt wurde und seiner Schweizer Kinderfrau Elisie von Oehrli nachtrauerte. Als Kind war er mit seinem Vorhaben gescheitert, „die gesamte Welt im Maßstab eins zu eins aus Lego“ nachzubauen.

Pierre Gruneberg brachte ihm Schwimmen bei. Unruhig wechselte er immer wieder seinen Wohnort: Bangkok, Florenz, Buenos Aires, Kalifornien, Sri Lanka, Kenia, Indien, Llasa, Kyoto … Im Alter von 25 Jahren beschloss er, einen Roman in der Ich-Form über einen etwas autistischen wohlstandsverwahrlosten Snob zu schreiben: „Faserland“.

Nach dem Erfolg trank er zu viel. 2005 versuchte er in einem italienischen Restaurant, Frank Schirrmacher mit der Hand durchs Haar zu fahren, aber der Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zuckte zurück: „Lass das bitte sein, Christian, das mag ich nicht.“ Als Christian Kracht den Außenminister Joschka Fischer niederringen wollte und dieser ihn von seinen Sicherheitsleuten fesseln lassen wollte, warf sich der Verleger Helge Malchow dazwischen.

Die Reise

Bevor Christian Kracht am Tag nach seiner Ankunft in Zürich Blumen besorgt und seine Mutter besucht, kauft er sich bei Straßenhändlern einen Norweger-Pullover, und man steckt ihm noch eine Werbung für die von Ryke Geerd Hamer gegründete Dirk-Hamer-Kommune mit in den Beutel.

Seiner Mutter schlägt er vor, eine Reise zu unternehmen. Sie ist begeistert, möchte nach Afrika und Zebras anschauen. Er packt ein paar Sachen in eine Reisetasche und legt nicht nur ihre Tabletten-Schachteln, sondern auch drei Flaschen Wodka dazu. Die Mutter hält es für nötig, vor der Afrika-Reise noch Geld abzuheben. Die Bank, bei der 13 oder 14 Millionen Franken in deutsche Waffenhersteller und Schweizer Molkereien investiert sind, befindet sich ganz in der Nähe.

Bei der Bank allerdings wollte man uns anfangs gar nicht vorlassen. Wie sah denn das aus, eine alte, angetrunkene, zerschrammte Frau mit fettigen Haaren und blutunterlaufenen Augen, die sich am Rollator festhielt und aus dem Fahrstuhl schob, ihr Schatten von einem Sohn und ein paar zerbeulte Reisetaschen?

Die 600 000 Franken, die sie abgehoben haben, tragen sie nun wie der Milliardär Gustav Delbanco, den Christians Vater in London kannte, in einer Plastik-Einkaufstüte. Im Taxi gibt Christian Kracht als Ziel die Dirk-Hamer-Kommune in Saanen bei Gstaad im Berner Oberland an.

Unterwegs erfährt er, dass seine Mutter inzwischen einen künstlichen Darmausgang hat und den Stoma-Beutel wechseln muss.

Am Zielort ist niemand außer einem Hausmeister. Der hält den Ankömmling für den Autor des Romans „Die Vermessung der Welt, und Christian Kracht bestätigt, dass er Daniel Kehlmann sei. Erst als die Mutter ihren Sohn mit „Christian“ anspricht, merkt der Hausmeister, dass er sich geirrt hat.

Die beiden Reisenden nehmen ein Zimmer im Gästehaus. Nachts wacht Christian Kracht auf, weil sich jemand an der Tür zu schaffen macht. Am frühen Morgen schleichen er und seine Mutter sich unbemerkt aus dem Gästehaus. In einiger Entfernung rufen sie ein Taxi. Zufällig ist der Fahrer derselbe, der sie hergebracht hat.

Am Flugplatz von Saanen fragen sie nach einer Privatmaschine, die sie nach Basel bringen soll. Man verspricht, einen Piloten zu rufen, und nach einiger Zeit kommt tatsächlich jemand. Aber statt eines Piloten ist es ein Komplize des Anrufers, und die beiden Männer wollen den Plastikbeutel mit dem Geld rauben. In diesem Augenblick kehrt der Taxifahrer mit dem im Kofferraum vergessenen Rolator zurück – und verhindert das Verbrechen.

Statt mit dem Flugzeug nach Basel wollen sie nun mit dem Taxi zum Col du Pillon. Als sie um 9 Uhr vormittags durch Feutersoey kommen, lassen sie den Fahrer vor einem Restaurant halten und bestellen zwei Forellen, und der Kellner, der glaubt, Promis vor sich zu haben, motiviert den Koch, sich an die Arbeit zu machen.

Man sei ja an die Prominenz und ihre exaltierten Wünsche zu jeder Tages- und Nachtzeit gewöhnt, aber wirkliche Klasse zeige sich erst dadurch, dass allerbilligster Kochwein zum Essen bestellt werde, anstatt sich wie der Pöbel durch teuren Wein Distinktion erkaufen zu wollen. […] Dass sie keine Louis-Vuitton-Tasche dabei hätten und nicht mit dem Porsche Cayenne vorgefahren waren, wie die C-Prominenz es getan hätte, sondern das Taxi warten ließen, das sei ja doch wohl der endgültige Beweis.

Ein klarer Fall von Reverse Snobbery. Nachdem die beiden gegessen haben, lassen sie einen 1000-Franken-Schein auf dem Tisch liegen.

Mit einer automatischen Gondelbahn fahren sie zur Aussichtsplattform hinauf, wo die Mutter vergeblich nach Edelweißfeldern sucht. Christian Kracht nimmt ein paar Bündel Geldscheine aus der Plastiktüte, schätzungsweise 60 000 oder 80 000 Franken, und will sie drei indischen Touristinnen schenken. Aber die Frauen heben abwehrend die Hände, und in diesem Augenblick weht ein Windstoß die Banknoten fort. Sie flattern in die Schlucht hinunter.

Bei der Talfahrt bleibt die Gondel mit Mutter und Sohn auf halber Strecke hängen. Christian Kracht probiert die vorhandenen Schaltknöpfe aus, aber nichts geschieht. Erst nach zwei Stunden setzt sich die Gondelbahn wieder in Bewegung.

Dennoch hat der Taxifahrer auf sie gewartet. Zuerst wollen sie, dass er sie nach Zürich bringt, aber dann überlegen sie es sich anders und fordern ihn auf, nach Genf zu fahren.

„Manchmal habe ich das Gefühl, Du bist gar nicht verrückt.“
„Ha! Ich? Nein, Du warst es schon immer, nicht ich. Du bist verrückt“, sagte sie.

Vielleicht, dachte ich, vielleicht war sie ja wirklich nicht verrückt, sondern einfach nur bösartig.

Im Cimetière des Rois suchen sie das Grab von Jorge Luis Borges, und die Mutter meint:

„Endete nicht Dein Buch Faserland auch so ähnlich?“
„Ja, aber das war ja fiktiv. Dies hier ist echt.“

Die Mutter nimmt an, dass sie von Genf aus nach Afrika fliegen und freut sich wie ein Kind auf die Zebras. Aber der Sohn lässt den Taxifahrer so lange den Flughafen umkreisen, bis sie eingeschlafen ist. Dann fahren sie nach Winterthur. Dort rundet Christian Kracht den vereinbarten Fahrpreis von 9000 auf 10 000 Franken auf und weckt seine Mutter. Eine dunkelhäutige Ärztin heißt Frau Kracht willkommen.

„Willkommen zurück.“
„Ja. Ich habe das Gefühl, ich war schon immer in Afrika. Das ist wie nach Hause kommen. Aber dass Sie mir keine Zebras schießen. […] Ich will zur Olduvai-Schlucht. Ich will zu den Zebras“, sagte sie.

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In seinem Roman „Faserland“ verschweigt Christian Kracht den Namen des Ich-Erzählers, aber in „Eurotrash“ erfahren wir nun, dass der Ich-Erzähler wie der Autor von „Faserland“ Christian Kracht heißt. Wir wissen jedoch nicht, inwieweit diese Romanfigur mit dem realen Schriftsteller Christian Kracht übereinstimmt.

Auch mit dem ersten Satz von „Eurotrash“ spielt Christian Kracht auf seinen Debütroman „Faserland“ an:

Also, ich musste wieder auf ein paar Tage nach Zürich.

„Faserland“ beginnt ähnlich:

Also, es fängt damit an, dass ich bei Fisch-Gosch in List auf Sylt stehe und ein Jever aus der Flasche trinke.

„Eurotrash“ ist autofiktional, ohne dass wir zwischen Fakten und Fiktion unterscheiden können. Daraus macht Christian Kracht ein virtuoses, mit Namedropping gespicktes Spiel.

„Wusstest du, dass wir gerade in einem Buch beschrieben werden? Wie bei Cervantes?“ fragte sie.

„Das wäre doch ziemlich langweilig“, sagte sie. „Wen würde das denn interessieren? Eine Geschichte, in der absolut gar nichts passiert, außer dass sich eine alte Frau ab und zu mit ihrem Sohn streitet.“

Der Ich-Erzähler lebt mehr in der Vergangenheit seiner neureichen Familie, und nachdem er in Zürich eingetroffen ist, hängt er seinen Erinnerungen nach. Erst nach 60 Seiten rafft er sich auf, seine Mutter zu besuchen. Bald darauf mutiert „Eurotrash“ zur märchenhaften Road Novel: Das exzentrische Mutter-Sohn-Gespann lässt sich mit einem Taxi in der Schweiz herumfahren.

Christian Kracht verabscheut den dekadenten Geldadel. Bei manchen seiner verächtlichen und zynischen Äußerungen denkt man an Thomas Bernhard. Die Geschichte, die er in „Eurotrash“ mit einer geschliffenen Sprache entwickelt, ist bizarr, irrwitzig und tragikomisch.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2021
Textauszüge: © Verlag Kiepenheuer & Witsch

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