Hervé Le Tellier : Die Anomalie

Die Anomalie
L'anomalie Éditions Gallimard, Paris 2020 Die Anomalie Übersetzung: Romy Ritte und Jürgen Ritte Rowohlt Verlag, Hamburg 2021 ISBN 978-3-498-00258-9, 345 Seiten ISBN ISBN 978-3-644-01076-5 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Eine Linienmaschine aus Paris gerät vor der Ostküste der USA in extreme Turbulenzen. Mit zwei Kampfflugzeugen wird sie danach abgefangen und am 24. Juni 2021 zur Landung auf einem Militärstützpunkt gezwungen, denn exakt dieselbe Maschine mit identischen Hagelschäden, derselben Besatzung und denselben 243 Passagieren landete bereits am 10. März in New York. Ein Krisenstab wird einberufen ...
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Kritik

Der mit dem Prix Goncourt 2020 ausgezeichnete Bestseller "Die Anomalie" basiert auf der Simulationshypothese des Philosophen Nick Bostrom. Das Gedankenspiel über unser naives Realitätsverständnis verbindet Hervé Le Tellier mit einer Reihe anderer Themen, doziert aber nicht, sondern inszeniert eine originelle Mischung aus SF und Thriller, Horror, Witz, Satire und Komödie.
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Blake

Seit seinem 20. Lebensjahr arbeitet Blake – das ist nicht sein richtiger Name – als Auftragsmörder.

Blake bestreitet sein Leben mit dem Tod der anderen. Bitte, keine Moralpredigten. Wenn Sie mit Ethik anfangen, antwortet er mit Statistik. Denn – mit Verlaub, sagt Blake – wenn ein Gesundheitsminister das Budget kürzt, hier einen Scanner streicht, dort einen Arzt und da noch eine Intensivstation, dann dürfte ihm doch klar sein, dass er damit die Existenz von ein paar tausend Unbekannten erheblich verkürzt.

Unter dem Namen Jo leitet er einen Lieferdienst für vegetarische Mahlzeiten in Paris mit Filialen in Bordeaux, Lyon, Berlin und New York. In beiden Berufen ist er viel unterwegs, und darüber beklagen sich seine Ehefrau Flora und die beiden Kinder Quentin und Mathilde.

Am 10. März 2021 kam Blake mit einem australischen Pass nach New York, um einen Mordauftrag zu erledigen. Und heute, am 21. März, nimmt er einen Linienflug nach London, um von dort mit dem Eurostar nach Paris zurückzukehren.

Victor Miesel

Victor Serge Miesel wurde am 3. Juni 1977 geboren. Er lebt in Paris von seinem Einkommen als Übersetzer, und seit 15 Jahren versucht er sich parallel dazu als Schriftsteller, bisher mit wenig Erfolg.

Doch er ist nicht verbittert; es macht ihm letztlich nichts mehr aus, er nimmt es hin, auf Buchmessen zu sitzen, um dort gerade einmal vier Bücher in ebenso vielen Stunden zu signieren […].

Seine Geliebte Ilena Leskow, eine junge Russisch-Dozentin an der Langues O’, der Hochschule für östliche Sprachen und Kulturen in Paris, übrigens die Urgroßenkelin des von Victor Miesel übersetzten russischen Schriftstellers Nikolai Semjonowitsch Leskow, verließ ihn nach einem Jahr. Bei einer Übersetzer-Tagung in Arles verliebte sich Victor Miesel vor einigen Jahren in die Journalistin Anne Vasseur, aber auf dem Abschlussfest fehlte sie, und er sah sie nicht wieder.

Im Gefühlsleben segelt er mit einem unverbrüchlichen Enthusiasmus von Schiffbruch zu Schiffbruch.

Am 10. März 2021 fliegt Victor Miesel nach New York, weil ihm eine von der Kulturabteilung der französischen Botschaft finanzierte franko-amerikanische Organisation einen Übersetzerpreis für einen Thriller zugesprochen hat.

Als er nach Paris zurückkommt, beginnt er wie in einem Rausch sein siebtes Buch zu schreiben: „Die Anomalie“. Der Titel Anomalie ist übrigens ein Anagramm von Amo Ilena (ich liebe Ilena).

Sobald Victor Miesel das Manuskript abgeschlossen und die Datei seiner Lektorin geschickt hat, stürzt er sich vom Balkon.

Wir schreiben den 22. April 2021, es ist Mittag.

Lucie Bogaert & André Vannier

Lucie Bogaert wurde am 22. November 1989 in Montreuil geboren. Die Cutterin wohnt inzwischen als allein erziehende Mutter mit ihrem kurz vor der Pubertät stehenden Sohn Louis im Pariser Stadtviertel Ménilmontant.

Vor drei Jahren lernte sie den ebenfalls international erfolgreichen, aber 31 Jahre älteren Architekten André Vannier von Vannier & Edelman kennen. Am 10. März 2021 fliegt André Vannier zu einer Baustelle in New York, und Lucie begleitet ihn, während sich ihre Mutter um Louis kümmert. Aber zurück in Paris zieht Lucie sich von André zurück und versucht, ihm klarzumachen, dass es kein Wir gibt.

André Vannier muss dann nach Mumbai, und Lucie Bogaert findet seine Kontaktversuche aus der Ferne nervig.

David B. Markle

Am 29. Mai 2021 konsultiert der 48-jährige Flugkapitän David Bernard Markle seinen als Onkologe in New York praktizierenden älteren Bruder Paul. Seine Frau Jody wird nachkommen. Paul Markle hat die Ergebnisse einer medizinischen Untersuchung vorliegen und keine guten Nachrichten:

Es ist das, was ich befürchtete. Der Tumor, der hier, gegenüber dem Dünndarm, auf deinem Pankreasschwanz sitzt, ist ein bösartiger Tumor. Krebsartig. Und der Tumor hat nicht nur die benachbarten Blutgefäße und Ganglien befallen, es gibt auch Metastasen auf der Leber und im Dünndarm. Klinisch gesprochen bist du im vierten Stadium.
Viertes Stadium. Und das heißt?
Zu weit fortgeschritten, um noch eine distale Pankreatektomie ins Auge zu fassen, das heißt die Bauchspeicheldrüse und die Milz zu entfernen.

Aus seiner verkorksten ersten Ehe hat David Markle einen gleichnamigen Sohn, und Jody gebar die Kinder Grace und Benjamin.

Ende Juni 2021 geben die Ärzte im Mount Sinai Hospital in New York den Kampf um David Markles Leben auf.

Sophia Kleffman

Sophia, die am 13. Mai 2014 geborene Tochter von April und Clark Kleffman, vermisst im Haus der Familie in Howard Beach/New York ihre aus dem Terrarium entkommene Unke Betty. Man findet sie am 25. Juni 2021 ein Stockwerk tiefer vertrocknet hinter einem Heizkörper. Leutnant Clark Kleffman, der gerade für ein paar Tage Urlaub aus dem Afghanistan-Einsatz bei seiner Frau, der Tochter und dem Sohn Liam ist, will den Kadaver wegwerfen, aber Sophia begießt die Unke mit Wasser, und das Tier erwacht wieder zum Leben.

Anlässlich des Hochzeitstags war die Familie auch vor vier Monaten in Paris zusammen. Am 10. März kehrte Sophia mit den Kindern nach New York zurück, während Clark über Warschau nach Bagdad flog.

Joanna Wood Wasserman

Die am 4. Juni 1987 geborene afroamerikanische Rechtsanwältin Joanna Sarah Wood Wasserman, Tochter einer Schneiderin und eines Elektrikers, fliegt am 25. Juni 2021 im Auftrag der Kanzlei Denton & Lovell in New York, der sie seit drei Monaten angehört, nach Philadelphia, um am Firmensitz des Pharma-Riesen Valdeo mit CEO Sean Prior zu reden, der 33 Jahre älter ist als sie. Es geht um eine von der Kanzlei Austin Baker wegen des krebserregenden Insektizids Heptachloran eingeleitete Sammelklage. Der früher bei Valdeo beschäftigte Ingenieur Francis Goldhagen behauptet nämlich, Valdeo habe seine Hinweise auf die Schädlichkeit von Heptachloran missachtet.

Joanna hat den Fall trotz ihrer ethischen Bedenken übernommen, weil sie das Geld für ihre jüngere Schwester benötigt, die noch studiert. Ellen musste sich vor einigen Monaten wegen sklerosierender Cholangitis (PSC) einer 200.000 Dollar teuren Lebertransplantation unterziehen, und die weiteren Behandlungskosten betragen mindestens 100.000 Dollar pro Jahr.

Im Herbst 2020 vertrat Joanna erfolgreich den von einem Neonazi wegen Beleidigung verklagten jüdischen Pressekarikaturisten Abraham („Aby“) Wasserman vor einem Gericht in New York. Als sie am 10. März 2021 von einer Geschäftsreise aus Europa zurückkehrte und das Flugzeug in extreme Turbulenzen geriet, beschloss sie, Aby Wasserman zu heiraten, falls sie überleben würde. Die Hochzeit fand im April statt, und seit sieben Wochen weiß Joanna, dass sie schwanger ist.

Clémence Balmer

Am 22. April 2021 erhält die 32-jährige Pariser Verlegerin Clémence Balmer das Manuskript „Die Anomalie“ ihres Autors Miesel aufs Tablet und wundert sich, dass sein Vorname mit ø geschrieben steht, also dem Symbol für eine leere Menge: Victør Miesel.

An dem Tag, an dem Victør Miesels Leiche im Père Lachaise kremiert wird, lässt der Verlag die Druckmaschinen anwerfen, und Anfang Mai stapeln sich die Exemplare des Buches „Die Anomalie“ in den französischen Buchhandlungen. Es wird ein Verkaufserfolg.

Slimboy

Zur Pressekonferenz des 25-jährigen nigerianischen Rappers Femi Ahmed Kaduna, Künstlername Slimboy, am 25. Juni 2021 in der auf künstlich aufgeschüttetem Land gebauten Nigeria International Commerce City (Eko Atlantic) im Bundesstaat Lagos kommen auch die französische Konsulin Hélène Charrier, ihr Kulturattachée Swahila Odiaka und ihr italienischer Kollege Ugo Darchini, dessen 14-jährige Tochter Renata unlängst entführt wurde.

Ugo Darchini verzieht das Gesicht zu einem Lächeln, nein, das kann Hélène Charrier nicht begreifen, sie hat keine Vorstellung davon, was es heißt, tagelang mit den Kidnappern seiner vierzehnjährigen Tochter zu verhandeln, die mit Crystal zugedröhnt sind, was es heißt, sich nicht auszumalen wagen, was Renata durchmacht, zu fürchten, dass einer dieser Schwachköpfe ihr einen Finger abschneidet, ein Ohr, damit er schneller die siebzigtausend Dollar herausrückt. Er hat das Geld einem „Sicherheitsberater“ anvertraut, Taiwo, ein wirklich zwielichtiger Typ, der ihm aber von einem der stellvertretenden Leiter der Erdölprospektion bei der ENI empfohlen worden war. Er hatte zwei Jahre zuvor schon den Unterhändler abgegeben, als der Sohn dieses Burschen entführt worden war. Der Tausch mit den area boys hatte in einer Gasse – beide Parteien mit an den Schultern baumelnden Kalaschnikows – in Apapa stattgefunden, in der Nähe der Docks, gleich gegenüber einer Evangelisten-Kirche, von der der Schriftzug „Pray as you go“ herunterblinkte. Damals waren es nur fünfzigtausend Dollar gewesen. Alles wird teurer.

Inzwischen ist Maria Darchini, die Ehefrau des Konsuls, mit der Tochter Renata nach Siena zurückgekehrt.

Slimboy ist durch den Hit „Yaba Girls“, der ihm am 10.März 2021 auf dem Flug Paris – New York eingefallen ist, schlagartig weltberühmt geworden. Als ihn ein Journalist bei der internationalen Pressekonferenz in Nigeria fragt, ob er mit „Yaba Girls“ Homosexualität befürworte und selbst schwul sei, verweist Slimboy auf seine anwesende Lebensgefährtin Suomi. Insgeheim denkt er an die Not der Schwulen in Afrika und an Tom, seinen ersten Geliebten. Damals war er 15 Jahre alt. Tom wurde wegen seiner sexuellen Vorliebe von einem entfesselten Mob lebendig verbrannt.

Turbulenzen

Flugkapitän David Markle und sein Copilot Gid Favereaux bemerken auf dem Linienflug AF006 Paris – New York südlich von Neuschottland einen nicht angekündigten immensen Cumulonimbus vor sich. Ausweichen können sie nicht mehr, aber es gelingt ihnen, die Wolke mit der Boeing 787 zu durchqueren

Gewaltige Hagelschloßen haben besonders die Frontscheibe und das Radom stark beschädigt. Instrumente wie Höhen- und Fahrtmesser sind ausgefallen. Aber es gibt offenbar keine Verletzten an Bord. Kapitän Markle setzt einen Notruf ab, und die Air Traffic Control im Tower des John F. Kennedy International Airport bestätigt ihn, lässt sich jedoch seltsamerweise den Transpondercode dreimal durchgeben, fragt auch noch nach den Namen des Flugkapitäns und des Copiloten. Dann meldet sich Luther Davis, der Kommandant der Spezialeinheit der Federal Aviation Administration, und fordert die beiden Männer im Cockpit erneut auf, die Maschine zu identifizieren. Etwas später verlangt Kathryn Bloofield vom North American Aerospace Defense Command (NORAD), dass die Besatzung alle elektronischen Geräte an Bord, die eine Kommunikation mit der Außenwelt ermöglichen, eingesammelt werden.

– Kapitän Markle, es handelt sich hier um eine Angelegenheit, die die nationale Sicherheit betrifft. Wir werden zusammen das Protokoll 42 befolgen.
Markle ist sprachlos. Er hat noch nie von einem Protokoll 42 gehört.
– Air France 006, Ihr neues Flugziel lautet McGuire Air Force Base, New Jersey.

Nachdem alle Telefone, Tablets und Laptops in mit Sitzplatznummern beschriften Tüten verstaut und eingesammelt sind, meldet sich General Patrick Silveria vom National Military Command Center:

– Sie werden in den nächsten drei Minuten Begleitung von drei Jagdfliegern der Navy bekommen. Diese sind soeben von der USS Harry S. Truman gestartet und werden Sie bis in den nationalen Luftraum eskortieren. Im Falle eines Fluchtversuches oder bei Nichtbefolgen der Anweisungen haben sie den Befehl, Ihr Flugzeug abzuschießen.

Jetzt ist David Markle sicher, dass sich Kollegen einen Spaß mit ihm erlauben, gewissermaßen als Abschiedsgeschenk, weil er in den Ruhestand geht.

– Grüß dich, General Silveria Leck-mich-mal! Ist das alles, was euch eingefallen ist? Ganz ehrlich, ich habe tatsächlich alles geglaubt, aber der Coup mit dem Runterholen des Flugzeugs, das ist zu viel des Guten. Glaubt ihr, das ist jetzt der richtige Moment, nach dem Gewitter, das wir abgekriegt haben? Außerdem habt ihr euch geirrt, mein letzter Flug ist übermorgen, nicht heute. Aber ich muss zugeben, als Abschiedsgeschenk ist das besser als ein beschissener Carrot Cake.
– Air France 006? Hier General Silveria vom Pentagon. Ich gebe Sie weiter an den Flugzeugträger USS Harry S. Truman.
– Und ich bin der Captain Speaking. Bist du das, Frankie? Was für ein Scheiß von einem Huren-Yankee-Akzent, echt … Ihr seid wirklich … Wegen eurem Schwachsinn haben wir tatsächlich alle Handys in der Kabine eingesammelt.

Admiral John Butler von der USS Harry S. Truman ist zu hören. Kapitän Markle ruft:

Grüß dich, du Sackgesicht von John Butler. Ist gut, Frankie, du kannst jetzt die Nummer mit den Akzenten aufhören. Ist echt nicht mehr lustig.

Aber Butler weist Markle darauf hin, dass nicht nur hinter der Boeing bereits eine mit ihren zehn Luft-Luft-Raketen bewaffnete F/A-18 Hornet fliegt, sondern auch an Steuerbord – und da sieht der Kapitän tatsächlich ein Kampfflugzeug.

Auf die Frage General Silverias nach Datum und Uhrzeit antwortet Flugkapitän David Markle:

– Die Instrumente sind a.B. Wir haben den 10. März, und auf meiner Uhr ist es 20 Uhr 45.
Silveria kappt die Leitung. Die Wanduhr zeigt den 24. Juni an und als Uhrzeit 22 Uhr 34. Auf dem größten Bildschirm erscheint plötzlich das Bild eines intubierten Kranken auf einem Krankenhausbett.
– Dieses Foto wurde vor zehn Minuten von einem Agenten des FBI im Zimmer 344 des Mount Sinai Hospital aufgenommen. Dieser Mann heißt auch David Markle. Er war der Pilot des Air-France-Fluges 006 vom vergangenen 10. März. Dieser David Markle stirbt gerade an einem vor einem Monat diagnostizierten Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Adrian Miller

„Küssen Sie mich, oder ich fang an zu heulen. Oder ich schreie. Ha! Hilfe!“

Die britische Topologikerin Meredith Harper sagt das am 24. Juni 2021 gerade am mathematischen Institut der Princeton University in New Jersey zu dem Wahrscheinlichkeitstheoretiker Adrian Miller, als dessen besonderes Smartphone nach 20 Jahren zum ersten Mal klingelt und er aufgefordert wird, in ein vor dem Gebäude wartendes Polizeifahrzeug zu steigen.

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurde der damals 20 Jahre alte, auf Warteschlangen spezialisierte Post-Doc Adrian Miller im Team des Wahrscheinlichkeitstheoretikers Prof. Robert Pozzi und die Doktorandin Tina Wang am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge engagiert, um die bei den Entscheidungsprozessen der staatlichen Einrichtungen an 9/11 identifizierten Blockaden zu modellisieren und herauszufinden, wie die Anzahl der Etappen und Interventionszeiten reduziert werden kann. Im April 2002 gaben sie ihr 1500 Seiten dickes Geheim-Memorandum ab, und Adrian Miller erhielt ein abgeschirmtes Smartphone, das er seither ohne Unterbrechung in Reichweite haben muss, denn es dient dazu, ihn im Fall einer der von ihm und Tina Wang in dem spaßeshalber nach der berühmten Antwort des Computers in „Per Anhalter durch die Galaxis“ „Protokoll 42“ genannten Richtlinie aufgeführten extrem unwahrscheinlichen Vorfälle in der zivilen Luftfahrt in den Krisenstab rufen zu können.

Damit sollen Verzögerungen wie bei 9/11 vermieden werden.

Am 11. September um 8 Uhr 14 wird einer der Lotsen im Tower von Boston unruhig, als er sieht, dass die Maschine American Airlines 11 den Transponder abgeschaltet hat. Sechs Minuten später ruft eine der Stewardessen an Bord des Flugzeugs aufs Geratewohl eine Nummer an, es ist die des Reservierungsschalters von American Airlines. Sie meldet eine Flugzeugentführung und mehrere Tote in der Kabine. Bis man ihre Identität überprüft hat, ist es 8 Uhr 25, und einer der Abteilungsleiter benachrichtigt die Air Traffic Control. Ben Sliney und die Fluglotsen stellen in diesem Moment am Radar fest, dass die AA11 Kurs direkt Richtung Süden genommen hat und New York ansteuert. Das Reglement schreibt im Falle einer Flugzeugentführung zwingend vor – vergessen wir das Handbuch, das vorsieht, dass der Pilot, den man in diesem Fall bereits erstochen hat, zuvor den Code 7500 auf dem Transponder eingegeben haben muss –, dass der Stab der zivilen Luftfahrtbehörde benachrichtigt wird. Im Stab nimmt dann ein speziell für Entführungen abgestellter Koordinator Kontakt mit einer Dienststelle im Pentagon auf, die ihrerseits dem Büroleiter des Verteidigungsministers Bericht erstattet, der den Minister informiert, dessen Entscheidung dann dieselbe Kette entlang den Weg zurücknimmt. In diesem Augenblick endlich können die Verantwortlichen im HQ des nationalen Militärkommandos zwei Jagdflugzeugen Starterlaubnis geben, um die Maschine abzufangen. Und da seit Ende des Kalten Krieges die Zahl der Luftwaffenstützpunkte von sechsundzwanzig auf sieben heruntergefahren worden ist, sind die beiden letzten verbleibenden an der Ostküste die Basis in Otis, in der Nähe von Boston, und die in Langley, dem Sitz der CIA, in der Nähe von Washington.
Dies alles braucht dermaßen viel Zeit, dass am 11. September 2001 der Cheflotse in Boston aufgrund der Notlage selbst die Militärbasis in Otis anruft. Da das nicht seine Aufgabe sei, verlangt Otis, dass er sich ans regionale Militärkommando Nord-Ost in Rome, New York State, wende. Er ruft an, man bedeutet ihm einmal mehr, dass er sich nicht ans Protokoll halte. Trotzdem erteilt Oberst Robert Marr, von der Sache überzeugt und ebenfalls ohne Erlaubnis des Verteidigungsministers handelnd, Otis den Befehl, die Jagdflieger in Einsatzbereitschaft zu versetzen.
Lange vor den offiziellen Schlussfolgerungen der 9/11 Commission weiß das Pentagon, dass an jenem Tag nichts in der Entscheidungskette funktioniert hat.

McGuire Air Force Base

Adrian Miller wird am 24. Juni 2021 zur McGuire Air Force Base in Trenton/New Jersey gebracht, wo die abgefangene Boeing 787 der Air France steht und er Dr. Tina Wang wiedersieht, die seit ihrer Eheschließung mit dem Physiker George Brewster den Doppelnamen Brewster-Wang trägt. Begrüßt werden sie von General Patrick Silveria vom National Military Command Center, Jamy Pudlowski von Psychological Operations (PSYOP), Agent Senior Gloria Lopez vom FBI und dem CIA-Agenten Marcus Cox.

Es gilt Protokoll 42, weil es sich bei der an diesem Abend hierher umgeleiteten Maschine der Air France um exakt dasselbe Flugzeug handelt, das bereits am 10. März in New York landete, mit denselben Beschädigungen aufgrund eines Unwetters, derselben Crew und denselben 243 Passagieren, die nun alle in einem Hangar der McGuire Air Force Base festgehalten werden – bis auf einen, dem in der Nacht die Flucht gelingt.

Speichelproben ergeben, dass die DNA der Passagiere des Flugs AF006 Paris – New York vom 24. Juni zu hundert Prozent mit der von inzwischen aufgespürten und arrestierten Personen übereinstimmt, die am 10. März in derselben Maschine saßen. Der einzige Unterschied zwischen den Insassen der beiden Flugzeuge besteht darin, dass die am 10. März in New York gelandeten inzwischen weitere drei Monate irgendwo in der Welt ihr Leben weitergeführt haben, während für die vom 24. Juni die Zeit zwischen den beiden Ereignissen nicht existiert: Nach den Turbulenzen vor der Ostküste der USA waren sie nicht mehr – wie angenommen – am 10. März, sondern am 24. Juni unterwegs.

Am 25. Juni nimmt der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika während eines Staatsbesuchs in Rio an einer Videokonferenz mit dem Team auf der McGuire Air Force Base und weiteren weltweit führenden Wissenschaftlern wie dem Physiker Riccardo Bertoni teil. Drei Hypothesen gibt es, die für denkbar gehalten werden: (1) eine Einstein-Rosen-Brücke, auch als Lorentz-Wurmloch bezeichnet, (2) Bioprinting und (3) Simulation. Weil sich herausstellt, dass es sich bei den am 10. März bzw. 24. Juni 2021 mit AF006 Paris – New York gereisten Menschen weder um Originale und Kopien noch um Klone handelt, wird diese Bioprinting-Hypothese bald fallen ebenso gelassen, wie die von einer Zeitreise durch Wurmlöcher.

Der Logiker Arch Wesley von der Columbia University in New York erhält die Aufgabe, den anderen Teilnehmern der Video-Konferenz zu erklären, was mit der von dem schwedischen Philosophen Nick Bostrom entwickelten Simulationshypothese gemeint ist. Es geht um die Annahme einer höher entwickelten, posthumanen Zivilisation, die das gesamte Universum einschließlich aller Lebewesen, wie wir es wahrzunehmen glauben, mit Artificial Intelligence simuliert, und zwar nicht in der Zukunft, sondern schon längst. Arch Wesley erläutert:

− Wir sind keine realen Wesen. Wir glauben, menschliche Wesen zu sein, dabei sind wir nur Programme.

Weißes Haus, Washington

Am 26. Juni ruft der US-Präsident seinen chinesischen Amtskollegen Xi Jinping an, um ihm von dem unerklärlichen Vorfall zu berichten:

− Vor zwei Tagen ist ein Flugzeug der Air France auf unserem Staatsgebiet gelandet. Es ist ein Flugzeug, das bereits vor drei Monaten gelandet ist.
– Ja? Es kommt oft vor, dass ein Flugzeug mehrfach landet, sagt der chinesische Präsident und unterdrückt ein Lachen. Besonders bei Linienflügen …
– Die Sache ist komplizierter. Ich gebe Sie an einen meiner besten wissenschaftlichen Berater weiter, Professor Adrian Muller von der Universität Princeton.

Nach dem Telefongespräch konstatiert Xi Jinping gegenüber seinen Beratern:

− Die stecken in derselben Scheiße wie wir im vergangenen April mit dem Flug Beijing – Shenzhen vom Januar. Sie halten zweihundertdreiundvierzig Personen auf ihrem Stützpunkt an der Ostküste fest … Im Vergleich zu wie vielen noch mal in dem Airbus?
– Das sind dreihundertzweiundzwanzig, Genosse Präsident, sagt ein General. Die meisten sind noch immer auf dem Luftwaffenstützpunkt von Huiyang.
– Müssen wir die Amerikaner von der Existenz dieses Flugs unterrichten?, fragt eine Frau in Zivil.
– Nicht sofort. Vielleicht nie. Sie haben nach keinem einzigen der fünfzehn Amerikaner an Bord gefragt. Die fehlen niemandem.
– Das heißt, auch für sie …, sagt ein anderer Vier-Sterne-General, ist diese Hypothese der Simulation die wahrschein …
– Ja, auch für sie …, unterbricht der Präsident.
Der Präsident von 1415152689 Programmen.

Am 28. Juni wird damit begonnen, die seit vier Tagen in der McGuire Air Force Base festgehaltenen Menschen und die Insassen der am 10. März in New York gelandeten Maschine, die inzwischen hergebracht wurden, paarweise miteinander zu konfrontieren.

Wie werden die Verdoppelten mit den materiellen Folgen umgehen? Sie können doch nicht ihre Wohnungen, Ersparnisse und Rentenansprüche aufteilen, schon gar nicht ihre Lebensgefährten und Kinder!

Das Konzept der virtuellen Katastrophe könnte Eingang in die Gesetzestexte finden.

Die New York Times schreibt am 28. Juni 2021:

ENTGEGEN ALLEM AUGENSCHEIN LEUGNET DIE U. S. AIR FORCE, EIN FRANZÖSISCHES LINIENFLUGZEUG UND SEINE PASSAGIERE AUF DEM STÜTZPUNKT MCGUIRE FESTZUHALTEN

Anja Stein vom Investigativen Team der Zeitung beruft sich auf das Rentnerpaar John und Judith Madderich in Cookstown/New Jersey, das sich am 24. Juni über ein von zwei Abfangjägern eskortiertes Linienflugzeug im Anflug auf die Basis der USAF in McGuire wunderte. Andrew Wiley, der Pressesprecher der Luftwaffe, streitet allerdings jegliches Zurückhalten von Informationen ab. Und François Bertrand, der Kommunikationschef der Air France, erklärt öffentlich, dass keines der Flugzeuge fehle.

Das Weiße Haus ließ über seine frisch ernannte Pressechefin Jenna White verlautbaren, dass kein Amerikaner oder irgendein Ausländer willkürlich festgehalten werde. Und obwohl mehr als jeder dritte Passagier Franzose ist, und das auf einem Flug Paris – New York der Air France, bestreitet die französische Botschaft auf Nachfrage, dass ihre Staatsbürger gegen ihren Willen auf dem Stützpunkt McGuire festgehalten werden, und wünscht diese Vermutung nicht zu kommentieren.

Begegnung der zweiten Art

Am 27. Juni kommt Blake in seiner heimlich gemieteten Zweitwohnung in Paris zu sich. Er ist nackt auf einen Metallstuhl gefesselt – und sieht sich einem Mann gegenüber, der wie sein Spiegelbild aussieht, allerdings nicht seitenverkehrt. Als Profi weiß der gefesselte Blake, was es bedeutet, dass der ganze Boden bis zur Badewanne nebenan mit Plastikfolie ausgelegt ist.

Zur Vervollständigung eines Dekors, das sich auch in der Serie Dexter nicht schlecht ausnehmen würde, blitzen rechts neben ihm gut dreißig chirurgische Instrumente auf, Messer, Skalpelle, Lanzetten, elektrische Sägen, Scheren, Feilen: Er erkennt sie ebenfalls wieder. Manche sind nie benutzt worden, wie etwa dieser Trepanationsbohrer, den er aber immerhin einmal an einem Markknochen ausprobiert hat.

Der Blake, der nach den Turbulenzen vor der amerikanischen Ostküste am 24. Juni unter dem Namen Michaël Weber mit einem australischen Pass im Flugzeug saß, floh aus der McGuire Air Force Base, bevor die Passagiere und Besatzungsmitglieder Speichelproben für DNA-Tests abgeben mussten. Er nahm ein Taxi zum John F. Kennedy Airport, kaufte mit Bargeld und einem weiteren falschen Pass ein Ticket nach Brüssel und fuhr von dort mit dem Bus nach Paris.

Noch in New York hatte er zu seiner Überraschung herausgefunden, dass es sich beim aktuellen Tag nicht um den 10. März, sondern um den 24. Juni handelte. Daraufhin war er in ein Webcafé gegangen, um die Nachrichten der letzten Monate zu durchforsten. Offenbar hatte jemand seinen Mordauftrag ausgeführt, denn Frank Stone war am 21. März in Quogue erschossen worden. Weil auch die Codes seiner geheimen Bankkonten geändert worden sind, stellte er dem Doppelgänger eine Falle und überfiel ihn in der Wohnung in Paris.

Blake […] beobachtet seinen Gefangenen. Seit drei Tagen denkt er nach, grübelt er, ohne eine Erklärung zu finden. Aber Absurdität schließt den Sinn fürs Praktische nicht aus […].

− Ich will keine Reden halten. Du kapierst nicht, was hier vorgeht, und ich auch nicht. Das spielt keine Rolle. Ich bin du, du bist ich. Das ist etwas viel, wir können nicht zwei sein. Das verstehst du doch.

Nachdem der Gefesselte die geänderten Codes für die Bankkonten verraten hat, spritzt ihm der andere Blake eine Dosis Propofol und dem Bewusstlosen dann Curare.

Late Show

Für seine aus dem Ed Sullivan Theatre in New York übertragene Late Show am 29. Juni hat Stephen Colbert die 19-jährige Schauspielerin Adriana Becker eingeladen, die es zweimal gibt, seit sie beim Transatlantik-Flug in heftige Turbulenzen gerieten. Aber nur die am 10. März in New York gelandete Adriana hat im Mai auf der Bühne des Laientheaters Sandra Feinstein-Gamm Theatre in Warwick/Rhode Island die weibliche Hauptrolle in der Shakespeare-Tragödie „Romeo und Julia“ gespielt und sich in ihren Partner Nolan Simmons verliebt.

Eine Adriana berichtet, dass ihre Mutter sich an diesem Morgen nicht getraut habe, sie zu umarmen, und die andere Adriana ergänzt:

− Sie hat Angst vor uns beiden […]. Sie kann uns nicht auseinanderhalten. Sie glaubt, dass eine …
– dass eine „die Falsche“ ist […]

Während die Late Show läuft, rufen fanatische Christen in den Sozialen Medien zur Demonstration gegen die „Töchter der Hölle“ auf, und vor dem Ed Sullivan Theatre rottet sich eine aggressive Meute zusammen.

Jacob Evans und andere Mitglieder der „Armee des Siebten Tages“ fuhren an diesem Tag bereits sieben Stunden lang mit ihren Autos im Konvoi, um vor der McGuire Air Force Base gegen den Frevel zu demonstrieren, wurden jedoch von Soldaten abgedrängt.

Da erfährt Jacob mit Gottes Hilfe und dem Beistand von Instagram und Facebook, dass eines dieser Unwesen sich heute Abend vor der Welt zur Schau stellen wird.

Sie fahren weiter zum Ed Sullivan Theatre in New York. Dort fällt Jacob Evans eine Limousine auf, die aus der Tiefgarage kommt. Im Fond sitzen zwei junge Frauen. Er schießt mit seiner Grendel P30 durch die Scheibe – und lässt sich dann festnehmen.

Gleich darauf tauchen in den Medien die ersten Eilmeldungen über den Doppelmord auf.

Talkshow

Im Studio 4 von France 2 an der Esplanade Henri-de-France in Paris findet am 30. Juni eine Talkshow mit dem Philosophen Philomède und dem Schriftsteller Victor Miesel statt.

– Ich möchte mich zu dieser Idee einer Simulation nicht äußern, sagt Philomède. Aber meiner Ansicht nach würde das gar nichts ändern. Ich bin Materialist: Es gibt keinen Unterschied zwischen denken und zu glauben, dass man denkt, und also auch nicht zwischen existieren und zu glauben, dass man existiert.
– Aber immerhin, Philomède, sagt die Moderatorin, es ist doch nicht ganz das Gleiche, ob wir wirklich existieren oder ob wir virtuell sind.
– Verzeihen Sie, aber ja doch, es ist das Gleiche: Ich denke, und selbst wenn ich nur ein denkendes Programm bin, bin ich. Ich empfinde in derselben Weise Liebe und Schmerz, und, danke, ich werde auch genauso sterben. Und meine Handlungen haben dieselben Konsequenzen, ganz gleich, ob die Welt nun virtuell oder real ist.

Die Moderatorin wendet sich an ihren anderen Gast:

− Victor Miesel, was wäre Ihre Meinung, wenn Sie voraussagen müssten, was jetzt geschehen wird?
– Nichts.
– Pardon?
– Nichts. Nichts wird sich ändern. Wir werden morgens aufwachen, wir werden arbeiten gehen, weil wir weiterhin unsere Miete bezahlen müssen, wir werden essen, trinken, Liebe machen wie vorher. Wir werden weiterhin so handeln, als wären wir real. Wir sind blind für alles, was beweisen könnte, dass wir uns irren. Das ist menschlich. Wir sind nicht rational.

Das schlimmste aller Übel in der Büchse der Pandora sei Elpis, die Hoffnung, meint Victor Miesel.

− Es ist das schlimmste aller Übel. Denn es ist die Hoffnung, die uns verbietet zu handeln, es ist die Hoffnung, die das Unglück der Menschen verlängert, denn, nicht wahr, entgegen aller Evidenz „wird schon alles gutgehen“. Es kann nicht sein, was nicht sein darf […].

Und Philomède fügt hinzu:

– Darf ich Ihnen diesen Satz von Nietzsche in Erinnerung rufen? „Die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind.“ Heute wird der gesamte Planet mit einer neuen Wahrheit konfrontiert, die alle unsere Illusionen in Frage stellt. Man sendet uns zweifelsohne ein Zeichen. Aber ach, Denken braucht Zeit. Die Ironie an der Sache ist, dass die Tatsache, virtuell zu sein, für uns vielleicht noch mehr Verantwortung gegenüber unserem Nächsten und für unseren Planeten bedeutet. Vor allem als Kollektiv.
– Und warum?
– Weil – und das wurde bereits von einem Mathematiker gesagt – dieser Test nicht uns als Individuen gilt. Diese Simulation denkt den Ozean, die Bewegung der einzelnen Wassermoleküle ist ihr herzlich gleich. Es ist die gesamte Menschheit, von der die Simulation eine Reaktion erwartet. Es wird keinen höchsten Retter geben. Wir müssen uns selbst retten.

Mount Sinai Hospital

Ein David Markle stirbt im Mount Sinai Hospital in New York, während der andere mit dem Bruder Paul Markle am Krankenhausbett steht.

– Was … Paul, was ist mit mir passiert? Man hat mir gesagt, ein Pankreaskrebs sei diagnostiziert worden, im … Mai.
Der Arzt in Paul fasst sich wieder, er drückt den Arm seines Bruders:
– David … letzten Samstag, deine Untersuchungen, erinnerst du dich? Im Hangar. Man hat sie mir eben zugestellt.
David versteht. Sterben ist noch unerträglicher, wenn man weiß, wann. […]
– Wie lange?, fragt David wieder. Auf jeden Fall drei Monate. Mehr?
– Wir werden eine andere Behandlung versuchen. Du warst dein eigenes Versuchskaninchen, wenigstens wissen wir jetzt besser, was nicht funktioniert.

Bald darauf weiß die Witwe Jody Markle, dass sie ihren Mann ein zweites Mal verlieren wird. Er stirbt im Oktober nach vier Tagen in terminaler Sedierung.

Joanna

Während die am 24. Juni gelandete Joanna noch ledig ist, hat die andere im April Abraham („Aby“) Wasserman geheiratet und erwartet ein Kind, das nach der Geburt eine verdoppelte Mutter haben wird – ebenso wie Louis Bogaert, aber der versteht bereits, dass er nicht zwei Mütter hat, sondern zweimal seine Mutter Lucie.

Die Kleffmans

Die beiden Sophien sagen im Clyde Tolson Resort des FBI in New York übereinstimmend aus, dass sie es nicht mochten, wenn der Vater mit der Tochter nackt badete und sie am ganzen Körper einseifte.

April Kleffman hört am 1. Juli 2021 die Aufnahmen der Aussagen.

April ist wie erstarrt. Clark, seine eigene Tochter, das Bad, alles in ihr weigert sich, auch nur das kleinste Bild zuzulassen.

Während die im März gelandete April Kleffman mit Liam und Sophia nach Louisville/Kentucky zieht, richtet sich die andere mit den Kindern in Akron bei Cleveland/Ohio ein. Laut Gerichtsurteil ist Clark Kleffman auch für die Zeit nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis jeder Kontaktversuch mit der Familie untersagt.

Das letzte Wort

Am 21. Oktober 2021 um 13.42 Uhr erhält der Pilot einer Super Hornet den Befehl, eine Luft-Luft-Rakete AIM-120 auf ein Passagierflugzeug der Air France abzufeuern. Der US-Präsident hat die Zerstörung der Linienmaschine befohlen und verfolgt nun auf einem riesigen Bildschirm im Kommandoraum im Untergeschoss des Weißen Hauses das Geschehen.

− Ja, das war eine schwierige Entscheidung, und ich habe sie ganz allein getroffen, denn es ist meine Rolle, Entscheidungen allein zu treffen. Als er erfuhr, dass ein dritter Flug Air France 006 am Himmel über dem Atlantik aufgetaucht war, mit demselben Kapitän Markle und demselben Kopiloten Favereaux, mit denselben Passagieren an Bord, hat der Präsident die Zerstörung der Maschine befohlen. Man kann schließlich nicht zulassen, dass dasselbe Flugzeug nochmals und immer wieder landet.

Die Journalistin Anne Vasseur saß bei der Talkshow mit Philomède und Victor Miesel im Publikum. Der Schriftsteller war ihr schon in bei einer Übersetzertagung in Arles aufgefallen, aber sie hatte den Ort wegen ihrer irritierenden Gefühle für ihn überstürzt verlassen. Aber nun sind sie ein Paar. Am 21. Oktober 2021 trinken sie in Paris auf das soeben von Victor fertiggestellte Buchmanuskript.

Als Titel hat er an Wenn zweihundertdreindvierzig Reisende in einer Winternacht gedacht – und Anne hatte den Kopf geschüttelt –, dann wollte er daraus den Eingangssatz machen – und Anne hatte geseufzt. Es sollte schließlich ein kurzer Titel sein, in einem Wort. Die Anomalie war, leider!, schon vergeben. Er versucht keine Erklärung. Er gibt nur Zeugnis ab, in aller Einfachheit. Er hat sich auf nur elf Personen beschränkt und ahnt bereits, oh Gott, dass auch elf schon zu viel sind. Seine Verlegerin hat ihn angefleht, Victor, Erbarmen, das ist viel zu kompliziert, du wirst deine Leser verwirren, vereinfache, kürze, geh aufs Wesentliche. Aber Victor hat seinen eigenen Kopf. Er hat an den Anfang des Romans, wo es um diese Person geht, von der niemand Näheres weiß, ein Pastiche à la Mickey Spillane gesetzt. Nein, nein, das ist für ein erstes Kapitel nicht literarisch genug, hat Clémence ihm vorgeworfen, wann hörst du mit diesen Spielereien auf? Aber Victor ist mehr denn je ein Spieler.

Als über dem Atlantik ein Passagierflugzeug der Air France abgeschossen wird, vibriert die Erde.

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In seinem mit dem Prix Goncourt 2020 ausgezeichneten Bestseller „L’anomalie“ / „Die Anomalie“ beschäftigt sich Hervé Le Tellier mit der Simulationshypothese des schwedischen, an der der University of Oxford lehrenden Philosophen Nick Bostrom (*1973). Der hält es für denkbar, dass eine höher entwickelte, posthumane Zivilisation das gesamte Universum einschließlich aller Lebewesen, wie wir es wahrzunehmen glauben, mit Artificial Intelligence simuliert, und zwar nicht in der Zukunft, sondern schon längst. So wie die Gefangenen in Platons Höhlengleichnis Schatten für die Wirklichkeit halten, könnten die Menschen das Leben in einer von Computern geschaffenen virtuellen Welt mit der Realität verwechseln. (Dieser Gedanke liegt auch der Kinofilm-Trilogie „Matrix“ von Larry und Andy Wachowski zugrunde.)

Das Gedankenspiel verbindet Hervé Le Tellier mit Gedanken über unser Realitätsverständnis, über Fiktionalität, Freiheit versus Determinismus, die Reduzierung kognitiver Dissonanzen, den Überwachungsstaat und die Inhumanität nicht nur der chinesischen Regierung.

Hervé Le Tellier doziert in „Die Anomalie“ nicht, sondern kleidet seine Überlegungen in eine originelle Mischung aus den Genres Science Fiction und Thriller, Horror, Witz, Satire und Komödie mit zahlreichen Anspielungen auf Kinofilme und andere Romane. Darüber hinaus spickt er den Text mit Sentenzen wie zum Beispiel:

Der wirkliche Pessimist weiß, dass es schon zu spät ist, um noch Pessimist zu sein.

Dass er zu viel in den Roman hineingepackt hat – meine Inhaltsangabe ist bei weitem nicht vollständig −, thematisiert Hervé Le Tellier in „Die Anomalie“ auf selbstironische Weise.

Fazit: Mit „Die Anomalie“ bietet Hervé Le Tellier eine intelligente und unterhaltsame Lektüre.

Hervé Le Tellier wurde am 21. April 1957 in Paris geboren. Er studierte Mathematik und Linguistik, wurde jedoch kein Hochschullehrer, sondern Schriftsteller und Kolumnist. Für den Film und sowohl die Theater- als auch die Opernbühne arbeitet er ebenfalls. Außerdem engagiert sich Hervé Le Tellier für die 1960 von François Le Lionnais und Raymond Queneau gegründete avantgardistische Literaturgruppe „Ouvroir de littérature potentielle“ (OuLiPo).

Den mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Roman „Die Anomalie“ von Hervé Le Tellier gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Camill Jammal.

Veranschaulichung der Beziehungen

Zur Verfügung gestellt von © Gerhard Günther

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2021
Textauszüge: © Rowohlt Verlag

Frank Schätzing - Limit
Der Plot des SF-Thrillers "Limit" von Frank Schätzing ist trivialer und weniger komplex, als man aufgrund der aufgeblähten Darstellung zunächst glaubt, und das rund 100 Figuren umfassende Personal des Romans besteht mehr aus Klischees als aus differenzierten Charakteren.
Limit