Inger-Maria Mahlke : Unsereins

Unsereins
Unsereins Originalausgabe Rowohlt Verlag, Hamburg 2023 ISBN 978-3-498-00181-0, 495 Seiten ISBN 978-3-644-00683-6 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Inger-Maria Mahlke beginnt ihren wie "Buddenbrooks" in Lübeck spielenden Roman "Unsereins" 1889 bzw. 1890, als Thomas Mann noch die Schule in Lübeck besucht, und folgt ihren Figuren – darunter dem Autor der "Buddenbrooks" – chronologisch bis 1906. Friedrich Lindhorst, einer der Protagonisten, entspricht Moritz Hagenström in "Buddenbrooks", einer Figur, bei der Thomas Mann an Emil Ferdinand Fehling (1847 – 1927) gedacht hat.
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Kritik

"Unsereins" bezieht sich formal und inhaltlich auf "Buddenbrooks". Anders als Thomas Mann interessiert sich Inger-Maria Mahlke aber nicht nur für das Großbürgertum, sondern auch für Dienstmädchen und Lohndiener. In dem Gesellschaftspanorama geht es um Identität und Eigenwahrnehmung, Normen und deren Missachtung, Klassenzugehörigkeit und Ausgrenzung, Intrigen und Machtverhältnisse, Existenzsorgen und Umbrüche.
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Familie Lindhorst

Ende 1889 wird der 43-jährige Rechtsanwalt Friedrich Lindhorst für eine zweite Amtsperiode als Vorsitzender des Bürgerausschusses von Lübeck bestätigt. Joachim („Achim“) Lindhorst, sein ältester Bruder, gehört dem Senat an, und Heinrich Lindhorst, der mittlere der Brüder, amtiert als Konsul. Alle drei sind Sprösslinge einer protestantischen, kaisertreuen und wohlhabenden Kaufmannsfamilie mit jüdischen Wurzeln.

Seit Anfang der Siebzigerjahre ist Friedrich Lindhorst mit der Tochter des „berühmtesten Dichters aller Zeiten“ verheiratet: Marie, geborene Keitel.

Millionen mit Keitels Worten bestickte Geschirrhandtücher können nicht irren.

Die Familie bewohnt ein Stadtpalais in der Königstraße: 23 Zimmer, davon 18 beheizbar. Dort bringt Marie Lindhorst 1890 Marthe zur Welt, das jüngste der acht Kinder, und nach Alma die zweite Tochter. Die Söhne heißen Erasmus, Cord, Friedrich, Robert, Werner und Jost.

Die acht Kinder überfordern Marie Lindhorst. Wegen ihrer psychischen Probleme wird sie 1903 lange Zeit in der Wahrendorff’schen Anstalt in Ilten südöstlich von Hannover verbringen.

Im Dezember 1893, vier Wochen nach dem Tod des Senators Achim Lindhorst, glaubt dessen Bruder Friedrich, gute Chancen für die Nachfolge zu haben. Umso größer ist die Enttäuschung, als Friedrich Heinrich Bertling zum Senator gewählt wird.

Cord Lindhorst, der zweitälteste Sohn, fängt 1895 in der Londoner Filiale der Dresdner Bank an und steigt rasch zum Korrespondenten auf. Im Frühjahr 1897 kehrt er jedoch nach Deutschland zurück, um – wie er sagt – in Hamburg ein eigenes Unternehmen zu gründen. Heimlich konsultiert er einen Arzt in Dresden, der bei ihm Syphilis diagnostiziert. Einige Zeit später kehrt er nach London zurück – und schießt sich dort in den Kopf.

1899 ist nicht mehr zu übersehen, dass Friedrich Lindhorst in finanzielle Schwierigkeiten geraten ist, denn der Fleischer weigert sich, der Köchin etwas zu verkaufen, solange die ausstehenden Rechnungen nicht bezahlt werden. Um Kosten zu sparen und die Einnahmen zu steigern, zieht die Familie in eine Wohnung in der Luisenstraße und vermietet das Haus in der Königstraße.

Robert Lindhorst, der viertälteste Sohn, lebt seit 1896 in Yokohama und ist dort in leitender Position bei Callies & Söhne beschäftigt.

Werner ist in Durban. Erasmus Vater. Frieder in Paris. Und Mutter in Ilten. Jost wird Pastor. Die Lütte ist dreizehn […].

Im Sommer 1903 erfährt Robert Lindhorst, dass Alice Mandelson, eine Freundin, mit der er regelmäßig musiziert, John McGhee heiraten wird. Obwohl er sie liebt, nimmt er ihre Nachricht hin.

Im Jahr darauf wird er nach Kobe versetzt und erhält dort Prokura. Die Miete für die Wohnung teilt er sich mit dem Schiffsmakler Franz Hoffmann. Alice geht ihm nicht aus dem Sinn, zumal die McGhees ebenfalls in Kobe leben.

1905 wird Friedrich Lindhorst zum Stellvertreter des Hanseatischen Gesandten in Berlin ernannt und verbringt von da an viel Zeit in der Reichshauptstadt.

Alma Lindhorst verlobt sich 1906 im Alter von 25 Jahren mit Professor Ernst („Ernesto“) Hellner, einem Bildhauer und Medailleur aus einer Bremer Kaufmannsfamilie.

Im selben Jahr sieht Marthe Lindhorst die Mutter aus einem Sessel kippen. Marie Lindhorst stirbt. Ohne dass ihn die Nachricht erreicht hat, kommt Robert im September mit dem Schiff aus Japan. Der Vater reist ihm nach Genua entgegen, um ihn über den Tod der Mutter zu informieren.

Ida Stuermann

Im Januar 1890 fängt Ida Stuermann als Dienstmädchen der Familie Lindhorst zu arbeiten an.

1897 nimmt sie beim Arbeiterbildungsverein den ersten Steno-Unterricht, um „Tippmamsell“ zu werden. Sie kann allerdings nicht jede Woche teilnehmen, weil sie nur jeden dritten Sonntag frei hat. Nach zwei Jahren besteht sie die Abschlussprüfung und bewirbt sich bei Marmorwaren Kühne Dampffertigung in Hamburg-Altona als Bürohilfe. Ihre Bemühungen scheitern zwar, aber von der Hälfte ihrer Ersparnisse kauft sie sich 1906 eine Schreibmaschine, um Tippen üben zu können – und hämmert immer wieder in die Tasten: ICH WERDE NICHT IN DIENSTEN STERBEN.

Familie Schilling

Der Lübecker Wasserbaudirektor Konrad Schilling und seine Frau Elisabeth haben fünf Kinder. Theo stammt aus der ersten Ehe seines Vaters, Henriette aus der ersten Ehe ihrer Mutter. Ilse, Lotte und Ludwig sind ihre jüngeren Halbgeschwister.

Im August 1890 erhält Henriette Schilling Post aus Vevey. Ein Rechtsanwalt teilt ihr mit, dass ihr leiblicher Vater gestorben sei und sie zur Testamentseröffnung kommen möge. Die Eltern wollen sie begleiten, aber sie besteht darauf, allein in die Schweiz zu reisen.

Im Dezember kommt sie von dort zurück und verfügt nun über eine Erbschaft, die es ihr beispielsweise ermöglicht, im Jahr darauf kurzer Hand zu ihrer Freundin Else Bützow nach Bad Gastein zu fahren und dort einige Zeit zu verbringen. Ihre unbegleiteten Reisen erregen allerdings Anstoß und schaden den Bemühungen der Familie Schilling um gesellschaftliche Anerkennung.

Konrad Schilling wechselt schließlich als Wasserbaudirektor nach Celle. Seine Frau wollte eigentlich in Lübeck bleiben, bis Ludwig, der Jüngste, die Schule mit dem Abitur abgeschlossen hat. Aber als er sich mit Antonia Grube verlobt, deren Vater Hauptpastor von St. Marien in Lübeck ist, folgt sie ihrem Mann nach Celle.

Charlie und Tilly Helms

Henriette stellt 1897 Mathilde („Tilly“) Weber als Haushaltshilfe ein, die Witwe des Lohndieners Carl („Charlie“) Richard Helms.

Charlie, der Sohn eines Schlachtergehilfen, arbeitete als Küchenhilfe auf Schloss Wreese. Dort machte sich Nicolaus („Claus“) von Stolpe, der Sohn des Schlossherrn, an ihn heran. Das führte dazu, dass er entlassen wurde – allerdings mit einem überschwänglichen Empfehlungsschreiben, weil Claus sich schuldig fühlte.

In Lübeck spielte er als Lohndiener eine Rolle auf dem Heiratsmarkt des Großbürgertums und aufstrebender, wohlhabender Familien, denn er vermittelt gesellschaftliche Kontakte. Seine Ehe mit der Weißnäherin Mathilde, geborene Weber, sollte über seine Homosexualität hinwegtäuschen. Aber Verleumdung brachte ihn ins Gefängnis, und dort starb er an Diphtherie.

Mathilde Helms begann bereits 1890 eine Affäre mit dem Ratsdiener Johann Gotthard Isenhagen.

Familie Mann

1891 stirbt der Lübecker Senator Thomas Johann Heinrich Mann, das Oberhaupt einer alteingesessenen hanseatischen Kaufmannsfamilie des Lübischen Patriziats. Der Konsul Heinrich Lindhorst und ein Weinhändler namens Todtendorf fungieren als Testamentsvollstrecker.

Schon lange kursieren Gerüchte über finanzielle Schwierigkeiten Manns. Es begann vor 16 Jahren, als er mit seinem Geschäftspartner Ludwig Wilhelm Minlos Vorstand der Hansebank war, die wegen riskanter Investitionen in Schieflage geriet. Das wurde irgendwie geregelt, aber Minlos schied 1877 – angeblich aus gesundheitlichen Gründen – aus dem Senat aus, und Thomas Mann wurde zum Nachfolger gewählt.

Die Witwe zieht 1893 nach München. Bis auf Thomas („Tomy“), der noch die Schule in Lübeck abschließen soll, nimmt sie die Kinder mit. Im Jahr darauf kommt auch der 19-jährige Tomy, der in der Schule den Spitznamen „Pfau“ trug, zur Mutter und zu den Geschwistern in München.

1896 folgt Thomas Mann seinem älteren Bruder Heinrich nach Italien. Im Jahr darauf halten sie sich in dem römischen Vorort Palestrina auf, wo Tomy Mann bereits als „Poeta di Monaco“ gilt.

Thomas Mann schreibt einen Roman, dessen Veröffentlichung zunächst wenig beachtet wird. Aber die zweite Auflage von 1903 sorgt für Aufsehen – vor allem auch in Lübeck, wo sich einige Mitglieder der gehobenen Gesellschaft in Romanfiguren wiedererkennen. Friedrich Lindhorst bereitet Marie darauf vor und erwähnt auch als antisemitisch zu verstehende Wendungen.

„Erinnerst du dich an den mittleren Sohn von Senator Mann, den Dunkelhaarigen? Von dem es eine Zeitlang hieß, dass er das Geschäft übernehmen werde?“
Marie nickt. „Vage.“
„Nun. Er hat ein Buch veröffentlicht.“
„Wie schön.“
„Wir kommen darin vor.“ Sie blickt erstaunt auf. „Du kannst dich freuen, dich nennt er eine Schönheit.“
„Und Papa?“
„Kommt als Einziger gut weg, Jean Jacques Hoffstede. Nur ist er nicht dein Vater. Du seist aus Hamburg, schreibt er. Und hättest butterblondes Haar.“
[…] „Eingefallene Brust, gelblicher Teint, spitzige lückenhafte Zähne – so beschreibt er mich.“
[…] „Du hast im Buch einen anderen Namen.“
„Statt Marie?“
[…] „Puttfarken […] Ein Fräulein Puttfarken aus Hamburg.“

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Der Roman „Buddenbrooks“ von Thomas Mann spielt 1835 bis 1877 in Lübeck. Inger-Maria Mahlke beginnt ihren Roman „Unsereins“ 1889 bzw. 1890, als Thomas Mann noch die Schule in Lübeck besucht, und folgt ihren Figuren – darunter dem Autor der „Buddenbrooks“ – chronologisch bis 1906.

„Unsereins“ bezieht sich schon deshalb, aber auch formal und inhaltlich auf die „Buddenbrooks“. Anders als Thomas Mann interessiert sich Inger-Maria Mahlke aber nicht nur für das Großbürgertum, sondern auch für Dienstmädchen und Lohndiener. Nicht nur Männer, sondern auch Frauen treten in „Unsereins“ als wichtige Romanfiguren auf. In dem Gesellschaftspanorama geht es um Identität und Eigenwahrnehmung, Normen und deren Missachtung, Klassenzugehörigkeit und Ausgrenzung, Intrigen und Machtverhältnisse, Existenzsorgen und Umbrüche. Exemplarisch für letzteres ist der Konflikt über den Ausbau der Kanalisation und von WCs, der aus hygienischen Gründen angestrebt, aber von Gärtnereien bekämpft wird, die durch straßenweise Pachtzahlung das Recht erworben haben, mit ihren Karren den Inhalt von Abtrittkästen und Nachttöpfen als Dünger abzuholen.

Als leichte Strandlektüre ist „Unsereins“ ungeeignet. Dafür sorgt Inger-Maria Mahlke schon mit der Vielzahl von Romanfiguren, die über die 45 im Personenverzeichnis genannten weit hinausgeht.

Friedrich Lindhorst entspricht Moritz Hagenström in „Buddenbrooks“, einer Figur, bei der Thomas Mann an Emil Ferdinand Fehling (1847 – 1927) gedacht hat. Der war von 1872 bis zu ihrem Tod im September 1906 mit Ada verheiratet, der einzigen Tochter des Dichters Emanuel Geibel (1815 – 1884), der in „Unsereins“ den Namen Keitel trägt und in „Buddenbrooks“ – wo er Jean Jacques Hoffstede heißt – nicht Hagenströms Schwiegervater ist. Moritz Hagenström ist – so lesen wir es auch in „Unsereins“ – mit einem Fräulein Puttfarken aus Hamburg verheiratet. Friedrich Lindhorsts schwermütige Ehefrau Marie entspricht dagegen Ada Fehling und stirbt wie diese 1906. Marie und Friedrich Lindhorsts jüngste Tochter Marthe weist Parallelen zu Ada und Ferdinand Fehlings Tochter Maria (1890 – 1929) auf.

Daneben treten Personen, die tatsächlich lebten, mit ihren richtigen Namen auf, zum Beispiel: Theodor Schwartz (1841 – 1922), Otto Grautoff (1876 – 1937), Willy Gretor (1868 – 1923), Maria Slavona (bürgerlich: Schorer, 1865 – 1931), Fanny Gräfin zu Reventlow (1871 – 1918) – und natürlich Thomas Mann (1875 – 1955).

Inger-Maria Mahlke beginnt ihren Roman „Unsereins“ mit einer vorgestellten Filmaufnahme:

Wäre des ein Film und wir die Zuschauer, die erste Einstellung wäre mit einer Drohne aus der Perspektive eines Regentropfens gedreht: als würden wir durch seine vom Luftwiderstand abgeflachte Seite auf die Erde herabblicken. Vom Wind in einen spitzen Fallwinkel gedrückt, sähen wir erst nur das matschige Grünbraun Ostelbiens und einen Streifen wolkengrauer Ostsee. […]
Dunkle Dachreihen, Gärten, Gänge und Straßen werden langsam erkennbar […]
Eine Windböe drückt uns über den Giebel des neben dem Markt liegenden Rathauses hinweg. […] Ein letzter Windstoß schiebt uns die Straße hinunter, wir rasen auf die Anstalt zu, wie das älteste hiesige Gymnasium genannt wird. Kurz vor dem Aufprall blendet die Kamera ab.

Im Präsens und als auktoriale Erzählerin reiht Inger-Maria Mahlke in „Unsereins“ Miniaturen und Momentaufnahmen chronologisch aneinander. Eine stringente Handlung im herkömmlichen Sinn gibt es nicht, und dementsprechend drängt auch nichts zu einem dramatischen Höhepunkt. Dass Inger-Maria Mahlke in „Unsereins“ wörtliche Rede nur sparsam einsetzt, trägt auch nicht dazu bei, die Leserinnen und Leser zu packen.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2024
Textauszüge: © Rowohlt Verlag

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