Norman Manea : Der Schatten im Exil

Der Schatten im Exil
Umbra exilată Polirom, Iași 2021 Der Schatten im Exil Übersetzung: Ernest Wichner Carl Hanser Verlag, München 2023 ISBN 978-3-446-27628-4, 319 Seiten ISBN 978-3-446-27812-7 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Als Kind überlebte der namenlose Protagonist ein Konzentrationslager des mit den Nationalsozialisten alliierten Staates Rumänien, aber seine Mutter starb dort. Vier Jahrzehnte später überrascht ein Oberst der Securitate den oppositionellen Schriftsteller mit einem Pass, und nach einem Jahr in Berlin beginnt der Exilant in den USA eine akademische Karriere.
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Kritik

Die Roman-Collage "Der Schatten im Exil" dreht sich um das Thema Exil und die Metapher des Schattens. Norman Manea spickt die aus der Perspektive der melancholischen Hauptfigur dargestellte Handlung mit akademischen Essays und Vorträgen, Briefen und Texten aus "Günthers Archiv", aber auch mit Träumen und surrealen, grotesken Szenen.
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Wirklichkeitsangst

Der Ich-Erzähler, dessen Namen wir nicht erfahren, wird zum Staatssicherheitsdienst des rumänischen Innenministeriums einbestellt und von Oberst Vladimir Tudor empfangen. Vor langer Zeit beantragte er einen Pass, aber er bekam keinen. Obwohl er inzwischen bereit ist, darauf zu verzichten, überrascht ihn der Oberst mit der Nachricht, dass man ihm nun einen ausstellen werde und er zu seiner in den USA verheirateten Halbschwester ausreisen könne. Der für die Securitate arbeitende Psychiater Dr. Eduard Sima habe bei ihm eine Wirklichkeitsangst diagnostiziert und dazu geraten, ihn ins Exil zu schicken, damit sich die Realität wieder durchsetzen könne.

„Eduards Theorie besagt, dass mich das Lager tief verletzt und der Kommunismus die Wunde danach noch vertieft hat. Sodass ich kein Vertrauen in die Wirklichkeit mehr hatte. Darum habe ich sie durch Bücher ersetzt.“

Als Kind überlebte der Betroffene ein Konzentrationslager des mit den Nationalsozialisten alliierten rumänischen Diktators Ion Antonescu. Seine jüdische Mutter kam dort nach kurzer Zeit um. Ihre jüngere Schwester Debora („Debi“) wurde dann die Lebensgefährtin seines verwitweten Vaters, der ein Jahr später ebenfalls starb. Sein Sohn wuchs zusammen mit Debis Tochter auf, seiner Halbschwester Tamar.

Günther

Der Ich-Erzähler, der in Zirkusgeschichte promoviert hatte und nie bereit war, sich mit Nicolae Ceaușescus diktatorischem Regime in Rumänien zu arrangieren, fliegt nach Berlin zu dem jüdischen Musikprofessor Günther Buicliu, der sich jetzt Becker oder Weissbrot nennt. Die beiden freundeten sich als Jugendliche in einem rumänischen Ferienlager an.

Günthers Eltern waren von der Bundesrepublik Deutschland freigekauft worden, und auf Bitten der Mutter in München erhielt schließlich auch er einen Pass für die Ausreise. Von seinen drei „semitischen Ehefrauen“ ist er inzwischen geschieden, von Zimra, die er Zoia nannte und von Sulamita, die für ihn Sula war ebenso wie von Erika.

Als Erstes nimmt der Marxist seinen Gast aus Rumänien mit ins „Bordell“. Darunter versteht er das Kaufhaus des Westens (KdW). Unterricht in amerikanischer Sprache erhält der Exilant von Günthers Freundin Jennifer („Jenny“) Backer, die bei einem Zentrum der US-Army in Berlin beschäftigt ist.

Gerade, als der Zusammenbruch der DDR bevorsteht, fliegt der „Nomade“ weiter nach New York.

Die Schwester

Dort bringt Tamar/Agathe ihn in einem einfachen Hotel unter und bezahlt für ihn drei Monate im Voraus. In Rumänien war sie Kinderärztin. Weil der Titel jedoch in den USA nicht anerkannt wird, arbeitet sie hier als Krankenschwester. Von ihrem amerikanischen Ehemann lässt sie sich gerade scheiden.

Wie damals in Rumänien schläft sie wieder mit ihrem Halbbruder. Ob es Inzest ist, lässt sich nicht sagen, denn wegen Debis Promiskuität ist nicht sicher, ob sie beide tatsächlich denselben Vater hatten.

Job-Suche

Der Rechtsanwalt Konrad („Charlie“) Kardash-Greyhound vermittelt dem Migranten eine zeitlich befristete Anstellung im Buster-Keaton-Kolleg, das von der Präsidentin Stephanie de Boss geleitet wird.

Jenny Backer schrieb zwar ihrem Onkel, Prof. John Patrick Johnson, aber der Präsident eines amerikanischen Colleges emeritiert, bevor er ihre Bitte erfüllen und den Neuankömmling einstellen kann. John Johnson zieht mit seiner neuen Ehefrau nach Australien, bleibt allerdings Mitglied des College-Verwaltungsrates und erreicht schließlich, dass der von seiner Nichte Empfohlene vom Dekan und Anthrologie-Professor Luca Lombardi Formenton sowohl ein Stipendium für zwei Semester als auch die Wohnung eines Chemie-Professors erhält, der sich im Sabbatical befindet.

Freiheit

Es ist der Beginn einer akademischen Karriere.

Der Anschlag vom 9. September 2001 erschüttert ihn.

Der Heimatlose lernt Caroline („Carol“) Olson Dodge kennen und wird unversehens der Geliebte ihrer Nichte Eva („Eve“) Elisabeta Lombardini.

Sie ist es auch, die ihn dazu bringt, nach seiner Schwester zu schauen und ihm den Flug bezahlt. Aber statt Tamar öffnet ihm Luisa, eine Ärztin aus Chile, die zuletzt mit ihr zusammen war und ihm nun mitteilt, dass Tamar sich das Leben genommen habe. Das wirft ihn vollends aus der Bahn.

Eve reist ihm nach, um ihn zurückzuholen.

Er glaubt, mit der Märchenfigur Peter Schlemihl zu reden und erklärt ihm, dass auch er seinen Schatten abgegeben habe, allerdings nicht gegen Geld, sondern für die Freiheit.

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Norman Manea kam am 19. Juli 1936 in Burdujeni bei Suceava in Rumänien zur Welt. 1941 wurde die jüdische Familie in ein Konzentrationslager des mit den Nationalsozialisten alliierten Staates in Transnistrien deportiert. Anders als im Roman „Der Schatten im Exil“ überlebten auch seine Angehörigen die Lagerhaft. Norman Manea wurde Schriftsteller. 1986 verließ er Rumänien aus politischen Gründen und emigrierte nach einem einjährigen Aufenthalt in Westberlin in die USA. Am Bard College in New York avancierte er zum Professor für European Studies and Culture.

Der namenlose Protagonist des Romans „Der Schatten im Exil“, den er als „Exilant“, „Nomade“ oder „Heimatloser“ bezeichnet, weist eine ähnliche Biografie wie der Autor auf, ist aber nicht mit ihm identisch. Das Buch gehört also zur autofiktionalen Literatur. Der mit Norman Maneas eng befreundete Schriftsteller Philip Roth ist nicht unter den Romanfiguren. Bei Günther könnte er an den 1934 in Rumänien geborenen deutschen Schriftsteller Dieter Schlesak gedacht haben.

Dass für Norman Manea Exil und Leben synonym sind, zeigt der erste Satz seines Romans „Der Schatten im Exil“:

Das Exil beginnt beim Verlassen der Gebärmutter.

Im Titel lesen wir nicht nur „Exil“, sondern auch „Schatten“. Die Metapher des Schattens ist zentral. Immer wieder kommt Norman Manea auf das Kunstmärchen „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ von Adelbert von Chamisso aus dem Jahr 1813 zu sprechen. Bei der Ausreise aus Rumänien nimmt ihm der Grenzbeamte die Reclam-Ausgabe ab., und die auch als Schatten bezeichneten Spitzel bleiben im Überwachungsstaat zurück.

Der Schatten scheint eine Metapher für das Vaterland zu sein, die Sprache, die Wurzeln oder jedes andere Verhältnis zur Zugehörigkeit.

Im Namen Peter Schlemihl sind Christen- und Judentum verknüpft, denn Peter bzw. Petrus war einer der Aposteln, Schlemihl ist dagegen aus dem jiddischen Begriff „schlimazel“ abgeleitet und bedeutet „der vom Missgeschick Verfolgte“. Während Peter Schlemihl seinen Schatten für einen unerschöpflichen Sack Gold verkauft, geht es beim Protagonisten des Romans „Der Schatten des Exils“ um immaterielle Werte wie Freiheit.

Norman Manea weist auch darauf hin, dass der 1781 als Louis Charles Adélaïde de Chamissot de Boncourt auf Schloss Boncourt in Nordfrankreich geborene Schriftsteller Adelbert von Chamisso von der Jugend bis zum Tod in Berlin im Exil lebte: Die Familie hatte Frankreich 1790 verlassen, nachdem ihr Stammschloss während der Französischen Revolution niedergebrannt worden war. Der zweisprachige Dichter und Naturforscher Adelbert von Chamisso verband schließlich deutsche und französische Elemente.

„Die Heimatlosigkeit ist nicht bloß ein Unglück […]. Sie ist auch ein Möglichkeitsraum, es kann lohnend sein, sich darauf einzulassen.“

„Der Schatten im Exil“ ist eine Roman-Collage: Norman Manea spickt die aus der Perspektive der melancholischen Hauptfigur dargestellte Handlung mit akademischen Essays und Vorträgen, Briefen und Texten aus Günthers Archiv, aber auch mit Träumen und surrealen, grotesken Szenen. Die fragmentarische Struktur von „Der Schatten im Exil“ entspricht der Zerrissenheit des Protagonisten.

Das Ende bleibt offen.

„Hör nicht mehr hin, Herr Professor, hör einfach nicht mehr hin. […] Er war eingeschlafen […]. Glücklich war er, hatte das Alter des Schlafes erreicht, nicht bloß das der Senilität. […] Wahre Erlösung.
Er brabbelte vor sich hin. Schau Hineni, hier bin ich, bin bereit.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2023
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

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