Niklas Natt och Dag : 1794

1794
1794 Bokförlager Forum, Stockholm 2019 1794 Übersetzung: Leena Flegler Piper Verlag, München 2020 ISBN 978-3-492-06194-0, 560 Seiten ISBN 978-3-492-99594-8 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Mit seiner Roman-Trilogie entführt uns Niklas Natt och Dag in die schwedische Gesellschaft nach dem tödlichen Attentat auf König Gustav III. im März 1792 bei einem Maskenball in Stockholm. Es ist eine von Gewalt, Not und Elend geprägte Welt, kaum weniger grausam als die im ersten Teil von "1794" geschilderte Sklavenhalter-Gesellschaft in der schwedischen Kronkolonie Saint-Barthélemy.
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Kritik

"1794" ist ein historischer Kriminal-, Abenteuer- und Schauerroman des schwedischen Autors Niklas Natt och Dag. Die Atmosphäre ist düster, und Lichtblicke gibt es kaum. Aufgrund der einfachen, anspruchslosen Sprache und der geradlinigen Gedankenführung lässt sich der Bestseller "1794" leicht und trotz des Umfangs rasch lesen.
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Winter 1794

Erik Drei Rosen wächst mit seinem Vater und seinem sieben Jahre älteren Bruder Jonas auf dem Familiengut in Schweden auf. Die Mutter starb bei seiner Geburt – und wenn der Vater ihn anschaut, denkt er an den Verlust.

Schon als Kind verbringt Erik viel Zeit mit Linnea Charlotta, der Tochter des Bauern Eskil Colling und seiner Frau Margareta. In der Pubertät wird den beiden bewusst, dass sie sich lieben, aber der Gutsherr macht seinem 14-jährigen Sohn klar, dass eine Bauerntochter nicht für eine Eheschließung in Frage kommt. Er schickt Erik mit dessen Vetter Johan Axel Schildt als Aufsicht zur Karibik-Insel Saint-Barthélemy und sorgt dafür, dass Erik und das Mädchen sich nicht einmal voneinander verabschieden können.

Entsetzt beobachten Erik und Johan Axel die Sklaverei in der von Gouverneur Carl Fredrik Bagge af Söderby regierten schwedischen Kronkolonie.

Johan Axel Schildt erhält den Auftrag, sich auf der Baumwollplantage von Tycho Ceton umzusehen, weil dieser seinen Anteil an Sklavenarbeit für die Gemeinschaft schuldig geblieben ist. Erik begleitet seinen Vetter. Tycho Ceton erklärt ihnen schließlich, dass er einer Geheimorganisation angehöre, die Sklaven kaufe, sie freilasse und nach Saint-Domingue schicke.

Bei einem zweiten Besuch Eriks heißt es, Johan Axel Schildt habe sich der Organisation angeschlossen und sei nach Saint-Domingue gereist.

Bald nachdem Erik erfahren hat, dass sein Bruder gefallen ist, trifft die Nachricht vom Tod seines Vaters ein. Daraufhin schlägt Tycho Ceton dem 15-jährigen Alleinerben vor, die Vormundschaft für ihn zu übernehmen und mit ihm nach Schweden zurückzukehren. Dort werde er als Vormund dafür sorgen, dass Erik nicht bis zur Volljährigkeit warten muss, um seine große Liebe heiraten zu können.

Wie versprochen, organisiert Tycho Ceton die Eheschließung.

Am Morgen nach der Hochzeitsnacht schreckt Erik hoch. War er volltrunken? Er kann sich an nichts erinnern. Seine Hände sind blutig. Linnea Charlotta liegt neben ihm, nackt und zerfleischt. Auf Eriks Schreien kommt Tycho Ceton und fragt beim Anblick der blutüberströmten Toten: „Was hast du getan?“

Tycho Ceton bringt Erik nach Stockholm-Danviken, zunächst nicht ins dortige Tollhaus, sondern ins dazugehörige Hospital.

Frühling 1794

Die frühere Hökerin Anna Stina Knapp, der es gelang, durch einen geheimen Tunnel aus dem Spinnhaus auf Långholmen zu fliehen, gilt als Witwe von Johan Kristofer Blix. Aber die Ehe wurde nie vollzogen. Seit ihrer Flucht arbeitet Anna Stina unter dem Namen Lovisa Ulrika Blix als Schankkellnerin in der „Meerkatze“ in Stockholm. Als der Wirt Karl Tulipan („Blumenkarl“) im Frühjahr 1794 nach einem Schlaganfall im Sterben liegt, jagt seine Tochter Anna Stina aus dem Haus, obwohl die junge Frau hochschwanger ist, weil sie im Spinnhaus von dem Wachmann Jonatan Löf vergewaltigt wurde.

Zuflucht findet die obdachlose Schwangere bei einer gleichaltrigen Einsiedlerin im Wald, die sich Lisa Einsam nennt und im letzten Augenblick losrennt, um die frühere Hebamme Hedda Dahl zu holen. Damit rettet sie sowohl der Gebärenden als auch den Zwillingen Maja und Karl das Leben.

Sobald Anna Stina sich erholt hat, zeigt Lisa ihr eine Höhle als Unterschlupf und geht ihren eigenen Weg.

Auf der Suche nach weiterer Hilfe wendet sich Anna Stina an einen zwielichtigen Mann namens Dülitz. Der weiß, dass sie durch einen Tunnel aus dem Spinnhaus floh und verspricht ihr Geld, wenn sie auf diesem Weg unbemerkt der im Spinnhaus gefangen gehaltenen Verschwörerin Magdalena („Malla“) Rudenschöld einen Brief überbringt.

Um den Auftrag durchführen zu können, bittet Anna Stina den Stockholmer Stadtknecht Jean Michael („Mickel“) Cardell, der im Krieg einen Arm verloren hat, auf ihre Kinder in der Höhle aufzupassen.

Es gelingt Anna Stina, sich durch den engen Tunnel hindurchzuzwängen und der prominenten Gefangenen die Nachricht zu übergeben. Magdalena Rudenschöld schreibt eine Antwort. Aber beim Versuch, das Papier aus dem Spinnhaus zu schmuggeln, wird Anna Stina entdeckt und von dem Wachtmeister Petter Peterssen in eine Einzelzelle gesperrt. Den Sadisten erregt ihr Anblick, aber bevor er über sie herfallen kann, droht sie damit, bewegungslos liegen zu bleiben und ihm alles zu verderben. Sie bittet um eine Woche Aufschub, damit sie ihre Kinder an einen sicheren Ort bringen kann. Dann werde sie zurückkommen und sich fügen, schwört sie.

Sommer 1794

Margareta Colling, die Mutter der in der Hochzeitsnacht zerfleischten Braut Linnea Charlotta, wendet sich an Jean Michael Cardell in Stockholm. Sie ist inzwischen Witwe, weil sich ihr Mann aus Gram über den Tod der Tochter ertränkte. Linnea Charlotta sei im Wald von einem Wolfsrudel getötet worden, heißt es. Das glaubt Margareta Colling nicht, aber die Polizei unternimmt nichts, um den Fall aufzuklären.

Der mittellose Stadtknecht kontaktiert Isak Reinhold Blom, den Sekretär der seit Ende 1793 von Magnus Ullholm geführten Polizeikammer, und erreicht, dass er formal angestellt wird und mit der spärlichen Entlohnung die Kosten seiner Ermittlungen decken kann.

Emil Winge, der aus Uppsala nach Stockholm gekommen ist, weil er sich um den Nachlass seines Bruders Cecil zu kümmern hat, begleitet Cardell aufs Land. Svenning, der neue Verwalter des Guts Drei Rosen, kann ihnen nicht weiterhelfen. Sein per Post zugestellter Vertrag wurde angeblich von Erik Drei Rosen unterzeichnet, aber bei der Signatur handelt es sich um ein unleserliches Gekritzel, und persönlich hat Svenning den Erben des Guts nie gesehen.

Das Schlafzimmer, in dem die tödlich endende Hochzeitsnacht stattgefunden hatte, wurde inzwischen gründlich gereinigt, aber die Besucher entdecken Blutspritzer über dem Kronleuchter. Linnea Charlotta Colling wurde also nicht von Wölfen zerfleischt, sondern in diesem Raum ermordet.

Cardell und Winge fahren nach Danviken, aber Erik Drei Rosen ist unansprechbar, brütet nur vor sich hin und murmelt, er sei ein Mörder. Als die Besucher herausfinden, dass man ihm regelmäßig Thebaica (Mohnsaft) verabreicht, ordnen sie als Beauftragte der Polizeikammer an, dies einzustellen, denn sie hoffen, in einigen Tagen mit ihm sprechen zu können.

Aber als sie zurückkommen, befindet sich Erik Drei Rosen nicht mehr im Hospital, sondern im Tollhaus, und man hat bei ihm eine Lobotomie vorgenommen. Frustriert reden sie im Beisein des apathischen Patienten von Eriks Unschuld.

Der Verwalter des Guts Drei Rosen erhält sein Geld von einem Mann, der Rudolf Pallinder heißt. Er erklärt Cardell und Winge, er sei nicht befugt, den Namen seines Auftraggebers zu nennen, aber er werde ihn kontaktieren und es sei durchaus möglich, dass der Herr sich mit den Ermittlern in Verbindung setzen werde.

Tatsächlich bestellt Tycho Ceton die beiden in das von ihm finanzierte Kinderheim Hornsberger auf Kungsholmen. Ohne Umschweife gesteht der Verbrecher, dass er auf Saint-Barthélemy mit den Leichen seiner zu Tode gequälten Sklaven seine wunderbar duftenden Frangipani gedüngt habe. Johan Axel Schild ließ er teeren und auf dem Sklavenmarkt verhökern. Dann lockte er Erik in die Falle, betäubte ihn nach der Hochzeitsfeier und ergötzte sich an  den mörderischen „Bacchanalien“ seiner „Mitbrüder“. Tycho Ceton hält sich für unantastbar, weil er die Möglichkeit hätte, ein Massaker unter den Kindern in seinem Heim anzurichten und das gepflegte Kinderheim ohne ihn auf jeden Fall zugrunde gehen würde.

Herbst 1794

Cardell und Winge finden heraus, wo Tycho Ceton seine Frau gefangen hält. Ihr verdankt er die Narbe in seinem Gesicht. Aber er brach ihr nach der unerwarteten Attacke mit dem Rasiermesser das Rückgrat, und sie liegt seither querschnittgelähmt im Bett.

Frau Ceton behauptet, ihr Mann werde sich in der Nacht im Stenbockschen Palais konspirativ mit Komplizen treffen.

Die beiden Ermittler verstecken sich dort im Anatomiesaal und beobachten, wie Tycho Ceton mit einem zunächst arglosen Studenten namens Nyberg hereinkommt, der glaubt, eine Leiche sezieren zu dürfen. Als er merkt, dass die geknebelte Frau nur mit Laudanum betäubt ist, sträubt er sich, aber Tycho Ceton bringt ihn dazu, das Skalpell anzusetzen und masturbiert beim Zuschauen.

Frau Ceton erkannte offenbar Cardells Gewaltpotenzial und hoffte, dass er ihren Mann im Zorn über die bestialische Tat im Anatomiesaal töten würde. Aber Winge konnte ihn gerade noch zurückhalten, aus dem Versteck zu springen.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Weil Anna Stina ihren Schwur halten will, schließt Cardell einen Pakt mit Tycho Ceton. Die bald verwaisten Zwillinge Maja und Karl werden im Kinderheim Hornsberger aufgenommen. Als Gegenleistung quittiert Cardell seinen Dienst bei der Polizeikammer und stellt seine Ermittlungen ein.

Am Morgen, nachdem die Kinder ins Heim gebracht wurden, macht sich Anna Stina auf den Weg zum Spinnhaus, um sich Petter Peterssens Perversionen auszuliefern.

Erik Drei Rosen, der seine Besucher reden hörte, auch wenn er apathisch sitzen blieb, kennt seither die Zusammenhänge und weiß, dass die Bestie Tycho Ceton nur zur Verantwortung gezogen werden kann, wenn ihm das Kinderheim keine Rückendeckung mehr gibt. Er flieht an diesem Morgen aus dem Tollhaus – und zündet das Kinderheim auf Kungsholmen an.

Als Cardell und Winge erfahren, dass Erik Drei Rosen aus dem Tollhaus geflohen ist, ahnen sie, was er vorhat und eilen zum Kinderheim. Das brennt bereits. Cardell dringt durch das Flammenmeer zu den Kindern vor und rettet die Zwillinge. Als er den Brandstifter bei einer Schaftränke in der Nähe entdeckt, drückt er ihn solange mit dem Kopf ins Wasser, bis er tot ist.

Anna Stina will sich gerade am Spinnhaus melden, als sie den Feuerschein sieht. Panisch vor Angst um ihre Kinder rennt sie los.

Tycho Ceton wird von seinem aus Saint-Barthélemy mitgebrachten Vorarbeiter Louis Jarrick über den verheerenden Brand unterrichtet, bei dem fast alle Kinder umgekommen sind. Ihm bleibt nur die Flucht.

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„1794“ lautet der Titel des zweiten Bandes einer Trilogie, mit der uns Niklas Natt och Dag in die schwedische Gesellschaft nach dem tödlichen Attentat auf König Gustav III. im März 1792 bei einem Maskenball in Stockholm entführt. Der Sohn Gustav IV. Adolf war noch unmündig. Faktisch übernahm Gustaf Adolf Reuterholm die Regierungsgeschäfte. Er schaffte zwar die von König Gustav III. eingeführte Zensur der Presse ab, bekämpfte aber zugleich die Ideale der Aufklärung und der Französischen Revolution. Um die schwedische Wirtschaft zu stärken, untersagte er allen aus dem Ausland importierten Luxus, beispielsweise Seide und Kaffee.

Zu den Verschwörern gegen das Regime Reuterholm gehörten Graf Gustaf Mauritz Armfelt und dessen Geliebte Magdalena („Malla“) Rudenschöld. Die Gräfin wurde 1794 wegen Landesverrats an den Pranger gestellt und zum Tod verurteilt. Weil das Volk murrte, schreckte man vor einer Hinrichtung zurück, und die Verschwörerin sollte stattdessen ausgepeitscht werden. Aber auch dagegen richtete sich der Volkwille. Deshalb wurde Magdalena Rudenschöld vom Richtplatz weggebracht und eingesperrt. Die Todesstrafe gegen Gustaf Mauritz Armfelt wurde in Abwesenheit verhängt, denn der Rebell hielt sich im Ausland auf, korrespondierte mit Katharina der Großen und fand in Neapel Asyl.

Der Roman „1794“ beginnt wie ein historischer Abenteuerroman mit einer integrierten Liebesgeschichte. In diesem Teil lässt Niklas Natt och Dag den 15-jährigen Erik Drei Rosen als Ich-Erzähler zu Wort kommen. Die vier Teile des Buches sind mit Jahreszeiten überschrieben, aber auf „Winter 1794“ (eigentlich 1793/94) folgt erst einmal „Sommer 1794“, dann heißt es „Frühling 1794“, und zum Schluss „Herbst 1794“. Abgesehen von diesem Dreher entwickelt Niklas Natt och Dag die Handlung chronologisch. Die vier Teile sind allerdings übergangslos zusammengestellt. Der erste Abschnitt dreht sich, wie gesagt, um Erik Drei Rosen, der dritte um Anna Stina Blix, und sowohl im zweiten als auch im vierten Teil geht es um die Ermittlungen von Jean Michael Cardell und Emil Winge.

Die Hauptfigur der Trilogie, Jean Michael Cardell, taucht in „1794“ erst auf Seite 151 auf. Diesem widersprüchlichen Charakter steht der Sadist Tycho Ceton gegenüber, in dem man die Personifizierung des Satanischen sehen kann, der aber auch an einen Libertin wie de Sade erinnert, der sich weder an moralische Normen noch gesetzliche Reglungen gebunden fühlt. In einem Interview kündigte Niklas Natt och Dag an, im dritten Band der Trilogie werde er mehr über die psychologischen Hintergründe des Verhaltens dieser Bestie verraten.

„1794“ ist ein historischer Kriminal-, Abenteuer- und Schauerroman. Die Atmosphäre ist düster, und Lichtblicke gibt es kaum. Die Menschen sind allesamt kaputt und leidend.

Die Sprache ist einfach und anspruchslos, die Gedankenführung geradlinig. Deshalb lässt sich „1794“ leicht und trotz des Umfangs rasch lesen.

Den Roman „1794“ von Niklas Natt och Dag gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Philipp Schepmann und Louis Friedemann Thiele (ISBN 978-3-8449-2319-3).

Niklas Natt och Dag ist übrigens kein Pseudonym. Der 1979 in Stockholm geborene schwedische Journalist und Schriftsteller heißt wirklich Niklas Carl Bosson Natt och Dag und gehört der traditionsreichen Adelsfamilie Natt och Dag an. 2017 debütierte er mit dem Roman „1793“ (Übersetzung: Leena Flegler, 2019) und gewann mit dem Bestseller auf Anhieb Preise.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2020

Martin Walser - Ein Angriff auf Perduz
Diese im Vergleich zu vielen seiner anderen Erzählungen eher realistische Geschichte über eine Welt, in der jeder glaubt, jeden anderen täuschen und übervorteilen zu müssen, erzählt Martin Walser teils ironisch, teils sarkastisch in einer funkelnden Sprache.
Ein Angriff auf Perduz