Audur Ava Ólafsdóttir : Miss Island

Miss Island
Ungfrú Ísland Benedikt, Reykjavík 2018 Miss Island Übersetzung: Tina Flecken Insel Verlag, Berlin 2021 ISBN 978-3-458-17902-3, 236 Seiten ISBN 978-3-458-76879-1 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die junge Isländerin Hekla möchte Schriftstellerin werden und zieht deshalb 1963 in die Hauptstadt Reykjavík. Aber auch dort stoßen schreibende Frauen auf Unverständnis und Ablehnung. Hekla wird ebenso ausgegrenzt wie ihr schwuler Jugendfreund Jón John ...
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Kritik

Mit Ausnahme des Prologs lässt Audur Ava Ólafsdóttir in ihrem Roman "Miss Island" die Hauptfigur Hekla als Ich-Erzählerin auftreten. Die mit Verweisen auf andere literarische Werke gespickten Kapitel der Emanzipations-Geschichte sind kurz und lassen sich rasch lesen.
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1942

Hekla Gottskálksdóttir wird 1942 auf dem Bauernhof der Eltern in der isländischen Region Dalir geboren. Statt einer Hebamme hilft der Tierarzt. Der von Vulkanen begeisterte Vater entscheidet, dass die Tochter nach einem der aktivsten Vulkane Islands benannt wird. Und beim nächsten Ausbruch der 1491 Meter hohen Hekla im März 1947 fährt er mit der kleinen Tochter hin, um ihr das Naturschauspiel zu zeigen, während seine besorgte Frau Steinþóra Egilsdottir mit dem am 6. August 1945, dem Tag des Atombomben-Abwurfs auf Hiroshima, geborenen Sohn Örn zurückbleibt. Sie ist entsetzt, als sie nach der Rückkehr der beiden die angeschmorten Schuhsohlen sieht.

Im Alter von 48 Jahren stirbt Steinþóra an Brustkrebs.

1963

1963 verlässt Hekla ihren Heimatort und fährt mit dem Überlandbus in die Hauptstadt Reykjavík, weil sie Schriftstellerin werden möchte. Unterwegs liest sie mit Hilfe eines Wörterbuchs in dem Roman „Ulysses“ von James Joyce. Ein in Hvalfjörður zugestiegener älterer Mann versucht, sie zu überreden, bei der Wahl zur Miss Island mitzumachen, aber Hekla will sich nicht wie bei einer Fleischbeschau taxieren lassen.

Sie besucht ihre Freundin Ísey, die von einem Mann aus einem nach Dalir entsandten Arbeitertrupp schwanger wurde, ihn heiratete und mit ihm nach Reykjavík zog. Nun wohnt sie mit ihrem Ehemann Lýdur und dem Baby Porgerður im Souterrain eines Mietshauses.

Zu Heklas engsten Jugendfreunden gehört auch Davíð Jón John Johnsson, der kurz nach Ísey von Dalir nach Reykjavík zog und noch immer davon träumt, die Kostüme für ein Theater schneidern oder in einem Modegeschäft arbeiten zu dürfen. Für ihn bedeutet die Nähmaschine das Gleiche wie für Hekla die Schreibmaschine. Aber er findet nur Arbeit auf Fangschiffen, wo er ständig befürchten muss, wegen seiner Homosexualität vergewaltigt zu werden. Er nimmt die Seelenverwandte in seiner Mansarde auf. Vor fünf Jahren schlief er ein einziges Mal mit Hekla und war ihr Erster. Gern würde er mehr als ein Freund für sie sein, und er bedauert, dass er keine Frauenkörper begehrt.

Hekla bewirbt sich als Kaltmamsell im Hotel Borg, wird jedoch wegen ihres attraktiven Aussehens als Serviermädchen eingestellt. Statt Hosen muss sie Röcke tragen. Ebenso wie ihre Kollegin Sirrí verdient sie nur halb so viel wie die Kellner, und sie ist nicht nur den lüsternen Blicken und Anzüglichkeiten der älteren männlichen Gäste ausgesetzt, die sie auch in den Po zwicken oder ihre Brüste begrapschen.

Am 28. August 1963 hält Martin Luther King in Washington D. C. seine berühmte Rede: „I Have a Dream“.

In der Stadtbücherei lernt Hekla einen gleichaltrigen Mann kennen, der halbtags dort als Bibliothekar arbeitet und von großen Erfolgen als Dichter träumt: Starkaður Pjetursson aus Hveragerði. Er gehört auch dem Dichterkreis an, der sich regelmäßig im „Mokka“ trifft. Frauen sind keine dabei. Und Hekla wagt es auch lange Zeit nicht, Starkaður etwas von ihren beruflichen Absichten zu sagen. Als sie zu ihm zieht, lässt sie ihre Schreibmaschine deshalb bei Jón John und nutzt jede freie Minute, um dort heimlich an ihrem neuen Roman zu arbeiten.

Als sie Starkaður dann endlich gesteht, ebenfalls zu schreiben, fällt er aus allen Wolken, zumal sie – anders als er – bereits vier Gedichte und zwei Erzählungen in renommierten Zeitungen unter Pseudonymen veröffentlicht hat.

Der Vater ruft Hekla im November 1963 an, um ihr mitzuteilen, dass in Sichtweite seiner auf den Westmännerinseln lebenden Schwester Lolla die Geburt einer vulkanischen Insel zu beobachten ist. (Sie wird später den Namen Surtsey bekommen und der südlichste Ort Islands sein.) Starkaður fährt daraufhin mit Hekla zu seiner Mutter Ingigerður nach Hveragerði, denn von dort aus ist die gewaltige Dampfwolke zu sehen.

Um mehr Zeit fürs Schreiben zu haben, kündigt er bei der Stadtbücherei und lässt sich als Nachtportier im Hotel Skjaldbreið anstellen.

Der Verleger, dem Hekla eines ihrer Manuskripte schickte, erklärt ihr, den Roman wegen des homosexuellen Protoagonisten nicht veröffentlichen zu können.

Am 22. November 1963 wird der US-Präsident John F. Kennedy durch einen Attentäter in Dallas/Texas erschossen.

Heute

In der Hoffnung, ohne Anfeindung leben zu können, ist Jón John nach Kopenhagen ausgewandert. Hekla folgt ihm nach einiger Zeit.

Als sie sich in Reykjavík von ihrer Freundin verabschiedet, beneidet Ísey sie. Sie wäre auch gern Schriftstellerin geworden, hat sich jedoch fürs Familienleben entschieden und ist inzwischen Mutter einer zweiten kleinen Tochter: Katla. Voraussichtlich wird sie zeitlebens in Island bleiben.

Weil Homosexuelle auch in Dänemark ausgegrenzt werden, schlägt Jón John vor, nach Südeuropa zu ziehen. Um nur ein Hotelzimmer nehmen zu können, heiraten er und Hekla vor der Abreise mit der Bahn auf dem Standesamt in Kopenhagen.

Sie erfahren, dass Starkaður inzwischen eine neue Freundin hat, sich nicht mehr für einen angehenden Dichter hält und den Lebensunterhalt mit Taxifahren in Reykjavík verdient.

Am 11. Dezember 1964 erhält Martin Luther King den Friedensnobelpreis.

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In ihrem Roman „Miss Island“ erzählt Audur Ava Ólafsdóttir von einer jungen Isländerin im Jahr 1963, die Schriftstellerin werden möchte und deshalb zunächst vom Bauernhof der Eltern in die Hauptstadt Reykjavík zieht. Aber auch dort stoßen schreibende Frauen auf Unverständnis und Ablehnung. Die Welt der Kunst ist Männern vorbehalten. Ihren Lebensunterhalt verdient Hekla als Serviermädchen in einem Hotel, wo sie den lüsternen Blicken der älteren männlichen Gäste ausgesetzt ist und man sie drängt, an der Wahl zur Miss Island teilzunehmen.

Hekla bleibt in der von Männern geprägten Gesellschaft ebenso ausgegrenzt wie ihr schwuler Jugendfreund Jón John, der in Island vergeblich davon träumt, die Kostüme für ein Theater schneidern oder in einem Modegeschäft arbeiten zu dürfen.

Um sich von den Einschränkungen und falschen Rollenerwartungen zu befreien, verlassen Hekla und Jón John Island.

Audur Ava Ólafsdóttir beginnt ihren Roman „Miss Island“ mit einem kurzen Kapitel, in dem Heklas Mutter Steinþóra Egilsdottir 1942 als Ich-Erzählerin auftritt. Den weitaus größten Teil des Buches bildet der mit „1963“ überschriebene, in dem Audur Ava Ólafsdóttir die Hauptfigur Hekla in der Ich-Form erzählen lässt.

Die mit Verweisen auf andere literarische Werke gespickten Kapitel der Emanzipations-Geschichte sind kurz und lassen sich rasch lesen.

Für ihren Roman „Miss Island“ wurde Audur Ava Ólafsdóttir 2019 mit dem französischen „Prix Médicis étranger“ ausgezeichnet.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2021

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