Alexander Pschera : Vergessene Gesten

Vergessene Gesten
Vergessene Gesten 125 Volten gegen den Zeitgeist Vorwort: Martin Mosebach Illustrationen: Leandra Eibl Originalausgabe: Das vergessene Buch, DVB-Verlag, Wien 2018 ISBN 978-3-903244-00-9, 186 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Alexander Pschera meint mit "Gesten" alltägliche Verrichtungen, Gepflogenheiten, Höflichkeitsfloskeln und Benimm-Regeln (Blutsbrüderschaft schwören; Anschreiben lassen; Einen Diener machen). Manche der "vergessenen Gesten" gab es schon im 20. Jahrhundert nicht mehr (Sich duellieren). Neben Gesten, die aus der Mode gekommen sind (Einer Dame die Hand küssen), stehen solche, die durch die technische Entwicklung gar nicht mehr möglich sind (Bücher aufschneiden; Ein Telegramm aufgeben).
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Kritik

Die Auswahl der "vergessenen Gesten" wirkt beliebig. Zu manchen der "125 Volten gegen den Zeitgeist" hat Alexander Pschera mehr als eine Seite geschrieben, andere hat er mitl zwei Zeilen kommentiert. "Vergessene Gesten" ist zuallererst ein Aufruf, sich altmodischer zu verhalten. Warum? Weil unser Leben aufgrund des Vergessens von Gesten "einförmiger, monotoner, gegenstandsloser geworden" sei, heißt es im Klappentext. Das Buch ist sehr schön gebunden und mit Illustrationen von Leandra Eibl bebildert.

Gesten: Gebärden, Gepflogenheiten, Höflichkeitsrituale, Benimm-Regeln

Im Vorwort zu Alexander Pscheras Buch „Vergessene Gesten. 125 Volten gegen den Zeitgeist“ schreibt Martin Mosebach über „Geste und Sprache“. Dabei geht es um die Geste im engeren Sinn, Bewegungen besonders der Hände, Arme und des Kopfes, die beispielsweise ein Redner zur nonverbalen Ergänzung seines Vortrags ausführt. Alexander Pschera schränkt seine Zusammenstellung allerdings nicht auf diese Definition ein, im Gegenteil: nur einige wenige Gebärden hat er in sein Buch aufgenommen, zum Beispiel:

  • Einem Herrn die Hand schütteln
  • Einer Dame die Hand küssen
  • Vor jemandem den Hut lupfen
  • Einen Diener machen
  • Jemandem die Hand auf die Schulter legen
  • Sich die Haare raufen
  • Jemandem den Vogel zeigen

Bei den meisten der „125 Volten“ verwendet Alexander Pschera den Begriff Geste im übertragenen Sinn. Es geht um alltägliche Verrichtungen, Gepflogenheiten, Höflichkeitsrituale und Benimm-Regeln. Beispiele:

  • Blutsbrüderschaft schwören
  • Toast Hawaii essen
  • Eidechsen am Schwanz packen
  • Stierkämpfe besuchen
  • Anschreiben lassen
  • Etwas im Lexikon nachschlagen
  • Eine Zigarre rauchen
  • Jemandem seine Aufwartung machen
  • Sich empfehlen
  • Einer Dame den Hof machen
  • In einem Séparée soupieren
  • Eine Landpartie machen
  • In die Sommerfrische fahren
  • Eine klassische Bildungsreise machen
  • Charakter beweisen

 

Auswahl und Zusammenstellung

Auswahl und Reihenfolge der „125 Volten gegen den Zeitgeist“ wirken beliebig. Manche der von Alexander Pschera in „Vergessene Gesten“ aufgelisteten Gepflogenheiten wurden in den letzten Jahrzehnten verworfen, weil sie als spießig oder rückständig galten (Einen Krawattenknoten binden), anderes gab es schon im 20. Jahrhundert nicht mehr (Sich duellieren). Geografisch liegt der Schwerpunkt auf Westdeutschland, aber Alexander Pschera erwähnt auch Beispiele aus anderen europäischen Ländern (Contenance). Neben Gesten, die aus der Mode gekommen sind, stehen solche, die durch die technische Entwicklung gar nicht mehr möglich sind, etwa:

  • Einen gewöhnlichen Wasserhahn aufdrehen
  • Die Klospülung ziehen
  • Ein Telegramm aufgeben
  • Bücher aufschneiden
  • Fliegenfänger aufhängen

„Vergessene Gesten“ wirkt nicht nur inhaltlich, sondern auch formal heterogen: Zu manchen Gesten hat Alexander Pschera mehr als eine Seite geschrieben, andere mit zwei Zeilen kommentiert. Beispiele:

Kalamitäten über sich ergehen lassen

Wieso? Sind wir etwa noch im Dreißigjährigen Krieg?

Sich in seiner persönlichen Ehre verletzt fühlen

Wenn man wüsste, wo sie ist, würde so mancher diesem Gefühl durchaus folgen wollen.

Eine gute Partie machen

Um die betrüblich hohe Scheidungsquote zu senken, wäre es hilfreich, sich wieder auf die finanziellen Aspekte der Eheschließung zu besinnen.

Thema Digitalisierung

Dass einige der „125 Volten gegen den Zeitgeist“ mit der Digitalisierung zusammenhängen, ist nicht verwunderlich.

Daten löschen

[…] elementaren Vorgang wie dem simplen Löschen von Daten. Ganz früher knüllte man das Blatt Papier, auf dem man sich verschrieben, verrechnet, verzeichnet hatte, einfach zusammen und warf es in den Papierkorb. […]

Tagebuch schreiben

[…] Ein Tagebuch führt man für sich, nicht für die anderen. Der Reiz eines Tagebuchs besteht nicht darin, die Gegenwart zu feiern, sondern er ergibt sich aus der Möglichkeit, später einmal durch das Dickicht abgestreifter Verpuppungen der eigenen Existenz zu vagabundieren […]. Darin unterscheidet sich die Aktivität des Tagebuchschreibens vom Bloggen, bei dem es im Wesentlichen darum geht, den Augenblick festzuhalten und ihn mit anderen Bloggern zu teilen. […]

Zeitungsartikel ausschneiden

[…] Das „Teilen von Inhalten“, das die Gurus des Digitalen uns mit raunender Stimme als eine neue Stufe der Zivilisation und der Geschichte des Wissens vorzumachen suchen, ist ein alter Hut. Denn jeder hat wohl in seiner Familie einen manischen Zeitungsleser, der es nicht beim bloßen Zeitungslesen belässt, sondern der seine Verwandten und Freunde regelmäßig mit säuberlich ausgeschnittenen und datierten Zeitungsartikeln versorgt, um nicht zu sagen: bedrängt […]. Man geht nicht fehl, solche Zeitungsartikelausschneider und –verschicker der Gattung „Rechthaber“ zuzuordnen. Denn sie benutzen das gedruckte Wort in erster Linie, um die Richtigkeit ihrer eigenen Meinungen und Urteile zu untermauern. Die „Lügenpresse“ war da noch ganz weit weg. […]

Urlaubsfotos einkleben

[…] Wie entsteht privates Gedächtnis? Sicher nicht durch wahlloses Abknipsen von Sehenswürdigkeiten und von Menschen auf Hochzeitsfeiern. Noch weniger durch die Aneinanderreihung von Selfies. […] Wie anders war es, als Familien noch echte Fotoalben pflegten. Die Auswahl der besten Schnappschüsse war der erste Schritt der Memoration. Dann folgte der Aufbau eines komplexen narrativen Fadens („Papa am Strand, Papa beim Aufbau des Zeltes, Papa beim Sardinenausnehmen“), und schließlich entstand ein Text, der manchmal durch eingeklebte Pflanzen […] aufgelockert wurde. […]

Ansichtskarten schreiben

[…] Dabei geht es ja nicht oder höchstens nur am Rand darum, zu zeigen, wo man gerade ist – ganz im Unterschied zu den Postings auf Facebook oder Instagram. Nicht das Bild ist das Entscheidende, sondern die sprachliche Geste, die man der Karte einschreibt und die darin besteht, an die anderen auch dann noch zu denken, wenn man räumlich von ihnen entfernt ist. […]

Zum Abschied mit dem Taschentuch winken

[…] sachlich gestalten sich heutzutage Bahnhofsabschiede. Ein knappes „Ciao“ oder „Servus“, und dann geht es ein paar Minuten später ohnehin mit Whats-App weiter. „Abschied“ kann man einen solchen Moment der Trennung nicht mehr nennen, er gleicht eher einem Wechsel der Kommunikationsebenen. […]

 

Volten gegen den Zeitgeist

„Vergessene Gesten“ ist zuallererst ein Aufruf, sich altmodischer zu verhalten. Warum? Weil unser Leben aufgrund des Vergessens von Gesten „einförmiger, monotoner, gegenstandsloser geworden“ sei, heißt es im Klappentext. Alexander Pschera kritisiert immer wieder die heutige Lebensweise:

Einem Hobby frönen

[…] Hobbies sind dazu in der Lage, soziale Verbindungen zu knüpfen. Sie fördern Disziplin und zielorientiertes Denken. […] Wer einen halben Tag online recherchiert, um die Entscheidung über den Kauf eines neuen Mülleimers vorzubereiten, dem bleibt keine Zeit mehr für Brieftaubenzüchten, Ikebana oder Fossilienklopfen. Das Konsumieren wird dann zu dem, was früher einmal Hobby genannt wurde, und es ist diese freiwillige Zustimmung des Menschen zu seiner kapitalistischen Eindimensionalität, der keinerlei spielerisch zu erlangende Katharsis mehr innewohnt. […]

Haltung bewahren

[…] Haltung ist Schutz der anderen vor den Ausschlägen des Egos […] schrankenlosen Ich-Manie, die in unserer Gesellschaft vorherrscht und bei der es mit an Penetranz nicht zu übertreffender Ausschließlichkeit um „meine Zeit“, „mein ‚Geld“, „mein Leben“ geht. Jeder will heute etwas verkaufen, und da ist es nur natürlich, die niedrigsten Instinkte der potenziellen Käufer anzusprechen, von denen anschließend jeder meint, der Mittelpunkt der Welt zu sein. Haltung ist das letzte, was dabei entsteht. Wir lassen unserer Ich-Bestie freien Lauf, und sie verschlingt rücksichtslos alles, was sich ihr anbietet. […]

Sich duellieren

[…] Das Duell ist, neben der Prostitution, eine […] anthropologische Konstante. […] nur mutiert, sie hat sich vulgarisiert und taucht als „Quizduell“ oder „Wer wird Millionär?“ auf der Bühne der Gesellschaft wieder auf. Diese digitalen Brot-und-Spiele haben, was ihre Inszenierung betrifft, wohl die gleiche Dramatik wie ein Gladiatorenkampf, sie bleiben aber im Unterschied zu diesem existenziell vollkommen folgenlos – vor allem für denjenigen, der den Kürzeren zieht. In diesen Duellen gibt es faktisch nur Gewinner, der Verlierer kommt ungeschoren davon. […] Er mag zwar enttäuscht sein, das aber lässt sich mit handelsüblichen Psychoprogrammen schnell wieder aus der Welt schaffen. […]

Seinen Lebensabend im Ruhestand ausklingen lassen

[…] Manche Wohnmobilhecks, die so breit und wuchtig sind, dass sie einem die Aussicht auf die Autobahnschilder versperren, sind mit einem Aufkleber verziert, auf dem man Sprüche wie „Zum Sterben zu jung, zum Arbeiten zu alt“ oder auch „Wir verprassen gerade das Erbe unserer Kinder“ lesen kann. Das sind keine Witze, sondern die durchaus ernst gemeinten Kernbotschaften jener mobilen, kerngesunden und von einer seltsamen Grundaggression angetriebenen Rentnergeneration […]. Warum verstopfen sie mit ihren Campingpanzern die Autobahnen? Warum bleiben sie nicht einfach daheim und richten ihren Garten her? Kann es denn nach einem anstrengenden Berufsleben etwas Angenehmeres geben, als auf die Enkelkinder aufzupassen, das Grab seiner Ahnen zu pflegen und sich in der Schrebergartenparzelle ein Abendbierchen zu genehmigen? Ich meine das vollkommen ernst. Wo liegt die Befriedung, am Lebensabend ein lastwagenähnliches Ungetüm über Asphaltbänder, auf denen Verkehrskrieg herrscht, zu manövrieren und sich mit seiner Angetrauten auf engstem Raum einzupferchen […]? Wie kann es passieren, dass man so etwas „die große Freiheit“ nennt? […]

 

Merkwürdiges

Der eine oder andere Text ist schlichtweg fragwürdig, etwa wenn Alexander Pschera dafür plädiert, den Fahrradhelm schon mal zu Hause zu lassen oder die „Entzauberung des weiblichen Geschlechts“ bedauert:

Ohne Helm radeln

[…] Der obligatorische Fahrradhelm, ohne den man sich heute nicht mehr auf die Straße traut, auch wenn man nur um die Ecke zum Bäcker fährt, gehört […] zur Pflichtausstattung des urban warriors. […] Er ist das ursprüngliche Utensil des Abenteuers und Sportlers, das zu einer banalen Voraussetzung für die Zahlung von Versicherungsprämien mutiert ist. […]

Einer Dame die Hand küssen

[…] Der Verlust des Handkusses hat mit dem Verfall von Hierarchien und Ordnungen ebenso zu tun wie mit dem allgemeinen Niedergang einer elaborierten Höflichkeit […]. Die Absenz des Handkusses ist zudem ein Zeichen für die Entzauberung des weiblichen Geschlechts […]. An die Stelle des Handkusses sind die bises genannten französischen Wangenküsschen getreten. Im Unterschied zum dezenten Handkuss bringen sie eine direkte Sinnlichkeit ins Spiel, die typisch für unsere Gesellschaft ist, die durch Distanzlosigkeit gekennzeichnet ist. […] Das „Bussi“ wirkt […] wie ein grobes Abschmatzen, das auf Augenhöhe stattfindet und so seinen egalitären Charakter nicht verbergen kann. […]

Merkwürdig ist die Forderung, Fahrkarten für öffentliche Verkehrsmittel nicht am Automaten lösen zu müssen.

Beim Busfahrer bezahlen

[…] Ich will dem Fahrer meine Aufwartung manchen und mich bei ihm als Passagier vorstellen. Denn er ist, immer noch, der Hausherr, ihm vertraue ich mich an, wenn ich in sein Transportmittel steige. […] Durch den Akt der Referenz zeige ich ihm, dass ich seine Arbeit schätze, ja dass ich ihn überhaupt als Mitmenschen wahrnehme […]

Man könnte meinen, das sei zynisch gemeint. Aber das ist wohl nicht so.

Buchgestaltung

Das Buch selbst ist sehr schön gebunden und mit Illustrationen von Leandra Eibl bebildert.

Alexander Pschera wurde am 27. April 1964 in Heidelberg geboren. In seiner Heimatstadt studierte er Germanistik, Musikwissenschaft und Philosophie. 1992 promovierte er über Eduard Mörike: „Das Zeitalter der Idylle und die Ära der Kunst“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2018
Textauszüge: © DVB Verlag

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