Milan Kundera : Der Scherz

Der Scherz
Manuskript: 1965 Originalausgabe: Žert Ceskoslovenský spisovatel, Prag 1967 Der Scherz Übersetzung: Erich Bertleff Molden Verlag, Wien / München / Zürich 1968 Neuübersetzung: Susanna Roth Carl Hanser Verlag, München / Wien 1987 ISBN: 3-446-14648-2, 348 Seiten Spiegel-Verlag, Hamburg 2007 ISBN: 978-3-87763-026-6, 348 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Eine als Scherz gedachte Postkarte führt dazu, dass die Partei den Studenten Ludvik Jahn Anfang der 50er-Jahre von der Universität relegiert. Weil man ihn für einen politischen Gegner hält, darf er beim Militärdienst keine Waffe tragen, sondern muss in einer Kohlengrube schuften. Bei einem Ausgang verliebt er sich in die 19-jährige Lucie. Sie erwidert seine Gefühle, doch sobald er zudringlich wird, wehrt sie sich, bis er sie wütend fortschickt ...
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Kritik

"Der Scherz" ist eine melancholische, gar nicht lustige Satire. Milan Kundera lässt die ergreifende Geschichte abwechselnd von vier Hauptfiguren in der Ich-Form – also aus verschiedenen Perspektiven – erzählen.
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Mit zwanzig verliebt sich der Student Ludvik Jahn 1949 – zwei Jahre nach dem Abitur – in Marketa, eine ein Jahr jüngere naive, leichtgläubige Kommilitonin, die immer wieder auf Lügengeschichten hereinfällt, beispielsweise wenn Ludvik behauptet, dass es zwischen der CSSR und den kapitalistischen Staaten einen geheimen Sklavenhandel mit Zwergen aus dem Böhmerwald gebe. Um Marketa zu ärgern, die ohne ihn an einer Wochenendschulung der Partei teilnimmt, schreibt Ludvik ihr eine Postkarte: „Optimismus ist das Opium der Menschheit! Ein gesunder Geist stinkt nach Dummheit! Es lebe Trotzki! Ludvik.“ (Seite 36)

Zwei Monate später lädt ihn das Parteisekretariat der Universität vor. Die Genossen glauben ihm nicht, dass die Karte ein Scherz war, sondern sie halten ihn für einen Trotzkisten. Deshalb wird er seiner Funktionen im Studentenverband enthoben und von der Universität verwiesen. Keiner seiner Freunde hilft ihm, und Pavlik Zemanek, der oft dabei war, wenn Ludvik Marketa aufzog und in diesem Jahr zum Parteivorsitzenden der Fakultät gewählt wurde, hält es für opportun, den Beschluss zu unterstützen.

Als Student brauchte Ludvik erst einmal nicht zum Militär. Jetzt wird er sofort eingezogen. Wegen seiner von Pavlik Zemanek und den anderen Genossen in der Hochschule konstatierten politischen Haltung muss Ludvik zu einer Einheit, die keine Waffen trägt, sondern stattdessen im Bergwerk von Ostrava Kohle abbaut.

Bei einem Ausgang lernt Ludvik im Kino eine schüchterne Neunzehnjährige aus Eger kennen. Bei Lucie Šebetková handelt es sich um eine Einzelgängerin, die zwar in einem Wohnheim lebt, aber lieber allein ins Kino geht, als mit ihren Mitbewohnerinnen zum Tanzen. Ludvik und Lucie kommen sich näher, aber die Beziehung bleibt – von Küssen und harmlosen Liebkosungen abgesehen – platonisch. Erst als Ludvik seiner Freundin neue Kleider kauft und sie darin betrachtet, entdeckt er ihren Körper und beginnt, sie zu begehren. Widerstrebend gibt Lucie seinem Drängen nach und lässt sich von ihm in ihrem Zimmer besuchen. Er küsst sie und streichelt ihre Brüste, aber als er unter ihren Rock greifen will, wehrt sie sich vehement. Frustriert kehrt Ludvik in die Kaserne zurück.

Dort ist er der Willkür eines fünfundzwanzigjährigen Offiziers ausgeliefert, der aus nichtigen Anlässen eine mehrwöchige Ausgangssperre verhängt.

Lucie kommt fast täglich an den Zaun der Kaserne, um Ludvik zu sehen.

Schließlich hält Ludvik es nicht mehr aus. Ungeachtet des Risikos, vor ein Militärgericht gestellt zu werden, schleicht er sich eines Nachts aus der Kaserne und trifft sich mit Lucie. Diesmal versucht er, ihren Widerstand mit Gewalt zu brechen, aber sie wehrt sich so heftig, dass er aufgibt und sie wütend fortschickt. Wenigstens gelangt er in den Schlafsaal zurück, bevor jemand sein Fehlen bemerkt.

Seine Briefe an Lucie kommen von da an als unzustellbar zurück. Um sie zu suchen, verlässt Ludvik heimlich seine Arbeitsmannschaft, aber niemand weiß, wohin Lucie gezogen ist. Diesmal wird er ertappt und von einem Militärgericht wegen Desertion zu zehn Monaten Haft verurteilt. Während Ludvik die Strafe verbüßt, stirbt seine Mutter, aber man erlaubt ihm nicht, an der Beerdigung teilzunehmen.

Nach weiteren vier Jahren in den Kohlegruben von Ostrava ist Ludvik 1956 endlich wieder ein freier Mann. Sein Antrag, das begonnene Mathematikstudium abschließen zu dürfen, wird bewilligt. Ludvik bleibt auch nach dem Studium an der Universität und erhält schließlich eine Professur.

In dieser Funktion soll er einer Radioreporterin Mitte der Sechzigerjahre ein Interview geben. Die Fünfundvierzigjährige heißt Helena. Ludvik erfährt, dass sie seit dreizehn Jahren mit Pavel Zemanek verheiratet ist und eine zwölfjährige Tochter namens Zdenka hat.

Endlich sieht er eine Gelegenheit, sich an Pavel zu rächen: Er kann Helena zwar nicht ausstehen, aber er umwirbt sie, bis sie sich mit ihm zu einem Schäferstündchen in seiner Geburtsstadt verabredet. Weil er sein schäbiges Hotelzimmer für ungeeignet hält, überredet Ludvik einen alten Bekannten, den Arzt Dr. Kostka, ihm während einer Nachtschicht die Wohnung zu überlassen.

Helena gibt sich ihm hin und stöhnt lustvoll, als er sie während des Aktes ins Gesicht und auf die Brüste schlägt.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Ludvik glaubt, damit in Pavels Intimleben eingebrochen zu sein. Nachdem er seinen Racheplan verwirklicht hat, beabsichtigt er nicht, sich noch einmal mit Helena zu treffen. Sie war nur Mittel zum Zweck. Doch sie hat sich in ihn verliebt, und weil sie glaubt, er schrecke davor zurück, ihre Ehe zu zerstören, versucht sie ihn zu beruhigen: Mit Pavel habe sie schon seit drei Jahren keinen Sex mehr gehabt. Ohne Tochter wären sie längst geschieden. Sie weiß, dass Pavel eine zweiundzwanzigjährige Geliebte hat und verheimlicht ihm auch ihre Affären nicht. Da begreift Ludvik, dass er Pavel nichts weggenommen hat und seine Rache deshalb fehlgeschlagen ist.

Beim Friseur erinnert ihn eine der Friseusen an Lucie, und Dr. Kostka bestätigt seine Vermutung: Die Frau heißt tatsächlich Lucie. Weil Kostka nicht ahnt, dass Lucie und Ludvik sich näher kannten, erzählt er ihm von ihr:

Kostka verließ die Universität 1951 aus freien Stücken und wurde Arbeiter auf einem Gut. In der Nähe wurde eines Tages die Landstreicherin Lucie Šebetková festgenommen. Weil sie bereit war, auf dem Gut zu arbeiten, verzichtete man auf Strafmaßnahmen.

Allmählich begann sie, Kostka zu vertrauen. Sie erwähnte eine unglückliche Beziehung mit einem Soldaten in Ostrava. Sobald er versucht habe, sie ins Bett zu kriegen, sei sie in Panik geraten, aber sie habe ihm den Grund verschwiegen: In ihrer Heimstadt Eger war sie mit sechzehn von einer Gruppe von sechs jungen Kleinkriminellen mehrmals vergewaltigt und dadurch traumatisiert worden. Die Behörden hatten sie damals für ein Jahr in ein Heim für Schwererziehbare gesperrt. Danach war sie nach Ostrava gezogen.

Lucie habe sich ihn in verliebt, berichtet Kostka weiter. Da sei er fortgezogen, um ihr aus dem Weg zu gehen. Einige Jahre später heiratete Lucie und kam mit ihrem Mann ausgerechnet in die Stadt, in der Kostka jetzt lebt. Er glaubt zu wissen, dass die Ehe unglücklich ist und Lucie von ihrem Mann geschlagen wird.

Ludvik begreift, dass er Lucie nie gekannt hatte.

Bei einem folkloristischen Umzug begegnet er zufällig Pavel Zemanek. Der leutselige Opportunist lehrt zwar Marxismus-Leninismus an der Universität, bezeichnet sein Fach jedoch inzwischen lieber als „Philosophie“. Er hat eine attraktive Studentin namens Brodska bei sich, die seine Geliebte ist. Offenbar weiß er bereits, dass Ludvik und Helena miteinander im Bett waren, aber es stört ihn nicht.

Helena ist im Auftrag ihres Senders mit dem jungen Tontechniker Jindra zu dem Umzug gekommen.

Um endlich Schluss mit ihr zu machen, erklärt ihr Ludvik in einem kurzen Vier-Augen-Gespräch barsch, dass er sie nicht liebe und nicht mehr sehen wolle.

Entsetzt zieht Helena sich daraufhin unter dem Vorwand, ihren Kommentar schriftlich vorformulieren zu wollen, in einen vom Nationalausschuss zur Verfügung gestellten Raum zurück. Ihr Kopf schmerzt. Sie weiß, dass Jindra immer Schmerzmittel bei sich hat und findet in einer Tasche seines Kittels ein entsprechendes Tablettenröhrchen. Zunächst nimmt sie zwei Tabletten, dann vier und schließlich schluckt sie alle. Hastig schreibt sie ein paar Zeilen, steckt das gefaltete Blatt Papier in einen Umschlag und bittet Jindra, den Herrn zu suchen, mit dem sie gerade sprach, und ihm den Brief zu übergeben.

Jindra findet Ludvik in einem Gartenrestaurant. Ludvik zögert zunächst, das Kuvert zu öffnen und lädt Jindra stattdessen auf einen Wodka ein. Nachdem er die Nachricht endlich gelesen hat, drängt er Jindra, ihn so schnell wie möglich zu Helena zu führen.

Sie bemerken das leere Tablettenröhrchen und finden Helena im Toilettenhäuschen. Sie krümmt sich, spuckt Ludvik ins Gesicht und versucht wegzulaufen, kann jedoch wegen ihres heruntergelassenen Höschens nur Trippelschritte machen und kehrt wieder ins Plumpsklo zurück. Ludvik rennt ins Gebäude, um per Telefon einen Arzt zu rufen, aber Jindra hält ihn davon ab: Bei den Tabletten handelte es sich um ein Abführmittel. Weil er sich wegen seiner Verdauungsprobleme schämt, pflegt er sie in ein anderes Röhrchen umzufüllen.

Nach dem Schrecken bittet Ludvik seinen ehemaligen Mitschüler Jaroslav, der mit seiner Zimbalkapelle in einem Gartenrestaurant spielt, wie früher die Klarinette übernehmen zu dürfen.

Während Ludvik nach dem Abitur in Prag gewesen war, um Mathematik zu studieren, hatte Jaroslav die Musikhochschule in Brünn besucht. Nachdem sein verwitweter Vater einen Schlaganfall erlitten hatte, brach Jaroslav das Studium ab, kehrte nach Hause zurück und wurde Geigenlehrer.

Zwei Tage vor Jaroslavs Vermählung mit Vlasta tauchte Ludvik unerwartet in seinem Geburtsort auf. Er kam auch zur Hochzeitsfeier, verhielt sich jedoch abweisend und verabschiedete sich bald. Erst später erfuhr Jaroslav, dass Ludvik gerade von der Universität relegiert worden war.

Während die Kapelle spielt, bricht Jaroslav mit einem Herzinfarkt zusammen. Ein Rettungswagen bringt ihn ins Krankenhaus.

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In seinem zu Beginn der Fünfzigerjahre bzw. Mitte der Sechzigjahre in der CSSR spielenden Roman „Der Scherz“ prangert Milan Kundera Opportunisten und Denunzianten, inhumane sozialistische Funktionäre und Militärs an. Für unangepasste Individualisten wie Ludvik Jahn ist in dieser Gesellschaft kein Platz; man sperrt sie fort, beutet sie aus und versucht, sie umzuerziehen.

„Der Scherz“ ist eine melancholische, mit Ausnahme einiger Szenen gar nicht lustige Satire. Milan Kundera lässt die ergreifende Geschichte abwechselnd von vier der fünf Hauptfiguren – Ludvik, Helena, Jaroslav, Kostka – in der Ich-Form erzählen. (Nur Lucie hat keine eigene Stimme.) Dieser Kunstgriff ermöglicht es ihm, einige Szenen aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und die Subjektivität und Unzuverlässigkeit der Wahrnehmung zu veranschaulichen. Außerdem repräsentiert jede der Figuren eine andere Haltung gegenüber dem System: der Zyniker Ludvik zweifelt an allem; Helena verhält sich linientreu, ohne groß darüber nachzudenken; Jaroslav glaubt an den Wert der Folklore, und bei Kostka handelt es sich um einen etwas absonderlichen Christen.

„Der Scherz“ beginnt in der Gegenwart; erst vom dritten Kapitel an holt Milan Kundera die Vergangenheit nach, bis die Handlungsfäden wieder in der Gegenwart zusammenlaufen.

Die Verfilmung des Romans „Der Scherz“ unter der Regie von Jaromil Jires gibt es nur in tschechischer und englischer Sprache.

Originaltitel: Zert / The Joke – Regie: Jaromil Jires – Drehbuch: Zdenek Bláha und Jaromil Jires, nach dem Roman „Der Scherz“ von Milan Kundera – Kamera: Jan Curík – Schnitt: Josef Valusiak – Musik: Zdenek Pololánik – Darsteller: Josef Somr (Ludvik), Jana Dítetová (Helena), Ludek Munzar (Pavel) u.a. – 1969; 80 Minuten

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2008
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

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