Sven Regener : Glitterschnitter

Glitterschnitter
Glitterschnitter Originalausgabe Galiani Berlin, Imprint von Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021 ISBN 978-3-86971-234-5, 471 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Berlin-Kreuzberg, 1980. Neben dem Café "Einfall" in der Wiener Straße befindet sich die Kneipe "Intimfrisur", ein ehemaliger Frisörsalon, in der sich die Gruppe "Glitterschnitter" für die Teilnahme an der "Wall City Noise" qualifizieren möchte. H. R. Ledigt beabsichtigt, während des Konzerts vor dem Publikum ein Bild für die Kunstmesse zu malen, obwohl er lieber eine Ikea-Musterwohnung aufgebaut hätte, weil er sich als Konzept-Künstler versteht ...
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Kritik

Die Dialoge werden durch innere Monologe ergänzt. Sven Regener tritt in dem ebenso unterhaltsamen wie hintergründigen Roman "Glitterschnitter" also nicht als Erzähler auf, sondern versetzt sich in die Personen und wechselt immer wieder, auch mitten in einer Szene, die Perspektive. Diese meisterhaft gestalteten Übergänge wirken wie Schnitt und Gegenschnitt im Kino.
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Café „Einfall“

Erwin Kächele betreibt 1980 außer zwei Lokalen in Berlin-Schöneberg in der Wiener Straße im Stadtteil Kreuzberg das Café „Einfall“, das früher „Zartbitter“ hieß und ein Schwulentreff war. Als seine Frau Helga, eine Lotsentochter aus Bremerhaven, schwanger wird, duldet er die vier Mitbewohner nicht länger: seine Nichte Chrissie und den 21-jährigen Arbeitslosen Frank Lehmann, die Künstler Heinz Rüdiger („H. R.“) Ledigt und Karl („Charlie“) Schmidt. Die drei Männer und die junge Frau quartiert er in der Wohnung über dem Café in der Wiener Straße ein.

Chrissie arbeitet im Café hinter dem Tresen, um ihrem Onkel Miete zahlen zu können. Frank Lehmann hat das Putzen übernommen, aber als Chrissie mit ihrer aus Stuttgart angereisten Mutter, deren neuem Freund Martin Wiemer und H. R. bei Ikea einkauft, springt Lehmann für sie ein.

Chrissies Mutter heißt eigentlich Susi, zieht jedoch ihren zweiten Vornamen Kerstin vor. Sie ist 37 Jahre alt und unverheiratet. Die Stuttgarterin will für ihre nach Berlin gezogene Tochter ein Bett und einen Schrank bei Ikea besorgen.

Frank Lehmann stammt aus Bremen. Sein älterer Bruder Freddie Lehmann spielt zur Zeit Versuchskaninchen für ein Psychomedikament. Er hoffte, in die Kontrollgruppe zu kommen und nur ein Placebo schlucken zu müssen, aber als ihn sein Bruder besucht, glaubt er, doch eine Wirkung zu spüren. Über seinen Umzug nach Berlin ist er froh.

„Das ist nicht wie in Bremen“, fuhr Freddie fort, „in Bremen bist du entweder immer schon da und dann geht’s oder du brauchst ewig, damit die Leute dich akzeptieren. Hier ist das anders, hier kann jeder gleich mitmachen, kein Schwein denkt über dich nach und keiner nimmt dich ernst oder nicht ernst, ernst genommen zu werden spielt hier überhaupt keine Rolle. Hier sind alle irgendwie gleich unwichtig oder gleich unernst oder wie auch immer. […] Ist ja auch nicht schlimm. Das ist vielleicht menschlich kalt, aber man ist auch sehr frei dabei, man kann machen, was man will, da guckt keiner hin. Zieh dich nackt aus und keiner beschwert sich. Verreck auf der Straße und die steigen über dich drüber. Na ja, jedenfalls die ersten vier oder fünf Leute oder so, dann wird sich schon irgendwer erbarmen!“

Während Frank Lehmann Chrissie am Tresen ersetzt, nerven ihn die beiden österreichischen Künstler Kacki und Jürgen 3 von der ArschArt-Galerie mit Beschwerden über den grausigen deutschen Filterkaffee und der Behauptung, die Italiener hätten den Cappuccino von der Wiener Melange abgekupfert („Wer hat’s erfunden?“). Dass Lehmann für den Milchkaffee verdünnte Dosenmilch aufschäumt, halten sie für ebenso schlimm wie die Beobachtung, dass die Piefkes Sahne statt Milch in den Kaffee gießen.

Frank Lehrmann steht auch hinter dem Tresen, als Helga Kächele mit ihrer Schwangerschaftsgruppe im Café „Einfall“ bei Kaffee und Kuchen sitzt. Aus Rücksicht auf die Schwangeren herrscht vorübergehend Rauchverbot. Lehmann hat eigens einen Zettel neben die Tür gehängt, aber den beachtet niemand, und wenn er Gäste darauf hinweist, reagieren sie irritiert.

„Wie soll ich denn einen Kaffee trinken, wenn ich dazu nicht rauchen darf? Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn!“

H. R.

Während Kerstin und Wiemer einen Schrank für Chrissie aussuchen, macht H. R. Polaroid-Fotos von einer Musterwohnung und erklärt dann einem Ikea-Mitarbeiter, er wolle das alles eins zu eins kaufen. Der erstaunte Angestellte hilft ihm aufzulisten, welche Teile er in der Markt- bzw. SB-Halle selbst entnehmen kann und welche er am Abhol-Schalter bekommen wird.

H. R. will mit der Musterwohnung als Installation an der in Kürze stattfindenden Wall City Contemporary Arts 1980 teilnehmen. Erst einmal hilft ihm sein Nachbar Marko, die Ikea-Einrichtung in seinem Zimmer über dem Café „Einfall“ aufzustellen, während Kerstin nebenan die gekauften Teile für ihre Tochter zusammenschraubt. Ein paar Sachen waren bei Ikea nicht vorrätig, zum Beispiel das Wandbild „Lunebakken“, und für eine Schublade wurden die falschen Knöpfe eingepackt: „Hudi“ statt „Olebil“.

Wiemer, sein Manager, weist H. R. darauf hin, dass der Kurator Sigfrid („Sigi“) Scheuer keine Installation, sondern ein Bild von ihm bei der Kunstmesse Wall City ausstellen wolle. Wiemer, der Sigi noch aus der Zeit kennt, in der sie beide als Sozialarbeiter die Fixerstube „Drückeberger“ managten, zeigt H. R. eine Serviette mit Sigis schriftlicher Zusage:

„Platz für ein gemaltes Bild, höchstens 3 x 4 m, auf der Wall City Berlin 1980 zugesichert. Sigfrid Scheuer“

„Aber Sigi will, dass du mit einem Bild kommst. Irgendwas, das man an die Wand hängen kann.“
„Ich mach keine Ölbilder!“
„Red nicht, H. R.! Die wollen Bilder. Das ist eine Bilderausstellung, jedenfalls überwiegend.“
„Wiemer! Du weißt doch ganz genau, dass ich kein Ölbildschmierant bin, wieso machst du dann mit denen solche Diner aus? Ich denke, du bist mein Manager […]. So kannst du nicht mein Manager sein. Ich meine, du weißt, was für Kunst ich mache, ich meine, Konzeptkunst, Wiemer, mal ehrlich […]“

„Jetzt lass dich nicht hängen! und mich auch nicht! Ich hab dich in die Wall City reingebracht! Nachnominiert! Sowas gibt es normalerweise gar nicht! Und alles, was du dafür machen musst, ist ein Bild malen, mein Gott, du wirst doch noch ein Bild malen können!“
„Ums Können geht’s hier doch gar nicht, Wiemer. Hier geht’s ums Prinzip!“ […]
„Dann überleg dir halt irgendein Konzept dazu. Ist doch scheißegal. Hauptsache, da fällt irgendwie ein Ölbild bei ab! Schreibst halt einen Beipackzettel dazu, das ist doch die Idee bei der ganzen Konzeptkunstscheiße!“

„Du willst den Ruhm, und du willst den ganzen Ruhm, egal ob du einen auf cool machst oder nicht, du willst eine große Nummer werden, und dafür brauchst du einen wie mich und am Ende auch sowas wie die Wall City und wenn du da nicht auftauchst, dann kann es sein, dass es das schon gewesen ist. Dann kannst du für den Rest deines Lebens Ikea-Scheiß zusammenschrauben und darüber jammert, dass dich keiner versteht, aber das nützt dir dann auch nichts mehr.“

„Aber das ergibt doch keinen Sinn“, sagte H. R. „Wieso sollte ich eine große Nummer werden wollen mit etwas, was ich gar nicht machen will?“
„Mein Gott, H. R.! Jetzt sei doch nicht so ein Idiot! Mal doch einfach ein Bild.“

„Glitterschnitter“

Für Wall City Noise bewirbt sich auch die Band „Glitterschnitter“ mit Ferdinand („Ferdi“) Bühler am Synthesizer, Raimund am Schlagzeug und Karl („Charlie“) Schmidt, der mit einer Hilti-Bohrmaschine und einem Betonklotz für den erforderlichen Lärm sorgt.

„Nun macht euch mal nicht billig, Leute, Glitterschnitter ist ja nicht irgendein Anfängerscheiß! Wir machen das ja nicht erst seit gestern! Wir haben einen Namen und einen Ruf zu verteidigen!“
„Wir machen das seit drei Wochen, Ferdi! Jedenfalls unter dem Namen Glitterschnitter! Seit drei Wochen!“, erinnerte ihn Raimund.
„Ja und? Kann ja sein, vielleicht machen wir das erst seit drei Wochen, aber wie schon Toulouse-Lautrec sagte: Wir haben unser ganzes Leben gebraucht, damit wir das erst seit drei Wochen machen können.“
„Das hat er gesagt?“
„So ähnlich.“

Ferdi und Raimund bringen der Frau, die über die Teilnahme an Wall City Noise entscheidet, ein Demoband. Sie ist unter dem Namen Leo bekannt; niemand weiß, ob sie Leonore oder Leopoldine heißt. Nachdem sie die Musikkassette in eine Schachtel geworfen hat, verabschiedet sie die beiden Überbringer, und es sieht nicht so aus, als sei sie an „Glitterschnitter“ interessiert.

Aber da meldet sich eine junge Musikerin bei Karl Schmidt, Ferdi und Raimund: Lisa Kremmen ist so eine Art Nichte von Leo Kremmen, die Schwester eines Exfreundes der Frau oder so ähnlich, und sie glaubt, „Glitterschnitter“ auf die Wall City Noise bringen zu können. Allerdings will sie das nur versuchen, wenn sie die Gruppe mit ihrem Saxophon verstärken darf. Nachdem ihr das zugesagt wurde, ruft sie Leo von einer Telefonzelle aus an und kommt dann mit der Nachricht zurück, ihre Tante wolle sich einen Auftritt von „Glitterschnitter“ anhören und danach eine Entscheidung treffen.

„Und wann üben wir?“, fragte Lisa.
Ferdi lachte. „Wer übt, ist feige!“

Weil Erwin Kächele nicht zulässt, dass „Glitterschnitter“ im Café „Einfall“ auftritt, weicht die Band auf die benachbarte Kneipe „Intimfrisur“ aus, einen ehemaligen Frisörsalon, in dem österreichische Künstler demnächst ein Wiener Kaffeehaus mit Torte und Melange, Schnitzel und Schrammeln einrichten wollen. „Olde Vienna“ soll es dann heißen. (Allerdings wird nichts daraus.)

Konzept-Kunst

Als H. R. von dem geplanten Konzert in der Kneipe „Intimfrisur“ hört, nimmt er sich vor, während des „Glitterschnitter“-Auftritts in einer Art Performance ein drei mal vier Meter großes Bühnenbild zu malen, das er dann Sigi für die Wall City anbieten kann.

Im Baumarkt besorgt H. R. eine schwarze Dachfolie und Dachlatten für den Rahmen des Bildes, dazu schnell trocknende Acryl-Farben. Damit fährt er zur alten Werkstatt seines Bruders im Keller der ArschArt-Galerie, aber dort merkt er, dass er das drei mal vier Meter große Ding nicht durch die Tür kriegen würde. Er wird es also in der „Intimfrisur“ aufbauen. Wenn er die bemalte Folie nach der Performance abnimmt und zusammenrollt, kann er sie Sigi bringen. Ob die Farbe bröckelt, weiß er allerdings nicht.

Im Hof der ArschArt-Galerie trifft H. R. auf eine Horde Punks, die im Hinterhaus wohnt, und als er erfährt, dass den Leuten der Strom abgestellt wurde, bietet er dem Anführer Martin an, die Rechnung des E-Werks zu bezahlen, wenn die Punks zum „Glitterschnitter“-Konzert in die Kneipe „Intimfrisur“ kommen, denn er will bei seiner Performance Publikum haben.

Der Konzertabend

Weil an dem Abend, an dem „Glitterschnitter“ in der benachbarten Kneipe „Intimfrisur“ Leo Kremmen vorspielen will, auch im Café „Einfall“ mehr Gäste erwartet werden, benötigt Erwin Kächele eine zweite Tresenkraft, und weil er kurz zuvor Klaus hinausgeworfen hat, überredet er Lehmann und Chrissie, die Aufgabe zu übernehmen. Für Lehmann sei der Aufstieg vom Putzen zum Tresen ein „Karriereschritt“, argumentiert er.

Kerstin spürt, dass ihre Tochter sie nicht bei sich haben möchte und beschließt, nur noch den inzwischen fertig montierten Ikea-Schrank festzudübeln und am nächsten Tag zurück nach Stuttgart zu fahren. Dass damit auch ihre neue Beziehung mit Martin Wiemer endet, nimmt sie in Kauf. Erst einmal benötigt sie jedoch eine Bohrmaschine, und die leiht sie sich nebenan in der Kneipe „Intimfrisur“ von Karl Schmidt, der sie eigentlich selbst für den Soundcheck bräuchte.

Zufällig belauscht Chrissie ihre Mutter und begreift, dass Kerstin sich unerwünscht vorkommt.

Chrissie lag im Etagenbett und hörte ihre Mutter weinen, sich schneuzen und vor sich hinmurmeln. Sie hätte gerne selber ein bisschen geweint und ihre Mutter in den Arm genommen oder umgekehrt, aber das ging natürlich nicht, irgendwann musste das aufhören, dass man immer weinte und sich trösten ließ! Chrissie wusste, wo sowas hinführte, Versöhnung, hab dich lieb und am Ende wohnte man wieder in Stuttgart, da hätte man dann erst recht Grund zum Weinen!

Kacki von der Galerie „ArschArt“ bewacht den Eingang zur Kneipe „Intimfrisur“, um von den Gästen 5 Mark Eintritt zu kassieren. Zunächst wartet er vergeblich und meint: „Das ist doch immer so, dass erstmal keiner kommt.“ Als die von H. R. eingeladenen Punks gegen 22 Uhr eintreffen, ist in der Kneipe „Intimfrisur“ der Soundcheck vorbei, aber die Gruppe „Dr. Votz“ von ArschArt, die vor „Glitterschnitter“ auftreten will, hat noch nicht angefangen, und Kacki will auch keine Punks dabei haben. Deshalb schickt H. R. diese erst einmal ins Café „Einfall“. Dort drängen sich die Gäste. Auch Leo Kremmen und Sigi Scheuer sind darunter, die eigens aus Charlottenburg gekommen sind, um „Glitterschnitter“ zu hören und H. R.s Performance zu sehen.

Kacki und P. Immel fangen dann mit „Dr. Votz“ an, obwohl die anderen Mitglieder der Gruppe noch in der Pizzeria „Los Amigos“ sind.

„Aber es ist doch niemand da!“, sagte Kacki.
„Mir doch scheißegal!“, sagte P. Immel, „wir machen das jetzt. Wenn in einem Wald ein Baum umfällt und keiner sieht es, ist er dann nicht trotzdem umgefallen?“

Bald finden Kacki und P. Immel das alles „fad“. Sie hören auf und verlassen die Kneipe.

Als sich herumspricht, dass der Auftritt von „Glitterschnitter“ und H. R. in der Kneipe „Intimfrisur“ endlich bevorsteht, leert sich das Café „Einfall“. Außer Chrissie und Lehmann bleiben nur die entlassene, jetzt als Gast Bier trinkende Tresenkraft Klaus und ein alter Mann zurück, der sich kürzlich als neuer Kontaktbereichsbeamter (KOB) vorstellte.

Der KOB bricht plötzlich zusammen. Während Lehmann versucht, ihn mit einer Herzdruckmassage und Mund-Nase-Beatmung wiederzubeleben, rennt Chrissie zur nahen Feuerwehrwache, um Hilfe zu holen. Der Pförtner meint zwar zunächst, sie müsse den Notruf wählen, aber Chrissie schreit, das Telefon im Café „Einfall“ sei kaputt und droht mit einer Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung, bis sich zwei Feuerwehrleute auf den Weg machen.

Von ihnen erfahren Lehmann und Chrissie, dass es sich bei dem bewusstlosen Mann um einen längst pensionierten Polizisten handelt, der die Einsamkeit und den Ruhestand nicht erträgt und sich deshalb als Kontaktbereichsbeamter ausgibt.

Währenddessen tönt aus der Kneipe „Intimfrisur“ die Musik von „Glitterschnitter“. H. R. malt das Bühnenbild zu Ende und schreibt auf die dargestellte weiße Serviette „Hauptsache Farbe“. Raimund beschwert sich über den Gestank der Farbe, aber H. R. weist ihn zurecht: „Jetzt spießer hier mal nicht so rum.“

Da taumelt Klaus betrunken aus der von Karl Schmidt mit der Bohrmaschine aufgewirbelten Staubwolke, schafft es gerade noch um Raimund und das Schlagzeug herum, nimmt jedoch wie ein Satellit beim Vorbeiflug an einem Planeten Fahrt auf und kracht in H. R. hinein. Beide stürzen gegen das Bild, reißen es um. Raimund wird von zerbrochenen Latten des Rahmens am Kopf getroffen und springt auf. Sobald die Trommeln schweigen, hören auch Lisa und Ferdi zu spielen auf und Karl Schmidt stellt die Bohrmaschine ab. Unter den Gästen bricht eine Schlägerei aus.

H. R. schaute sich den großen, mit Farbe beschmierten Haufen zerbrochener Dachlatten und zerknüllter Fachfolie an und war froh. Komisch, wie sich manchmal alles von selbst fügt, dachte er man denkt, man ist am Ende, aber dann wird alles gut, so auch hier!

Währenddessen warten Kacki und P. Immel im Bahnhof auf den Zug nach Passau. Von dort wollen sie weiter nach Österreich.

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Die meisten Figuren in „Glitterschnitter“ kennen wir bereits aus anderen Romanen von Sven Regener. Die nur wenige Tage dauernde Handlung spielt 1980 wie die von „Wiener Straße“, also neun Jahre vor „Herr Lehmann“. Sven Regener hat den hier gezeigten Mikrokosmos in der Wiener Straße in Berlin-Kreuzberg selbst erlebt, genau beobachtet und veranschaulicht ihn atmosphärisch dicht.

Es geschieht wenig in „Glitterschnitter“. Dafür wird um so mehr geredet. Und wie die Menschen reden und denken, wirkt authentisch. Dazu gehören auch die zahlreichen abwertenden Bezeichnungen für die jeweils anderen: Flitzpiepen, Paradeisafratzn, Fummler und Spechtler, Knalltüten, Fetzenschädel, Schwachmaten, Rotzpippn, Arschkrampen, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Zwischendurch ist Mitmenschlichkeit erkennbar. Die Dialoge werden durch innere Monologe ergänzt. Sven Regener tritt in „Glitterschnitter“ also nicht als Erzähler auf, sondern versetzt sich in die Personen und wechselt immer wieder, auch mitten in einer Szene, die Perspektive. Diese meisterhaft gestalteten Übergänge wirken wie Schnitt und Gegenschnitt im Kino.

Gegliedert hat Sven Regener seinen Roman „Glitterschnitter“ in fünf Kapitel: I. Das wird super!, II. Nichtraucher, III. Shakespeare, IV. Soundcheck, V. Glitterschnitter.

Beim Lesen von „Glitterschnitter“ fühlt man sich an den Existenzialismus erinnert: Auch wenn das Dasein absurd zu sein scheint und sich kein Sinn erkennen lässt, geben sich Lehmann, Chrissie, H. R. und die vielen anderen nicht auf, sondern suchen ihren Weg. Das wirkt tragikomisch.

Den ebenso unterhaltsamen wie hintergründigen Roman „Glitterschnitter“ von Sven Regener gibt es auch als Hörbuch, gelesen vom Autor.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2021
Textauszüge: ©  Verlag Kiepenheuer & Witsch

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Sven Regener: Wiener Straße

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