Sasha Marianna Salzmann : Im Menschen muss alles herrlich sein

Im Menschen muss alles herrlich sein
Im Menschen muss alles herrlich sein Originalausgabe Suhrkamp Verlag, Berlin 2021 ISBN 978-3-518-43010-1, 384 Seiten ISBN 978-3-518-76956-0 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Sasha Marianna Salzmann porträtiert in ihrem Roman "Im Menschen muss alles herrlich sein" vier Frauen aus zwei Generationen. Lena und Tatjana wuchsen in der Ukraine auf und erlebten dort nicht nur Korruption und Repression, sondern auch den Zusammenbruch der Sowjetunion. Wie sollen ihre in Deutschland geborenen Töchter Edi und Nina begreifen, was das mit den Müttern machte und was die Entwurzelung für sie bedeutet, zumal diese darüber schweigen?
mehr erfahren

Kritik

Vier verschiedene weibliche Perspektiven wählt Sasha Marianna Salzmann in ihrem Roman "Im Menschen muss alles herrlich sein". Welche davon entspricht der Wirklichkeit? Gibt es so etwas überhaupt? Ist nicht alles subjektiv, was die vier Romanfiguren – und wir alle – wahrnehmen? – Die Sprache ist ruhig und gelassen, einfühlsam, aber unsentimental. Sasha Marianna Salzmann veranschaulicht und inszeniert ohne zu erklären oder zu kommentieren.
mehr erfahren

Geburtstagsfeier

Natürlich wollte ich wissen, was passiert ist. Was überhaupt passiert ist, bevor Edi im Hof zusammengeschlagen wurde. Sie lag auf der Wiese, ihre Haare ganz bleich und schmutzig. Meine Mutter kniete neben ihr, Tante Lena brüllte die beiden zusammen. Alle drei gestikulierten, als vertrieben sie Geister. Als sie mich sahen, fingen sie an zu weinen, eine nach der anderen, wie eine Matroschka: aus den Tränen der einen wurden die Tränen der Nächsten und so weiter. Zuerst legte meine Mutter los, dann stimmten die anderen mit ein, ein Kanon an Jammerlauten, ich konnte das, was sie von sich gaben, überhaupt nicht auseinanderhalten.
Gut, warum meine Mutter nach der langen Funkstille feuchte Augen bekam, als sie mich da stehen sah, ist mir klar, aber die beiden anderen hatten wohl was miteinander auszufechten. Mutter und Tochter, die eine lag auf dem Boden, als wäre sie ein Schatten, den die andere warf. […] und einen Moment lang war ich mir nicht sicher, ob es tatsächlich Lena war, die ihr auf dem Boden zusammengekrümmtes Kind anblaffte: „Warum treibst du dich hier draußen herum, was machst du nur?“
Edi sah ramponiert, aber nicht betrunken aus, sie behauptete allerdings im vollen Ernst, im Hof zwischen den Plattenbauten eine Giraffe gesehen zu haben. […]
Edi war lange nicht hier gewesen, das merkte man an ihren Haaren, und an den Klamotten, an denen vor allem. […] Ich erkannte sie nur, weil ihre Mutter neben ihr stand und sie anbrüllte. Und weil es meine Mutter war, die versuchte, den Streit zu schlichten. Wieder und wieder ging ein Reigen an Beschuldigungen los […]

Mit dieser Szene beginnt Sasha Marianna Salzmann ihren Roman „Im Menschen muss alles herrlich sein“. Wer die drei Frauen und die Ich-Erzählerin sind und warum eine von ihnen zusammengeschlagen wurde, erfahren wir erst später.

Lena

Lena Romanowna wohnt mit ihren Eltern Roman Iljitsch und Rita, einem Lehrer und der Leiterin des örtlichen Chemiewerks, in der ukrainischen Stadt Gorlowka (Horliwka) und verbringt die Sommermonate bei ihrer Großmutter in Sotschi. Die Großmutter ernährt sich von dem, was in ihrem kleinen Garten wächst und verkauft ihre Haselnüsse auf dem Markt. Von einem Vater ihrer Mutter Rita hat Lena nie etwas gehört. Als sie in den Siebzigerjahren eingeschult wird, darf sie nicht mehr nach Sotschi, sondern die Großmutter quartiert sich bei der Familie in Gorlowka ein und kümmert sich um ihre Enkelin.

Sobald Lena alt genug ist, verbringt sie die Sommerferien im Pionierlager, und dort freundet sie sich mit Aljona und Wassili an.

Als sie einmal von dort zurückkommt, liegt ihre Mutter mit einem Kochlöffel zwischen den Zähnen auf dem Sofa. Rita hat heftige Schmerzen. Die Ärztin Oksana Tadejewna kann zwar keine Diagnose stellen, verschreibt jedoch teure Medikamente und erwartet dafür auch noch Bestechungsgeld.

Zu Silvester rief die Mutter Lena in die Küche und bat sie, Oksana Tadejewna ein Neujahrspräsent zu überreichen. Lena wurde schlagartig schwindelig, als sie den Umschlag mit den Scheinen sah. Sie kannte mittlerweile die Bedeutung des Wortes Bestechung, aber sie […] hatte noch nie so viel Geld auf einmal gesehen […].

Kurz nachdem Lenas 14. Geburtstag gefeiert wurde, kehrt die Großmutter nach Sotschi zurück.

Lena schließt die Schule mit Auszeichnung ab und bewirbt sich an der Medizinischen Universität in Donezk. Die Mutter erzählt ihr, dass sie ebenfalls vorgehabt habe, Medizin zu studieren.

„Ich bin damals nach Moskau gefahren, um die Aufnahmeprüfung zu machen, und natürlich durchgefallen, klarer Fall. Meine Mutter hatte kein Geld, um jemanden zu bestechen,und ich dachte wie du jetzt: Ich weiß doch eh alles, Schulabschluss mit Auszeichnung, genau wie du. Ich war genauso wie du. Ein Mädchen aus Sotschi fährt nach Moskau, in die Hauptstadt, und will eine große Wissenschaftlerin werden, wichtige medizinische Entdeckungen machen. Das wollte ich tatsächlich, glaube ich. Die Professoren müssen sich totgelacht haben über mich, als ich komplett ohne Bares zur Prüfung angetreten bin, einfach so. Aber ich habe es nicht bereut. Ich habe nicht bestanden, natürlich nicht, bin zurück, habe in Sotschi studiert, und schau mal, Leiterin des Chemiewerkes in Gorlowka, das ist doch auch nicht schlecht, oder? Ich bin zufrieden. Du kannst auch andere Sachen ausprobieren, will ich sagen. […]“

Lena fährt zur Aufnahmeprüfung nach Dnepropetrowsk, erhält jedoch ebenso wenig wie damals ihre Mutter einen Studienplatz. Das hat mit ihrer Leistung nichts zu tun. Erst nachdem sie ein Jahr lang als Sekretärin für den Chefarzt des Staatlichen Krankenhauses gearbeitet hat, den ihre Mutter Rita kennt, und er seine Beziehungen spielen lässt, besteht die 17-Jährige die Aufnahmeprüfung im zweiten Anlauf.

Sie ist im dritten Studienjahr, als ihre Mutter 1986 stirbt.

„Ich verklage diese Betrügerin von Ärztin!“, schrie sie noch am Perron, als ihr Vater sie vom Bahnhof abholte. „Sie hat sich an der Krankheit meiner Mutter bereichert! Wir müssen eine Obduktion beantragen.“
Der Vater schüttelte im Gehen wortlos den Kopf […].

Bevor Lena zu studieren begann, verlobte sie sich mit ihrem Jugendfreund Wassili, der kurz darauf in die Militärakademie in Leningrad aufgenommen wurde. Nach Ritas Tod erklärt Wassili, dass er in den nächsten Wochen heiraten wolle, um nicht als Lediger nach Bolschaja Lopatka, Wladiwostok oder sonst wohin versetzt zu werden.

„Ich heirate nicht in dem Jahr, in dem meine Mutter gestorben ist.“
„Das habe ich mir gedacht. Darum habe ich mir dort eine neue Braut gesucht. In Leningrad.“

Die Institutsleiterin Nadeshda Gennadjewna drängt Lena, die Facharztausbildung zu ändern und vermittelt ihr dann einen Wechsel zur Dermatologie.

„Ich schmeiße Sie nicht raus, aber es empfiehlt sich nicht, in die Neurologie zu gehen, wenn die eigene Mutter an einer Nervenkrankheit gestorben ist.“

Anfang der Neunzigerjahre arbeitet Lena bereits als Dermatologin in einer Klinik für Haut- und Geschlechtskrankheiten in Dnepropetrowsk, deren Chefarzt predigt:

„Im Menschen muss alles herrlich sein – das Gesicht, die Kleidung, die Seele und das, was er denkt. Begreifen Sie? Das Aussehen ist ein Spiegel Ihrer Gedanken!“

Er teilt Lena für die private Sprechstunde in der Klinik ein, weist ihr also die lukrativen Privatpatienten zu − und beansprucht selbstverständlich den Löwenanteil davon.

Lena war nicht klar gewesen, dass es in ihrem Land derart reiche Menschen gab.

Dass immer wieder dieselben Männer zu ihr in die Sprechstunde kamen, wunderte Lena wenig, sie wusste meistens schon beim Ausstellen des Rezeptes, dass diese Menschen ihre Art zu leben nicht ändern würden, selbst wenn ihnen Impotenz oder gar Erblindung drohte. […] Es verblüffte Lena, dass diese Männer immer mit derselben Ehefrau wiederkamen, die Lena so diskret wie möglich auf Krankheiten untersuchen sollte, die sich ihre Ehemänner bei anderen geholt hatten. Die Frauen fragten nicht, warum sie wieder und wieder zur Hautärztin gebracht wurden […].

Bei einem Patienten mit Lupus handelt es sich um einen Tschetschenen, der sich selbst als gottlosen Muslim bezeichnet: Edil Aslanowitsch Tsurgan. Nach anfänglicher Abwehr lässt sich die 24-jährige Ärztin auf eine Liaison mit ihm ein.

Als sie ihm mitteilt, dass sie schwanger sei, meint er:

„Dir ist klar, dass das nicht geht. […] Meine Mutter lässt mir jetzt schon keine ruhige Minute mehr, weil ich nicht endlich heirate.“

Während Edil nichts mehr von sich hören lässt, heiratet Lena einen knapp 40 Jahre alten jüdischen Ingenieur für Küchengeräte, den sie auf einer Party ihrer Freundin Inna kennenlernte und der nach der Eheschließung zu ihr zieht.

Lenas Tochter Edita („Edi“) ist noch kein Jahr alt, als sie an Pseudokrupp zu ersticken droht und die Mutter alles unternimmt, um sie am Leben zu halten.

Einige Zeit später beugt sich Lena endlich dem Willen ihres Ehemanns Daniel, der die Gelegenheit nutzen will, als jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland auszuwandern. Sie ziehen nach Berlin. Dort wächst Edi auf.

Tatjana

Als es bei einer geschlossenen Gesellschaft in dem Restaurant Jalita in Mariupol, in dem Tatjana kellnert, bald nach dem Tischgebet zu einem Streit und einer Schießerei kommt, flüchten Tatjana und ihre Kollegin in die Toilette und springen aus dem Fenster.

Mit einem verstauchten Knöchel kommt Tatjana nach Hause. Dort brüllen sich Vater, Mutter und Großmutter gegenseitig an. Es geht um die Absicht der Jüngeren, in die Stadt Kriwoi Rog (Krywyj Rih) in der südlichen Ukraine zu ziehen. Weil es in Mariupol kaum noch regelmäßige Einkommen gibt, fährt Tatjanas Vater bereits seit einiger Zeit mit dem Bus in die Türkei, um dort gefälschte Markenkleidung zu besorgen, die er dann in Polen verscherbelt. Die als Ingenieurin im Metallurgischen Kombinat, dem Wahrzeichen Mariupols, angestellte Mutter hat in letzter Zeit kein Gehalt mehr bekommen. Tatjanas Cousine Inna, die vor einigen Monaten ihre Tätigkeit als Ärztin im Städtischen Krankenhaus von Dnepropetrowsk aufgab und zu ihrer Tante nach Maripul kam, riet den Verwandten, die gerade abbezahlte angeblich viel zu große Eigentumswohnung in Mariupol zu verkaufen und mit dem Erlös als Startkapital einen Spirituosen-Kiosk in Kriwoi Rog zu übernehmen.

Als dort während Tatjanas Schicht eine Frau und zwei Männer auftauchen, die sich als Beamte der Steuerbehörde ausgeben und behaupten, der Kiosk sei illegal, werden sie von zwei zufällig hereinschauenden Deutschen vertrieben.

Einer der beiden umwirbt Tatjana. Er heißt Michael, wird aber in der Familie bald Mishka genannt. Er ist zehn Jahre älter als Tatjana und gilt als einer der neuen „Businessmen“.

Als Tatjana im siebten Monat schwanger ist, fährt er mit ihr im Auto nach Berlin, wo auch seine Eltern leben: 27 Stunden Fahrt auf Straßen mit Schlaglöchern so groß wie Baugruben.

In Berlin erfährt Tatjana, dass Michael einen zehnjährigen Sohn hat. Er sei geschieden, behauptet er, aber das stimmt wohl auch nicht, weil er untertaucht, während Tatjana auf der Entbindungsstation liegt.

In ihrer Verzweiflung ruft Tatjana eine kurz zuvor mit ihrem jüdischen Ehemann und der kleinen Tochter nach Jena ausgewanderte ukrainische Ärztin an, von der sie weiß, dass sie mit ihrer Cousine Inna in Dnepropetrowsk befreundet war. Sie habe in Berlin eine Tochter zur Welt gebracht und wisse nicht weiter, klagt Tatjana am Telefon, und Lena holt sie nach Jena.

Lena und Tatjana werden enge Freundinnen. Die Töchter wachsen zwar zusammen auf, aber Edi kann mit Nina nicht viel anfangen.

Mit Tatjanas Tochter war sie ab und zu ins selbe Kinderzimmer gesetzt worden, aber Nina war zu klein und irgendwann zu schräg gewesen.

Edi

Edita („Edi“) bricht ihr Soziologie-Studium in Berlin ebenso ab wie zuvor bereits das Psychologie-Studium. Nach ihrem Volontariat hofft sie auf eine Festanstellung bei der Zeitungsredaktion. Sie würde gern nach Florida reisen und darüber berichten, aber man erwartet von ihr eine Reportage über „ihre Leute“ in den neuen Bundesländern: „Kontingentflüchtlinge, Nachzügler, Frühaussiedler, Spätaussiedler, Totalaussiedler, Wolgadeutsche, Russlanddeutsche, Juden“.

Bevor Edi zur Feier des 50. Geburtstags ihrer Mutter Lena widerwillig nach Jena fährt, hat sie noch einen One-Night-Stand mit der muslimischen Sinologin Leeza („Dea“), die sich nicht darüber wundert, dass Edis Wohnungstür seit einem Einbruch nur noch angelehnt werden kann.

„Ich muss nächstes Wochenende zu meiner Mutter. Runder Geburtstag, volles Programm.“
„Passiert den Besten“, gab Leeza zurück.

Edi soll die vor einiger Zeit von Jena nach Berlin umgezogene Freundin ihrer Mutter im Auto mit zur Geburtstagsfeier nehmen. Erst jetzt erfährt sie durch eine SMS, dass Tatjana auf der neurologischen Station einer Klinik liegt. Wahrscheinlich handelt es sich um NMO (Devic-Syndrom), eine seltene entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems.

„Hör zu, Nina darf davon nichts mitkriegen. Meine Tochter hat schon genug Probleme. Darum darf auch niemand in Jena davon erfahren, ja?“

Für das Wochenende in Jena verlässt Tatjana die Klinik in Berlin auf eigene Verantwortung.

Während die beiden Frauen nach Jena fahren, erzählt Tatjana der Tochter ihrer Freundin ihre Geschichte, und Edi nutzt eine Gelegenheit, um ihr anzuvertrauen, dass sie lesbisch sei – was Tatjana ohnehin ahnte.

„Weißt du, warum Frauen die robusteren Tiere sind?“ Tatjana machte eine Pause, als erzähle sie einen Witz. „Weil sie es mit Männern aushalten müssen.“
[…] „Ich muss es mit Männern nicht aushalten. Mein Leben ist so viel besser, seit ich lesbisch bin.“
So, nun war es ausgesprochen. Das war es doch, was Tatjana hatte hören wollen.

Geburtstagsfeier

In Jena sieht Edi nicht nur ihre Eltern Lena und Daniel wieder, sondern auch ihren vor zwei Jahren aus Horliwka nach Deutschland geflohenen Großvater Roman Iljitsch.

Obwohl sie Tatjana Stillschweigen versprochen hat, berichtet Edi ihrer Mutter von der Besorgnis erregenden Krankheit der besten Freundin. Lena darf in Deutschland zwar nur als Krankenschwester arbeiten, aber in der Ukraine war sie Ärztin und kann deshalb einschätzen, was NMO bedeutet.

Für Lenas Geburtstagsfeier hat die jüdische Gemeinde ihre Räume in der zweiten Etage eines Hochhauses in Jena zur Verfügung gestellt. Geplant ist eine Art Familienzusammenführung, aber Tatjanas in Jena lebende Tochter Nina lässt ausrichten, dass sie nicht kommen werde. Sie will weder mit ihrer Mutter noch mit den anderen aus der Ukraine stammenden Leuten etwas zu tun haben.

Tatjana erzählte Edi während der Fahrt von Berlin nach Jena, dass Michael auf der langen Strecke von Kriwoi Rog nach Berlin eine Flasche Coca-Cola über dem heiß gelaufenen Motor ausgekippt habe. Die Frage, wie das danach im Auto gerochen habe, beschäftigt Edi auf der Geburtstagsfeier ihrer Mutter.

Sie stand unschlüssig zwischen den Tischen, spürte den Alkohol in ihrem Blut, griff nach einer Flasche Coca-Cola, fasste sie am Hals und ging langsam durch den Saal, die Blicke der Gäste platzten wie Farbbälle auf ihrem Körper. Sie […] stieß eine Tür auf, dann die nächste, dann noch eine, Tür nach Tür nach Tür nach Tür, lief ins Treppenhaus, dann die Stufen hinunter, in den Hof, an die kühle Luft.

Draußen lungert eine Gruppe Jugendlicher um eine aus Zeitungspapier improvisierte Feuerstelle herum. Die Jugendlichen pöbeln Edi an, schubsen sie und fordern sie auf, zu verschwinden, aber sie ignoriert die Aggression, öffnet den Verschluss der Flasche und kippt die Cola ins zischende Feuer.

Gleich darauf liegt sie zusammengeschlagen auf der Wiese. Die Geburtstagsgäste ihrer Mutter gaffen aus den Fenstern.

Nina kommt hinzu, erblickt Edi, Lena und ihrer Mutter Tatjana.

Es schien mir richtig, ihnen anzubieten, sich an meinem Küchentisch auszuruhen.[…]
Zu Hause stürzte Tante Lena gleich zum Spülbecken, hielt einen Lappen unters kalte Wasser und legte ihn Edi auf die Stirn. Ich drückte den Knopf des Wasserkochers und ignorierte die Blicke meiner Mutter, die Art und Weise, wie sie mein Sofa mit geweiteten Augen musterte, in jeder Ritze hängenblieb, als versuche sie, sich alles einzuprägen. Sie war zum ersten Mal hier, sie sah sogar die offenen Chipstüten auf dem Boden liebevoll an. Ich ignorierte die Stimme in meinem Kopf, die zischte, die Wohnung sei dreckig, klein und dunkel. […] Es roch nach der Barbecue-Soße der Chicken Wings, die neben meiner Tastatur lagen, die Vorhänge waren zugezogen, der Computer lief, auf dem Bildschirm knallten sich Völker ab, das Rauschen des Lüfters füllte mir die Lunge.

Nina

Nina hat das Asperger-Syndrom.

Mein Leben lang hat man mir zu beweisen versucht, dass ich in nichts gut bin außer vielleicht in Physik. […]
Kurz hat es gutgetan, als die Ärzte mir diagnostizierten, dass ich im Hirn anders verkabelt bin. Zuerst. Und dann wurde zwischen meiner Mutter und mir alles wie immer […]

Tatjana war immer wieder enttäuscht von ihrer Tochter, nicht zuletzt, als Nina ihre Termine beim Arbeitsamt verstreichen ließ und weder Bewerbungen schrieb noch Betreuungsanträge stellte.

„Sie wollte, dass ich mich nicht so anstelle, einen Job finde, einen Mann heirate, Kinder bekomme, keine Ahnung, was sonst noch alles.“

Edi kommt am Tag nach der missglückten Geburtstagsparty zu Nina und weist sie darauf hin, dass Tatjana wahrscheinlich an NMO erkrankt sei.

nach oben (zur Kritik bzw. Inhaltsangabe)

Sasha Marianna Salzmann porträtiert in ihrem Roman „Im Menschen muss alles herrlich sein“ vier Frauen aus zwei Generationen. Lena und Tatjana wuchsen in der Ukraine auf und erlebten dort nicht nur Korruption und Repression, sondern auch den Zusammenbruch der Sowjetunion. Wie sollen ihre in Deutschland geborenen Töchter Edi und Nina begreifen, was das mit den Müttern machte und was die Entwurzelung für sie bedeutet, zumal diese darüber schweigen? Zwischen den Generationen klaffen Abgründe.

Vier verschiedene Perspektiven. Welche davon entspricht der Wirklichkeit? Gibt es so etwas überhaupt? Ist nicht alles subjektiv, was die vier Romanfiguren – und wir alle – wahrnehmen? So wie die Giraffe, die Edi erstmals am Körper ihrer Geliebten und später auch am Fenster sieht.

Ausführlicher als Tatjana und die beiden Töchter zeichnet Sasha Marianna Salzmann den Lebensweg Lenas chronologisch nach und wählt dafür die dritte Person Singular. Es folgen zwei kurze Kapitel aus der Sicht zunächst Ninas, dann Edis, bevor Tatjana Gelegenheit erhält, ihre Geschichte während der Autofahrt von Berlin nach Jena zu erzählen. „Im Menschen muss alles herrlich sein“ beginnt und endet mit dem Zusammentreffen der vier Frauen bei bzw. nach der Feier zu Lenas 50. Geburtstag in Jena, und dabei kommt Nina als Ich-Erzählerin zu Wort (was anfangs nicht erkennbar ist).

Die Männer in „Im Menschen muss alles herrlich sein“ bleiben bewusst schemenhaft.

Sasha Marianna Salzmanns Sprache ist ruhig und gelassen, einfühlsam, aber unsentimental. Sie veranschaulicht und inszeniert ohne zu erklären oder zu kommentieren. „Der Klang eines Satzes ist wichtiger als der Inhalt eines Satzes“, sagt sie in einem Interview mit Juliane Liebert von der „Zeit“.

Als Titel wählte Sasha Marianna Salzmann ein abgewandeltes Zitat aus dem Drama „Onkel Wanja“ von Anton Tschechow.

„Im Menschen muss alles herrlich sein“ kam auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis, nicht jedoch auf die Shortlist wie Sasha Marianna Salzmanns 2017 veröffentlichter Debütroman „Außer sich“.

Den Roman „Im Menschen muss alles herrlich sein“ von Sasha Marianna Salzmann gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Nina Petri und Marina Frenk.

Sasha Marianna Salzmann wurde am 21. August 1985 in Wolgograd geboren und wuchs in Moskau auf, bis die jüdische Familie 1995 nach Deutschland auswanderte. An der Universität Hildesheim studierte Sasha Marianna Salzmann Literatur, Theater und Medien, an der Universität der Künste in Berlin Szenisches Schreiben. Bereits während des Studiums gründete sie mit anderen das Kultur- und Gesellschaftsmagazin „freitext“, inszenierte mit Wera Mahne gemeinsam Theaterstücke und engagierte sich in Projekten für Gehörlose, Schwerhörende und Hörende.

2012 wurde Sasha Marianna Salzmann für ihr Stück „Muttermale Fenster Blau“ mit dem Kleist-Förderpreis für junge Dramatiker ausgezeichnet, und „Muttersprache Mameloschn“, ihre Abschlussarbeit an der Universität der Künste, erhielt 2013 den Mühlheimer Publikumspreis. Nach dem Studium gründete Sasha Marianna Salzmann mit Maxi Obexer gemeinsam das Neue Institut für Dramatisches Schreiben in Berlin. Noch im selben Jahr engagierte das Maxim-Gorki-Theater Berlin sie als Hausautorin, und von 2013 bis 2015 leitete sie auch die Studiobühne.

Sasha Marianna Salzmann sagt selbst im Interview mit Juliane Liebert von der „Zeit“, sie habe verstanden, dass sie weder Mann noch Frau sein müsse.

„Für mich funktioniert das nur, wenn alles für mich in Schwebe bleibt. Wenn ich gefragt werde, bist du nonbinär?, würde ich sagen: Ja, aber damit weißt du immer noch nichts über mich.“

nach oben (zur Kritik bzw. Inhaltsangabe)

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2021
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

Alois Prinz - Lieber wütend als traurig
Alois Prinz setzt keine Vorkenntnisse voraus, sondern informiert auch über die relevanten politischen bzw. zeitgeschichtlichen Hintergründe. Dabei referiert er nicht, sondern konkretisiert und veranschaulicht. Obwohl sich das Verlagsprogramm an Jugendliche richtet, ist das Buch auch für Erwachsene empfehlenswert.
Lieber wütend als traurig