Norbert Scheuer : Winterbienen

Winterbienen
Winterbienen Originalausgabe Verlag C. H. Beck, München 2019 ISBN 978-3-406-73963-7, 319 Seiten ISBN 978-3-406-73964-4 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Autor der Tagebuch-Eintragungen von Januar 1944 bis Mai 1945 ist der wegen Epilepsie aus dem Schuldienst entlassene Lehrer Egidius Arimond, der in der Eifel die traditionsreiche Bienenzucht der Familie weiterführt, während sich sein Bruder als Kampfflieger auszeichnet. Um Geld für die dringend benötigten Medikamente zu bekommen, hilft der Imker verfolgten Juden bei der Flucht ...
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Kritik

"Winterbienen" ist eine leise, ruhige Mischung aus Natur- und Gesellschaftsroman. Norbert Scheuer verknüpft Themen wie NS-Regime, Krankheit und Euthanasie, Krieg, Verfolgung und Flucht, Sexualität und Mitmenschlichkeit. Und der ausführlich beschriebene Bienenstaat spiegelt den der Menschen.
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Die Vorgeschichte

Egidius Arimond leidet unter Epilepsie. Seine Mutter hatte ihn vor einer Lobotomie bewahrt und ihn stattdessen mit Eiswasser im Morgengrauen therapiert. Weil es sich bei seinem Bruder Alfons um einen hochdekorierten Kampfpiloten handelt, fiel er nicht der Euthanasie des NS-Regimes zum Opfer, sondern kam mit einer zwangsweisen Sterilisation davon.

Einige Jahre lebte Egidius Arimond in Ägypten. Ein deutscher Geschäftsmann in al-Minya im oberen Niltal hatte ihn als Hauslehrer engagiert.

Die Eltern sind inzwischen tot, und Egidius Arimond führt die Imkerei seines Vaters in Kall in der Eifel fort. Dafür hat er ausreichend Zeit, seit das nationalsozialistische Regime dafür sorgte, dass er seine Berufstätigkeit als Latein- und Geschichtslehrer wegen seiner Erbkrankheit nicht mehr ausüben darf. Seine Familie führt die Tradition der Bienenzucht bis zu dem berühmten Vorfahren Ambrosius Egidius zurück, der 1541 im damals biblischen Alter von 87 Jahren gestorben war.

Im Winter 1943/44, am 3. Januar 1944, beginnt Egidius Arimond mit Tagebuch-Eintragungen.

Fluchthelfer

In einer Grotte des längst aufgelassenen Bleibergwerks unterhalb des Elefantenkopfes, deren Zugang er und sein Bruder Alfons als Kinder entdeckten, versteckt Egidius Arimond immer wieder jüdische Flüchtlinge, bis er sie zur belgischen Grenze bringen kann. Die Anweisungen bekommt er durch Kassiber, die in Büchern der öffentlichen Bibliothek in Kall versteckt sind, wo er über seinen Vorfahren Ambrosius Egidius nachforscht. Von wem die Zettel stammen, weiß er ebenso wenig wie er jemals einen der Schleuser gesehen hat, von denen die Flüchtlinge jenseits der Grenze in Empfang genommen werden. Während des Transports mit dem Pferdefuhrwerk versteckt Egidius Arimond die Verfolgten in Attrappen von Bienenkästen zwischen den echten. Als zusätzlichen Schutz heftet er ihnen Lockenwickler mit eingesperrten Königinnen an. Deshalb würde der Bienenschwarm die Flüchtlinge im Fall einer Durchsuchung einhüllen.

Egidius Arimond hilft den Juden nicht nur aus Mitleid, sondern vor allem, weil er das Geld benötigt, das er von ihnen als Bezahlung erhält, um Antiepileptika kaufen zu können. Der Apotheker verlangt ohnehin jedes Mal einen höheren Preis für das von Egidius Arimond dringend benötigte Antikonvulsivum Luminal.

Jedes Mal, wenn ich zu ihm in den Laden komme, behauptet er dreist, die Preise für die Medikamente seien wieder gestiegen, aber davon ganz abgesehen, dürfe er mir gar keine Medizin geben, was ja auch stimmt; für meinesgleichen gibt es kein Recht auf Hilfe, ich muss selbst schauen, wie ich hier überleben kann. Der Pharmazeut hat, wie er scheinheilig beteuert, große Schwierigkeiten, die teuren Antikonvulsiva zu besorgen, die Stoffe Phenobarbital und Phenytoin werden, so sagt er, nur noch in kleinen Mengen produziert, da es im Reich ja nun kaum noch jemanden mit meiner Krankheit gibt.

Liebschaften

Egidius Arimonds Cousine Sanny betreibt eine Gaststätte in Kall. Ihr Ehemann ist seit drei Jahren im Krieg. Als Einzige kennt sie das lebensgefährliche Geheimnis ihres Cousins. Sie weiß auch über seine Frauengeschichten Bescheid, zumal sie ihm für seine Nächte mit ihrer Kellnerin Maria ein Zimmer zur Verfügung stellt. Maria, die Tochter eines Tagelöhners, hatte mit 17 einen derben Arbeiter geheiratet und war mit ihm nach Kall gezogen, wo sie drei Kinder gebar. Ihr Mann ist jetzt ebenfalls im Krieg.

Marias Sohn Franz hilft Egidius Arimond mit großem Interesse bei der Arbeit mit den Bienen.

Als Egidius sich in Charlotte verliebt, die als neue Bibliothekarin Ordnung in die Regale bringt, rät Sanny ihrem Cousin, sich von ihr fernzuhalten, denn es handelt sich um die Ehefrau des NSDAP-Kreisleiters. Bald entdeckt Charlotte die verbotenen Bücher beispielsweise von Alfred Döblin, Maxim Gorki, Sigmund Freud und Rosa Luxemburg, die Egidius zwischen den Bibliotheksbüchern versteckt hat. Sie entrüstet sich über ihre Vorgängerin Elisabeth, die offenbar achtlos über die nicht signierten Buchrücken hinwegsah.

Die erste Inspektion bei seinen Bienenstöcken im belgischen Grenzgebiet nach dem Winter 1943/44 nutzt Egidius Arimond zu einer Liebesnacht mit seiner früheren Schulfreundin Anna, deren Ehemann wie die meisten anderen im Krieg ist.

Am 10. April 1944 findet Egidius Arimond endlich wieder einen Kassiber, der Flüchtlinge ankündigt. Es sind eine schätzungsweise 40 Jahre alte Frau und deren Nichte. Bis er sie am 9. Mai zur belgischen Grenze bringen kann, versorgt er sie so gut es geht im bewährten Versteck im ehemaligen Bleibergwerk.

Am 20. Juni übernimmt er zwei neun bzw. zwölf Jahre alten Jungen. Es sind Brüder, deren Eltern angeblich in Amerika auf sie warten. Am 1. Juli bringt er die beiden zur Grenze.

Am 10. Juli schaut er nach den Bienenstöcken am nahen See. Unerwartet taucht Charlotte auf. Sie war schwimmen. Er hat sie längere Zeit nicht gesehen, denn: sie war in Berlin und Dresden. Bei der Rückfahrt sei der Zug immer wieder aus der Luft angegriffen worden, berichtet sie. Als sie von Bienen gestochen wird, zieht der Imker die Stacheln heraus, saugt das Gift ab, küsst sie auf die Haut und dann auf den Mund. Und als der Kreisleiter der NSDAP bald darauf bei einer mehrtägigen Veranstaltung ist, schläft Egidius mit Charlotte in der Villa.

Während er mit ihr im Boot auf den See hinausrudert, greifen Tiefflieger an. Egidius und Charlotte springen über Bord, tauchen und verstecken sich unter dem Steg. Von dort beobachten sie, wie das Boot versenkt wird.

Neue Gefahren

Am 12. Juli 1944 bringt Egidius eine schätzungsweise 19-jährige Jüdin mit ihrem fünf Monate alten Baby ins Versteck. Zwölf Tage muss Esther ausharren, bis Egidius sie zur Grenze fährt. Nachdem er die Nacht mit Anna in einer Scheune verbracht hat, findet er Esther mit Blessuren vor. Das Kind in ihren Armen ist tot. Weil niemand kam, um sie an der Grenze abzuholen, ging sie allein los, wurde jedoch von der Gendarmerie in Belgien aufgegriffen und an die Deutschen übergeben. Ohne lange nachzudenken, bringt Egidius die Verfolgte zu seinen Verwandten Emma und Louis nach Malmedy.

Esther läuft jedoch nach fünf Tagen fort, mit dem Baby, dessen Tod sie nicht wahrhaben wollte. Nun sorgen sich nicht nur Emma und Louis, sondern auch Egidius, dass Esther sie unter Folter verraten könnte.

In der Bibliothek erleidet Egidius am 1. August einen schlimmen Anfall. Als er zu sich kommt, beugt Charlotte sich über ihn. Sie kann sich denken, an was er leidet – und meidet ihn fortan.

Maria ist ebenfalls unerreichbar für ihn, denn deren Mann ist nach wochenlangem Lazarett-Aufenthalt in Heimaturlaub gekommen.

Beim nächsten Flüchtling handelt es sich um einen alten und dicken ehemaligen Professor. Bevor die Nationalsozialisten an die Macht kamen, hatte er an der Universität in Leipzig Literatur gelehrt. Weil er seine Brille in der Grotte versehentlich zertritt, kann er kaum etwas sehen, als Egidius ihn am 5. September mit dem Fuhrwerk zur Grenze bringt. Erst bei der Ankunft merkt der Fluchthelfer, dass der Mann unterwegs gestorben ist. Weil er kein Werkzeug hat, um die Leiche zu begraben, kippt er sie vom Karren in einen Abgrund.

Diesmal lässt Anna sich nicht sehen. Später erfährt Egidius, dass ihr Ehemann schwer verletzt nach Hause gekommen ist.

In der Nähe der geheimen Grotte stößt Egidius am 14. September auf einen schwer verletzten amerikanischen Flieger. Damit das Versteck nicht entdeckt wird, zerrt er ihn hinein. Als Steward zu sich kommt, erklärt er, vor zwei Wochen abgeschossen worden zu sein. Nach zwei Wochen verschwindet er mit dem Hund des Imkers.

Am 10. Oktober hört Egidius das Gerücht, ein amerikanischer Flieger mit einem Hund sei von einem Bauern versteckt worden. Den habe man allerdings denunziert. Der Soldat tötete mehrere Feldjäger, aber er entkam. Die Bauernfamilie und die auf dem Hof eingesetzten Zwangsarbeiter wurden alle standrechtlich erschossen.

Der Apotheker

Nach mehreren Epilepsie-Anfällen sucht Egidius erneut die Apotheke auf. Die Frau des Apothekers steckt ihm heimlich eine kleine Packung Luminal zu. Ihr Mann darf davon nichts mitbekommen. Beim nächsten Versuch am 18. Oktober nimmt der Apotheker zwar sein Geld, gibt ihm aber nichts und meint hämisch, Egidius könne ihn ja anzeigen.

Ein paar Tage später muss Sanny die Gaststätte schließen, denn dort wird ein Lazarett eingerichtet.

Die Bibliothekarin Elisabeth wird von der Gestapo abgeholt. Gerüchten zufolge hat Charlottes Ehemann das veranlasst.

Am 1. November bringt die Gestapo auch Egidius nach Köln und foltert ihn dort, aber nach einiger Zeit lässt man ihn ohne weitere Erklärungen frei.

Maria erhält am 28. November die Nachricht, dass ihr Mann gefallen sei. Weil ihr Haus bei einem Luftangriff zerstört wurde, zieht sie am 3. Dezember mit den beiden Kindern zu Egidius. Viel Platz haben sie nicht, denn dort hat sich Militär einquartiert. Zum Spaß zerschießen die Soldaten das Bienenhaus im Garten.

Eine der überall im Haus herumliegenden Pistolen nimmt Egidius unbemerkt an sich, nachdem er am 7. Dezember die letzte Luminal geschluckt hat.

Der Apotheker wirft ihn hinaus. Am 6. Januar geht Egidius noch einmal hin.

Schluss

Als er Monate später zu sich kommt, kann er sich nicht erinnern, was in der Apotheke geschah. Maria berichtet es ihm. Es war Fliegeralarm, und er hielt den Apotheker mit vorgehaltener Waffe davon ab, sich im Bunker in Sicherheit zu bringen. Bei dem Luftangriff wurde die Apotheke zerstört. Der Apotheker, seine Frau und der Sohn sind tot. Egidius wurde aus den Trümmern gezogen. Die Pistole warf Maria unbemerkt in den See. Als die Amerikaner den Ort einnahmen, gab sie ihnen den von Stewart hinterlassenen, an seine Eltern adressierten Brief, den Egidius aufgehoben hatte. Sie zeigte den Soldaten auch die Grotte, in der die Flüchtlinge vorübergehend versteckt worden waren. Daraufhin bekam sie die dringend benötigte Medizin für Egidius.

Im Mai 1945 besucht er erstmals wieder die Gaststätte seiner Cousine. Dort hört er, dass viele Bauern sich beim Versuch, Blindgänger zu entfernen in die Luft sprengten. Andere gerieten beim Pflügen auf Minen und wurden zerfetzt.

Die Tagebuch-Aufzeichnungen enden am 19. Mai 1945.

Es folgt ein kurzer Bericht über Egidius Arimond in der dritten Person. Nachdem er am 22. Mai 1945 die gewünschte Sondergenehmigung der US-Adminstration in Aachen für eine Inspektion seiner Bienenvölker an der belgischen Grenze erhalten hatte, fuhr er tags darauf hin. Er war guter Dinge und malte sich eine Eheschließung mit Maria und Adoption ihrer Kinder aus. Nach getaner Arbeit merkte er plötzlich, dass er in einem Minenfeld stand.

Ein gutes halbes Jahrhundert später steht der Buchautor mit seiner Frau Elvira in einer Bäckerei in Kall, als ihm ein Bekannter namens Franz Müller ein Bündel Hefte anvertraut: die Tagebuch-Aufzeichnungen von Egidius Arimond, dem Imker, der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in der Nähe der belgischen Grenze auf eine Tellermine trat. Dabei ist auch ein Dankesbrief von Esther Rubin aus Haifa an den Fluchthelfer.

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Der Text des Romans „Winterbienen“ von Norbert Scheuer besteht fast ausschließlich aus (fiktiven) Tagebuch-Eintragungen vom 3. Januar 1944 bis 19. Mai 1945, also den letzten Monaten des NS-Regimes und des Zweiten Weltkriegs in Deutschland. Autor ist der von den Nationalsozialisten wegen Epilepsie aus dem Schuldienst entlassene Lehrer Egidius Arimond, der in der Eifel die traditionsreiche Bienenzucht der Familie weiterführt, während sich sein Bruder als Kampfflieger auszeichnet. Die chronologische Darstellung ist in sechs Jahreszeiten von Winter 1944 bis Frühling 1945 unterteilt. Ergänzt wird sie durch einen Nachtrag einer unbekannten Person und eine kurze Erklärung des Buchautors in der Danksagung. Außerdem sind acht Fragmente einer Handschrift aus dem Jahr 1489 eingefügt, die Ambrosius Arimond betreffen, einen Vorfahren des Tagebuch-Schreibers. Der spätere Benediktinermönch aus dem Kloster Steinfeld, wirkte dabei mit, das mit Bienenwachs balsamierte Herz des 1464 in Todi gestorbenen und in Rom beigesetzten Kardinals Nikolaus von Kues (Cusanus) nach Kues zu bringen.

Norbert Scheuer verknüpft in „Winterbienen“ Themen wie NS-Regime, Krankheit und Euthanasie, Krieg, Verfolgung und Flucht, Sexualität und Mitmenschlichkeit. Detailliert und ausführlich berichtet der Tagebuch-Schreiber über die Imkerei. Dabei spiegelt der Bienen-Staat den der Menschen, etwa wenn im Frühjahr die nun unnützen Winterbienen aus dem Stock geworfen und von Vögeln gefressen werden. Das korrespondiert mit den Euthanasie-Gesetzen. Grausam ist auch, was mit den Drohnen geschieht:

Gegen Mittag verlässt die Königin den blauen Stock (No. 21); sie fliegt höher und höher, nur die stärksten Drohnen aus den umliegenden Völkern können ihr folgen. Nach der Befruchtung befreit sie sich von ihren Gatten, entreißt ihnen dabei Geschlecht und Gedärme; in der milden Frühlingsluft schweben die leeren Hüllen zu Boden. Wenn die Königin zum Stock zurückkehrt, hängen noch die Eingeweide der letzten Freier an ihrem Hinterleib.

Als Charlotte, die Ehefrau des NSDAP-Kreisleiters, einen epileptischen Anfall ihres Geliebten erlebt, stößt sie ihn ab wie eine unnütz gewordene Drohne. Eine Parallele gibt es auch zwischen dem Spundloch im Bienenstock und dem der Grotte, in der Egidius Arimond Flüchtlinge versteckt, bis er sie herausholen und zur Grenze bringen kann.

„Winterbienen“ ist also eine Mischung aus Natur- und Gesellschaftsroman. Der Stil wirkt leise und ruhig.

Die Romanfigur Sanny führte Norbert Scheuer übrigens bereits in seinem Roman „Überm Rauschen“ (2009) ein.

Sowohl mit „Überm Rauschen“ als auch mit „Winterbienen“ stand Norbert Scheuer auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2019
Textauszüge: © Verlag C. H. Beck

Norbert Scheuer: Überm Rauschen

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