John Irving : Bis ich dich finde

Bis ich dich finde

John Irving

Bis ich dich finde

Originalausgabe: Until I Find You Random House, New York 2005 Bis ich dich finde Übersetzung:Dirk van Gunsteren und Nikolaus Stingl Diogenes Verlag, Zürich 2006 ISBN 3-257-065221, 1142 Seiten, 24.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Jack Burns ist der Sohn einer Tätowiererin und eines Organisten, der die junge Frau angeblich während der Schwangerschaft in Halifax sitzen ließ. Alice wandert mit dem Kind nach Kanada aus. Als Jack vier Jahre alt ist, sagt sie ihm, sie wolle seinen Vater suchen und reist mit ihm fast ein Jahr lang durch Europa, bevor sie nach Toronto zurückkehren. Jack bringt es mit Transvestitenrollen zum gefeierten Hollywood-Star. Als seine Mutter tot ist, wiederholt er die Europareise ...
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Kritik

"Bis ich dich finde" ist ein autobiografischer Roman, aber John Irving hat die Geschichte mit skurrilen Typen, lüsternen und starken Frauen, sexuellen Absonderlichkeiten, wahnwitzigen Episoden und sarkastischen Pointen angereichert.
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Jack Burns wird 1965 in Halifax geboren. Seine sechsundzwanzigjährige Mutter Alice Stronach, die von ihrem Vater das Tätowieren gelernt hat, zieht mit dem Säugling nach Toronto und wird dort von der Witwe Mrs Wicksteed aufgenommen. Alice erzählt, dass sie Jacks Vater, einen Organisten aus Edinburgh, der eigentlich Callum Burns hieß, sich aber William Burns nannte und ein Jahr älter als sie war, in der Pfarrkirche von South-Leith kennen gelernt hatte, wo er die Orgel spielte und sie im Chor sang. Während der Schwangerschaft habe er sie sitzen lassen.

Im Herbst 1969, als Jack vier Jahre alt ist, behauptet seine Mutter, sie wolle nach seinem Vater suchen und reist mit ihm nach Europa. In Kopenhagen bricht Jack auf dem Eis des Burggrabens der Zitadelle Fredrikshavn ein und wird von einem kleinen Soldaten gerettet, bei dem sich seine Mutter anschließend mit einer Gratistätowierung bedankt. In Stockholm, der nächsten Reisestation, lernt Jack von einer Frau namens Agneta Nilsson Schlittschuhlaufen. Es heißt, William sei nach dem sexuellen Missbrauch von drei Chormädchen – Ulrika, Astrid und Vendela – aus Stockholm geflohen. In Oslo lässt sich die sechzehnjährige, angeblich von William schwangere Ingrid Moe von Alice an der linken Brust tätowieren, und Jack darf die schmerzende Stelle anschließend mit einem Mullverband abdecken. Die beiden Musikstudentinnen Hannele und Ritva, mit denen Jacks Vater es in Helsinki getrieben haben soll, lassen sich ebenfalls von Alice an den Brüsten tätowieren. Jack schaut zu, wie Hannele ihren Rollkragenpullover ablegt, aber mehr noch als ihre nackten Brüste beeindruckt ihn, dass ihre Achselhöhlen unrasiert sind. Obwohl es bereits dunkel ist, versucht Jack wach zu bleiben, bis Ritva an die Reihe kommt, denn er möchte auch deren Brüste sehen, aber die Müdigkeit übermannt ihn, bevor Ritva sich auszieht. Von Helsinki fahren Alice und Jack mit einem Frachter nach Rotterdam und dann mit dem Zug weiter nach Amsterdam. Hier soll William in der Oude Kerk die Orgel gestimmt und nachts für Prostituierte gespielt haben. Alice hält sich vorwiegend im Rotlichtviertel auf, und wenn sie unterwegs ist, passen die Prostituierten Els und Saskia auf Jack auf. Sobald Alice befürchtet, jemand könne im Beisein ihres Sohnes etwas Schlüpfriges sagen, verhindert sie es mit dem Hinweis: „Nicht wenn Jack dabei ist!“

Damals gingen nur Männer zu Prostituierten, und Jack fiel auf, dass es den Männern sehr unangenehm war, dabei gesehen zu werden. Wenn sie das Haus dann wieder verließen, schienen sie in einer Eile zu sein, die in krassem Gegensatz zu der Muße stand, mit der sie zuvor durch die Straßen und vielleicht mehrmals an der Tür oder dem Fenster einer ganz bestimmten Prostituierten vorbei geschlendert waren, bevor sie sich endlich für eine bestimmte Frau entschieden hatten.
Alice erklärte ihm, das liege daran, dass diese Männer im Grunde unglücklich und unentschlossen seien. Eine Prostituierte, sagte sie, sei eine Frau, die Männern Ratschläge gebe, wenn diese Schwierigkeiten hätten, Frauen im Allgemeinen oder eine Frau – möglicherweise ihre Frau – im Besonderen zu verstehen. Die Männer wirkten so schamerfüllt, weil sie wüssten, dass sie derartig wichtige und persönliche Gespräche eigentlich mit ihren Frauen oder Freundinnen führen sollten, doch dazu seien sie aus unerklärlichen Gründen nicht bereit oder nicht in der Lage […] sie konnten ihr Herz nur einer Fremden ausschütten, für Geld. (Seite 126)

Amsterdam ist die letzte Reisestation in Europa. Von dort kehrt Alice mit ihrem Sohn nach Kanada zurück. Jack wird 1970 in der fast ausschließlich von Mädchen besuchten Lehranstalt St. Hilda eingeschult. Mrs Wicksteeds jamaikanischer Chauffeur Peewee bringt ihn jeden Tag zur Schule und holt ihn von dort wieder ab. Seine Mutter schläft in der Regel noch, wenn er morgens aufbricht, und abends ist es umgekehrt: Da liegt er bereits im Bett, wenn sie nach Hause kommt.

Der Fünfjährige befreundet sich mit der sieben Jahre älteren Mitschülerin Emma Oastler, die ihn vor Übergriffen anderer Schülerinnen beschützt und sich beinahe jeden Tag seinen Penis zeigen lässt. Als sie sich zum ersten Mal küssen, verletzt er sich mit seiner Oberlippe an ihrer Zahnspange. Einmal zieht Emma ihr Höschen aus und er spürt mit seinem Penis unter ihrem Rock, dass sie Haare zwischen den Beinen hat. Darüber erschrickt er, denn damit hat er nicht gerechnet. Von Emma dazu angestiftet, hebt Jack während des Unterrichts den Pferdeschwanz von Lucinda Fleming, die vor ihm sitzt und küsst sie auf den Nacken. Durch den Schreck erleidet Lucinda einen epileptischen Anfall. Als Emma von Jack erfährt, dass sich ihre Mutter von Alice Stronach eine so genannte „Rose von Jericho“ tätowieren ließ, gibt sie keine Ruhe, bis Leslie im Beisein von Jack aus Jeans und Höschen schlüpft und den Kindern das Tattoo zeigt, bei dem es sich um eine Darstellung von zwischen Blütenblättern verborgenen Schamlippen handelt. Während Emma neugierig die Tätowierung betrachtet, starrt Jack das zu einem schmalen Streifen rasierte Schamhaar und die Vulva der Mutter seiner Freundin an.

Die Lehrerin Caroline Wurtz organisiert regelmäßig Theateraufführungen eigens von ihr adaptierter Stücke. Paradoxerweise spielt Jack ausgerechnet weibliche Rollen: Tess in „Tess von den d’Urbervilles“ von Thomas Hardy, die Titelrolle in „Anna Karenina“ von Tolstoi, einmal Elinor und dann auch Marianne in „Gefühl und Verstand“ von Jane Austen. In „Eine Braut auf Bestellung“ von Abigail Cooke soll Jack das Mädchen Jenny spielen, das um das Ausbleiben ihrer Menarche betet, weil es nicht mit Mr Halliday verheiratet werden möchte. Miss Bell, die Biologielehrerin, klärt den Jungen kurz über die Menstruation auf. Jack, der von Emma etwas über nächtliche Ergüsse gehört hat, befürchtet daraufhin, er könne dabei im Schlaf verbluten.

Nachdem Mrs Wicksteed an Krebs gestorben ist, zieht Alice mit Jack zu Leslie Oastler, die neun Jahre älter ist als sie. Bald darauf überrascht Jack die beiden Frauen nackt in einem Bett. Er liebt es, wenn Emma beim Einschlafen neben ihm liegt und seinen Penis in ihrer Hand hält.

Nach einer Theaterprobe, als Jack noch Mädchenkleider trägt, nehmen ihn Emma und drei weitere Schülerinnen – Ginny Jarvis, Penny und Bonnie Hamilton – verbotenerweise in den Internatswohntrakt mit. Im Zimmer der Hamilton-Schwestern muss er sich aufs Bett legen. Die Mädchen heben seinen Rock hoch, ziehen ihm die Unterhose aus und begutachten seinen Penis. Während Emma ihn auf den Mund küsst, ejakuliert Jack zum ersten Mal und spritzt Penny, die nicht rechtzeitig zurückweicht, zwischen die Augen.

Mrs Machado, eine Portugiesin Mitte vierzig, die doppelt so schwer wie Jack ist und als Hausmädchen bei Leslie Oastler arbeitet, wird seine Sparringspartnerin, als er im Alter von zehn Jahren zur Selbstverteidigung Ringen lernt. Eines Tages erschreckt er sie unabsichtlich von hinten. Blitzschnell dreht sie sich um, tritt zu und trifft ihn auf die Hoden. Jack geht zu Boden und krümmt sich vor Schmerzen. Während Mrs Machado aufgeregt beteuert, wie Leid ihr das tue, bringt sie den Jungen in sein Zimmer, legt ihn aufs Bett, zieht ihm die Hose aus und kühlt sein Skrotum mit einem Eisbeutel. Jack weiß nicht, wie ihm geschieht, aber nach einer Weile sitzt sie nackt auf ihm und klemmt ihn zwischen ihren Oberschenkeln ein. Ihre Hängebrüste, zwischen denen der Schweiß perlt, baumeln vor seinem Gesicht. „Keinä Angst, es tut nicht weh“, beruhigt sie ihn, aber er befürchtet, dass nicht nur sein Penis, sondern auch der Rest von ihm in ihr verschwinden könnte. Als sie aufhört, sich auf ihm hin und her zu bewegen, fragt Jack: „Was war das?“ Und sie erklärt ihm, sein Penis habe soeben Freudentränen geweint. Das müsse ein Geheimnis zwischen ihnen bleiben, schärft sie ihm ein.

Kurz darauf wechselt Jack zu einer Highschool in Redding, Maine. Später erfährt er, dass Mrs Machado verhaftet wurde, nachdem sie sich im Sir Winston Churchill Park an einem zehn Jahre alten Jungen vergriffen hatte. Auch der ältere ihrer beiden Söhne war von ihr missbraucht worden. Der jetzt Fünfzehnjährige und sein vier Jahre jüngerer Bruder leben mit ihrem inzwischen geschiedenen und wieder verheirateten Vater in einem anderen Viertel von Toronto.

Gleich nach der Ankunft im Internat in Redding wird Jack von einem älteren Schüler namens Tom Abbott in dem Zimmer, das er sich mit Noah Rosen teilt, provoziert. Als Jack in den Flur geht, nimmt Tom an, der Neue wolle um Hilfe rufen, aber Jack geht es nur darum, ein Publikum zu haben. Er stellt sich Tom zum Kampf und besiegt ihn.

Jack schläft mit Noahs vier Jahre älterer Schwester Leah Rosen, bis er eine Affäre mit Mrs Stackpole beginnt, die als Tellerwäscherin in der Schulküche arbeitet. Leah, die von Jack schwanger war und abtreiben ließ, verfällt aus Liebeskummer in Depressionen und muss sich psychiatrisch behandeln lassen. Wenn Mr Adkins, der Schulleiter, unterwegs ist, um Spenden zu sammeln, schläft Jack auch mit dessen Frau, die rund vierzig Jahre älter ist als er und es liebt, ihn mit ihren noch warmen Sachen anzuziehen.

Im letzten Schuljahr wird Jack von Michele Maher, die als Schönste der Schülerinnen gilt, für ein Wochenende in die Wohnung ihrer Eltern in der Park Avenue in New York eingeladen. Jack ist darauf gefasst, mit ihr zu knutschen, aber sie sind allein und Michele begehrt ihn offenbar.

[…] doch er wollte nicht mit ihr schlafen, obgleich er sich gar nicht an ihr satt sehen konnte. Er konnte nicht aufhören, sie zu küssen, sie zu berühren, sie in den Armen zu halten. Er sagte immer wieder ihren Namen […] Sie küsste mit Abstand besser als jede andere – und das, obwohl Emma Oastler eine echte Könnerin war […]
Warum sagte Jack ihr nicht einfach die Wahrheit? Dass er fürchtete, sich einen Tripper eingefangen zu haben, und zwar von einer ehebrecherischen Tellerwäscherin, die alt genug war, um seine Mutter zu sein! […] Warum sagte Jack ihr nicht, dass er sie liebte und dass er sie unbedingt vor allem Schlechten, das er in sich spürte oder vermutete, beschützen wollte? […]
Aber nein, Jack war ein solcher Dummkopf, dass er Michele vorschlug, anstatt miteinander zu schlafen, sollten sie gemeinsam masturbieren! „Das ist der sicherste Sex, den es gibt“, sagte Jack […] „Wir ziehen uns aus, aber ich berühre nur mich, und du berührst nur dich […] Wir sehen einander an, wir küssen uns – wir stellen es uns vor, wie Schauspieler.“
Die Tränen in Michele Mahers Augen hätten auf der großen Leinwand alle Herzen gebrochen […] „Ach, Jack“, sagte sie, „die ganze Zeit hab ich dich verteidigt. Wenn irgendwer gesagt hat: ‚Jack Burns ist ein verdrehter Typ‘, hab ich immer sagt: ‚Nein, das stimmt nicht.'“ (Seite 419f)

Nach dem Schulabschluss im Frühjahr 1983 fängt Jack an der University of New Hampshire zu studieren an.

In seiner Kommilitonin Claudia, mit der er während der letzten beiden Studienjahre zusammenlebt, findet er wieder eine Frau, die ihm wie Emma im Kino und beim Einschlafen den Penis hält, aber nach dem Universitätsabschluss gehen sie getrennte Wege.

Jack zieht im Herbst 1987 zu Emma nach Los Angeles. Sie ist inzwischen neunundzwanzig, hat ihr Studium in Montreal und New York abgeschlossen, lebt davon, unverlangt eingesandte Drehbücher für eine Filmgesellschaft zu prüfen und schreibt an ihrem ersten Roman. Obwohl sie häufig zusammen in einem Bett schlafen, sich küssen, Emma seinen Penis in die Hand nimmt und er ihre Brüste streichelt, kommt es zwischen ihnen nicht zum Koitus, denn Emma leidet aufgrund eines Traumas – sie war mit neun oder zehn von einem Freund ihrer Mutter missbraucht worden – unter Vaginismus. Nur wenn es sich um jugendliche Partner handelt, die sich ganz ihrer Initiative überlassen, wagt sie es, sich penetrieren zu lassen.

Beim Sommertheater in Toronto spielte Jack in „Der Glöckner von Notre-Dame“ von Victor Hugo die Zigeunerin Esmeralda, deren Rolle der schwule Regisseur Bruno Litkins als die eines schönen Transvestiten angelegt hatte. Durch die Empfehlung Brunos hofft Jack, in Hollywood Fuß fassen zu können. Als erstes gerät er an die Pornoproduzentin Mildred („Milly“) Ascheim, die jedoch seinen Penis für zu klein hält, um ihn bei „Muffy die Vampirhure III“ auftreten zu lassen. Millys seriöse Schwester Myra Ascheim vermittelt Jack 1989 eine Rolle in „Das letzte Mal“, ein Remake des Films „Das Messer im Wasser“, den Roman Polanski noch in Polen gedreht hatte. Regie führt „Wild Bill“ Vanfleck, der auch unter den Namen „Verrückter Holländer“ und „Remake Monster“ berüchtigt ist, weil er Klassiker des europäischen Kinos in grob entstellten Fassungen für das amerikanische Publikum inszeniert.

Jack hat ein paar Affären mit älteren Frauen, beispielsweise mit Samantha, der Erbin eines Fleischimperiums und mit Emmas englischer Verlegerin Corinna. Es erregt ihn besonders, wenn die Cellistin Mimi Lederer nackt spielt und das Instrument zwischen den geöffneten Schenkeln hält. 1997 schläft er gerade mit ihr, als das Telefon klingelt und er die Nachricht erhält, dass Emma tot ist. Die Neununddreißigjährige lag auf einem Minderjährigen, den sie beim Tanzen im „Coconut Teaszer“ kennen gelernt hatte und starb am Jervell-Lange-Niesel-Syndrom, einer Herzkrankheit.

Emma hat Jack die Tantiemen aus ihren beiden Romanen „Die Schundleserin“ und „Nett und normal“ hinterlassen und ihn als literarischen Nachlassverwalter bestimmt. Zu seinen Aufgaben gehört es, für eine adäquate Verfilmung des Bestsellers „Die Schundleserin“ zu sorgen und aus ihrem Entwurf ein fertiges Drehbuch zu machen.

Während er daran arbeitet, gibt Leslie Oastler ihm ein Kuvert, in dem er vier Fotos findet. Sie zeigen den nackten Oberkörper einer jungen Frau vom Nabel bis zur Schulter. Außen an der linken Brust fällt Jack ein Tattoo auf: Es handelt sich um ein gebrochenes Herz mit einem Spruchband, auf dem steht „Bis ich dich finde“. Leslie macht ihn auf die fünf Zentimeter lange Narbe an der anderen Brust aufmerksam. Plötzlich begreift Jack, dass es sich um die Brüste seiner Mutter handelt: Als Alice einunddreißig war, entdeckte Leslie einen Knoten in der Brust ihrer Geliebten. Die Narbe stammt von einer Lumpektomie. Jack ärgerte sich darüber, dass seine Mutter ihn in Redding kein einziges Mal besuchte, aber jetzt erfährt er, dass sie in dieser Zeit operiert wurde und sich einer Chemotherapie unterzog. Jetzt, zwanzig Jahre später, sind Metastasen des Brustkrebses im Gehirn diagnostiziert worden. Alice hat nur noch kurz zu leben.

Um seine Mutter gemeinsam mit Leslie pflegen zu können, zieht Jack wieder zu den beiden Frauen.

Alice verplappert sich und verrät Jack ungewollt, dass dessen Vater ihn unbedingt hatte sehen wollen. Hellhörig geworden, fragt Jack nach und beginnt, die früheren Lügen seiner Mutter zu durchschauen. William Burns hatte sie nicht einfach während der Schwangerschaft sitzen lassen, sondern sich längere Zeit darum bemüht, seinen Sohn sehen zu dürfen, war jedoch von Alice vor die Wahl gestellt worden, sie entweder zu heiraten oder auf jeden Kontakt mit seinem Sohn zu verzichten. Jack begreift, dass ihn seine Mutter während der Europareise als Köder benutzte. William bezahlte für Jacks Ausbildung und hörte damit erst auf, als sein Sohn bereits ein berühmter Hollywood-Schauspieler war.

Jack liegt mit seiner früheren Mitschülerin Bonnie Hamilton im Bett, die Immobilienmaklerin geworden war, obwohl sie auf einen Rollstuhl angewiesen ist, als seine Mutter stirbt.

Im März 1998 verlässt Jack Toronto und fliegt nach Europa, um sich selbst nach seinem Vater zu erkundigen. Nach und nach findet er in Kopenhagen, Stockholm, Oslo, Helsinki und Amsterdam heraus, dass William Burns Alice 1969 über seine Verlobung mit Karin Ringhof unterrichtet hatte, und zwar in der Hoffnung, sie würde ihm daraufhin endlich erlauben, seinen Sohn kennen zu lernen. Stattdessen reiste Alice mit Jack an, um die geplante Eheschließung zu verhindern. Als Jack auf dem Eis des Burggrabens der Zitadelle Fredrikshavn in Kopenhagen eingebrochen war, zog ihn nicht ein kleiner Soldat aus dem Wasser, sondern Karins Bruder Niels, der zwölfjährige Sohn des Kommandanten Oberstleutnant Hans Henrik Ringhof. Und der Retter erhielt danach keine Gratistätowierung von Agnes, sondern sie verführte ihn, und Niels vernarrte sich so in sie, dass er sich aus Liebeskummer erschoss, als sie nach Stockholm weiterreiste. Dadurch platzte auch die Verlobung von Karin und William. Karin hat nie geheiratet; sie unterrichtet jetzt Musik in einer Außenstelle des Königlich Dänischen Konservatoriums in Odense.

Agneta Nilsson, die dem damals vierjährigen Jack das Schlittschuhlaufen beibrachte, unterrichtete Kirchenmusik an der Königlichen Musikhochschule in Stockholm. William, einer ihrer Studenten, fand nach dem Tod von Niels und der Auflösung der Verlobung mit Karin Trost in ihren Armen. Die Chormädchen Ulrika, Astrid und Vendela, mit denen William geschlafen haben soll, waren eine pure Erfindung von Alice.

In Oslo verführte Alice den Musikschüler Andreas Breivik und erzählte es seiner Verlobten Ingrid Moe, um das Glück der beiden zu zerstören. Jack besucht Ingrid, die jetzt Amundsen heißt und als Klavierlehrerin Privatunterricht erteilt. Darauf hoffend, dass der Geist von Alice zusehen muss, schläft Ingrid mit Jack.

Er erinnert sich noch, wie er als Vierjähriger während eines Essens mit seiner Mutter im Hotel Bristol in Oslo zu einem Nebentisch ging, an dem ein Paar saß und die junge Dame fragte, ob sie sich nicht von seiner Mutter eine Tätowierung machen lassen wolle. Aber erst jetzt erfährt er, dass es sich bei der Dame um Ingrids Schwester und bei ihrem Begleiter um seinen Vater handelte.

Dass William mit Ritva und Hannele geschlafen hatte, war ebenfalls eine Lüge. Die beiden waren ein lesbisches Paar, das Alice durch die Verführung sowohl Ritvas als auch Hanneles beinahe auseinander gebracht hätte. Auf der Suche nach den beiden Finninen gerät Jack an die Aerobic-Trainerin Marja-Liisa, die mit ihm im Hotelzimmer schläft, obwohl sie in der einunddreißigsten Woche schwanger ist. Sie erzählt ihm, ihr Mann sei tot und sie lebe mit ihrem vierjährigen Sohn allein in der Wohnung. Um ein zweites Kind zu bekommen, habe sie sich mit dem Sperma eines anonymen Spenders befruchten lassen. Am anderen Morgen, als Jack wieder allein ist, taucht ein Herr mit einem vierjährigen Sohn bei ihm auf, und er begreift, dass Marja-Liisa ihn belog.

In Amsterdam betätigte Alice sich als Prostituierte, weil sie glaubte, William würde alles tun, um Jack aus dem Rotlichtmilieu herauszubekommen. Aber statt sich von ihr zu einer Heirat erpressen zu lassen, ließ William sie durch die Rechtsanwältin Femke Poortvliet zu einem Deal zwingen: Er verpflichtete sich, Alice das Sorgerecht für Jack niemals streitig zu machen und sich von seinem Sohn fernzuhalten. Außerdem übernahm er die Kosten für Jacks Ausbildung. Aber er verlangte, dass Alice unverzüglich Amsterdam verließ und mit Jack nach Toronto zurückkehrte. Es blieb ihr auch gar nichts anderes übrig, wenn sie keine Schwierigkeiten wegen Prostitution und Verführung Minderjähriger bekommen wollte. Als das Schiff, auf dem Alice mit Jack nach Kanada zurückkehrte, in Rotterdam ablegte, stand William weinend am Kai.

Ohne weiter nach seinem Vater zu suchen, kehrt Jack nach Los Angeles zurück. In Santa Monica beginnt er eine Gesprächstherapie bei der sechsundfünfzigjährigen, verwitweten, aus Mexiko stammenden Psychiaterin Dr. Elena García.

„Wild Bill“ Vanfleck verfilmt den Roman „Die Schundleserin“. Für das Drehbuch erhält Jack im Frühjahr 2000 einen „Oscar“. Zur Preisverleihung lädt er Michele Maher ein, die inzwischen als Dermatologin am Mount Auburn Hospital in Cambridge, Massachusetts, arbeitet, aber sie lehnt dankend ab, weil sie ihre Liaison mit einem Internisten nicht gefährden möchte. Statt von Michele wird Jack von seiner früheren Lehrerin Caroline Wurtz begleitet. Nachdem Kevin Spacey ihm den „Oscar“ überreicht hat, bedankt er sich in seiner kurzen Ansprache unter anderem bei Michele Maher dafür, dass sie aufgeblieben ist und den Fernseher eingeschaltet hat. Er hofft, dadurch ihren Freund eifersüchtig zu machen und ihre Beziehung zu stören. Danach muss er sofort zur Toilette. Dort klemmt er sich den „Oscar“ unter den Arm und schlägt Arnold Schwarzeneggers Angebot aus, die Statue für ihn zu halten.

Im Frühjahr 2001 soll Jack zu Dreharbeiten für einen Film über die Explosionskatastrophe von Halifax im Jahr 1917 in seine Geburtsstadt fliegen. Am Tag zuvor trifft er im Wartezimmer von Dr. Elena García auf Lucy. Sie war vier Jahre alt, als er 1987 vorübergehend für den Parkservice eines Restaurants arbeitete und sie auf dem Rücksitz eines Wagens entdeckte. Er ließ nicht zu, dass das Kind im Auto blieb, sondern brachte es ins Restaurant und stellte damit den Rabenvater bloß. Die inzwischen Achtzehnjährige zwingt Jack, sie mitzunehmen:

„Bis Sie mich vom Rücksitz runterhaben, hab ich mir sämtliche Klamotten ausgezogen.“ (Seite 901)

Von seinem Schlafzimmer aus ruft sie ihre Mutter an:

„Hallo, Mom, ich bin’s. Ich bin bei Jack Burns, ich bin nackt, und ich liege in seinem Bett. Das ist doch das, was du immer wolltest, oder? Sorry, dass ich dir zuvorgekommen bin, aber eigentlich ist es auch egal. Ob du oder ich, der Gedanke macht Dad auf jeden Fall verrückt. Bis dann!“ (Seite 903f)

Jack weigert sich, Lucy anzufassen, aber sie hat ihre Kleidung versteckt und wälzt sich im Bett herum, bis es wie nach heftigem Sex aussieht. Da ruft Jack die Polizei an und meldet, er habe gegen seinen Willen eine nackte Achtzehnjährige bei sich. Bis die bereits von Lucys Mutter alarmierte Polizei eintrifft, wartet Jack vor der Haustür. Ein Paparazzo fotografiert, wie Lucy splitternackt ins Freie kommt, das Badetuch, das ihr eine Polizistin um die Schultern legt, immer wieder abschüttelt und Jack um den Hals fällt. Als man sie und ihre in den Spülkasten der Toilette gestopfte Kleidung fortgebracht hat, findet Jack auch noch ihren Stringtanga. Den wirft er zusammen mit einem Nacktfoto von Emma und den vier Brustbildern seiner Mutter in die Mülltonne.

Am anderen Morgen fliegt er nach Halifax.

Auf dem Rückweg plant er einen Zwischenstopp in Boston, um sich mit Michele Maher zu treffen, denn sie teilte ihm kürzlich mit, dass sie sich aufgrund seiner Dankesrede bei der „Oscar“-Verleihung mit ihrem Freund überworfen hatte und sich auf ein Wiedersehen mit ihm freuen würde. Jack fiebert dem Rendez-vous entgegen, denn er hat die schöne Mitschülerin nicht vergessen können, doch als er von Halifax aus noch einmal in ihrer Praxis anruft, erfährt er von ihrer Sprechstundenhilfe, dass sie weder mit ihm sprechen noch sich mit ihm treffen will. Reporter fanden nämlich den Stringtanga und die Fotos in der Mülltonne. Zusammen mit den Aufnahmen von der nackten Achtzehnjährigen am Hals des berühmten Schauspielers war das genügend Material für eine groß aufgemachte Skandalgeschichte.

Erst Anfang 2003, als Michele Maher an einem Dermatologenkongress in Los Angeles teilnimmt, trifft der Achtunddreißigjährige sich tatsächlich mit seiner gleichaltrigen Angebeteten. Beim Abendessen betrinkt sie sich so, dass sie während der Rückfahrt einschläft und Jack sie ins Hotel tragen muss. In der Bar findet er eine andere Dermatologin, die ihm hilft, Michele in ihr Zimmer zu bringen. Weil die Kollegin annimmt, Jack sei der Liebhaber der Betrunkenen und nicht ahnt, dass die beiden sich zwanzig Jahre lang nicht gesehen haben, zieht sie Michele unbekümmert aus. Am anderen Tag schlafen Jack und Michele endlich einmal miteinander, aber danach vergisst Jack seine frühere Schulfreundin.

Im Mai 2003 fliegt er zu Dreharbeiten nach New York. Dort überrascht ihn ein knapp fünfzehn Jahre altes Mädchen: Sally, die Tochter seiner früheren Geliebten Claudia. Nachdem Sally ihn verführt hat, erpresst sie von ihm eine Spende für das Theaterprojekt ihrer Eltern.

Kurz darauf erhält Jack einen Anruf von Caroline Wurtz, von der er längst weiß, dass sie vor Jahren Briefkontakt mit seinem Vater hatte. Jetzt eröffnet sie ihm, dass er eine Halbschwester hat. Sie heißt Heather Burns, ist achtundzwanzig und arbeitet als Lehrbeauftragte für Musikwissenschaften an der University of Edinburgh. Er soll sie anrufen.

Es stellt sich heraus, dass William wegen einer Zwangsneurose seit Jahren in einem Privatsanatorium lebt und Heather wegen der Kosten Geld von ihrem Halbbruder benötigt. Unverzüglich beschließt Jack, sein Haus in Santa Monica zu verkaufen und fliegt nach Edinburgh.

Heathers Mutter war eine deutsche Konzertsängerin namens Barbara Steiner, mit der William fünf Jahre lang in München, Köln und Stuttgart zusammenlebte, bevor sie schwanger wurde und mit ihm nach Edinburgh zog. Als Heather fünf Jahre alt war, erkrankte ihre Mutter an Lungenkrebs, aber sie starb nicht daran, sondern wurde von einem Auto überfahren.

Erst als Heather sich vergewissert hat, dass sie Jack wie einen Bruder liebt, verrät sie ihm, wo er seinen Vater findet: In einem Sanatorium in Kilchberg am Westufer des Zürichsees. Er fliegt allein nach Zürich und wird von dem Klinikleiter Professor Lionel Ritter empfangen, bevor er seinen Vater erstmals besucht. Fast jeder Quadratzentimeter von Williams Körper ist mit Musiknoten, Namen von Komponisten und anderen Tattoos bedeckt. Die Wände der Zweizimmerwohnung, die William in dem Sanatorium bewohnt, sind voller Erinnerungsfotos. Offenbar schickten Emma Oastler, Caroline Wurtz und andere ihm Schnappschüsse von Jack. Eine Reihe von Fotos machte William allerdings selbst, während er seinem Sohn heimlich bei Ringerveranstaltungen zusah, und er weiß über Jacks Werdegang genau Bescheid.

Am Abend führt Jack seinen Vater zusammen mit den Oberärztinnen Dr. Ruth von Rohr und Dr. Anna-Elisabeth Krauer-Poppe zum Essen aus. Danach gibt William Burns in der Kirche ein Orgelkonzert, bis ihn seine arthritischen Finger so schmerzen, dass er nur noch wütend mit den Händen auf die Tastatur schlagen kann.

Während des Essens erzählte Jack, dass er seiner Therapeutin in chronologischer Reihenfolge von seinen Erlebnissen berichten musste. Da rät ihm Dr. Krauer-Poppe, diese Therapie demnächst zu beenden und sich danach ein Antidepressivum verschreiben zu lassen.

Jack ruft Heather an und sagt ihr, dass er seinen Vater liebe. Er plant, für Heather und sich ein Haus am Zürichsee zu kaufen.

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„Bis ich dich finde“ ist ein autobiografischer Roman, aber John Irving hat die Geschichte mit skurrilen Typen, lüsternen und starken Frauen, sexuellen Absonderlichkeiten, wahnwitzigen Episoden und sarkastischen Pointen angereichert.

Bei so vielen originellen Einfällen und Motiven bedauert um so mehr, dass sie sich nicht zu einer literarischen Komposition fügen, weil Rhythmus und Dramaturgie immer mehr abhanden kommen. Denn der Autor folgt mit zermürbender Ausführlichkeit einem Prinzip, das Jack Burns einmal als Leitfaden seiner psychotherapeutischen Behandlung beschreibt: alles, was jemandem widerfahren ist, was ihn je „zum Lachen, zum Weinen oder in Wut gebracht hat“, in chronologischer Ordnung nachzuerzählen. „Ihre Therapie scheint ja geradezu Buchlänge zu haben“, sagt eine Ärztin zu Jack. (Kristina Maidt-Zinke in „Süddeutsche Zeitung“, 28. Februar 2006)

Den Roman „Bis ich dich finde“ von John Irving gibt es bei Diogenes auch als Hörbuch, gelesen von Rufus Beck.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2006
Textauszüge: © Diogenes Verlag

John Irving (Kurzbiografie)

John Irving: Garp und wie er die Welt sah (Verfilmung)
John Irving: Das Hotel New Hampshire (Verfilmung)
John Irving: Gottes Werk und Teufels Beitrag (Verfilmung 1999)
John Irving: Die vierte Hand
John Irving: Witwe für ein Jahr (Verfilmung 2004)

Manfred Gregor - Die Brücke
In seinem unter dem Pseudonym "Manfred Gregor" veröffentlichten Antikriegsroman verarbeitete Gregor Dorfmeister eigene Erlebnisse in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs. "Die Brücke" veranschaulicht den Wahnsinn und die Sinnlosigkeit des Krieges.
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