Gabriele Tergit : Der erste Zug nach Berlin

Der erste Zug nach Berlin
Der erste Zug nach Berlin Nachwort: Jens Brüning (Hg.) Das Neue Berlin, Berlin 2000 ISBN 978-3-360-00938-8, 191 Seiten Der erste Zug nach Berlin Nachwort von Nicole Henneberg (Hg.) Schöffling Verlag, Frankfurt/M 2023 ISBN 978-3-89561-475-0, 207 Seiten ISBN 978-3-7317-6229-4 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die 19-jährige Maud reist mit einer britisch-amerikanischen Mission 1948 oder 1949 nach Berlin, um eine Zeitung zu gründen, mit der den Deutschen die Demokratie vermittelt werden soll. Maud, die außerhalb ihrer zur Upper Class in New York gehörenden Clique noch nichts erlebt hat, hört und sieht sich staunend in der deutschen Nachkriegsgesellschaft um.
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Kritik

Gabriele Tergit zeigt uns in dieser Satire die deutsche Gesellschaft der Nachkriegszeit aus der Sicht einer naiven 19-jährigen New Yorkerin. Diese Perspektive ist geschickt gewählt. "Der erste Zug nach Berlin" ist kein gründlich ausgearbeiteter Roman, sondern ein rasanter Entwurf, eine Folge von Miniaturen und pointierten Dialogen.
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Die Reise nach Berlin

Weil Ketta Phipps keine Lust hat, mit ihrem Mann 1949 nach Europa zu reisen, begleitet an ihrer Stelle ihre 19-jährige Nichte Maud Phipps den Onkel, der Mitglied einer britisch-amerikanischen Mission ist, die den Auftrag hat, in Berlin eine Zeitung zu gründen, mit der den Deutschen die Demokratie vermittelt werden soll. Maud, die außerhalb ihrer zur Upper Class in New York gehörenden Clique noch nichts erlebt hat, freut sich auf das Abenteuer, stößt jedoch bei anderen auf Unverständnis, nicht zuletzt bei ihrem gleichaltrigen Freund Clark Perry, dem Sohn eines Senators.

Er war der bestaussehende Junge von uns. Und alle beneideten mich. Er sagte, ich sei eine Närrin, nach dem wilden Europa zu gehen, wenn ich in dem schönen New York mit seinem sanften Klima und noch sanfteren Sitten bleiben könnte. Dass ein Mensch aus Vergnügen nach Europa ginge, habe er überhaupt noch nicht gehört. Er will mich heiraten und wir wollen dann sehr viel Geld ausgeben, denn das ist das, was die Regierung verlangt.

Dabei gibt es noch immer Leute in Amerika, die von der europäischen Kultur schwärmen.

Die Reisegruppe fliegt nach London und nimmt von dort den Zug, nicht nur, „weil die Sache mit dem Flugverkehr über Deutschland immer noch nicht geklärt“ ist, sondern vor allem auch, weil es in britischen Flugzeugen keine Erste Klasse gibt.

Im Zug hört Maud Gesprächen zu.

Jemand referiert über die Verteilung von Nazis im Nachkriegsdeutschland:

„Im Osten bis Berlin sitzen nämlich fast keine Nazis, im Südwesten, im jetzt französischen Gebiet, 75 % Nazis, im Nordwesten, dem englischen Gebiet, 25 % Nazis und in unserem Südosten 5 % Nazis. […] Da der von den Amerikanern besetzte Teil mit dem Teil, der den geringsten Prozentsatz an Nazis hat, übereinstimmt, so sehe ich gar keinen Grund, warum wir weiter diese Bürde tragen sollen. […] Wir wollen jetzt die 5 % Nazis evakuieren, damit wir dem Gebiet Selbstverwaltung geben können. Diese Evakuierungsidee ist überhaupt ausgezeichnet. Es kann gar nicht genug evakuiert werden. […]“
„Ja“, sagte Abraham Lincoln, the leader of ›The Color-Conscious Negroes‹, „we are fed up with the fight for equal rights. The question is: have we a fight for equal rights? The solution for our problem is our own territory in Africa. We are fed up with the western civilisation. We, the only faithful Christians in the world, cannot live any more among pagans. We want to go back to Africa, back to the land, we do not want cotton, we want the good earth, we want holy bread, back to corn, God’s corn. Wir wollen nicht mehr Schmarotzer sein am Körper Amerikas. Wir wollen unsre Ehre zurückgewinnen in unsrer Heimat, wir verlangen Angola. Wir haben große Fonds und so komisch, wie es klingen mag, gerade die angelsächsische Oberschicht unterstützt uns. Dort in Angola können wir unser nationales Leben leben, dort wird sich unser Rassegenius entfalten, dort werden wir erst die echte Negerwissenschaft, die echte Negerarchitektur, das echte Negerfamilienleben schaffen. Was haben wir gehabt von zwei Jahrhunderten krampfhafter Assimilationsversuche? Wir sind immer noch schwarz. Statt unsre uralten geheiligten Riten zu pflegen, haben wir fremde Sitten angenommen. Wozu? Warum? Genügt uns unser Afrika nicht? Unsre Frauen ziehen sich elegant, allzu elegant an, sie tun so, als ob ihnen der Grasrock nicht genügt. Ich möchte nach Hause zu meinem eigenen Blut und meinem eigenen Boden. Ich will, dass wir uns endlich wieder zu uns bekennen. Lasst uns mit Stolz die Nasenringe tragen.“
[…]
„Mr. Lincoln“, sagte Herr Lewin, der Vertreter Palästinas, den ich übrigens oft in der guten Gesellschaft New Yorks getroffen habe, „wie Sie mir aus der Seele sprechen, was haben wir von den Assimilationsversuchen gehabt, unsre heilige Sprache haben wir verloren und Leute werden uns zugerechnet, die nichts, aber auch gar nichts mit Juden zu tun haben, Abtrünnige, die in allen möglichen Sprachen geschrieben haben nur nicht in ihrer eigenen, der hebräischen, Heinrich Heine und Spinoza und Bizet, der lieber Carmen mit Zigeunern und Stierkämpfern komponierte, als sich ein jüdisches Thema zu suchen, sie sind sich als Deutsche und Franzosen vorgekommen, als Russen und als Amerikaner, sie haben ihr Judentum verleugnet, eine Schande ist so was. Wir werden unsre Ehre erst in unserm eigenen Land wiederfinden. […]“
„Ja“, sagte Aji Tendilkowarakar, von dem ich erst in diesem Augenblick merkte, dass er ein Inder war, „auch unser höchster Wunsch ist eine eigene Armee und eine eigene Fahne, damit man uns mit Ehrerbietung begegnet. Ich bin erst glücklich, wenn ich keine Engländer mehr sehe. […] Wir haben uns längst über den Kopf der Engländer weg geeinigt. Wir evakuieren alle Muslim aus den Hindugebieten und alle Hindu aus den Moslemgebieten. Diese Frage macht heutzutage gar keine Schwierigkeiten. Es handelt sich dabei um allerhöchstens 50 Millionen Menschen. Man hat festgestellt, dass bei derartigen Evakuierungen höchstens mit einer Sterberate von 5 % gerechnet werden muss. Das ist natürlich ganz irrelevant.“

Neugierig geht Maud in einen anderen Waggon, in dem Deutsche sitzen und fragt naiv, ob man froh sei, Hitler los zu sein.

Ein junger Mann in zerrissener Uniform sagte: „Hitlers Zeit war die einzige, in der die Deutschen ein glückliches Volk waren. Von 1934 bis 1940, das war die große, die herrliche Zeit, damals fühlten wir uns gleichberechtigt, damals war die Schande des Versailler Vertrags getilgt, Hitler hatte gerade angefangen uns von den Juden zu befreien und wir sahen großen Zeiten entgegen.“
„Ja“, sagte ein Zweiter, „ohne Leute wie Sie hätten wir die Vereinigten Staaten von Europa, die Bolschewisten besiegt, die jüdische Pest ausgetilgt und den ewigen Frieden. Und was ist mit den Ostprovinzen und dem Rheinbund, wollen Sie das vielleicht billigen?“
Ich sagte: „Hitler hat die ganze Welt in den Krieg gestürzt. Er hat ganze Dörfer in Italien, Griechenland, Russland und Polen ausgerottet und die Deutschen haben das alles mitgemacht.“
Der junge Mann in der zerrissenen Uniform wurde blutrot und sagte: „Das sind die Lügen, die sie über uns verbreiten. Die Russen haben ihre eigenen Leute in Massen umgebracht. Aus den Häusern in Italien und in Polen und überall ist auf unsre Leute geschossen worden. Es waren lauter franctireurs. Ein Zivilist, der sich in einen Krieg der Soldaten einmischt, der muss mit seinem Leben büßen. Es gibt doch noch ein Kriegsrecht in der Welt. Unser Volk hat zum zweiten Mal gelitten und geblutet, wir haben unser letztes hergegeben, um das Vaterland zu retten. Meine Frau und meine zwei Kinder wurden in München von Bomben getötet und ich habe mein bissl verloren. Mir hat 1938 die Partei als Belohnung für treue Dienste ein kleines Geschäft von so einem Juden gegeben. Ich habe es zwei Jahre geführt, dann ist es von den Juden gebombt worden. Ich habe nichts, nichts mehr auf der Welt. Und nun soll ich noch Reue empfinden? Ja Herrgott, gibt’s denn gar keine Gerechtigkeit auf der Welt? Unser Herr Hitler, der im Himmel ist, der hätt das nicht zugelassen, wie es dem deutschen Volk geht …“

Berlin

Später klagt eine Reinemachefrau im Hotel in Berlin:

„Meinen Mann habe ich im vorigen Kriege dem Vaterlande dargebracht, ich habe drei Söhne großgezogen […]. 1929 sind sie alle drei arbeitslos geworden. Wir haben nur von der Unterstützung gelebt, bis unser Erlöser kam. Sechs Jahre lang, 1933 bis 1939, ist unser Volk so glücklich gewesen wie nie vorher. Wir hatten alle Arbeit.“

Maud verliebt sich in Herbert Stegen.

Stegen ist überhaupt höchst attraktiv, obgleich man ihn fast einen alten Mann nennen könnte. Er war 39 oder sogar 40 Jahre alt.

Die beiden gehen mehrmals miteinander aus, und Maud träumt bereits von einer gemeinsamen Zukunft mit Herbert Stegen.

„Ich werde dich nicht heiraten“, sagte er plötzlich, als ob er gefühlt hätte, dass ich die ganze Zeit auf einen Heiratsantrag gewartet hatte, „diese unsre Beziehung ist nicht bestimmt, im Bürgerlichen zu enden, ich habe drei Frauen und von jeder zwei Kinder. Ich verehre sie alle. Ich würde mich freuen, wenn du die Kraft und Größe hättest, mir ebenfalls Kinder zu schenken. […] Die Frau, die uns gefällt, fragen wir, ob sie das Brautbett mit uns besteigen will. Wir ehren sie, wenn sie Mutter wird. […] Unsre Vorfahren haben die uneheliche Mutter verdammt, in den angelsächsischen Ländern hält man noch immer an diesen mittelalterlichen Vorurteilen fest, wir sind am Ziel einer besseren Zukunft.“

Bald darauf erfährt Maud, dass Herbert Stegen als Nationalsozialist Karriere machte. „Stegen was the right hand man of Goebbels.“ Unter dem Pseudonym Grassmann schrieb er 1933 bis 1944 entsprechende Zeitungsartikel.

Nachdem Maud bei einer Garden Party der Gräfin Wandsdorff zu Gast war, stellt sich heraus, dass Graf Wandsdorff bis 1933 ein mittelloser Oberleutnant der Reichswehr gewesen war. Im November 1938 übernahm er die Gemälde aus der jüdischen Kunsthandlung Becker und 1940 die Möbel aus der Wohnung des Grafen Romsky in Warschau.

Merton, ein Mitglied der britisch-amerikanischen Mission, entdeckt endlich einen integren Journalisten, der zehn Jahre lang prophetische Artikel gegen die Nazis geschrieben hatte. Sie finden Herrn Reinhold in einer armseligen Wohnung. Er liegt im Bett.

„Ich war sieben Jahre im Konzentrationslager. Sie sehen, mir wurde das Auge rausgeschlagen und die Nase zertrümmert, man blieb nicht gesund als Antinazi in diesen zehn Jahren. Keiner. Die Gesunden, Mr. Merton, sind alle Nazis oder solche gewesen.“

Während Maud und Merton noch bei Herrn Reinhold am Bett sitzen, stirbt er.

Am Ufer der Elbe, eine halbe Autostunde von Berlin entfernt, treffen Maud und Merton auf einen Fährmann, der allerdings nicht viel zu tun hat, weil die meisten Flüchtlinge den Fluss schwimmend überqueren. Deshalb betreibt er einen kleinen Bier- und Limonadehandel am Flussufer. Jeden Tag kämen um die zehn Flüchtlinge herüber, berichtet er, und ebenso viele überquerten die Elbe in der Gegenrichtung.

Als wieder einer ans Ufer kommt, um nach Osten zu schwimmen, spricht Merton ihn an.

„Sie wollen nach drüben?“
„Ja“, sagte der Mann, „ich will endlich wieder in Ordnung kommen. Die wissen in Russland, was sie wollen, und wenn man mal dazu gehört, denn gehört man dazu. Hier ist doch ’n Schweinestall. Nichts klappt. Wenn ich schon meine Ehre als Deutscher verloren habe, so will ich doch zu was da sein. Wie die Angelsachsen sich das denken, Reue und Buße? Wieso denn? Was habe ich denn zu bereuen? Ich habe genauso meine Pflicht getan wie alle andern. Ich habe mein Vaterland verteidigt. Was wollen sie, diese Schweine? Reue und Buße, ausgedrückt in Dollars. Ich habe genug. Sie sind nur für die Starken, genau wie der feine Herr Hitler, sobald einer schwach ist, trampeln sie auf ihm rum. Es ist nur ein Volk in der Welt, das für die Schwachen da ist, das ist Russland. Russland ist das Vaterland des Proletariers. Ich gehe nach Russland, da weiß ich wenigstens, was mich erwartet. Arbeit nämlich und Brot. Die Schnauze darf ich hier nicht und da nicht aufmachen. Leben Sie wohl, Herr.“
Er sprang ins Wasser und schwamm.

Zurück in New York

Merton rät Maud, nach New York zurückzukehren und Clark Perry zu heiraten.

„Er wird Geld verdienen und du wirst ein paar Komitees angehören und du wirst nur mit Leuten verkehren, die auch Geld haben, und nach zehn Jahren wirst du einen zweiten Clark Perry heiraten.“

Am Ende folgt sie dem Rat.

Ich schreibe dies in New York. Ich habe Clark Perry geheiratet.

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1948 und 1949 war Gabriele Tergit erstmals nach dem Krieg wieder in Deutschland. Die Handlung ihres Romans „Der erste Zug nach Berlin“ spielt wohl um diese Zeit, auf jeden Fall noch vor der Gründung der Bundesrepublik und der DDR. Geschrieben hat sie „Der erste Zug nach Berlin“ zu Beginn der Fünfzigerjahre in London, aber zu ihren Lebzeiten wurde das Buch nicht veröffentlicht.

Gabriele Tergit zeigt uns in dieser Satire die deutsche Gesellschaft der Nachkriegszeit aus der Sicht einer ebenso naiven wie verwöhnten 19-jährigen New Yorkerin. Diese Perspektive ist geschickt gewählt. „Der erste Zug nach Berlin“ ist kein gründlich ausgearbeiteter Roman, sondern ein rasanter Entwurf, eine Folge von Miniaturen und pointierten Dialogen, bei denen Gabriele Tergit zwischen Deutsch und Englisch wechselt.

Es scheint zwei Versionen des Manuskripts gegeben zu haben, eine für britische Verlage, die andere für deutsche. Publiziert wurde „Der erste Zug nach Berlin“ erstmals 2000 von der Verlagsgesellschaft Das Neue Berlin. Der Herausgeber Jens Brüning redigierte den Text allerdings nach seinen Vorstellungen. 2023 gab Nicole Henneberg in der Verlagsbuchhandlung Schöffling erstmals eine originalgetreue Ausgabe des im Deutschen Literaturarchiv in Marburg aufbewahrten Originaltyposkript heraus und korrigierte dabei lediglich Grammatik- und Orthografiefehler.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2023
Textauszüge: © Schöffling & Co Verlagsbuchhandlung

Gabriele Tergit (kurze Biografie)

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"Der Untergeher" besteht aus einem scheinbar ungegliederten inneren Monolog. Wie in einem Musikstück werden die Themen in längeren und einzelne Wörter in kürzeren Zyklen wiederholt und variiert. "Der Untergeher" ist eine virtuos erzählte Geschichte über Virtuosität.
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