Jackie Thomae : Brüder

Brüder
Brüder Hanser Berlin, München 2019 ISBN 978-3-446-26415-1, 429 Seiten ISBN 978-3-446-26509-7 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der afrikanische Medizinstudent Idris zeugt 1970 mit einer Frau in Leipzig und einer anderen in Berlin zwei Söhne. Dann verschwindet er. Die Halbbrüder entwickelten sich gegensätzlich: Während Gabriel zielstrebig zum Stararchitekten avanciert, hat Mick keine Zukunftspläne. Erst als sie 47 Jahre alt sind, erfahren sie voneinander ...
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Kritik

Jackie Thomae erzählt chronologisch, entwickelt die beiden Biografien in "Brüder" jedoch nicht parallel, sondern nacheinander: An der Jahrtausendwende wechselt sie von Mick zu Gabriel. Statt das Geschehen zu inszenieren, erzählt sie es aus der Sicht ihrer Figuren.
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Mick

Michael („Michi“) Engelmann wurde 1970 in Ostberlin geboren. Von seinem Vater, einem afrikanischen Medizinstudenten, hat er eine etwas dunklere Hautfarbe geerbt, aber er weiß kaum etwas über ihn, denn die bei seiner Geburt 22 Jahre alte Mutter Monika hat ihn allein erzogen. Als er 15 Jahre alt ist, wird ihr Ausreiseantrag genehmigt, und die beiden ziehen nach Westberlin, wo Monika eine Ausbildung zur Heilpraktikerin absolviert und schließlich einen Mann namens Wolfgang heiratet, der ihr und seinem Stiefsohn als Immobilienmakler und Verwalter mehrerer Mietshäuser ein finanziell sorgenfreies Leben ermöglicht.

Michi, der sich inzwischen Mick nennt, zieht schließlich aus der Wohnung der Eltern aus und bricht auch seine Zimmermannslehre ab.

Mick […] war nun frei von jeder Kontrollinstanz, so frei, dass es an Orientierungslosigkeit grenzte.

[…] die von Jahr zu Jahr drängendere Fragestellung, wer oder was er eigentlich sein wollte. Er sah eine Quereinsteigerkarriere auf sich zukommen, nur die Branche fehlte noch.

Kurz vor Micks 23. Geburtstag trennen sich Monika und Wolfgang. Weil Wolfgangs monatliche Überweisung mit dem Verwendungszweck „Ausbildung“ wegfällt, gerät Mick in notorische Geldnot.

Ein Jahr später lässt er sich deshalb darauf ein, mit seinem fast zehn Jahre älteren Kumpel Desmond Mills Kokain zu schmuggeln und gewinnt auch seine Jura studierende Freundin Cordelia („Delia“) Hoyer dafür. Zu dritt fliegen sie nach Kolumbien. Während der Rückreise scheidet Mick die Drogenbömbchen vorzeitig in der Flugzeugtoilette aus, aber Delia wäscht sie ab und schluckt sie zusätzlich zu ihrer bereits vorhandenen Fracht.

Nach der Landung in London werden Mick und Desmond aus der Schlange der Angekommenen herausgeholt und getrennt voneinander untersucht. Weil sich bei der Durchleuchtung zeigt, dass Micks Darm leer ist, kommt er rasch wieder frei, aber Desmond muss sich auf eine gerichtliche Verurteilung als Drogenkurier vorbereiten.

Delia bleibt unbehelligt. In einem Londoner Hotel nimmt sie, wie vorgesehen, ein Abführmittel. Als sie Mick später in Berlin ein mit großen Geldscheinen gefülltes Kuvert übergibt, will er gar nicht wissen, wie sie das Kokain losgeworden ist.

1996 kauft sich Delia, die inzwischen in einer Anwaltskanzlei in Charlottenburg arbeitet, ein Haus in Pankow und nimmt ihren vier Jahre jüngeren Freund Mick dort auf. Dass er sie immer wieder mit anderen Frauen betrügt, nimmt sie wortlos hin.

Mitte der Neunzigerjahre eröffnet Mick mit zwei Freunden − dem Vietnamesen Fabian und dem rothaarigen Christian („Chris“) Cordes − einen Club in Berlin. Erst nach Jahren fällt den Behörden auf, dass sie dafür keine Genehmigung haben, und das Finanzamt fordert 1999 eine Steuernachzahlung von einer halben Million. Weil keine Buchhaltung existiert, können die drei Betreiber die Schätzung des Finanzamts nicht anfechten. Aber die Mittel, um den Betrag zu bezahlen, sind ebensowenig vorhanden.

Delia möchte ein Kind, lässt sich Hormone verschreiben und schläft mit Mick nach dem Kalender. Sie ahnt nicht, dass er sich während ihres Aufenthalts in Stanford eine Vasektomie machen ließ. Durch Zufall findet Delia es heraus und stellt ihn zur Rede:

„Und du lässt dich nicht nur unfruchtbar machen, was ich übrigens nicht fassen kann bei jemandem, der praktisch ein sprechender Schwanz ist, sondern du schaust mir auch noch jahrelang dabei zu, wie ich mich mit Hormonen vollstopfe, diesen ganzen Plunder anschaffe, quasi mein ganzes Leben meinem Scheißzyklus unterordne und von Arzt zu Arzt renne, weil ich mal wieder davon ausgehe, dass es an mir liegt.“

Nach dieser Auseinandersetzung geht Delia ihm aus den Weg. Aber sie trennt sich erst richtig von ihm, als eine Frau bei ihnen auftaucht, die fünf Wochen zuvor mit ihm schlief und angenommen hat, es sei der Beginn eines Liebesverhältnisses. Daraufhin tritt Delia Anfang 2000 eine Stelle bei einer Kanzlei in Hamburg an und vermietet ihr Haus an Freunde von Freunden.

Mick fliegt zu Chris, der sich wegen der Steuerschulden nach Thailand abgesetzt hat, aber als Chris im Mai 2000 erfährt, dass Mick mit seiner Ex-Lebensgefährtin Stephanie Sex hatte, kündigt er die Freundschaft auf.

Idris

Idris wurde 1945 in der französischen Kolonie Senegal geboren. Der Afrikaner mit französischem Pass kam 1967 in die DDR, um in Leipzig Medizin zu studieren. Ende 1970 zog er nach Berlin. In Leipzig ließ er eine Geliebte namens Gabriele zurück, und in Berlin begann er eine Affäre mit Monika, der Tochter eines linientreuen Kommunisten.

Über eine gemeinsame Zukunft hatten sie nie gesprochen. Moni wollte ihn nicht heiraten, nein, Moni wollte niemanden heiraten, zumindest nicht zu dieser Zeit, das gehörte zu ihrem Selbstverständnis als moderne Frau. Bei seinen letzten Besuchen wohnte er schon in West-Berlin und blieb nicht mehr über Nacht.

Als beide Frauen 1970 ein Kind von ihm bekamen, fürchtete er die Folgen.

Hätten sie ihn exmatrikuliert und zurückgeschickt, womöglich noch auf Kosten seines Vaters, es wäre der Super-GAU gewesen. Dann hätte er gleich zu Hause bleiben und Bauer werden können. Also Koffer gepackt und ab nach Frankreich, wo man den netten jungen Mann aus der ehemaligen Kolonie doch gleich fragte, ob er seinen Militärdienst schon abgeleistet hätte. Auch so eine Sache, die er unterschätzt hatte: Als Franzose hatte er nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten. Also zurück nach West-Berlin, wo sich Ausländer, die im Osten studiert hatten, relativ problemlos einschreiben und weiterstudieren konnten.

Gabriel

Das Kind mit den drei Vornamen Idris Ernst Gabriel wurde am 8. November 1970 in Leipzig geboren. Mit großem Ehrgeiz und ausgeprägter Zielstrebigkeit avanciert Gabriel Anfang des 21. Jahrhunderts zum Stararchitekten, der seine Ideen in China ebenso wie in Südamerika verwirklichen kann. Sein Büro betreibt er zusammen mit seinem Freund Mark Barnett in London. Dort lebt er mit seiner Ehefrau Fleur, die Literatur studierte und Romane übersetzt. Ihr Sohn Albert wird 2001 geboren.

Gabriels Karriere endet im Sommer 2016 schlagartig, als ihn eine seiner Studentinnen anzeigt. Ohne die afrikanische Zwanzigjährige zu erkennen, entrüstete er sich darüber, dass sie den von ihrem Hund auf die Straße gemachten Haufen einfach liegen ließ und weiterging. Als er sie zur Umkehr aufforderte, zeigte sie ihm nur den Stinkefinger. Im Jähzorn hob er die Hundescheiße auf und rieb die junge, nun kreischende Frau damit ein. In den Medien wird daraus ein sowohl rassistischer als auch sexistischer Überfall eines Deutschen auf eine schwarze Studentin. Dass Gabriel selbst einen afrikanischen Vater hatte, wird ignoriert.

Fleur ist überzeugt, dass der Ausraster ihres Mannes Symptom eines Burn-out ist, und Mark drängt ihn wegen des Skandals, sich eine Auszeit zu nehmen. Er fliegt schließlich nach São Paulo und besucht einen Bekannten namens Marcos, der sich nach der Jahrtausendwende von Gabriel und Mark eine Ferienvilla im brasilianischen Bundesstaat Santa Catarina bauen ließ.

Epilog

Nachdem Mick in Thailand gestrandet war und noch einige Jahre in Indien verbracht hatte, kehrte er nach Berlin zurück und etablierte sich als Yogalehrer.  2004 war er auf Delias Hochzeit, aber deren Ehe scheiterte nach dem frühen Tod der beiden Kinder. Inzwischen sind Mick und Delia wieder eng befreundet, jedoch ohne ein Paar zu sein.

Als Mick mit 15 Jahren Verspätung erfährt, dass er bei einem One-Night-Stand 1994 in London mit Lynn Bishop eine Tochter zeugte, begleitet Delia ihn zum ersten Treffen mit Tara.

2017 meldet sich sein leiblicher Vater aus Dakar bei ihm. Mick − damals noch Michi − war zwei Jahre alt, als Idris verschwand. 45 Jahre lang hörte er nichts mehr von ihm, aber nun möchte sich der in Dakar lebende Arzt mit ihm verabreden, und zwar nicht nur mit ihm, sondern auch mit seinem Halbbruder Gabriel, von dessen Existenz Mick bisher nichts ahnte.

Das Familientreffen findet am Pariser Flughafen Charles de Gaulle statt. Idris hat seine Frau Odette dabei. Die beiden freuen sich auch auf das Wiedersehen mit ihrer in Paris lebenden älteren Tochter Fatou. Gabriel ist in Brasilien geblieben. Stattdessen kommt sein Sohn Albert mit Fleur aus London.

Idris erkannte Albert nicht am Aussehen. Er erkannte ihn an der Frau, die ihn begleitete. Er starrte in den Menschenstrom, und da war sie. Sie strich ihr glattes dunkles Haar aus der Stirn, sah ihn und winkte ihm zu wie damals in Leipzig. Huhu, Idris, hier drüben bin ich. Sie konnte mit dem ganzen Körper winken. Gabriele war immer so froh gewesen, ihn zu sehen. So froh.

Albert wundert sich:

Als wir in Paris landeten, rannte meine Mutter auf ihn zu, und sofort fingen die beiden an, auf Französisch aufeinander einzureden. Als würden sie sich kennen. Er schaute sie an, umarmte sie, hielt sie von sich weg, schaute sie wieder an und schüttelte gerührt den Kopf. Als wäre sie sein Kind. Weird.

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Der für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman „Brüder“ von Jackie Thomae dreht sich um zwei Männer, die lange Zeit nichts voneinander wissen, obwohl sie denselben Vater haben. Idris, ein Senegalese, zeugte sie 1970 als Medizinstudent in der DDR mit einer Frau in Leipzig und einer anderen in Berlin. Beide Mütter zogen ihre Söhne allein auf. Michael („Mick“) und Gabriel entwickelten sich gegensätzlich: Während Gabriel ehrgeizig und zielstrebig zum Stararchitekten avanciert, bricht Mick eine Zimmermanns-Lehre ab, lässt sich auf Kokain-Schmuggel ein, betreibt ohne Genehmigung einen Club in Berlin und setzt sich dann nach Thailand ab.

Jackie Thomae erzählt chronologisch, entwickelt die beiden Biografien jedoch nicht parallel, sondern nacheinander. Zuerst lesen wir Micks Geschichte. An der Jahrtausendwende wechselt Jackie Thomae nach einem kurzen „Intermezzo“ über Idris von Mick zu Gabriel. Ein 2017 spielender Epilog beendet den Roman: Der in Dakar lebende Arzt Idris nimmt nach 45 Jahren erstmals Kontakt mit den beiden Söhnen auf, und dadurch erfahren diese überhaupt erst voneinander.

Im zweiten Teil des Buches wechseln sich Gabriel und Fleur als Ich-Erzähler/in ab. Den ersten Teil von „Brüder“ hat Jackie Thomae zwar in der dritten Person Singular verfasst, aber sie nimmt darin seine Perspektive ein. Sie inszeniert das Geschehen nicht, sondern schreibt in einem unangestrengt wirkenden, von den Romanfiguren gefärbten Plauderton (der in einem tragikomischen Abschnitt über den in meiner Inhaltsangabe nicht erwähnten Underdog Silvio Kurz recht amüsant ist). Nach meinem Geschmack ist „Brüder“ zu lang, zumal sich auch Trivialitäten eingeschlichen haben. Da hätten literarische Ellipsen gut getan.

Weil die beiden Halbbrüder einen afrikanischen Vater und weiße Mütter haben, geht es in „Brüder“ um die Hautfarbe, aber das ist keineswegs ein dominantes Thema. Vielleicht möchte Jackie Thomae zeigen, wie unterschiedlich sich Menschen entwickeln können. Auf jeden Fall ließ sie sich von ihrer eigenen Biografie inspirieren.

Jackie Thomae wurde 1972 in Halle an der Saale geboren. Ihre Mutter zog sie allein auf. Ihren aus Guinea stammenden Vater, einen Arzt, lernte Jackie Thomae erst 2014 – also im Alter von 42 Jahren – kennen. 2015 debütierte sie mit dem Roman „Momente der Klarheit“. Mit „Brüder“ schaffte sie es auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2019.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2019
Textauszüge: © Hanser Berlin

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