Jan Weiler : Maria, ihm schmeckt's nicht!

Maria, ihm schmeckt’s nicht!
Maria, ihm schmeckt's nicht! Geschichten von meiner italienischen Sippe Originalausgabe Ullstein Buchverlage, München 2003 ISBN 978-3-548-36486-5, 256 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Erst als der Ich-Erzähler seine Lebensgefährtin heiraten will, lernt er deren Eltern in Krefeld kennen: Antonio Marcipane kam 1961 als italienischer Gastarbeiter nach Deutschland und heiratete 1965 eine Rheinländerin. Aber nun muss der Bräutigam auch der Verwandtschaft in Antonios Heimat vorgestellt werden. Und da prallen deutsche und italienische Traditionen und Lebensgewohnheiten, Verhaltensweisen und Vorurteile aufeinander.
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Kritik

Das teils autobiografische, teils fiktive Buch weist gesellschaftskritische Ansätze auf. Zentrales Thema ist auch die Entwurzelung. Aber Jan Weiler kommt es v. a. auf Situationskomik an, und die entsteht aus dem culture clash. Es gibt in „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“ viel zu lachen, über die schelmische Figur des Antonio Marcipane, Unterschiede zwischen Deutschen und Italienern, komische und alberne Episoden.
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„Maria, ihm schmeckt’s nicht!“

Sara Marcipane und der Ich-Erzähler sind seit zwei Jahren ein Paar, als sie beschließen, sich standesamtlich trauen zu lassen. Deshalb fährt Sara mit ihrem Bräutigam zu ihren seit 35 Jahren verheirateten Eltern nach Krefeld. Die Mutter Ursula stammt aus dem Rheinland, der Vater Antonio Marcipane kam 1961 als italienischer Gastarbeiter nach Deutschland.

Antonio möchte seinen zukünftigen Schwiegersohn noch vor der Eheschließung den Verwandten in seinem Heimatort Campobasso zwischen Rom und Bari vorstellen. Dort leben seine Eltern Anna und Calogero Marcipane seit einem halben Jahrhundert im selben Haus.

Bei der Großmutter seiner Braut gerät der junge Mann immer wieder in die gleiche Situation:

„Möchtest du noch von dem Schinken?“
„Nein danke. Ich bin satt.“
„Es schmeckt dir nicht.“
„Doch, doch, es war toll, aber ich kann nicht mehr, wirklich.“
„Maria, ihm schmeckt’s nicht.“
„Doch, wirklich, es schmeckt vorzüglich.“
„Na, dann iss doch noch was.“
„Gut, ich, äh, esse vielleicht noch etwas Käse.“
„Na also. Und eine bistecca?“
„Um Himmels willen, nein danke. Ich kann nicht mehr.“
„Schmeckt’s nicht?“
„‒“

Lebensgeschichte

Während einer weiteren Italienreise erzählt Antonio seinem Schwiegersohn seine Lebensgeschichte.

1933 hatten Anna Scalfero, die Tochter eines Großgrundbesitzers, und der aus Sizilien stammende Tagelöhner Calogero Marcipane geheiratet. Das Paar bekam acht Kinder, 1934 Raffaele, 1938 Antonio, dann noch sechs weitere.

Antonio wurde nach einer Schlosserlehre in Frosolone sowie Zusatzausbildungen als Dreher und technischer Zeichner 1961 zum Militärdienst einberufen. Stattdessen meldete er sich beim Auslandsdienst in Verona und wurde tatsächlich nach Osnabrück geschickt. In der Fabrik, der er zugeteilt wurde, musste der Gastarbeiter feststellen, dass sich niemand für seine Qualifikationen interessierte. Einige Zeit arbeitete er als Kellner in Oldenburg, dann in Krefeld.

In Krefeld lernte er 1965 Ursula Holtdorf kennen, die ihr Geld als Verkäuferin in einem Spielzeugladen verdiente. Sie heirateten, und Antonio zog zu ihr, aber der Vermieter verbot es, einen ausländischen Familiennamen am Klingelschild anzubringen, und Ursula wurde als Flittchen beschimpft.

Als Lorella geboren wurde, die ältere der beiden Töchter, fing der Vater in einem Stahlwerk zu arbeiten an, weil sonst das Einkommen nicht für den Lebensunterhalt der Familie gereicht hätte.

Mein Schwiegervater hat eine typische Eigenschaft der Entwurzelten, also derer, die nicht wirklich dort zu Hause sind, wo sie wohnen, und auch nicht richtig da hingehören, wo sie herkommen. Wenn er in Deutschland ist, gibt es für ihn nichts Schöneres als Italien […]. Alles ist dann in Italien besser. […]
Deutschland hingegen ist natürlich mies, kalt und grau. Die Menschen sind nur an Geld interessierte Vorteilsnehmer, die niemandem etwas gönnen, Kinder am liebsten immer einsperren und nie, nie lachen. Und dann das Essen, immer diese Knödel und Kartoffeln […].
Erfreulicherweise wendet sich das Bild just in der Sekunde, in der Antonio italienischen Boden betritt. Gegenüber seinen Cousins und Cousinen tritt er stets als Botschafter der deutschen Kultur im Allgemeinen und des deutschen Sports, der deutschen Politik, des deutschen Sozialwesens, der deutschen Automobilindustrie und der deutschen Küche im Besonderen auf. Letzte hat nämlich einiges mehr zu bieten als immer nur gegrilltes Fleisch, Tomaten und Nudeln. Was man beispielsweise aus Kartoffeln machen könne, sei schier unglaublich. […]

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Jan Weiler lässt in „Maria, ihm schmeckt’s nicht! Geschichten von meiner italienischen Sippe“ einen Ich-Erzähler auftreten, der wohl viel mit ihm gemeinsam hat. Er selbst wurde 1967 in Düsseldorf geboren und wuchs in Meerbusch auf. Ebenso wie es der Autor tat, heiratet der Protagonist des Romans die deutsch-italienische Tochter eines Gastarbeiters.

2002 schrieb Jan Weiler für ein Sonderheft des SZ-Magazins einen Artikel über seinen italienischen Schwiegervater. Weil die Resonanz darauf überraschend stark ausfiel, reiste er im Jahr darauf mit Antonio Limoncini nach Italien, ließ sich dessen Lebensgeschichte erzählen – und machte daraus „Maria, ihm schmeckt’s nicht! Geschichten von meiner italienischen Sippe“.

Das teils autobiografische, teils fiktive Buch weist gesellschaftskritische Ansätze auf, etwa wenn Ursula Holtdorf als Flittchen beschimpft wird, weil sie sich mit einem Gastarbeiter eingelassen hat. Zentrales Thema ist auch die Entwurzelung, das Fremdsein, das Stranden zwischen zwei Kulturen. Aber Jan Weiler geht dabei nicht in die Tiefe. Stattdessen kommt es ihm auf Situationskomik an, und die entsteht aus dem culture clash, dem Zusammenprall deutscher und italienischer Traditionen und Lebensgewohnheiten, Verhaltensweisen und Vorurteile.

Es gibt in „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“ viel zu lachen, über die schelmische Figur des Antonio Marcipane, teils klischeehafte, teils gut beobachtete Unterschiede zwischen Deutschen und Italienern, komische und alberne Episoden.

Der Untertitel lautet „Geschichten von meiner italienischen Sippe“. Das passt, denn Jan Weiler entwickelt nur eine rudimentäre Handlung und erzählt stattdessen unterhaltsame Anekdoten.

2005 ließ Jan Weiler eine Fortsetzung folgen: „Antonio im Wunderland“. Und 2009 verfilmte Neele Leana Vollmar den Bestseller: „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“

Den Roman „Maria, ihm schmeckt’s nicht! Geschichten von meiner italienischen Sippe“ von Jan Weiler gibt es auch als Hörbuch, gelesen vom Autor.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2022
Textauszüge: Ullstein Buchverlage©

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