Fenna Williams : Die Inselsammlerin

Die Inselsammlerin
Die Inselsammlerin Terra Mater Books, Salzburg/München 2019 ISBN 978-3-99055-016-8, 240 Seiten ISBN 978-3-99055-510-1 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

In ihrem Buch "Die Inselsammlerin" stellt Fenna Williams zwölf der mehr als 600 Inseln vor, die sie aus eigener Anschauung kennt. Nun würde man Hawaii, Barbados oder Madeira erwarten, aber keine dieser Inseln kam in die Auswahl. Stattdessen porträtiert Fenna Williams zum größten Teil weniger bekannte Inseln in Europa, Afrika, Amerika, Asien und Australien, die aus ganz verschiedenen Gründen eine Reise wert sind.
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Kritik

Fenna Williams hebt in jedem Kapitel das Besondere einer Insel hervor und verknüpft persönliche Reiseerfahrungen mit historischen Geschichten sowie Wissenswertem aus der Landeskunde. Wichtig sind ihr stets die Menschen, aber auch ökologische Aspekte. Am Ende jedes Kapitels empfiehlt sie entsprechende Lektüre.
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Europa

Magna Carta Island in der Themse, England

Am 15. Juni 1215 unterzeichnete der englische König Johann Ohneland die Magna Carta Libertatum, in der er den rebellischen Baronen grundlegende politische Freiheiten zugestehen musste. Dieser für die britische Verfassungsgeschichte wichtige Akt fand im Gebiet von Runnymede südwestlich von London statt, aber den genauen Ort kennen wir nicht. Möglicherweise geschah es auf der danach benannten Insel.

Bei einem ihrer Besuche traf Fenna Williams auf den Sohn der Dame, zu deren Privatbesitz die Insel damals gehörte, und er zeigte ihr das Magna Carta House. 2014 wurde Magna Carta Island verkauft, und inzwischen kann das Herrenhaus als Feriendomizil gebucht werden.

Capri im Golf von Neapel, Italien

Fenna Williams betrachtet Capri als Insel der Literatur, denn hier hielten sich zahlreiche Dichter und Schriftsteller auf, darunter Jacques d’Adelswärd-Fersen, Norman Douglas, Maxim Gorki, Graham Greene, Compton Mackenzie (Sir Edward Montague Compton Mackenzie), Curzio Malaparte (Kurt Erich Suckert), Pablo Neruda, Rainer Maria Rilke und Marguerite Yourcenar.

Jura im Sund von Jura, Schottland

In Barnhill, einem abgelegenen Farmhaus auf der Hebriden-Insel Jura, arbeitete George Orwell (Eric Arthur Blair) 1947/48 an seinem Roman „1984“. Fenna Williams sprach mit seinem Adoptivsohn Richard Blair über den Schriftsteller.

In ihrem Buch beschreibt sie auch ein Erlebnis in der Lussa Bay:

Hier kann man im Gras liegen, dem Plätschern des Baches zuhören und langsam wegdriften in Sommerschlaf. Bis es Zeit ist für ein Picknick. Leider hatte ich selbst nicht daran gedacht, mich dafür zu rüsten, und vom einzigen Laden der Insel war ich hier mehr als 25 Kilometer entfernt. Ich schielte neidisch zu einer Familie hinüber, die es sich auf einer Decke mit Thermoskanne, Schokoladenkuchen, Scones und Sandwiches gemütlich gemacht hatte.

Die Familie wies sie auf einen Holztisch mit der Aufschrift „Tea on the Beach“ hin. Dort lag ein Walkie-Talkie, mit dem sie ihre Bestellung durchgeben konnte, und kurz darauf brachte ein Mädchen einen Henkelkorb mit dem Gewünschten. Eine Preisliste gab es nicht; man bezahlte nach Gutdünken.

Afrika

Rodrigues im Indischen Ozean

Die zu den Maskarenen im Indischen Ozean zählende Insel Rodrigues liegt zwar knapp 600 Kilometer östlich von Mauritius, wird aber von dort verwaltet. Die seltenen Schiffspassagen und Propellerflüge von Mauritius nach Rodrigues lassen glücklicherweise keinen Massentourismus auf der Insel zu.

Fenna Williams war davon beeindruckt, dass die meisten Frauen auf Rodrigues Fußball spielen, mehr noch von Seggae, der von dem Sänger Kaya (Joseph Réginald Topize, 1960 – 1999) auf Rodrigues begründeten Tanzmusik, einer Mischung aus Sega und Reggae, die zu seinen Zeiten als subversiv galt.

St. Helena im Südatlantik

Die Insel St. Helena ist berühmt, weil die Briten Napoleon Bonaparte dorthin verbannt hatten. Er lebte zunächst zwei Wochen lang in The Briars, dann bis zu seinem Tod im Longwood House.

Fenna Williams reiste (nach zwei Jahren Wartezeit) mit dem Postschiff RMS St. Helena in knapp zwei Wochen von England nach St. Helena. Die 4000 Bewohner von St. Helena waren auf dieses einzige Versorgungsschiff angewiesen, das etwa alle sechs Wochen Nachschub brachte:

Jeder Dachziegel, jedes Auto, jeder Kinderwagen, jede Coca-Cola und jede Rolle Toilettenpapier musste die wochenlange Fahrt zurücklegen, bevor der Bestimmungsort erreicht war. Mit uns an Bord waren Schafe, Kühe und Hühner in eigens entwickelten Containern, drei Autos, vier Waschmaschinen, eine ganze Kiste Bücher, Batterien, Briefpapier, Buntstifte, Kleidung, sämtliche Dosen, Container und Flaschen, die ich in jedem Lebensmittelladen daheim aus dem Regal hole, ohne daran auch nur einen Gedanken zu verschwenden.

2018 wurde das Schiff ausgemustert und durch einen wöchentlichen Flug von Johannesburg nach St. Helena ersetzt.

Robben Island in der Tafelbucht, Südafrika

1989 stand Fenna Williams zum ersten Mal auf dem Tafelberg und schaute zu der für Besucher gesperrten Insel hinüber, wo Nelson Mandela 18 Jahre lang inhaftiert gewesen war: Robben Island.

Vom 16. Jahrhundert an schoben Briten und Niederländer Kriminelle, Andersdenkende, psychisch oder ansteckend Kranke nach Robben Island ab. Es war eine Gefangeneninsel wie zum Beispiel die Ilha Grande (Brasilien), Santo Stefano (Italien) und die Teufelsinsel (Frankreich).

Robben Island wollte ich besuchen, um begreifen zu können, wie man dort Tag für Tag, Jahr für Jahr im Gefängnis gelegen haben kann und dennoch von Vergebung spricht, wie man an einem solchen Ort Weisheit erwerben kann und nach langer Haft so viel Lebensfreude ausstrahlt, dass sie den ganzen Erdball erreicht.

Inzwischen werden Besucherinnen und Besucher mit Booten von Kapstadt aus nach Robben Island gebracht. Dort befindet sich jetzt ein Museum, eine Gedenk- und Bildungsstätte. Seit 1999 gehört Robben Island zum Weltkulturerbe der UNESCO.

Amerika

Vashon Island im Puget Sound, Washington

In Fauntleroy, einem Stadtteil von Seattle, legt die Fähre nach Vashon Island ab. Bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg eine künstliche Aufschüttung erfolgte, waren die Insel Vashon und Maury nur bei Ebbe miteinander verbunden.

Auf Vashon Island fühlten sich Hippies wohl, aber auch heute noch finden sich dort Aussteiger ein, und die Bewohner legen Wert auf einen eigenen Lebensstil. Fenna Williams entdeckte Aufkleber mit der Forderung „Keep Vashon weird!“

Solentiname im Lago Cocibolca, Nicaragua

Bei Solentiname handelt es sich um einen aus 36 Inseln bestehenden Archipel im Lago Cocibolca (Nicaraguasee), dem größten Binnensee in Mittelamerika.

Auf Mancarrón, der größten Insel von Solentiname, gründete Ernesto Cardenal Martínez, ein katholischer Geistlicher, Dichter und Politiker, Mitte der Sechzigerjahre mit dem Schriftsteller William Agudelo gemeinsam eine an urchristlichen Vorstellungen orientierte Kommune. Unter seiner Anleitung wurden analphabetische Bewohner zu Bauernkünstlern. 1980 erhielt Ernesto Cardenal den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, aber fünf Jahre später enthob Papst Paul II. den Priester wegen dessen Engagement für die Sandinisten des Amtes.

Um die Jahrtausendwende griff die Regierung in Managua alte Pläne für einen Kanal vom Atlantik zum Pazifik wieder auf, und 2013 billigte die Nationalversammlung die Erteilung einer Konzession für den Bau des schätzungsweise 40 Milliarden US-Dollar teuren Kanals an ein Konsortium aus Hongkong, aber der Baubeginn wurde bisher immer wieder verschoben. Die Bewohner von Solentiname hoffen, dass der Kanal nie gebaut wird, denn er würde durch den Lago Cocibolca führen, und dann wäre es mit ihrem gewohnten Leben vorbei.

Danpaati am Oberlauf des Suriname, Surinam

Im Frieden von Breda respektierten die Engländer 1667 die niederländische Vorherrschaft in Surinam und erhielten im Gegenzug Gebiete an der Ostküste von Nordamerika wie Nieuw Amsterdam (New York).

1699 schiffte sich die 52-jährige Künstlerin und Naturforscherin Maria Sibylla Merian mit ihrer 30 Jahre jüngeren Tochter auf dem Dreimaster „Willem de Ruyter“ nach Südamerika ein und bereiste Surinam.

Dort (aber auch anderswo) entwickelten entlaufene Sklaven im Lauf der Zeit eine eigene multiethnische Kultur. Der Begriff Maroons, mit dem diese Menschen bezeichnet werden, stammt vom spanischen Wort Cimarrón (wild lebend) .

Am Oberlauf des Flusses Suriname befindet sich die vorwiegend von Saramakkanern bewohnte Insel Danpaati – das Ziel einer Reise von Fenna Williams.

Asien

Sir Bani Yas am Persischen Golf, Abu Dhabi

Die bis 1972 in der Wildnis ausgerottete Arabische Oryxantilope wurde in verschiedenen Zoos gezüchtet und dann beispielsweise wieder in ihrem natürlichen Habitat auf der zu Abu Dhabi gehörenden Insel Sir Bani Yas ausgesetzt. Scheich Zayid bin Sultan Al Nahyan (1918 – 2004), der Emir von Abu Dhabi und erste Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate, hatte Sir Bani Yas zum Naturreservat erklärt und auf Ökotourismus gesetzt.

Die 250 Kilometer von Abu Dhabi entfernte Insel im Persischen Golf dient auch Abertausenden von Zugvögeln als Etappenziel. Fenna Williams beschreibt das atemraubende Schauspiel in ihrem Buch.

Kepulauan Seribu in der Javasee, Indonesien

Bei Kepulauan Seribu handelt es sich um eine zu Jakarta gehörende Gruppe von etwa 130 kleinen Inseln in einem Gebiet, das 15 Kilometer vor der Küste von Java beginnt und 50 Kilometer in die Javasee hineinragt. Nicht alle Inseln sind bewohnt, einige dürfen zum Schutz von Schildkröten nicht betreten werden. Im Norden wurde 2002 ein maritimer Nationalpark eingerichtet.

Australien

Phillip Island

Phillip Island liegt unweit von Melbourne vor der australischen Südküste. Am Summerland Beach kommen jeden Abend nach Einbruch der Dunkelheit Hunderte von Zwergpinguinen aus dem Wasser und watscheln zu ihrer Kolonie.

Fenna Williams beobachtete die Pinguin-Parade noch mit weniger als hundert anderen Besucherinnen und Besuchern von einer Tribüne aus. Inzwischen strömen pro Jahr 3½ Millionen Touristinnen und Touristen auf die kleine Insel, und man hat für sie eine Aussichtsplattform an der Felsnase Nobbies gebaut.

Im krassen Gegensatz dazu werden auf dem Phillip Island Circuit Motorrad- und Autorennen ausgetragen.

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Fenna Williams begeisterte sich schon als Kind für Inseln wie Wilhelmstein im Steinhuder Meer und lieh in der Dorfbücherei sowohl entsprechende Reiseführer und Bildbände als auch Romane und Erlebnisberichte aus. Nachdem sie die Schule im Alter von 16 Jahren verlassen hatte, holte sie das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nach und studierte dann an der Freien Universität Berlin Amerikanistik, Lateinamerikanistik und Niederlandistik mit Schwerpunkt Linguistik und Literatur. Zur Finanzierung des Studiums jobbte sie als Studien-Reiseleiterin für den Deutsch-Britischen Jugendaustausch und kommerzielle Reiseveranstalter, aber auch beispielsweise als Hundefängerin in Kanada. Nachdem sie in Seattle, London und Frankfurt Workshops für kreatives Schreiben besucht hatte, begann sie Drehbücher, Kurzgeschichten, Kriminalromane und Reiseessays zu schreiben.

Zu ihren Passionen gehört das „Sammeln“ von Inseln.

Ich glaube, es hat einfach damit zu tun, dass Inseln nicht am Land kleben. Man braucht sowas wie eine Fähre oder ein Boot, um hinzukommen. Für mich ist das wie ablegen von allem. Also jetzt, wo ich erwachsen bin, ablegen vom Alltag, aber damals ablegen von allem wie Schule und so weiter, also weg von allem, was ich habe, und damit ein Gefühl von Freiheit kriegen. (Fenna Williams in einem Interview)

Ein Zitat der US-amerikanischen Schriftstellerin Rachel Lyman Field hat Fenna Williams als Motto für ihr Buch „Die Inselsammlerin“ gewählt:

… you won’t know why and you can’t say how
Such a change upon you came,
But once you have slept on an island,
You’ll never be quite the same.

Zwölf der mehr als 600 Inseln, die sie aus eigener Anschauung kennt, stellt sie in „Die Inselsammlerin“ vor. Nun würde man Hawaii, Barbados oder Madeira erwarten, aber keine dieser Inseln wurde von Fenna Williams in die Auswahl aufgenommen. Stattdessen stellt sie uns zum größten Teil weniger bekannte Inseln vor, und die sind aus ganz verschiedenen Gründen eine Reise wert.

Die Inselporträts sind nach den Kontinenten angeordnet: Europa, Afrika, Amerika, Asien und Australien. Fenna Williams hebt in jedem Kapitel das Besondere einer Insel heraus und verknüpft persönliche Reiseerfahrungen mit historischen Geschichten sowie Wissenswertem aus der Landeskunde. Wichtig sind ihr stets die Menschen, aber auch ökologische Aspekte.

Am Ende jedes Kapitels listet Fenna Williams auf, welche Erinnerungen und Souvenirs man von einer Insel mitbringen kann. Außerdem empfiehlt sie zu jeder Insel entsprechende Lektüre.

Ein amüsanter Sprachschnitzer lautet:

Ein gut gezielter Bogen fliegt weiter als die Themse breit ist.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2019
Textauszüge: © Terra Mater Books

Petra Hammesfahr - Die Lüge
Die Geschichte, die Petra Hammesfahr in ihrem Roman "Die Lüge" erzählt, ist unglaubwürdig, und die Figuren bleiben unbestimmt. Dem Thriller mangelt es außerdem an Suspense.
Die Lüge

 

 

 

Deutscher Buchpreis 2018
(Vorstellung des Romans der Preisträgerin und zehn weiterer Bücher der Finalisten)


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