Sarah Winman : Lichte Tage

Lichte Tage
Tin Man Headline, London 2017 Lichte Tage Übersetzung: Elina Baumbach Klett-Cotta, Stuttgart 2023 ISBN 978-3-608-98087-5, 233 Seiten ISBN 978-3-608-12034-9 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Ellis und Michael verlieben sich als Jugendliche in den 60er-Jahren, wagen es jedoch nicht, eine damals noch von der Gesellschaft geächtete schwule Lebenspartnerschaft zu bilden. Während Ellis die gemeinsame Freundin Annie heiratet, lässt Michael sich auf wechselnde Affären mit Männern ein ...
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Kritik

Ruhig und ohne Effekthascherei entwickelt Sarah Winman in ihrem Roman "Lichte Tage" eine berührende Geschichte von Liebe und Freundschaft, Suche nach sexueller Identität, Verlust und Einsamkeit. In der Hälfte des Buches wechselt sie von Ellis' zu Michaels Perspektive.
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Dora

Dora Judd besucht 1950 mit ihrem Ehemann Leonard eine Kirmes in Oxford – und zieht bei einer Tombola das große Los. Deshalb darf sie unter den ausgesetzten Preisen frei wählen. Leonard fordert sie auf, die Flasche Whisky zu nehmen, aber Dora entscheidet sich für die von John Chadwick gemalte Kopie des 1888/89 in Arles entstandenen Kunstwerks „Vase mit 15 Sonnenblumen“ von Vincent van Gogh. Gegen den Willen ihres Mannes, dem sie damit erstmals die Stirn bietet, hängt sie das Bild zu Hause auf.

Noch im selben Jahr wird ihr Sohn Ellis geboren.

Ellis

Im Alter von 14 Jahren begreift Ellis, dass seine Mutter todkrank ist. Sie muss ins Krankenhaus und stirbt kurz darauf.

Ellis begeistert sich für Kunst, aber sein Vater verschafft ihm einen Ausbildungsplatz in der Schlosserei des den Stadtteil prägenden Autowerks und beschließt, dass der Junge keine höhere Schule besuchen wird. Der Streit darüber eskaliert in einer Schlägerei. Noch in derselben Nacht zieht Ellis zu Mabel Wright, der Großmutter seines gleichaltrigen Freundes Michael. Und als er drei Monate später zu seinem Vater zurückkehrt, wohnt da Carol, die Lebensgefährtin des Witwers.

Michael war acht Jahre alt, als die Mutter ihn und seinen Vater verließ, um mit einer anderen Frau zusammenzuleben. Der Junge zog von ihr zurückgelassene Kleidungsstücke an und fühlte sich daraufhin wie eine Miniaturausgabe der Mutter. Nach dem Tod seines Vaters im Winter 1962/63 kam Michael zu seiner Großmutter Mabel Wright, die in Oxford einen Laden betreibt.

1969 verbringen die beiden 19-jährigen Freunde einige Zeit in Saint-Raphaël. Ellis und Michael fühlen sich auch erotisch begehrenswert. In Südfrankreich wäre die in Oxford undenkbare Entscheidung, ein schwules Paar zu werden, durchaus vorstellbar – aber Ellis und Michael kehren nach England zurück.

Dort wird durch Anne („Annie“) Cleaver aus dem Duo ein Trio. 1978 heiraten Ellis und Annie.

Weil Annie Literatur liebt, schenkt Ellis ihr zum sechsten Hochzeitstag eine Buchhandlung im Stadtteil St. Clement’s.

Michael ist nach London gezogen. Solange seine Großmutter lebt, kommt er an jedem Wochenende zu Besuch nach Oxford und sieht auch Annie und Ellis, aber nach Mabels Tod Mitte der Achtzigerjahre bricht der Kontakt zwischen den Freunden ab.

Michael

Michael, der zunächst als Journalist und dann als Verlagslektor tätig ist, freundet sich 1984 mit dem 13 Jahre jüngeren schwulen Künstler G. an. 1988 ruft G. an und klagt, dass es ihn erwischt habe. Er ist an Aids erkrankt. Michael kümmert sich um ihn, bis G. am 1. Dezember 1989 stirbt.

Den Sommer 1990 verbringt Michael in Saint-Rémy-de-Provence, zuerst als Feriengast, dann übernimmt er den frei gewordenen Job eines Zimmermädchens. Zurück in London, räumt er im November 1990 seine Wohnung aus, die ein Immobilienmakler für ihn vermieten oder verkaufen soll.

Dann fährt er nach Oxford und sucht Annie in ihrer Buchhandlung auf. Sie nimmt ihn mit nach Hause. Ellis arbeitet vor der Garage. Um den Freunden Zeit zu geben, geht Annie noch spazieren.

Ellis

1991 kommen Annie und Michael bei einem Autounfall in der Nähe von Binsey nordwestlich von Oxford ums Leben. An Michaels Leiche fallen dem Gerichtsmediziner Sarkome auf.

Im Alter von 45 Jahren verlässt Ellis seinen Arbeitsplatz im Montagewerk und will zu Mabels früherem Laden radeln. Weil er seinen Gedanken und Erinnerungen nachhängt, prallt er in ein Auto und zieht sich mehrere Knochenbrüche zu. Die Zeit der Rekonvaleszenz nutzt er, um über sein Leben nachzudenken.

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Die Handlung des Romans „Lichte Tage“ von Sarah Winman spielt großenteils in Oxford, aber nicht in im Milieu der Universitätsstadt, sondern im von einem Autowerk geprägten Arbeiterviertel im Osten.

Sarah Winman erzählt von zwei Jungen, die sich in den Sechzigerjahren ineinander verlieben, es jedoch nicht wagen, eine damals noch ungesetzliche und von der Gesellschaft geächtete schwule Lebenspartnerschaft zu bilden. Während Ellis die gemeinsame Freundin Annie heiratet, lässt Michael sich auf wechselnde Affären mit Männern ein – und trauert um einen an Aids gestorbenen Freund. Er selbst kommt schließlich zusammen mit Annie bei einem Verkehrsunfall ums Leben.

In einem kurzen ersten Kapitel schildert Sarah Winman, wie Ellis‘ Mutter bei einer Tombola eine Kopie des Gemäldes „Vase mit 15 Sonnenblumen“ von Vincent van Gogh gewinnt. Dann erinnert sich der inzwischen 45 Jahre alte Ellis an seine Erlebnisse mit Annie und Michael. In der zweiten Hälfte des Romans „Lichte Tage“ wechselt Sarah Winman noch einmal die Perspektive und lässt Michael in der Ich-Form erzählen. Und zum Schluss geht es wieder um Ellis.

Ruhig und ohne Effekthascherei entwickelt Sarah Winman die berührende Geschichte von Liebe und Freundschaft, Suche nach sexueller Identität, Verlust und Einsamkeit.

Den Roman „Lichte Tage“ von Sarah Winman gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Stefan Kaminsky.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2023

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