Truman Capote : Frühstück bei Tiffany

Frühstück bei Tiffany
Originalausgabe: Breakfast at Tiffany's, 1958 Frühstück bei Tiffany Übersetzung: Hansi Bochow-Blüthgen Limes Verlag, Wiesbaden 1959 Neuübersetzung: Heidi Zerning Kein & Aber Verlag, Zürich 2006
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die 18-jährige Holly Golightly begleitet jeden Abend einen anderen Verehrer zu einer der vielen Partys der New Yorker Schickeria. Wenn sie hin und wieder das "fiese rote Elend" packt, fährt sie zu Tiffany's, wo ihr die Atmosphäre das Gefühl der Sicherheit vermittelt. Sie träumt von einem Leben an der Seite eines Millionärs, doch gerade als sie ihn gefunden zu haben glaubt, wird sie festgenommen, weil man sie verdächtigt, für einen Drogenboss gearbeitet zu haben ...
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Kritik

"Frühstück bei Tiffany" ist eine rührende und sehr unterhaltsame Satire auf die New Yorker Schickeria, in der Truman Capote einfallsreich eine teils vergnügliche, teils melancholische Handlung entwickelt.
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New York, 1943. Der Ich-Erzähler, ein angehender Schriftsteller, dessen Namen wir nicht erfahren, wohnt in einem Mietshaus in Manhattan. Eines Nachts wird er geweckt, weil der im obersten Stockwerk wohnende Illustriertenfotograf I. Y. Yunioshi im Treppenhaus ruft: „Miss Golightly! Ich muss protestieren!“ Auf diese Weise wird der Schriftsteller erstmals auf Holly Golightly aufmerksam, eine Achtzehnjährige, die häufig erst gegen Morgen nach Hause kommt und dann bei Nachbarn klingelt, weil sie ihren Schlüssel verloren hat. Einmal steht sie unvermittelt auf der Feuertreppe vor dem Fenster des Schriftstellers: Da flüchtete sie vor einem Betrunkenen, den sie mit in ihr Apartment genommen hatte, als dieser zudringlich werden wollte.

Bei all ihrer schicken Magerkeit strahlte sie eine Haferflocken-Gesundheit aus, eine Seifen- und Zitronen-Reinlichkeit, und auf ihren Wangen lag eine raue Röte. Sie hatte einen großen Mund und eine Stupsnase. Eine Sonnenbrille verbarg ihre Augen. Es war ein Gesicht, das nicht mehr ganz in der Kindheit zu Hause war und schon einer Frau gehörte. Ich schätzte sie auf irgendetwas zwischen sechzehn und dreißig; wie sich herausstellte, stand sie zarte zwei Monate vor ihrem neunzehnten Geburtstag. (Seite 14)

Holly nennt den homosexuellen Schriftsteller, mit dem sie sich nun anfreundet, Fred, weil er sie an ihren vierzehn Jahre älteren Bruder erinnert, der so heißt. Sie erzählt ihm, dass sie mit vierzehn von zu Hause fortlief, aber ansonsten vermeidet sie es, von ihrer Vergangenheit zu sprechen. Stattdessen blickt sie nach vorne und träumt davon, einen Millionär zu heiraten.

„Ich werde mich nie an irgendwas gewöhnen. Alle, die’s tun, könnten genauso gut tot sein.“ (Seite 20)

„Ich meine […] nicht, dass ich was dagegen hätte, reich und berühmt zu sein. Das liegt durchaus auf meiner Marschroute, und eines Tages werd ich versuchen, dahin zu kommen; aber wenn das passiert, hätt ich gern mein Ego mit dabei. Ich möchte immer noch ich selbst sein, wenn ich eines schönen Morgens aufwache zu einem Frühstück bei Tiffany.“ (Seite 40)

Wenn Holly vom „fiesen roten Elend“ gepackt wird, hilft kein Marihuana, sondern ein Besuch bei Tiffany & Co., dem berühmten Juweliergeschäft an der Ecke Fifth Avenue / 57. Straße.

„Das beruhigt mich sofort, da ist es so still, und alles sieht so vornehm aus; dort kann einem nichts Schlimmes zustoßen, nicht bei diesen freundlichen Herren in ihren schönen Anzügen und diesem wunderbaren Geruch nach Silber und Krokodillederbrieftaschen.“ (Seite 41)

Seit sieben Monaten verfügt Holly über ein regelmäßiges Einkommen von 100 Dollar pro Woche. Dafür besucht sie jeden Donnerstag den neunundsechzig Jahre alten Mafiaboss Salvatore („Sally“) Tomato, der gerade eine fünfjährige Freiheitsstrafe in Sing Sing verbüßt. Das Geld bekommt sie von Oliver O’Shaughnessy, der behauptet, Tomatos Anwalt zu sein, was Holly jedoch nicht glaubt. Um O’Shaughnessy zu beweisen, dass sie bei dem Häftling war, muss sie nach jedem Besuch einen Satz wie aus einem Wetterbericht wiederholen, den Sally Tomato ihr zum Abschied sagt, zum Beispiel: „Schneeverwehungen am nächsten Wochenende in New Orleans.“ Weil Holly 100 Dollar pro Woche nicht reichen, lässt sie sich von reichen Herren aushalten, die sie zu Partys begleitet.

Bei einer Party, zu der Holly den Schriftsteller einlädt, lernt dieser O. J. Berman aus Hollywood kennen, einen Agenten, der Holly zum Filmstar hatte machen wollen. Ihm verdankt sie es, dass sie nicht mehr Dialekt, sondern die Sprache der Schickeria spricht. Doch statt zu ihrem ersten Vorsprechtermin in Los Angeles zu gehen, flog Holly nach New York, einfach, um die Stadt mal zu sehen.

Während Holly zur Zeit öfter mit dem vierzigjährigen Millionär Rutherford („Rusty“) Trawler gesehen wird, dessen Vater 1908 von einem Anarchisten umgebracht worden war, geht ihre stotternde Freundin Margaret („Mag“) Thatcher Fitzhue Wildwood aus Wildwood, Arkansas, mit José Ybarra-Jaegar, einem brasilianischen Diplomaten, der die Chance hat, Präsident seines Landes zu werden. Mag ist sich über ihre Gefühle nicht sicher und spricht mit Holly darüber:

Sie seufzte und griff wieder zu ihrem Strickzeug. „Ich muss wahnsinnig verliebt sein. Du hast uns doch zusammen gesehen. Meinst du, ich bin wahnsinnig verliebt?“
„Beißt er?“
Mag ließ eine Masche fallen. „Beißt er?“
„Dich, im Bett.“
„Nein. Müsste er?“ Dann fügte sie tadelnd hinzu: „Aber er lacht.“
„Gut. Das ist die richtige Einstellung. Ich mag Männer, die die komische Seite sehen; die meisten bestehen nur aus Ächzen und Keuchen.“ (Seite 50)

Zu seiner Verwunderung beobachtet der Schriftsteller eines Tages, wie Holly die Stadtbibliothek in der 42. Straße betritt. Er folgt ihr unbemerkt, und nachdem sie gegangen ist, schaut er sich die Titel der Bücher an, die sie auf dem Tisch liegen ließ. Es handelt sich um Nachschlagewerke über Lateinamerika im Allgemeinen und Brasilien im Besonderen. Hat Holly ein Auge auf José geworfen?

Bevor der Schriftsteller eine Antwort auf diese Frage gefunden hat, begegnet ihm ein Mann namens Golightly, den er zunächst für Hollys Vater hält, bis sich herausstellt, dass der Tierarzt, der bei Tulip, Texas, eine kleine Farm besitzt, Hollys Ehemann ist und Holly in Wirklichkeit Lulamae heißt. Golightlys erste Frau war im Juli 1936 gestorben. Einige Zeit später erwischte Golightlys älteste Tochter das verwaiste Geschwisterpaar Lulamae und Fred beim Stehlen von Milch und Eiern. Im Dezember 1938 heiratete der Witwer und Vater von fünf Kindern die damals knapp vierzehnjährige Lulamae, die jedoch kurz darauf davonlief. Seither hat Doc Golightly sie gesucht.

Lulamae alias Holly Golightly macht ihrem Ehemann klar: „Doc, ich bin keine vierzehn mehr, und ich bin nicht Lulamae.“ (Seite 73) Sie begleitet ihn zum Busbahnhof, und er fährt allein zurück nach Texas. Holly warnt Joe Bell, den Wirt einer Bar in der Nähe ihrer Wohnung, denselben Fehler wie Doc Golightly zu machen:

„Verlieben Sie sich nie in ein wildes Geschöpf, Mr Bell“, riet Holly ihm. „Das war Docs Fehler. Er hat immer wilde Geschöpfe nach Hause geschleppt. Einen Habicht mit einem verletzten Flügel. Einmal einen ausgewachsenen Rotfuchs mit einem gebrochenen Bein. Aber man darf sein Herz nicht an wilde Geschöpfe verlieren: je mehr man es tut, desto stärker werden sie. Bis sie stark genug sind, in den Wald zu laufen. Oder auf einen Baum zu fliegen. Dann auf einen höheren Baum. Dann in den Himmel.“ (Seite 73)

Als Holly die Einrichtung ihres Apartment zertrümmert, nimmt ihr Nachbar, der Schriftsteller, zunächst an, sie sei wegen der Hochzeit von Mag Wildwood und Rusty Trawler außer sich, aber Hollys Verzweiflung hat einen anderen Grund: Doc Golightly teilte ihr in einem Telegramm mit, dass ihr Bruder Fred in Europa gefallen sei. José Ybarra-Jaegar kommt mit einem Arzt, der Holly eine Beruhigungsspritze gibt. Bald darauf zieht der Brasilianer bei Holly ein.

Ein paar Wochen später berichtet Holly dem Schriftsteller – den sie seit dem Tod ihres Bruders nicht mehr Fred nennt –, sie sei schwanger und werde José heiraten.

„Denn ich liebe José – ich würde aufhören zu rauchen, wenn er mich darum bäte.“ (´Seite 82)

Der homosexuelle Schriftsteller liebt Holly „genug, um mich und meine selbstmitleidige Verzweiflung zu vergessen, um zufrieden zu sein, dass ihr etwas bevorstand, was sie für ihr Glück hielt“ (Seite 86). Doch eine Woche vor dem geplanten Flug nach Rio de Janeiro werden Holly und der zweiundfünfzigjährige Ganove Oliver O’Shaughnessy festgenommen. Staatsanwalt Frank L. Donovan beschuldigt sie der Mittäterschaft in einem von Sally Tomato mittels codierter Botschaften aus dem Gefängnis heraus geführten internationalen Rauschgiftring. Der Schriftsteller ruft O. J. Berman in Hollywood an, um ihn um Hilfe zu bitten. Berman hat bereits von der Verhaftung gehört und seinen New Yorker Rechtsanwalt Iggy Fitelstein beauftragt, Holly gegen eine von ihm gestellte Kaution freizubekommen.

Am nächsten Abend besucht der Schriftsteller Holly im Krankenhaus: Sie hat eine Fehlgeburt erlitten.

José Ybarra-Jaegar trennt sich in einem Brief von Holly, in dem er ihr erklärt, er müsse auf seinen Ruf achten.

Das hindert Holly nicht daran, das von José bereits bezahlte First-Class-Ticket nach Rio zu benutzen und sich vor dem Beginn ihres Prozesses ins Ausland abzusetzen. Den Schriftsteller bittet sie, ihr die Namen der fünfzig reichsten Männer von Brasilien zu besorgen. Auf der Fahrt mit ihm zum Flughafen lässt sie den Taxifahrer in Spanish Harlem halten und wirft den Kater hinaus, der ihr vor einiger Zeit zugelaufen war und dem sie keinen Namen gab, weil sie unabhängig bleiben wollte. Einen Block weiter überlegt Holly es sich und rennt zurück, aber der Kater ist verschwunden.

Der Schriftsteller sucht in den folgenden Tagen so lange nach dem Kater, bis er ihn am Fenster eines warm aussehenden Zimmers entdeckt. Dort ist er bestimmt gut aufgehoben.

Sally Tomato erliegt im Gefängnis einem Herzanfall.

Die Trawlers lassen sich scheiden.

Einmal erhält der Schriftsteller eine Karte von Holly:

„Brasilien war schauderhaft, Buenos Aires dagegen fabelhaft. Nicht Tiffany, aber fast. Bin an Hüften verbunden mit 1a $enor. Liebe? Glaub ja. Schau mich jedenfalls nach Behausung um ($enor hat Frau, 7 Gören) […]“ (Seite 108)

Mehr als zehn Jahre später ruft unvermittelt Joe Bell bei dem Schriftsteller an und fordert ihn auf, in die Bar zu kommen. Dort erzählt Joe, am Vortag sei I. Y. Yunioshi hier gewesen. Er zeigte ihm ein Foto, auf dessen Rückseite stand: „Holzschnitzerei, S-Stamm, Tocucul, East Anglia, erster Weihnachtsfeiertag 1956“. Der japanische Fotograf hatte die Skulptur eines Frauenkopfes während einer Afrikareise entdeckt und zweifelsfrei Holly Golightly wiedererkannt. Der afrikanische Schnitzer erzählte ihm, die Frau sei mit zwei Männern im Dorf aufgetaucht, seine Geliebte geworden und nach kurzer Zeit wieder verschwunden. – Der inzwischen siebenundsechzig Jahre alte Wirt gibt zu, Holly Golightly geliebt zu haben. „Aber nicht so, dass ich sie anrühren wollte.“ (Seite 11) Und genauso hat auch der Ich-Erzähler sie geliebt.

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Holly Golightly ist eine junge Aufsteigerin, die sich nicht gern an ihre Vergangenheit als Waise und vierzehnjährige Ehefrau eines texanischen Tierarztes erinnert, sondern in Hollywood die Sprache der Schickeria gelernt hat, nach New York gezogen ist und an eine Zukunft an der Seite eines Millionärs glaubt. Sie will frei sein und sich keinem Zwang fügen. Zum Symbol der Sicherheit, auf die sie deshalb verzichten muss, wird das renommierte Juweliergeschäft Tiffany’s in Manhattan.

„Frühstück bei Tiffany“ ist eine Satire von Truman Capote auf die New Yorker Schickeria während der letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs, der es an nichts außer echten Gefühlen fehlte.

[…] war Truman Capote seiner Zeit um Jahre voraus. Seine beiden Hauptfiguren verkörperten einen neuen Typus Großstädter […] Es war der Aufstand der jungen Kosmopoliten gegen die Konventionen des bürgerlichen Lebens, allen voran gegen die traditionellen Familienstrukturen und geordneten Biografien. (Andrian Kreye, Süddeutsche Zeitung, 21. April 2007)

Man kann „Frühstück bei Tiffany“ auch lesen als Gegenentwurf zu dem 1955 veröffentlichten moralisierenden Roman „Marjorie Morningstar“, in dem Herman Wouk von einer jungen Jüdin erzählt, die zunächst von einer Karriere als Schauspielerin träumt, aber nach einigen Enttäuschungen ihre Erfüllung als Hausfrau findet.

„Frühstück bei Tiffany“ beginnt mit einer Szene, die in der zweiten Hälfte der Fünfzigerjahre spielt, also mehr als zehn Jahre nach der eigentlichen, von Truman Capote chronologisch und mit zahlreichen originellen Einfällen entwickelten Handlung. Obwohl jede Szene und jede Zeile sitzt, wirkt der Roman wie von leichter Hand geschrieben. „Frühstück bei Tiffany“ ist eine gelungene, sehr unterhaltsame Kombination aus Fröhlichkeit und Melancholie, Humor und Satire.

Von der Verfilmung durch Blake Edwards – „Frühstück bei Tiffany“ – soll Truman Capote sich distanziert haben, weil der Drehbuchautor George Axelrod das Geschehen zeitlich um eineinhalb Jahrzehnte verschob und sexuelle Anspielungen ausblendete.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2007
Textauszüge: © Kein & Aber Verlag

Blake Edwards: Frühstück bei Tiffany

Truman Capote (Kurzbiografie)
Bennett Miller: Capote

Truman Capote: Die Grasharfe
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