Christiane Felscherinow : Wir Kinder vom Bahnhof Zoo

Wir Kinder vom Bahnhof Zoo
Christiane F. Wir Kinder vom Bahnhof Zoo Nach Tonbandprotokollen aufgeschrieben von Kai Hermann und Horst Rieck Vorwort: Horst Eberhard Richter Originalausgabe Verlag Gruner + Jahr, Hamburg 1978 ISBN 978-3-570-02391-4, 325 Seiten Berlin Bibliothek Berliner Zeitung, Berlin 2008 ISBN 978-90-78432-61-6, 287 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

"Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" veranschaulicht, wie in sozialen Brennpunkten lebende, mit familiären Problemen konfrontierte Kinder in einen Strudel von Drogenabhängigkeit, Kriminalität und Prostitution gezogen werden können. Lange glaubt Christiane F., sie hätte den Drogenkonsum unter Kontrolle und könnte jederzeit damit aufhören. Aber es zeigt sich, dass es kaum einen Ausweg aus dem Teufelskreis gibt.
mehr erfahren

Kritik

Das von zwei Journalisten verfasste erschütternde Sachbuch "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" unterrichtet ein breites Publikum über die Drogenproblematik, nicht abstrakt, sondern am konkreten Beispiel der Drogensüchtigen Christiane F., die 1978 im Alter von 15 Jahren über ihre Erfahrungen berichtet. Horst Rieck und Kai Hermann lassen sie in der Ich-Form erzählen und treten dahinter zurück.
mehr erfahren

Umzug nach Berlin

1968, als Christiane F. sechs Jahre alt ist, ziehen die Eltern mit ihr und ihrer ein Jahr jüngeren Schwester von einem westdeutschen Dorf nach Westberlin, denn der Vater träumt davon, in der Großstadt eine Heiratsvermittlung aufzubauen. Aber daraus wird nichts. Die Familie landet in einer kleinen Wohnung im elften Stockwerk eines Mietshauses in der Gropiusstadt in Neukölln.

Während die Mutter bald einen Job als Stenokontoristin bekommt, bleibt der Vater erst einmal arbeitslos. Das verkraftet er nur schwer. Sein Großvater besaß noch eine Druckerei mit Zeitung und Landbesitz in Ostdeutschland, wurde allerdings nach dem Zweiten Weltkrieg in der DDR enteignet. Immerhin fährt Richard F. einen Porsche, vermutlich als einziger Arbeitsloser in Neukölln.

Christianes Mutter wuchs als Tochter eines Steinbruchbesitzers in einem hessischen Dorf auf. Sie wollte Hebamme werden, aber der strenge Vater bestand auf einer kaufmännischen Lehre. Nach ihrem 18. Geburtstag zog sie mit Richard – der seine Ausbildung zum Landwirt ebenso wie sie die ihre abbrach – nach Norddeutschland, wo seine Eltern lebten.

In der Großwohnsiedlung Gropiusstadt achten Hauswarte darauf, dass die Hausordnungen eingehalten werden. Überall stehen Verbotsschilder. Die Kinder spielen sich gegenseitig Streiche. Muss ein kleines Mädchen beispielsweise zur Toilette in der Wohnung ganz oben im Hochhaus, drücken andere Kinder alle Knöpfe im Aufzug, sodass dieser in jeder Etage hält und die Fahrt viel zu lange dauert.

Christianes Eltern lassen sich 1973 scheiden, und die Mutter lebt nun mit einem Freund namens Klaus zusammen. Sie ziehen schließlich nach Kreuzberg.

In der Schule faucht Christiane einen Lehrer an:

„Was erzählen Sie uns hier bloß für eine Scheiße. Was heißt hier Umweltschutz? Das fängt doch erst mal damit an, dass die Menschen lernen, miteinander umzugehen. Das sollten wir an dieser Scheißschule erst mal lernen. Dass er eine irgendein Interesse für den anderen hat. Dass nicht jeder versucht, das größte Maul zu haben und stärker zu sein als der andere, und dass man sich nur gegenseitig bescheißt und ablenkt, um bessere Noten zu bekommen.“

Drogeneinstieg

Die Mitschülerin Kessie nimmt Christiane mit in das „Haus der Mitte“, eine Jugendeinrichtung der evangelischen Kirche mit einer Art Diskothek im Keller. Dort wird mehr oder weniger heimlich Haschisch geraucht. Es dauert nicht lang, bis Christiane sich nicht mehr mit der „Babydroge“ begnügt, sondern Aufputsch- und Beruhigungsmittel probiert. Abwechselnd wirft sie Coffein-Tabletten, Mandrax, Ephedrin, Captagon und Valium ein.

Vom „Haus der Mitte“ geht es weiter zur Diskothek Sound, in der auch Heroin zu haben ist, aber davor schreckt Christiane zurück. Sie wird die feste Freundin des Junkies Andreas („Atze“) Wiczorek. Als der zu einem anderen Mädchen wechselt, kümmert sich der 16-jährige Lehrling Detlef liebevoll um sie, und Christiane erwidert bald seine Gefühle. Sie ist entsetzt, als Detlef beabsichtigt, Heroin auszuprobieren. Aber im April 1976, als Detlef sich Heroin spritzt, schnieft Christiane erstmals etwas davon. Sie will dazugehören. (Im Buch heißt es auf Seite 82: „Das war am 18. April 1976.“ In der auf Seite 12 zitierten Anklageschrift steht dagegen: „Die Angeklagte ist seit Februar 1976 Heroinverbraucherin.“)

Am 20. Mai 1976 feiert Christiane F. ihren 14. Geburtstag.

Heroin

Bald darauf injiziert Christiane sich erstmals Heroin, und zwar in der öffentlichen Toilettenanlage am Bülowbogen mit einem gebrauchten Besteck, das ihr ein Fremder leiht.

Die Sommerferien 1976 verbringt Christiane bei ihrer Großmutter in Hessen, wo sie keine Gelegenheit hat, an Drogen zu kommen.

Auf einer Klassenfahrt zu Beginn des neuen Schuljahrs erkrankt sie an Gelbsucht – möglicherweise durch die verunreinigte Spritze des Fremden verursacht ‒ und wird drei Wochen lang auf der Kinderstation des Universitätsklinikums Freiburg im Breisgau behandelt.

Zweieinhalb Monate lang kommt sie ohne Drogen aus, aber zurück in Berlin, beginnt Christiane sofort wieder Heroin zu sniefen. Detlef sucht inzwischen am Bahnhof Zoo nach Freiern, um den Heroin-Konsum zu finanzieren. Und weil er nicht will, dass seine Freundin sich prostituiert, schafft er auch für sie mit an.

[Christiane F.:] Ich bildete mir ein, ich würde ein Wochenend-Fixer bleiben. Jeder, der mit H anfängt, bildet sich das ein […].

Erst nachdem er sich ein halbes Jahr lang geduldet hat, ist Christiane im Spätherbst 1976 bereit, sich von ihm deflorieren zu lassen, und sie schaffen es beide, dabei nüchtern zu sein.

Vier Wochen nach der Entjungferung setzt sich Christiane erstmals zu einem Freier ins Auto, lässt sich allerdings nicht anfassen und besorgt es ihm nur mit der Hand.

Im Dezember 1976 erlebt die 14-Jährige die ersten heftigen Entzugserscheinungen des vom Heroin abhängigen Körpers („Turkey“). Anfang 1977 kann sie nur noch Quark, Joghurt und Pudding essen.

Hilfe!

Ende Januar 1977 wird Christiane von ihrer Mutter ertappt, als sie sich im Bad Heroin injiziert. Die Stenokontoristin nimmt Urlaub, um ihrer Tochter und deren Freund Detlef beim Entzug beistehen zu können. Ein naiver Plan!

Nach sieben Tagen lassen die Entzugserscheinungen nach, und das Paar will erstmals wieder ins Freie. Der Weg führt direkt zum Bahnhof Zoo. Nach zwei Stunden drücken die beiden schon wieder, und Detlef meint:

„Weißt du, so ab und zu einen Druck könnten wir uns schon genehmigen. Es ist ja schon geil, auf H zu sein, solange man nicht abhängig ist. Wir müssen nur wahnsinnig aufpassen, dass wir nicht wieder draufkommen. Das gleiche noch einmal durchmachen, so einen Entzug, das ist bei mir nicht drin.“

Christiane ist geschockt, als sie im Frühjahr 1977 erfährt, dass Atze, ihr erster fester Freund, im Alter von 17 Jahren eine tödliche Dosis Heroin gedrückt hat („goldener Schuss“).

Kurz darauf wird sie von einer Zivilstreife am Bahnhof Zoo aufgegriffen und als Drogensüchtige registriert. Ihre Mutter holt sie von der Revierwache am Zoo ab. Weitere vorübergehende Festnahmen und eine Vorladung der Kriminalpolizei folgen. Die Mutter sucht Hilfe auf dem Jugendamt, wird aber an die Erziehungs- bzw. Drogenberatung verwiesen, wo man ihr erklärt, dass ein Entzug ohne Therapie zwecklos sei, aber mit einem Vierteljahr Wartezeit für einen der knappen Therapieplätze gerechnet werden müsse.

Im Mai 1977 meldet sich Christiane selbst bei der Drogenberatung im ehemaligen „Haus der Mitte“. Weil ihr dort niemand helfen kann, lässt sie sich am 18. Mai 1977 – zwei Tage vor ihrem 15. Geburtstag – von ihrer Mutter zum Therapie-Haus von Narconon in Zehlendorf bringen. Die zur Scientology Church gehörende Organisation berechnet 52 DM/Tag. Christianes Mutter nimmt einen Kredit auf, um die erste monatliche Vorauszahlung leisten zu können.

Nach zwei Wochen flüchtet Christiane aus der Einrichtung. Am Bahnhof Zoo erfährt sie, dass Detlef inzwischen in Paris ist. Weil sie nicht weiß, wohin sie sich sonst wenden soll, kehrt Christiane zu Narconon zurück.

Intermezzo beim Vater

Als die Mutter ihren geschiedenen Mann um Hilfe bittet, holt dieser die Tochter gegen deren Willen aus Zehlendorf. Richard glaubt, Christiane mit einer Aufgabenliste von der Drogensucht abbringen zu können. Dazu gehört das Füttern seiner Brieftauben in Rudow. Aber Christiane kümmert sich nur jeden zweiten, dritten Tag um die Tauben und fährt stattdessen zur Hasenheide, wo sie sich mit einem türkischen und einen arabischen Dealer anfreundet, die ihr Heroin-Reste zum Sniefen überlassen.

Detlef kehrt aus Paris zurück, wird jedoch inhaftiert, weil er vor der Abreise einen Freier in Berlin ausraubte.

Christiane spricht am Bahnhof Zoo Heinz G. an, den Stammfreier von Babette („Babsi“) und Stella, die früher zu ihrer Clique gehörten. Er zeigt ihr in seinem Schreibwarenladen erst einmal Pornofotos, die er von mehreren Mädchen, darunter auch Babsi und Stella, geknipst hat. Christiane weiß, dass er mit Heroin statt Geld bezahlt. Das findet sie praktisch, denn so spart sie die Zeit, die sie sonst für das Besorgen der Droge benötigen würde und kann ihr Treiben besser verheimlichen. Allerdings besteht Heinz auf Geschlechtsverkehr.

(Der Mann wird im Februar 1978 wegen Weitergabe von Heroin und sexuellen Missbrauchs Minderjähriger zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt.)

Verzweiflung

In einer Zeitung liest Christiane, dass Babsi an einer Überdosis Heroin starb. Das Mädchen wurde nur 14 Jahre alt.

Christiane meldet sich freiwillig in der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik („Bonnies Ranch“), um nicht so wie Atze, Babsi und andere Fixer zu enden. Nach einiger Zeit fordert man sie auf, eine Erklärung zu unterschreiben, in der sie einer drei Monate langen Therapie zustimmt. Andernfalls, so wird gedroht, müsse sie mit einer Zwangseinweisung für ein halbes Jahr rechnen.

Als Christiane wegen einer Pilzinfektion vorübergehend ins Rudolf-Virchow-Krankenhaus in Wedding verlegt wird, bittet sie darum, eine auf den Rollstuhl angewiesene greise Patientin durch den Park schieben zu dürfen – und nutzt die Gelegenheit zur Flucht. Ihr Ziel ist der Bahnhof Zoo. Sie gerät in eine Razzia, aber die Polizei, die nichts von ihrer Flucht ahnt, lässt sie nach zwei Stunden wieder laufen.

Von einer Drogenberatungsstelle aus ruft Christiane ihre Mutter an und kehrt nach Hause zurück. Dort liegt sie drei Tage lang krank im Bett. Sie muss noch einmal ins Krankenhaus, und weil das Klinikum Steglitz sie nicht aufnimmt, landet sie wieder im Rudolf-Virchow-Krankenhaus. Bei einem Besuch bringt die Mutter Detlef mit, der inzwischen aus der Haft entlassen wurde. Ein Fehler, denn er verhilft Christiane zur Flucht aus der Klinik.

In der öffentlichen Toilettenanlage am Bahnhof Bundesplatz zwischen Friedenau und Wilmersdorf will sich Christiane im Oktober 1977 den „goldenen Schuss“ setzen. Aber sie wacht wieder auf, und zwei 15-jährige Schwule, die sich in der Toilette herumtreiben, helfen ihr. Sie kehrt zum Bahnhof Zoo zurück.

Mit Detlef zusammen zieht sie zu einem Mann namens Piko. Als Detlef dort nach dem Drücken leblos am Boden liegt, rennt Christiane in Panik zu einer Nachbarin und ruft den Notdienst. Piko und Detlef sind fort, als die Polizei kommt, aber die seit zwei Wochen von ihrer Mutter als vermisst gemeldete 15-Jährige wird zum Polizeirevier Friedrichstraße gebracht.

Nur weg aus Berlin!

Am nächsten Tag holt die Mutter sie ab und fährt mit ihr ohne weitere Erklärungen zum Flughafen Tegel. Sie fliegen am 13. November 1977 nach Hamburg. Die Mutter, die befürchtet, dass Christiane in Berlin zugrunde gehen würde, hat die in einem Dorf außerhalb von Hamburg lebende Schwester ihres Ex-Manns überredet, die Nichte aufzunehmen. Christiane hält ihre gerade einmal 30 Jahre alte Tante Evelyn, deren Mann, den Cousin und ihre Großmutter väterlicherseits für Spießer, aber es bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich zu fügen.

Nach den Weihnachtsferien kommt Christiane in die neunte Klasse der Realschule und nimmt sich vor, nach der mittleren Reife auch noch das Abitur zu machen. Aber Ende Januar wird sie zum Rektor gerufen. Der hat eine Polizeiakte aus Berlin vor sich und erklärt ihr, sie müsse seine Schule sofort verlassen. Notgedrungen muss sie zur Hauptschule.

Ich wusste auch nicht recht, wozu das ganze Lernen und der Stress in der Schule gut waren, seit mir klar wurde, dass ich weder Abitur noch Realschule machen konnte. Und ich merkte, dass ich als ehemalige Süchtige auch mit einem noch so guten Hauptschulabschluss keinen Job finden würde, auf den ich Bock hätte.
Den ganz guten Hauptschulabschluss kriegte ich. Aber keine Lehrstelle. Nur einen Aushilfsjob nach irgendeinem Gesetz, das arbeitslose Jugendliche von der Straße schaffen soll.

nach oben (zur Kritik bzw. Inhaltsangabe)

Im Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ gibt es einen Berliner Schreibwarenhändler, der minderjährige Mädchen, die sich zur Finanzierung ihres Drogenkonsums prostituieren, mit Heroin statt Geld bezahlt. Vor Gericht sagte Christiane F. gegen ihn aus. Im Februar 1978 verurteilte das zuständige Gericht den Angeklagten Heinz G. wegen Weitergabe von Heroin und sexuellen Missbrauchs Minderjähriger zu dreieinhalb Jahren Haft.

Der Journalist Horst Rieck verfolgte das Gerichtsverfahren und bat dann die 15-jährige Zeugin Christiane F. um ein Interview. Daraus wurde im Verlauf von zwei Monaten  Tonbandprotokolle, die Horst Rieck und seinem Kollege Kai Hermann als Material für das Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ dienten, das 1978 nach einem teilweisen Vorabdruck im „stern“ als Sachbuch erschien. Der Titel stand 95 Wochen lang auf Platz 1 der „Spiegel“-Bestsellerliste.

Der Familienname der Autorin bzw. Ich-Erzählerin Christiane wurde mit „F.“ abgekürzt, um sie zu schützen. Aber als sie 1983 bei der Promotion für den Kinofilm „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ in den USA mitmachte, deckte sie ihren vollständigen Namen auf: Vera Christiane Felscherinow.

Horst Rieck und Kai Hermann lassen die Protagonistin in der Ich-Form erzählen. Sie treten dahinter zurück und schreiben konsequent aus Christianes Sicht, kommentieren das Geschehen also auch nicht als Journalisten, sondern nur aus der Perspektive der Betroffenen, die 1978 als 15-Jährige über ihre Erlebnisse von 1968 bis 1977 berichtet.

Eingestreut sind allerdings andere (kursiv gedruckte) Perspektiven. Neben Christianes Mutter kommen zu Wort: Jürgen Quandt, der für die Jugendeinrichtung „Haus der Mitte“ in der Gropiusstadt verantwortliche Kreisjugendpfarrer, Kriminaloberrat Gerhard Ulber, der Leiter der Rauschgift-Inspektion der Berliner Polizei und Renate Schipke, eine Sachbearbeiterin im Rauschgiftdezernat. Außerdem beginnt „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ mit Auszügen aus der Anklageschrift des Staatsanwalts beim Landgericht Berlin gegen Christiane F. vom 27. Juli 1977 und dem Urteil des Amtsgerichts Neumünster vom 14. Juni 1978.

„Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ ist kein Roman, sondern ein erschütterndes Sachbuch, das ein breites Publikum über die Drogenproblematik informiert, und zwar am konkreten Beispiel. Es veranschaulicht, wie in sozialen Brennpunkten lebende, mit familiären Problemen konfrontierte Kinder in einen Strudel von Drogenabhängigkeit, Kriminalität und Prostitution gezogen werden können. Lange glauben Christiane und andere Betroffene in ihrem Umfeld, sie hätten den Drogenkonsum unter Kontrolle und könnten jederzeit damit aufhören. Aber es zeigt sich, dass es kaum einen Ausweg aus dem Teufelskreis gibt, zumal – wie es in „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ dargestellt ist – Behörden und Beratungsstellen überfordert sind.

Im Vorwort schreibt der Psychoanalytiker Prof. Dr. Dr. Horst-Eberhard Richter:

Dieses einzigartige Dokument wird hoffentlich vielen endlich begreiflich machen, dass jugendliche Drogensucht – wie der sich rasch ausbreitende Jugend-Alkoholismus und der Zustrom zu den Jugendsekten – nicht von außen gemacht wird, sondern mitten aus unserer Gesellschaft heraus entsteht. […] Es sind nicht die Tollheiten einer Sonderkategorie primär abartiger Kinder und Jugendlicher, die zum Heroin führen, sondern eine Vielzahl miteinander verzahnte Probleme von inhumanem Wohnen, Unterdrückung der kindlichen Spielwelt, Krisen in den Zweierbeziehungen der Eltern, allgemeine Entfremdung und Isolation innerhalb der Familie wie in der Schule usw. […]
Kaum eine der mitwissenden und z. T. offiziell befassten Institutionen wie Schulen, Gesundheits- und Sozialbehörden, Polizei, Kliniken tut etwas Gründliches oder schlägt Alarm. […] Da wird lediglich zugeschaut, registriert, gelegentlich eingesperrt. […]
Grundfalsch ist jedenfalls die Unterstellung, die Kinder bereiteten sich ihre ausweglose Isolation erst mit ihrem Abtauchen in die „Szene“. Die Isolation bestand immer schon vorher. […]
Verhängnisvoll ist, wie Christiane mit seltener Prägnanz beschreibt, eine Stadtplanung, die den Kommunikationszerfall unter den Menschen geradezu systematisch programmiert. […] Gropiusstadt ist nur ein Beispiel für zahlreiche lediglich nach technisch funktionalen Prinzipien, aber an den emotionalen menschlichen Bedürfnissen vorbei geplanten Neubausiedlungen, die als Brutstätten für psychische Krankheiten und Verwahrlosung wirken und nicht zufällig zu Brennpunkten von kindlichem Drogenelend und Alkoholismus geworden sind. Hinzu tritt dann der Faktor eines strukturlosen Massenbetriebes in den Schulen […].
Fast immer verläuft das Abgleiten als ein allmählicher, lang dauernder Prozess, der Eltern und Lehrern an sich genügend Anhaltspunkte dafür liefern könnte, sich hilfreich einzuschalten. […]
Und es ist ein unverantwortlicher Missstand, wie sehr die Schaffung geeigneter Therapieeinrichtungen und die Förderung vorhandener bewährter Therapieangebote vernachlässigt wird.

1980 schrieben Peter Märthesheimer und Pea Fröhlich das Theaterstück „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Nach dem Bericht der Christiane F.“.

Uli Edel drehte von August bis November 1980 mit Natja Brunckhorst in der Titelrolle den Kinofilm „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“.

Originaltitel: Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo – Regie: Uli Edel – Drehbuch: Herman Weigel – Kamera: Justus Pankau, Jürgen Jürges – Schnitt: Jane Seitz – Musik: Jürgen Knieper (David Bowie)– Darsteller: Natja Brunckhorst, Thomas Haustein, Jens Kuphal, Christiane Lechle, Christiane Reichelt, David Bowie, Daniela Jaeger, Rainer Wölk, Jan Georg Effler, Kerstin Richter, Peggy Bussieck, Kerstin Malessa, Bernhard Janson u. a. – 1981; 130 Minuten

Während der Uraufführung des Films am 2. April 1981 saß Christiane Felscherinow zunächst im Publikum, aber sie verließ das Kino vorzeitig. (So berichtete sie es am 15. Mai 2007 Sandra Maischberger.)

Philipp Kadelbach führte bei den acht Folgen der Fernsehserie “ Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ Regie. Die Dreharbeiten fanden von Juli 2019 bis Februar 2020 statt. Die Ausstrahlung begann am 19. Februar 2021 bei Amazon Prime Video.

Originaltitel: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo – Regie: Philipp Kadelbach – Drehbuch: Annette Hess u. a. – Kamera: Jakub Bejnarowicz – Schnitt: Bernd Schlegel – Musik: Michael Kadelbach, Robot Koch – Darsteller: Jana McKinnon, Lena Urzendowsky, Lea Drinda, Michelangelo Fortuzzi, Jeremias Meyer, Bruno Alexander, Angelina Häntsch, Sebastian Urzendowsky, Bernd Hölscher, Valerie Koch, Nik Xhelilaj, Gerhard Liebmann, Tonio Arango u. a. – 2021; 8 mal 50 Minuten

nach oben (zur Kritik bzw. Inhaltsangabe)

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2022
Textauszüge: © Verlag Gruner + Jahr

Christiane Felscherinow (kurze Biografie)

Peter Wawerzinek - Rabenliebe
Frustration, Zorn und Hass führen Peter Wawerzinek in dem erschütternden autobiografischen Roman "Rabenliebe" die Feder. Die fehlende Distanz und die Einseitigkeit der Darstellung schaden dem Buch, das brillante Passagen aufweist.
Rabenliebe