François Bégaudeau : Die Klasse

Die Klasse

François Bégaudeau

Die Klasse

Originalausgabe: Entre les murs Éditions Gallimard, Paris 2006 Die Klasse Übersetzung: Katja Buchholz und Brigitte Große Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 2008 ISBN: 978-3-518-46031-3, 232 Seiten, 12.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

François unterrichtet in einer Schule im Nordosten von Paris. Fast alle seiner 13- bis 15-jährigen Schüler haben einen Migrations-hintergrund. Zukunftschancen sehen sie keine. – Die Klasse als Abbild der Gesellschaft: Personen verschiedener kultureller und sozialer Herkunft müssen sich zusammenraufen, sich in einem Geflecht von Beziehungen zurechtfinden, sich integrieren und lernen, Andersdenkende zu tolerieren, statt sie auszugrenzen.
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Kritik

In dem sarkastischen, vorwiegend aus umgangssprachlichen Dialogen bestehenden Roman "Die Klasse" stilisiert François Bégaudeau den Lehrer François nicht zum Helden, sondern lässt uns dessen Frustration und Überforderung spüren.
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François unterrichtet Französisch in einer Schule im Nordosten von Paris. Die dreizehn- bis fünfzehnjährigen Schülerinnen und Schüler in seiner Klasse heißen zum Beispiel Souleymane, Khoumba, Djibril, Frida, Dico, Sandra, Mezut, Hinda, Ming, Alyssa, Cynthia, Gibran, Mohammed-Ali, Zineb, Fangjie, Kevin, Sofiane, Youssouf, Yelli, Mody, Jiajia, Liquiao, Xiawen, Katia, Ndeyé. Auf ihren T-Shirts und Pullovern stehen Slogans wie „Apokalypse now“ oder „Devil forever“. Ziele haben sie keine, denn sie sehen keine Zukunftschancen. Die Schule langweilt sie. Auch die frustrierten Lehrer nutzen jede Gelegenheit, den Beginn des Unterrichts hinauszuzögern.

Fünf Jahre lang beobachten wir François im Schulalltag. Seine Klasse hat zwischen fünfundzwanzig und dreißig Schülerinnen und Schüler: fünfundzwanzig, achtundzwanzig, sechsundzwanzig, siebenundzwanzig, dreißig – so lauten auch die Überschriften der fünf Kapitel des Romans „Die Klasse“.

Jedes Schuljahr bzw. jedes Kapitel beginnt mit einer Variation der gleichen Abläufe: François kommt mit der Metro und macht in einer 250 Meter vom Schulgebäude entfernten Brasserie einen Zwischenstopp, um nicht zu früh da zu sein. Vor dem chinesischen Metzger trifft er jeweils auf Schüler oder Kollegen. Auf der Treppe hänselt der Schüler Dico ihn jedes Mal aufs Neue mit der Frage, ob er die Klasse wechseln könne.

Dico trödelte auf der Treppe hinter den anderen her.
„Kann ich die Klasse wechseln, Monsieur?“
„Nein.“
„Aber die is so scheiße, Mann.“
„Ja, weil du da drin bist.“
„Und Sie auch.“
„Los, beeil dich.“ (Seite 141)

Vor dem Physiksaal sieht er jeweils Frida, die nach den Ferien von ihrem Freund erzählt:

Frida gab eine ausführliche Geschichte zum besten, die ein Halbkreis von Mädchen um sie herum begierig aufsog.
„Also ich so zu ihm, ich schwör dir, den Tag, wo du mich schlägst, überlebst du nich, und der zur mir, voll die Panik, wie kommst du drauf, dass ich dich schlagen will? Und ich so zu ihm, das is meine Cousine, die is …“
„Los, rein mit euch.“ (Seite 100)

Im Lehrerzimmer meint François jedes Jahr aufs Neue, dass es ihn ankotze, wieder hier zu sein. Valérie schaut ihre E-Mails durch, und Gilles ist am Kopierer beschäftigt. Sobald alle da sind, drückt der Direktor den Wunsch aus, dass sie schöne Ferien hatten. Dann sagt er:

„Obwohl die Hälfte von Ihnen hier neu ist, wissen Sie sicher alle, dass es erholsamere Schulen gibt als unsere.“ (Seite 10)

Souleymane lernt es nicht, im Klassenzimmer seine Kapuze abzunehmen.

Souleymane ging mit Kapuze hinein.
„Souleymane.“
Er wandte sich zu mir um. Sah mich mit dem Finger auf meinen Kopf deuten, womit seiner gemeint war. Er hatte nur auf das Signal gewartet.
„Die Mütze auch, bitte.“ (Seite 141)

Vergeblich müht François sich ab, um den Schülerinnen und Schülern Orthografie und Grammatik beizubringen. Dass er nie gut geschlafen hat, verbessert seine Laune nicht.

Drei Hände in der Luft.
„Nur drei? Nicht schlecht, von fünfundzwanzig. Wie viel macht das, drei von fünfundzwanzig?“
Drei Hände senkten sich wieder, zwei andere hoben sich. Dabei blieb es.
„Ja, Jihad?“
„Hm, ein Viertel.“
„Genau, du hast völlig recht, 3 mal 4 macht 25, und wir machen lieber mal weiter.“ (Seite 159)

a) Findet die Verben im Text! b) Bestimmt bei jedem Verb die Zeitform und die Wertigkeit! Nach fünf Minuten hatte Mezut noch kein Wort geschrieben.
„Wenn du jetzt mal anfangen könntest, Mezut?“
Mit emphatischer Geste entfernte er die Kappe seines Füllers und rückte mit dem Eifer eines Arbeitslosen auf Jobsuche seinen Stuhl an den Tisch […]
„Monsieur, äh, was wollt ich ’n sagen, is ‚ihnen‘ ein Verb?“
„Wie bitte, Mezut?“
„Ob ‚ihnen‘ ein Verb is.“
„Also ich bitte dich, Meztut, ‚ihnen‘ ist doch kein Verb, ich bitte dich!“
„Ja, aber woher weiß man denn, dass es kein Verb is?“
„Also hör mal, das liegt doch auf der Hand! Ein Verb drückt eine Tätigkeit aus; ist ‚ihnen‘ für dich eine Tätigkeit?“
„Äh, nö.“
„Eben. Also wirklich.“ (Seite 107f)

Die Kinder mit Migrationshintergrund in der Klasse – und das sind fast alle – beschweren sich darüber, dass François in seinen Beispielsätzen immer nur französische Vornamen verwendet. Er vergisst die Ermahnung von Mal zu Mal und fällt in die Gewohnheit zurück, Sätze mit Marie oder Claude zu bilden. Es fällt ihm schwer, die Schüler nicht zu überfordern.

„Wie nennt man das, wenn man das Gegenteil von dem sagt, was man denkt, und dabei zu verstehen gibt, dass man das Gegenteil von dem denkt, was man sagt?“
Unter dem verliebten Blick von Indira verzog Abdoulaye das Gesicht, als hätte er einen Knoten im Hirn.
„Von Ihrer Frage kriegt man ja Kopfweh, Monsieur!“ (Seite 188f)

Habiba kommt auf ein Buch zu sprechen, und Haj meint dazu:

„Manche erinnern sich gern an früher, dafür isses okay, sonst isses Mist.“
Ich sprang gleich darauf an. Pädagogik, Interaktion.
„Wo wir gerade dabei sind, was meint ihr, aus welcher Zeit die Erinnerungen sind? […]“
„Weißnich, so 1985 rum.“
[…] Ich musste mit dem Zaunpfahl winken. Pädagogik.
„Ich erinnere mich an das erste Konzert von Johnny Hallyday. Sagt euch das gar nichts?“
Haj, geboren am 13. September 1989, sagte es nichts.
„Woher sollen wir denn wissen, wann der angefangen hat.“
„Man könnte es rausfinden.“
„Ja, aber der Typ is uns scheißegal.“
Ich wurde langsam ärgerlich.
„Mir ist der auch egal, was glaubst du denn?“
„Is doch Ihre Generation.“
Ich ärgerte mich.
„Ah ja? Johnny ist meine Generation?“
„Weißnich, alt isser auf jeden Fall.“ (Seite 184ff)

Einmal besucht François mit der Klasse eine Kunstausstellung.

Die Museumsführerin ging der Gruppe einige Meter voraus und blieb dann vor einer Kiste aus Holz und Metall miteinander reflektierenden Spiegeln stehen.
„Dieses Werk trägt den Titel ‚Die materialisierte Unendlichkeit‘. Was löst das bei euch aus?“
Sie erhielt keine Antwort […]
„Kommt euch dieser Ausdruck ‚materialisierte Unendlichkeit‘ nicht merkwürdig vor?“
Nichts, auch nicht von den Nachzüglern.
„Findet ihr, dass die Wörter ‚Unendlichkeit‘ und ‚materiell‘ gut zusammenpassen?“
Ohne etwas zu verstehen, hatte Jihad anhand des Tonfalls begriffen, dass die Antwort ‚Nein‘ lauten musste […]
„Dieser Künstler aber vereint die beiden Begriffe im Titel und vor allem in seinem Objekt. Wie macht er das? […] Schaut euch die Kiste mal genau an. Was seht ihr?“
Jihad, der sich darin betrachtete, sagte: „Spiegel.“
„Sehr gut, Spiegel, und damit erzeugt der Künstler Unendlichkeit durch die Materie, aus der Materie und in der Materie.“ (Seite 161f)

Hin und wieder zeigen einige in der Klasse auch Einsehen, beispielsweise als François sie zur Rede stellt, weil er von der Kunsterzieherin Rachel erfuhr, dass Hakim zu Gibran „dreckiger Jude“ sagte und die Mitschüler sich daraufhin gegenseitig mit antisemitischen Parolen übertrumpften.

„Es ist nicht gut, solchen Stuss im Kopf zu haben. Ich werde jetzt nicht schimpfen oder eine Moralpredigt halten, ich werde euch auch nicht sagen, Antisemitismus is schlecht, so wie rauchen schlecht ist oder wenn man eine Vase kaputtmacht. Ich bin Französischlehrer, das ist mein Job. Ich mach euch auf Dinge aufmerksam, die nicht stimmen. Wenn ihr mir sagt, das Akkusativobjekt richtet sich nach dem Hilfsverb haben, dann sage ich, dass das so nicht stimmt. So, und wenn man keine Juden mag, ist das weder gut noch schlecht, es ist einfach falsch.“ (Seite 108)

Am Ende der Stunde meint Sandra:

„Es tut mir echt leid, dass ich das gesagt hab, Moniseur, weiß auch nich, was mich da geritten hat, aber eigentlich wars doch nur Spaß.“ (Seite 110)

Die Lehrer sammeln für Mings Mutter, die mit ihrem Sohn ausgewiesen werden soll, sodass sie sich einen vernünftigen Rechtsanwalt leisten kann. Und sie unterschreiben eine gemeinsame Erklärung, in der sie Mings schulische Leistungen würdigen und darauf hinweisen, wie schädlich es für ihn wäre, in einer chinesischen Schule neu anfangen zu müssen.

Die Schüler, die sich nichts gefallen lassen, rauben François mitunter den letzten Nerv, und es fällt ihm dann nichts mehr anderes ein, als sie zum Direktor zu bringen.

Dico stieg die Treppe zum Klassenzimmer hinauf, weit hinter den anderen, aber noch vor mir. Ich überholte ihn, ohne ihn anzusehen, und sagte, er solle sich beeilen, er murmelte, das gehe ihm am Arsch vorbei. Ich täuschte eine Denkpause vor, blieb stehen, drehte mich um und hielt ihm den Zeigefinger unter die Nase, dass er schielen musste.
„So redest du nicht mit mir.“
„Was? Mir doch egal.“
Ich stand ihm im Weg, er wollte an mir vorbei, ich packte ihn am Arm, und er wurde laut.
„Fassen Sie mich nich an!“
„Mach ich auch nicht, wenn du stehen bleibst.“
„Sie fassen mich nich an und fertig.“
[…] Er würde gleich explodieren, und mir zitterten die Beine. […] Um mich zu provozieren, ging er noch eine Stufe nach oben.
„Okay, ab zum Direktor.“
[…] Den Verstand vom Rest trennen, von den zitternden Beinen und dem ganzen Rest. Erstaunlicherweise folgte mir Dico, einige Meter zumindest.
„Hören Sie auf, so zu rennen, Mann, warum rennen Sie zum Direktor und klären das nicht gleich hier? Kleine Schwuchtel.“
Ich blieb […] stehen. Wir brüllten fast gleichzeitig los.
„Was hast du zu mir gesagt?“
„Warum klären wir das nicht gleich hier?“
„Weil ich dich endlich loswerden will, ganz simpel, ursimpel.“ (Seite 200f)

Im Lehrerzimmer schimpft François:

Ich hab die Schnauze voll von diesem Theater […] dann bleiben die eben in ihrer Scheiße, solln sie doch da bleiben, ich hol sie bestimmt nicht da raus, ich hab getan, was ich konnte, hab versucht, die da rauszuholen, aber sie wolln ja nicht, das isses, da kann man nix machen, verdammt, ich kann die nicht mehr sehn, ich bring noch mal einen um, die sind ja sowas von falsch und gemein und immer auf Stress aus, na los, macht weiter so und bleibt in eurem Scheißviertel, bleibt euer ganzes Leben lang dort, ist doch okay, und die Idioten sind auch noch zufrieden damit, glücklich sind sie, die Deppen, dass sie da niemals rauskommen werden […] (Seite 171)

Nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrer sind immer wieder überfordert. Bei all dem Stress politisch korrekt zu bleiben, fällt François nicht immer leicht.

„Am 10. Mai 1981 sind zwei Dinge passiert, und man kann sagen, dass das eine das andere ein bisschen in den Hintergrund gedrängt hat.“
[…]
„Am 10. Mai 1981 ist François Mitterrand zum Präsidenten der Republik gewählt worden, und Bob Marley ist gestorben. Natürlich hat niemand von Bob Marley gesprochen, weil die Wahl Mitterrands damals etwas sehr Wichtiges war.“
„An was is Bob Marley gestorben?“
„Daran, dass er mit ansehen musste, wie Mitterand gewählt worden ist.“
„Echt?“
„Klar.“ (Seite 192f)

Ich hatte sechs Schülern der Gruppe „Anleitung zum selbstständigen Arbeiten“ die Aufgabe gegeben, fünf ihnen unbekannte Wörter aufzulisten, über die sie in der letzten Woche gestolpert waren. Einer nach dem anderen kam nach vorn und schrieb die Wörter untereinander an die Tafel. Nassanaba schrieb: simulieren, einwenden, stammeln, irreführen und überschreiten.
„Nur Verben?“
„Geht das nich?“
„Doch, doch.“
Sofiane, die ziemlich hässlich war, schrieb: Gaukler, tauglich, anregen, dement, Empfängnisverhütung. Mody: siderisch, Galaxie, Urknall, Komet, Schwarzwurzel. Katia: Metamorphose, Brüderlichkeit, Herzschrittmacher, Größenwahn, Flashback. Yelli: Aussteuer, Wucherin, erwähnen, raffgierig, Plädoyer. Ming: Österreicherin, Bronze, meridional, Größenwahn, Schablone. Ich ging eine Liste nach der anderen durch und fragte, ob jemand welche von diesen Wörtern kenne. Da dies nicht der Fall war, erklärte ich sie alle, abgesehen von Österreicherin, das die Nichtchinesen kannten. Ich sagte zu Ming, dass Österreicherin eigentlich ein recht geläufiges Wort sei, aber na ja, das Land sei auch wirklich klein, also könnten einem die Österreicher auch ziemlich egal sein […] „Wenn Österreich von einer Bombe ausradiert werden sollte, würde es auch keiner merken.“ (Seite 149f)

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In dem sarkastischen Roman „Die Klasse“, der fast nur aus umgangssprachlichen Dialogen besteht, stellt François Bégaudeau den zermürbenden Schulalltag aus Sicht eines frustrierten Lehrers dar. Die bunt zusammengewürfelte Schulklasse dient dabei als Abbild der Gesellschaft: Auch hier müssen sich Personen mit verschiedenen kulturellen und sozialen Hintergründen zusammenraufen, sich in einem Geflecht von Beziehungen zurechtfinden, sich integrieren und lernen, Andersdenkende zu tolerieren, statt sie auszugrenzen. Der Lehrer nutzt die Konflikte, um den Schülerinnen und Schülern Zusammenhänge aufzuzeigen. Dabei stilisiert François Bégaudeau den Lehrer François nicht zum Helden, sondern zeigt seine Schwächen und lässt uns seine Überforderung nachvollziehen.

François Bégaudeau wurde 1971 in Luçon geboren. Er arbeitete zunächst als Lehrer für Literatur und Französisch. Außerdem sang er in der Punkrockband „Zabriskie Point“. 2003 veröffentlichte er seinen Debütroman „Jouer juste“. Bekannt wurde François Bégaudeau durch seinen Roman „Die Klasse“ („Entre les murs“), für den er den Prix France Culture/Télérama erhielt. Bei der Verfilmung des Romans „Die Klasse“ durch Laurent Cantet arbeitete François Bégaudeau nicht nur am Drehbuch mit, sondern spielte auch die Hauptrolle: „Die Klasse“.

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Inhaltsangabe und Buchkritik: © Dieter Wunderlich 2008
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

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