Werner Bergengruen : Der Tod von Reval

Der Tod von Reval
Manuskripte: 1931 - 1935 Der Tod von Reval Erstausgabe: Arche Literatur Verlag, Zürich / Hamburg 1949 Der Tod von Reval Kuriose Geschichten aus einer alten Stadt Taschenbuch: dtv, München 2006 ISBN 3-423-13446-1, 159 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die Stadt der Toten – Bericht vom Lebens- und Todeslauf eines merkwürdigen Mannes – Der Seeteufel – Jakubsons Zuflucht – Die wunderliche Herberge – Kaddri in der Wake – Schneider und sein Obelisk – Der Kopf – Die gelbe Totenvorreitersche – Abschied
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Kritik

Die unter dem Titel "Der Tod von Reval" zusammengefassten kuriosen Geschichten von Werner Bergengruen wirken inzwischen etwas angestaubt, doch aufgrund der geschliffenen Sprache sind sie noch immer lesenswert.
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Die Stadt der Toten

Ich möchte dir ein paar Geschichten erzählen: Geschichten aus einer alten Stadt hoch droben im Norden, hoch droben im Osten, einer Stadt am Meer. Aber es sind nicht Geschichten von dieser Stadt: es sind Geschichten von ihren Toten. (Seite 7)

Bericht vom Lebens- und Todeslauf eines merkwürdigen Mannes

Wie ein leidender Leib den Fremdkörper ausscheidet im eitrigen Aufbruch einer Stelle, so schied das Geschlecht der Herzöge von Croy den jungen Karl Eugenius aus […] (Seite 11)

Karl Eugenius Herzog von Croy zeichnete sich im Dienst verschiedener Heere aus, aber der grobschlächtige, lebensgierige Trinker, Spieler und Schuldenmacher geriet immer wieder in ärgerliche Händel. Deshalb sandte ihn König August, der Herrscher von Polen und Sachsen, eines Tages zu Peter dem Großen. Der fand Gefallen an seinem derben Besucher, und als er den Angriff des schwedischen Königs Karl XII. und eine Niederlage befürchtete, ernannte der Zar den Herzog kurzerhand zum Generalfeldmarschall und übertrug ihm den Oberbefehl, während er selbst sich davonmachte, um nicht für die verlorene Schlacht verantwortlich gemacht zu werden. Der Herzog von Croy hatte keine Chance gegen König Karl XII. und geriet zusammen mit anderen Generälen in Gefangenschaft. Man brachte sie zunächst nach Narwa und dann nach Reval. Dort durften erhielten sie ihre Degen zurück und durften sich frei bewegen.

[Der Herzog von Croy] spielte und soff in Gildstuben und Herbergen, in den Quartieren der Gefangenen und der schwedischen Garnisonsoffiziere, den Häusern rasch gewonnener und ohne Wahl gepflegter Bekanntschaften. Er bewirtete wildfremde Menschen ohne Rücksicht auf Stand und Art. (Seite 15)

Sein Rang und Name haben ihm ja vom ersten Tage an einen weiträumigen Kredit eröffnet. Seine Schulden wachsen geschwind, dennoch borgt man ihm in der reichen Stadt unbedenklich weiter. Croy zahlt nicht, Croy rechnet nicht, er lässt sich geben, was er braucht, und unterschreibt, was von ihm verlangt wird. (Seite 17)

Als die Gefangenen nach Stockholm überführt werden sollten, sorgten sich die Gläubiger des Herzogs um die ausstehenden Gelder.

Nein, ihren Herzog wollten sie sich nicht fortführen lassen […] Einmal musste der Krieg zu Ende gehen, dann würden der Zar und der polnische König ihren Heerführer auslösen; war erst der Geld- und Handelsverkehr auf der Ostsee und auf dem Landwege durch Polen wieder frei, so konnte es überdies nicht schwierig sein, aus den reichen pikardischen, flandrischen, westfälischen Besitzungen der herzoglichen Familie die gestundeten Summen mit Zins und Zinseszins zu erhalten; denn von des Herzogs Zerfall mit seinen Seinen hatte man in Reval keine Kenntnis. (Seite 20)

Mit der Bitte, den Herzog als Pfand in Reval behalten zu dürfen, wandten sich die Gläubiger an den schwedischen Statthalter in Reval, Matthias von Poorten, und Karl XII. bewilligte es ihnen.

1702, im zweiten Jahr seines Aufenthalts in Reval, starb der Herzog jedoch unvermittelt. Daraufhin wollten die Gläubiger wenigstens den Leichnam als Pfand behalten und beschlossen, den Toten ohne Zeremonie in einen Fichtensarg zu legen und diesen in einer Seitenkapelle der lutherischen Kirche St. Nikolai abzustellen, bis die Schulden nebst Zinsen bezahlt waren.

Fünf Jahre später trieb sich ein abgeheuerter Matrose in Reval herum, und als er hörte, dass in St. Nikolai die Leiche eines Herzogs lag, wollte er die in dem Sarg vermuteten Wertsachen rauben – aber er floh mit großem Geschrei, und als der Küster nachsah, stellte sich heraus, worüber der Dieb erschrocken war: Die Leiche wies keine Verwesungsspuren auf! Während die Fachleute noch darüber rätselten, wie das möglich war, wusste man im Volk sofort, dass der Herzog durch die zu Lebzeiten genossenen Schnapsmengen konserviert war.

Von überall her kamen die Neugierige nach Reval, um den toten Herzog zu sehen. Die Eintrittsgelder hätten auch nach Abzug der Aufbewahrungskosten und der Vergütung für den Küster gereicht, um die Schulden des Herzogs zu tilgen, wenn nicht die Pest und die russische Belagerung den Zustrom der Schaulustigen nach kurzer Zeit unterbrochen hätten.

Fast zweihundert Jahre später hörte Fräulein Kitty Rutz in der leeren Kirche St. Nikolai verdächtige Geräusche, nachdem sie ihr Orgelspiel beendet hatte, und als sie aufblickte, sah sie den toten Herzog, der sich aufrecht im Kirchenschiff bewegte. Vor Schreck fiel sie ihn Ohnmacht. Als sie wieder zu sich kam, erfuhr sie, dass der Küster den toten Herzog bei Regenwetter aus dem Sarg holte und neben den Kachelofen in die Sakristei stellte, damit die kostbare Kleidung des Toten keinen Schaden nahm, denn das Dach über der Rosenkapelle war undicht.

Einige Jahrzehnte nach dem Vorfall kam der russische Gouverneur Skalosubow nach Reval. Er ließ in der Kirche St. Nikolai eine Gruft ausheben und die Leiche des zaristischen Generalfeldmarschalls endlich bestatten.

Der Seeteufel

Karluscha, der unverheiratete Arrendator (Verwalter) des Kronguts Leonorenhof, meidet die meisten seiner Nachbarn, trifft sich aber regelmäßig mit dem Pastor und dem Arzt, die zwei bis drei Stunden entfernt von ihm wohnen, ihn mindestens einmal in der Woche besuchen und seine nach immer neuen Ideen gebrannten Schnäpse probieren.

Karluscha veredelt auch durch pfiffige Zutaten den als Neunmannskraft berühmten Dorpater Studentenschnaps, der aus neunziggrädigem Spiritus, auf rotem Pfeffer abgezogen, besteht und die Kehle hinabgleitet wie ein Fackelzug. (Seite 57)

Als Karluscha seinen Gästen wieder einmal ein neues Eigenerzeugnis vorsetzt und fragt, wie es schmeckt, antwortet der Doktor: „Wie die Kapitänin Holmberg.“ Weil weder der Pastor noch Karluscha wissen, was damit gemeint ist, muss der Arzt nun die alte Geschichte von der Kapitänin Holmberg erzählen.

Holmberg war Kapitän des Revaler Segelschiffs „Ulrike“. Es trug den Namen seiner Frau. Die ließ ihn nie allein, sondern kam stets mit auf große Fahrt und achtete darauf, dass nicht zu viel getrunken wurde, denn sie hasste den Schnaps und seine Liebhaber. Die Mannschaft schimpfte die Kapitänin Holmberg deshalb „Seeteufel“.

Ulrike Holmberg starb denn auch auf hoher See. Die Mannschaft wollte die Leiche kurzerhand über Bord werfen, wie es bei einer Seebestattung üblich war, aber die Kapitänin hatte ihrem Mann vor ihrem Tod noch das Versprechen abgenommen, sie in Reval zu begraben. Also blieb den Männern nichts anderes übrig, als die Tote in ein Fass zu schieben und es mit Schnaps aufzufüllen, denn die Fahrt dauerte noch einige Zeit.

Die ohnehin knappen Schnapsvorräte gingen rasch zur Neige. Da schlichen die Männer verdrossen herum. Einige Tage später stolperte der Kapitän über einen Betrunkenen. Ohne viel zu fragen, ließ sich Holmberg in den folgenden Tagen wieder Schnaps bringen.

Beim Einlaufen der „Ulrike“ in Reval war zwar kein Tropfen Schnaps mehr in dem Leichenfass, aber der Schnaps, mit dem die tote Kapitänin Holmberg getränkt war, hatte sie auch so konserviert.

Das sprach sich in Reval rasch herum, und einige machten den Vorschlag, die Kapitänin Holmberg zur Leiche des Herzogs von Croy zu legen, „die vollgesogene Branntweinhasserin zum vollgesogenen Säufer„. Sie wurde jedoch ordentlich beerdigt.

Nach dem Tod seiner Frau begann Kapitän Holmberg richtig zu trinken. Das Schiff wurde ihm genommen, und er starb bald darauf als Gelegenheitshafenarbeiter.

Jakubsons Zuflucht

Jakubson, ein stadtbekannter Obdachloser in Reval, gerät eines Nachts beim Kartenspiel mit vier Freunden in Streit und flüchtet. Als sie ihn einzuholen drohen, rettet er sich in seiner Not durch ein offenes Parterrefenster in ein Zimmer und atmet auf, als er seine Verfolger vorbeilaufen hört.

Im Dunkeln ertastet er auf einem Tisch eine angebrochene Flasche Wein, und nachdem er diese ausgetrunken hat, findet er auch noch eine Flasche mit einem Rest Schnaps. Schließlich zündet er ein Streichholz an und bemerkt im Lichtschein ein Bett. Das ist allerdings nicht leer, sondern darin liegt eine Tote. Es handelt sich um die kinderlose Witwe Ältester Heydenacker, die in diesem Zimmer zur Miete wohnte, obwohl sie durchaus vermögend war. Die Vermieterin, die Witwe eines russischen Kanzleischreibers, hat gerade den Hofgerichtsadvokaten Kawelkamp über das Ableben seiner Tante unterrichtet. Von all dem ahnt Jakubson natürlich nichts. Ihm geht es ohnehin nur um das schöne Bett. Er zieht die Stiefel aus, legt sich neben die Tote und schläft auf der Stelle ein.

Bei Tagesanbruch wird er durch ein Geschrei geweckt: Hofgerichtsadvokat Kawelkamp und die Hausherrin beschimpfen ihn, beschuldigen ihn des Einbruchs und der Leichenschändung. Jakubson ist sich jedoch keiner Schuld bewusst: Er wäre nie auf die Idee gekommen, etwas zu stehlen, und die Tote hat er nicht angerührt.

Die wunderliche Herberge

Dr. Barg, ein Arzt in Reval, sorgte sich zeitlebens, versehentlich einen Scheintoten für tot zu erklären, veröffentlichte auf eigene Kosten seine Schrift „Die Asphyxie – Eine Geißel der Menschheit“ und vermachte einen Großteil seines Vermögens der Einrichtung einer „Herberge für Scheintote“, die von seiner Haushälterin, der Witwe Kathinka Sebber, geführt werden sollte. Nach seinem Tod heizte die Witwe also in der wunderlichen Herberge die Öfen, stellte frische Blumen in die drei Gästezimmer und wechselte regelmäßig die Bettwäsche.

Eines Tages kam ihre Nichte Hannchen darauf zu sprechen, dass ihr Liebster, ein Student aus Dorpat, nur die Ferien in Reval verbringen könne und nun wieder fort müsse. Ob sie vor seiner Abreise nicht zusammen eines der Gästezimmer in der wunderlichen Herberge benutzen dürften. Die Witwe Sebber zögerte zunächst, willigte dann jedoch ein, und es blieb auch nicht bei einem einzigen Mal. Während der Student wieder in Dorpat war, brachte Hannchen einen jungen Landvermesser mit, dann kam sie mit Freundinnen und deren Begleitern und schließlich mit einem Nachfolger des Landvermessers.

Das frivole Treiben ging gut, bis in einer verregneten Nacht ein fremder, nur mit einem Hemd bekleideter Mann an die Tür pochte und Einlass begehrte. Ein Scheintoter! Die Witwe Sebber nahm ihn eifrig auf, gab ihm trockene Kleidung und hängte sein nasses Hemd zum Trocknen über die Leine, während die jungen Leute neugierig aus ihren Zimmern kamen.

Inmitten dieses Trubels verzehrte der Scheintote heißhungrig, was man ihm vorsetzte, trank reichlich und schien sich zusehends zu erholen. Nur dazwischen schüttelte er sich plötzlich, als schaudere ihn bei der Erinnerung an alle ausgestandenen Schrecknisse. (Seite 93)

Er heiße Kaarberg und sei in der Friedhofskapelle seinem Sarg entstiegen, behauptete der Vierzigjährige, bevor er sich in einem der Gästezimmer zur Ruhe begab.

Am anderen Morgen, als die Witwe nachsah, war niemand mehr im Zimmer, und das Fenster stand offen.

Ein paar Stunden später tauchte ein Polizist auf und fragte nach einem bei Straßenarbeiten entflohenen Häftling, dessen Sträflingskleidung mit Ausnahme des Hemdes in der Nähe gefunden worden war. Erschrocken leugnete Kathinka Sebber, einen Verdächtigen gesehen zu haben, aber der Polizist entdeckte das Hemd mit der Häftlingsnummer 43 auf der Wäscheleine. So kam es, dass die Witwe sich am Ende beinahe wegen Kuppelei und Fluchtbegünstigung vor Gericht hätte verantworten müssen. Niemand wollte einen Skandal und man war froh, als die wunderliche Herberge wegen des Baus der Baltischen Eisenbahn abgerissen werden musste. Kathinka Sebber wurde von einem Stift für Bürgerwitwen aufgenommen.

Kaddri in der Wake

Der Fischer Tönno war seit neun Jahren mit Kaddri verheiratet, einer Frau, die sein Geld verschwendete, trank und sich mit anderen Männern herumtrieb. Eines Tages im Winter, als er glaubte, sie hure in Reval herum, weil sie seit zwei Tagen nicht nach Hause gekommen war, fand er sie zu seiner Überraschung in einer Wake, die er zum Fischen angelegt hatte.

Das ist seine Frau Kaddri, und sie ist über und über bedeckt mit Aalen, fetten, glänzenden Aalen, so dick sind sie wie Kinderarme. (Seite 104)

Da begriff Tönno, warum er stets weniger als die anderen Fischer gefangen hatte: Bevor Kaddri nach Reval ging, um Fische zu verkaufen, hatte sie einen Teil des Fanges auf die Seite getan, um sich zusätzliches Geld für Schnaps zu beschaffen. Offenbar war sie dabei zuletzt im betrunkenen Zustand in die Wake gefallen und entweder ertrunken oder erfroren.

Tönno hielt es in dieser Situation nur für gerecht, wenn er die Tote einige Zeit in der Wake ließ und auf diese Weise besonders viele Aale fing.

Einige Tage vergingen, dann wunderte sich der Gemeindeälteste Maddis, wieso Kaddri nicht mehr zu sehen war und erkundigte sich bei Tönno nach ihr. Der Fischer behauptete, auch nicht mehr zu wissen. Doch als er das nächste Mal zu seiner Wake ging, traf er auf Maddis und dessen zwei Söhne: Sie hatten auf dem Eis Perlen von einer Halskette gefunden, in der Wake nachgeschaut und die tote Kaddri entdeckt. Tönno beteuerte, er habe seine Frau nicht umgebracht, sie sei selbst in die Wake gefallen. Maddis glaubte es ihm und am Ende räumte er ihm sogar zwei weitere Tage ein; dann sollte die Sache ein Ende haben. Statt die Frist zu nutzen, trug Tönno die steifgefrorene Tote nach Hause, legte sie ins Bett und deckte ihren zerfressenen Körper sorgfältig zu. Danach suchte er den Pastor auf, meldete einen Sterbefall und bestellte das Begräbnis.

Schneider und sein Obelisk

Jean Jacques Schneider aus dem estländischen Städtchen Hapsal verheiratete sich mit Ebba Risius, der Tochter eines Advokaten in Stockholm, und zog mit ihr nach Reval, wo er eine bescheidene Speditionsfirma gegründet hatte. Das Glück des Paares hielt jedoch nicht lange vor, denn Ebba erkrankte und starb. Jean Jacques verbrachte nun die Sonntage im stillen Gedenken an seine geliebte Frau auf einer Anlagenbank im Friedhof, und als der Winter nahte, ließ er sich über der mit einem Obelisk geschmückten Grabstätte ein Häuschen errichten, das er beheizte und wohnlich einrichtete.

An einem Regentag klopfte es: Ein wohlerzogener junger Beamter hatte mit seiner Schwester Alwine das Grab der Eltern besucht, und dabei waren sie vom schlechten Wetter überrascht worden. Jean Jacques holte sie herein, sie kamen ins Gespräch; sie tranken etwas zusammen, und der Witwer teilte sein Abendessen mit den Besuchern. Bald darauf besuchte ihn das Geschwisterpaar erneut, und einige Monate später vermählten sich Jean Jacques und Alwine. Im Lauf der Zeit ging Jean Jacques immer seltener zum Friedhof, und als er es nach fünfwöchiger Pause wieder einmal tat, fand er sein Haus auf dem Friedhof ausgeraubt vor. Jean Jacques gab sich selbst die Schuld und versäumte es nun wieder an keinem freien Tag, die Grabstätte seiner ersten Frau aufzusuchen. Dabei holte er sich jedoch eine Lungenentzündung und starb. Seine Witwe Alwine und der Prokurist Schmidt ließen ihn neben Ebba beisetzen.

Nach Ablauf des Trauerjahrs heirateten die beiden und dachten kaum noch an die Grabstätte, doch als Alwine einer Krankheit erlag, ließ Schmidt sie dort beerdigen. Ein halbes Jahr später vermählte er sich mit einer Frau, die viel Geld mit in die Firma „J. J. Schneider Successores, Spedition und Commission“ brachte. Leider lebte er nur noch weniger Jahre. Nach seinem Tod fand er neben Ebba, Jean Jacques und Alwine in der Grabstätte mit dem Obelisken die letzte Ruhe.

Der Kopf

Magnus Rutz war der Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns in Reval. Nach dem Gymnasium verließ er seine Heimatstadt und ging ins Ausland, wo er eine Reihe von Theaterstücken schrieb, die allerdings in Reval nie aufgeführt wurden. Das verdross ihn so, dass er einen absonderlichen letzten Willen niederschrieb.

Dementsprechend holte seine Haushälterin nach seinem Tod den Barbier Benati. Dessen Aufgabe war es, den Kopf der Leiche abzutrennen und zum Einbalsamieren nach Verona zu bringen, denn Magnus Rutz hatte angeordnet, man solle sein einbalsamiertes Haupt nach Reval schicken. Bei einem Aufenthalt in Desenzano wurde jedoch Benatis Kiste verwechselt, und als er nachschaute, fand er in der Kiste, die er bei sich hatte, vier Gläser Honig. Statt nach Verona weiterzureisen, verbrachte er die Nacht in Desenzano, kehrte dann zurück und versicherte der Haushälterin, alles wunschgemäß erledigt zu haben.

Den Honig wollte der Gemeindeschreiber Esposito seiner Angebeteten bringen, doch als er sie mit einem anderen Mann überraschte, fluchte er und schleuderte die Kiste in eine Felsspalte, wo sie im Lauf der Zeit samt Inhalt vermoderte.

Die gelbe Totenvorreitersche

Als ein armer Oberleutnant der Infanterie aus dem Kaukasus oder von einem türkischen Feldzug nicht mehr zurückkam, sorgte sich die Witwe, ob er ein christliches Begräbnis gehabt habe und fing an, bei jedem Leichenzug in Reval an der Spitze mitzugehen. Und weil sie einen langen, gelben Spenzer zu tragen pflegte, mit dem sie sich von der schwarzen Kleidung der anderen Trauergäste abhob, nannte man sie bald „die gelbe Totenvorreitersche“.

Abschied

Der Tod ist ein großer Trost. Er macht, dass niemand sich zu fürchten braucht. (Seite 154)

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Inzwischen wirken die kuriosen, teilweise recht makabren Geschichten, die Werner Bergengruen zwischen 1931 und 1935 verfasste und 1939 unter dem Titel „Der Tod von Reval“ veröffentlichte, etwas angestaubt. Das gilt auch für die Sprache, aber deren Schliff ist noch immer vorbildlich und macht die Lektüre zum Vergnügen. „Manchmal will es mir scheinen, als hätte ich den Tod allzu fleißig gerühmt“, meinte Werner Bergengruen einmal. Doch der Tod hatte für den überzeugten Christen nichts Schreckliches. „Der Tod ist ein großer Trost. Er macht, dass niemand sich zu fürchten braucht“, heißt es in „Der Tod von Reval“.

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2006
Textauszüge: © Arche Literatur Verlag

Werner Bergengruen (Kurzbiografie / Bibliografie)

Stefano Benni - Von allen Reichtümern
In seinem Roman "Von allen Reichtümern" spielt Stefano Benni mit Begegnungen, Erlebnissen, Erinnerungen und Spiegelungen. Der Grundton ist melancholisch, aber es sind auch satirische und lustige Elemente eingeflochten.
Von allen Reichtümern

Stefano Benni

Von allen Reichtümern

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