Franz-Olivier Giesbert : Ein Diktator zum Dessert

Ein Diktator zum Dessert

Franz-Olivier Giesbert

Ein Diktator zum Dessert

Originalausgabe: La cuisinière d'Himmler Éditions Gallimard, Paris 2013 Ein Diktator zum Dessert Übersetzung: Katrin Segerer Carl's Books, München 2015 ISBN: 978-3-570-58538-2, 334 Seiten, 14.99 € (D) ISBN: 978-3-641-15619-0 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die 1907 am Schwarzen Meer geborene Armenierin Rose Zhongling, die seit 1969 in Marseille ein Restaurant betreibt, schreibt 2012 ihre Memoiren. Arbeitstitel: "Meine ersten hundert Jahre". Ihre Eltern und Geschwister fielen dem Genozid an den Armeniern zum Opfer. Rose wurde als Kind missbraucht und 1942 auf dem Ober­salz­berg vergewaltigt. Die Nationalsozialisten ermordeten ihren ersten Ehemann und die beiden Kinder, die sie mit ihm hatte. Liu Zhongling, ihr dritter Ehemann, kam in der chinesischen Kulturrevolution um ...
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Kritik

Mit überbordender Fabulierlaune jagt Franz-Olivier Giesbert seine beherzte und unerschrockene Ich-Erzählerin durch das 20. Jahrhundert. Der sarkastische Schelmenroman "Ein Diktator zum Dessert" ist mit originellen Ideen gespickt und höchst unterhaltsam.
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Rouzane wird am 18. Juli 1907 an der Südostküste des Schwarzen Meers in einem Baum geboren. In einem Baum, weil die 28-jährige Mutter, die bereits vier Kinder hat – die beiden früh verstorbenen nicht mitgezählt –, auf den Baum geklettert ist, um die Katze herunterzuholen, und dabei die Wehen eingesetzt haben.

Am 14. November 1914 rufen die Muslime zum Dschihad gegen die christlichen Armenier auf. Im Jahr darauf erschießen sie Rouzanes Vater und brennen den Bauernhof nieder. Die Witwe, deren Mutter und Rouzanes vier Geschwister werden auf der Flucht von kurdischen Wegelagerern umgebracht. Rouzane überlebt als Einzige der Familie.

Ein berittener Polizist greift das siebenjährige Mädchen auf und bringt es nach Trapezunt, zu Salim Bey.

Ein paar Wochen zuvor war mein neuer Herr noch ein bescheidener, abgemagerter Geschichtslehrer an der Koranschule gewesen, dem die Schüler auf der Nase herumtanzten. Seitdem er vor einem Monat eine der Eminenzen des Komitees für Einheit und Fortschritt geworden war, hatte er gut fünfzehn Kilo und eine große Portion Selbstbewusstsein zugelegt.

Rouzane wird in einem Zimmer untergebracht, und zwar zusammen mit sechs älteren Mädchen, die Salim Bey und dessen Freunden zu Willen sein müssen, wann immer den Männern danach ist. Die Siebenjährige bleibt erst einmal Salim Bey persönlich vorbehalten, und er beschränkt sich immerhin auf Fellatio. Von ihm erfährt Rouzane, dass der Mörder ihres Vaters Ali Recep Ankrun heißt.

Salim Bey schenkt Rouzane 1917 seinem Freund Nâzim Enver, einem fetten Großhändler für Tee, Reis, Tabak und Nüsse Mitte 50. Der nimmt die Zehnjährige mit auf seinen Frachter L’Ottoman und defloriert sie.

Im Hafen von Marseille versteckt Rouzane sich in einer der Kisten, die entladen werden. An Land ernährt sie sich aus Mülltonnen von Restaurants, bis sie von Clochards aufgegriffen und zum Bettlerkönig Chapacan I. gebracht wird. Weil ihm der Name Rouzane missgefällt, nennt er sie Rose. Sie muss für ihn weiter Mülltonnen durchsuchen.

Der Wirt Barnabé Bartavelle bemerkt das Mädchen und fordert es auf zu arbeiten, statt herumzulungern. Er und seine Frau Honorade beschäftigen Rose als Spül-, Schäl- und Schrubbhilfe in ihrem Restaurant „Le Galavard“ und lassen sie in einem Verschlag hinter der Küche schlafen. Aber es dauert nicht lang, bis Chapacans Leute Rose dort aufspüren. Sie springt aus einem Fenster und rennt davon.

Scipion Lempereur, ein Bauer aus Sainte-Tulle in der Nähe von Manosque in der Haute Provence, und seine Frau Emma nehmen die Elfjährige 1918 auf. Drei Söhne des Ehepaars sind im Ersten Weltkrieg gefallen, der vierte liegt im Militärkrankenhaus von Amiens im Sterben.

Scipion und Emma Lempereur schenkten mir alles. Eine Familie, Werte und Liebe, vor allem Liebe. Obendrein lehrte mich meine Adoptivmutter die Kunst des Kochens.

Die Lempereurs setzen Rose nach dem Tod des vierten Sohnes als Alleinerbin ein. 1920 erfährt Rose von einem inzwischen als Kuhhirte arbeitenden Kriegsveteran, dass Jules Lempereur nicht heldenhaft starb, wie die Eltern glauben, sondern wegen einer Nichtigkeit füsiliert wurde. Den Befehl dazu gab der Offizier Charles Morlinier. Rose merkt sich den Namen.

1924, als Rose gerade Abitur macht, fällt Emma Lempereur beim Aprikosen­pflücken von der Leiter, und zwei Wochen später stirbt sie im Krankenhaus von Manosque. Scipion Lempereur folgt ihr kurz darauf ins Grab. Weil Rose noch nicht volljährig ist, übernimmt Scipions Cousin Justin die Vormundschaft für sie und reist mit seiner Frau Anaïs und zwei großen Hunden aus Barcelonnette an. Sie richten sich auf dem Hof in Sainte-Tulle ein und missbrauchen Rose als Haussklavin.

1925 kommt der professionelle Kastrierer Gabriel Beaucaire auf den Hof, der sich darauf versteht, Samenstränge mit der Burdizzo-Zange zu quetschen. Rose und Gabriel verlieben sich auf den ersten Blick. Als die Arbeit auf dem Hof in Sainte-Tulle getan ist, folgt Rose dem Mann ihres Lebens nach Sisteron, wo er 300 Schafe zu kastrieren hat. Gabriel Beaucaire ist der Sohn eines Lehrers und einer Gemüsebäuerin; er flog in der vorletzten Klasse vom Lycée de Cavaillon, weil er dem Philosophielehrer ein Stück vom Ohr abgebissen hatte, und zwar als Reaktion auf eine Verunglimpfung Spinozas.

Nachdem Rose und Gabriel ein Kind gezeugt haben, mieten sie noch im selben Jahr ein kleines steinernes Haus in Cavaillon.

Kaum hatte Gabriel den Schlüssel in seine Wohnungstür gesteckt, humpelte schon eine bärtige Alte, die Nachbarin von oben, hastig die Stufen herunter und rief: „Schön, dich wiederzusehen, Kleiner, aber pack gar nicht erst aus. Die Polizei sucht dich, die waren schon ein paarmal hier. Die sagen, du hättest ein abscheuliches Verbrechen begangen.“
Sie grinste uns zahnlos an, dann fuhr sie fort: „Und das ist also das Mädel, das du entführt hast? Na herzlichen Glückwunsch, Junge, du hast Geschmack.“

Dem jungen Paar bleibt nichts anderes übrig, als mit dem Zug nach Paris zu flüchten, wo Gabriel einen Onkel hat: Alfred Bournissard, einen in erster Ehe mit Gabriels Tante verheirateten Schriftsteller. Nachdem diese im Kindbett gestorben war, heiratete er die Erbin der Eisenwarenhandlung Plantin, die inzwischen auch nicht mehr lebt, weil ihr Auto auf einem Bahn­über­gang stehenblieb, als gerade ein Zug kam. Alfred Bournissard arbeitet an einem Essay, einer Biografie und einem Theaterstück über Édouard Drumont. Zum zehnten Todestag des antisemitischen Journalisten am 5. Februar 1927 will er alles vollendet haben. Er stellt Gabriel als Assistenten seines Privatsekretärs und Rose für die Küche ein.

Von dem Geld, das Rose und Gabriel dafür erhalten, eröffnen sie 1926 ein Restaurant in Paris: „La Petite Provence“. Und ihren Sohn taufen sie zu Ehren des führenden französischen Antisemiten auf den Namen Édouard. Albert Bournissard ist der Patenonkel „dieses in Sünde gezeugten und geborenen Kindes“, dessen Eltern mit der Eheschließung noch warten müssen, bis Rose volljährig ist und sie ohne Genehmigung des Vormunds in Sainte-Tulle heiraten können.

Ich stillte Édouard, bis er sechs Monate alt war, dann gab ich ihn zu einer Nachbarin aus dem sechsten Stock, einer fülligen Frau, die noch immer jeden Tag einen guten Liter Milch produzierte, auch sieben Jahre nach der Geburt ihres letzten Kindes.

1929 werden Rose und Gabriel endlich getraut. Im Jahr darauf lässt Rose den dreijährigen Sohn bei ihrem Ehemann in Paris und fährt allein mit dem Zug nach Sainte-Tulle. Bevor sie den Hof der Lempereurs aufsucht, sammelt sie im nahen Eichenwald Pilze und mischt unter die Morcheln Knollenblätter- und Kegelige Risspilze.

Als die beiden Wachhunde auf mich zugelaufen kamen, warf ich ihnen das Fleisch hin, das ich mit Schierlingssamen gespickt hatte. Sie machten sich mit dieser tumben Gier darüber her, der man nur bei Hunden, Schweinen und Menschen begegnet.

Nachdem die Hunde betäubt sind, zwingt Rose ihren früheren Vormund Justin und dessen Frau Anaïs mit vorgehaltener Pistole, ein von ihr zubereitetes, mit den Pilzen gefülltes Omelett zu essen. Als die tödlichen Krämpfe einsetzen, kehrt Rose nach Paris zurück.

Zwei Wochen später erhält sie eine Vorladung vom Polizeipräsidium in Manosque, aber Inspektor Claude Mespolet kann ihr nichts nachweisen. Ein Notar aus Manosque teilt ihr schließlich mit, dass sie die Alleinerbin des Anwesens in Sainte-Tulle sei. Rose lässt es verkaufen und erwirbt mit dem Erlös eine Dreizimmerwohnung in der Rue Faubourg-Poissonnière in Paris für sich, Gabriel und Édouard. 1933 bringt sie die Tochter Garance zur Welt.

Noch im selben Jahr schifft Rose sich nach Istanbul ein und reist von dort weiter nach Trapezunt, wo sie vom Bürgermeister Ali Recep Ankrun für eine französische Journalistin gehalten wird. Am Abend führt er sie ins beste Restaurant der Stadt aus, und für den nächsten Tag lädt er sie auf seine Yacht ein. Zu zweit fahren sie ein Stück weit aufs Meer hinaus. Als der Mörder von Roses Vater dann über die Reling uriniert, stößt Rose ihn über Bord, und er ertrinkt.

Der Journalist Jean-André Lavisse behauptet in einem am 8. Januar 1938 im „Ami du peuple“, dass es sich bei Gabriel Beaucaire um einen Juden und Verräter handele, der für die Ligue internationale Contre le Racisme et l’Antisémitisme spioniere.

Rose, die inzwischen ein größeres Restaurant unter dem Namen „La Petite Provence“ betreibt, beginnt noch im selben Jahr eine Affäre mit dem zu den Stammgästen gehörenden wohlhabenden Geschäftsmann Gilbert Jeanson-Brossard. Als Gabriel es herausfindet, trennt er sich Anfang September 1939 von Rose, nimmt die Kinder mit und reicht die Scheidung ein. In ihrer Frustration beendet Rose auch das Verhältnis mit Gilbert Jeanson-Brossard.

Um über die Depression hinwegzukommen, lauert sie General Charles Morlinier auf und ersticht ihn mit einem Messer, um Jules Lempereur zu rächen.

Am 17. Juni 1940 isst Heinrich Himmler im „La Petite Provence“. Als er satt ist, lobt er die Köchin, beginnt mit ihr ein Gespräch und stellt fest, dass sie sich mit Heilpflanzen und Phytotherapie auskennt. Nur als sie Hildegard von Bingen erwähnt, reagiert der Reichsführer-SS unwirsch:

„Das Christentum ist eine der schlimmsten Geißeln der Menschheit, vor allem in seiner asiatisierten Form. Eine Religion, die predigt, dass die Frau eine Sünde ist, führt uns in den Tod. Wir werden uns von ihr befreien. Nichts darf übrig bleiben, nicht einmal Hildegard von Bingen, diese hysterische, frigide Benediktinerin!“

Am Ende lässt sich Heinrich Himmler von Rose einige ihrer aus Heilpflanzen hergestellten Pillen mitgeben.

Mit meinen Pillen, die die Energie und Erholung eines der bedeutendsten Naziführer förderten, trug ich, ob ich nun wollte oder nicht, zum Endsieg Deutschlands bei.

Gabriel Beaucaire wird als „Judensau“ und „Verräterschwein“ beschimpft. Ab 7. Juni 1942 müssen auch Juden in Paris deutlich sichtbar einen gelben Stern tragen. Weil Gabriel sich in der von den Deutschen beherrschten Metropole nicht mehr sicher fühlt, will er sich mit Édouard und Garance nach Cavaillon zurückziehen. Aber bevor er dazu kommt, wird Roses Haus im Sommer 1942 von der Polizei durchsucht. Kommissar Claude Mespolet möchte wissen, wo Gabriel Beaucaire zu finden ist. Rose lügt, sie wisse es nicht, aber sobald die Polizisten fort sind, läuft sie zu ihm, um ihn zu warnen. Obwohl sie vorsichtig ist und darauf achtet, dass ihr niemand folgt, werden Gabriel und die Kinder kurz darauf von der Polizei abgeholt. Rose erfährt es am nächsten Tag von der Concierge.

In ihrer Not denkt Rose an Heinrich Himmler, der ihr angeboten hat, seine Gefährtin zu werden. Sie ruft in Berlin an.

Wahrscheinlich war er gerade auf einer Inspektionsreise in Russland, Böhmen, Mähren oder Pommern und überwachte Massenhinrichtungen. Einer seiner Adjutanten, ein gewisser Hans, ging ans Telefon. Als ich ihm die Situation geschildert hatte, klang er genauso schockiert wie ich.

Die Franzosen seien zwar guten Willens, meint der Adjutant, aber viel zu unorganisiert. Und er versichert, er werde den Reichsführer-SS über die irrtümliche Festnahme ihres Mannes und der beiden Kinder unterrichten.

Heinrich Himmler sagt Rose seine volle Unterstützung bei der Suche nach Gabriel, Édouard und Garance zu. Er stellt ihr ein Flugzeug zur Verfügung, das sie nach Berlin bringt, quartiert sie in seiner Dienstvilla ein und beschäftigt sie als Köchin, um das Verhältnis zu tarnen. Rose erfährt, dass Marga, die Ehefrau des Reichsführers-SS, mit der 13-jährigen Tochter Gudrun („Püppi“) zwischen Berlin und dem Privatanwesen in Gmund am Tegernsee pendelt. Außerdem hat Himmler für seine Geliebte Hedwig Potthast eine Wohnung in Berlin-Grunewald gemietet. Rose lernt auch Himmlers Leibarzt Felix Kersten kennen. Und während sie auf Nachrichten über Gabriel, Édouard und Garance wartet, lässt sie sich von einem SS-Offizier in der Kampfsportart Krav Maga unterweisen, die auf Imrich Lichtenfeld zurückgeht, der damit in Pressburg Juden gegen antisemitische Übergriffe verteidigte und inzwischen in Palästina lebt.

Immer wieder beteuert Himmler, er habe die Juden eigentlich nur aus Deutschland entfernen wollen, beispielsweise nach Madagaskar, aber Goebbels habe sich bei Hitler mit dem Plan durchgesetzt, sie nicht auszusiedeln, sondern zu vernichten [Holocaust].

Tage vergingen, dann Wochen. Noch immer gab es keine Neuigkeiten von Gabriel und den Kindern. Heinrich Himmler schien darüber tief betrübt, aber ich glaube, er fühlte sich vor allem gedemütigt, dass er, der Polizeifürst, mein Problem nicht lösen konnte.

Während eines Aufenthalts in Gmund küsst Heinrich Himmler Rose zum ersten Mal. Er nimmt sie in seinen Stab auf, und zwar als Koordinatorin der Arbeiten im Zentrum für Ernährungsforschung bei Salzburg und im Labor für Kosmetika und Körperpflegemittel in der Nähe von Dachau. Standartenführer Ernst-Günther Schenck, der Ernährungsinspekteur der Waffen-SS, ist ihr Vorgesetzter.

Als Hitler von der neuen Köchin des Reichsführers-SS hört, lädt er ihn mit Rose zusammen auf den Obersalzberg bei Berchtesgaden ein, um sich von ihrem Können selbst ein Bild zu machen. Hitler und seine Gäste applaudieren nach dem Abendessen. Nach dem Dessert unterhält sich der Diktator noch eine Weile mit ihr, und Joseph Goebbels setzt sich dazu. Als Rose sich zurückzieht, stößt sie auf eine Gruppe von Männern, unter denen sie Martin Bormann zu erkennen glaubt. Einer von ihnen zerrt sie in ein Zimmer und vergewaltigt sie im Stehen.

Vier Tage dauert der Aufenthalt auf dem Obersalzberg.

Hitler behauptete, der leidenden Tiere wegen Vegetarier zu sein, und erzählte oft, vor allem in Gegenwart seiner fleischverrückten Geliebten Eva Braun, vom Besuch eines ukrainischen Schlachthauses, der ihn traumatisiert hatte.

Vor der Abreise erfährt Rose von Felix Kersten, dass Gabriel Beaucaire am 23. August 1942 im KZ Dachau ums Leben kam. Édouard und Garance sind ebenfalls tot.

Zurück in Berlin, stellt Rose fest, dass sie schwanger ist. Sie unternimmt alles Mögliche, um den Embryo abzutreiben und versucht gleichzeitig, Heinrich Himmler zur Kopulation zu verführen, um ihm notfalls vortäuschen zu können, dass er der Vater des Kindes sei. Aber er lässt sich von Rose nur oral befriedigen. Im Dezember 1942 vertraut sie sich Felix Kersten an. Der rät ihr, dem Reichsführer-SS die Wahrheit über die Vergewaltigung auf dem Obersalzberg zu sagen, denn der Hypochonder habe panische Angst vor sexuell übertragbaren Krankheiten, seit er von Hitlers Syphilis-Infektion vor etwa 20 Jahren wisse. Rose folgt Kerstens Rat und berichtet Heinrich Himmler von der Vergewaltigung. Daraufhin hält er sich – wie von Felix Kersten vorausgesagt – von Rose fern, kümmert sich aber darum, dass sie bis zur Niederkunft gut versorgt ist. Betreut wird sie von einer Frau namens Gertraud.

Ein zierliches Persönchen, das permanent katzbuckelte und vor allem Angst zu haben schien. Den Grund dafür verstand ich, als sie mir eines Tages anvertraute, sie sei die entfernte Cousine des Schreiners Johann Georg Elser, der am 8. November 1939 einen Anschlag auf Hitler im Münchner Bürgerbräukeller verübt hatte […].

Bei einem Spaziergang am Wannsee lässt sie Theodora („Theo“) Komnene frei, eine Salamander-Dame, die sie seit ihrem Aufenthalt bei Salim Bey in Trapezunt bei sich gehabt hat.

Am 14. August 1943 bringt Rose ein Kind zur Welt, das sie auf Anweisung des Reichsführers-SS dem Lebensborn überlässt, ohne es überhaupt angeschaut zu haben. Ein paar Tage später fliegt sie nach Paris zurück.

Während Roses Abwesenheit hat ihr Vertrauensmann Paul Chassagnon den Betrieb im „La Petite Provence“ am Laufen gehalten. Obwohl er schwul ist, schlief er einmal mit seiner Chefin.

Jean-Paul Sartre, der seit längerer Zeit mit Simone de Beauvoir ins „La Petite Provence“ kommt, fällt das Aussehen der Wirtin auf, und er erkundigt sich besorgt nach ihrem Zustand. Da begreift Rose, dass sie wieder etwas unternehmen muss, um aus der Depression herauszukommen. Sie sucht den Journalisten Jean-André Lavisse auf, der Gabriel als Erster beschimpft hatte, und tötet ihn mit mehreren Handkantenschlägen gegen den Kehlkopf.

Bald darauf verkauft Rose „La Petite Provence“ an Paul Chassagnon und reist nach New York, wo sie sofort eine Stelle als Köchin findet und nach ein paar Wochen von dem Handelsvertreter Frankie Robarts gefragt wird, ob sie mit ihm in Chicago ein Restaurant eröffnen wolle. Sie ist einverstanden und wird seine Geliebte. Das Restaurant in Chicago nennen sie „Frenchy’s“. Erst als Rose widerwillig von provenzalischen Gerichten auf Hamburger umsteigt, füllt sich das Lokal. Obwohl Frankie „kein Hengst“ ist und noch dazu schnarcht, heiratet Rose ihn nach einem Jahr.

Im Winter 1946 kommt erstmals der Schriftsteller Nelson Algren mit einer Dame in ihr Restaurant. Rose begehrt ihn auf der Stelle, aber es dauert eine Weile, bis er nach einem Essen in Damenbegleitung einen Zettel mit seiner Telefonnummer liegen lässt. Am nächsten Morgen ruft sie ihn an, verabredet sich mit ihm in seinem Apartment und geht mit ihm sofort ins Bett. Es ist der Beginn einer leidenschaftlichen Affäre. Sie endet Anfang 1947, als Simone de Beauvoir eine Vortragsreise durch die USA dazu nutzt, ihr Liebesverhältnis mit Nelson Algren aufzufrischen. Das Paar isst regelmäßig im „Frenchy’s“, und Rose freut sich darüber.

Als Frankie Robarts am 2. Juli 1955 einem Schlaganfall erliegt, erhält Rose von Simone de Beauvoir einen Kondolenzbrief aus Paris mit der Einladung, das Paar Sartre/Beauvoir auf einer anstehenden China-Reise zu begleiten.

Rose verkauft das Restaurant in Chicago und fliegt nach Peking. Sechs Wochen lang reist sie mit Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre durch China. Gegen Ende zu verliebt sie sich in den zwölf Jahre älteren verwitweten Fremdenführer, Übersetzer und Politkommissar Liu Zhongling, einen Vertrauten des Generalsekretärs Deng Xiaoping und Freund von Maos ältestem, 1950 bei einem Luftangriff im Koreakrieg umgekommenen Sohn Anying. Der Chinese schläft mit ihr und bringt sie dann als Köchin bei dem mit ihm befreundeten albanischen Botschafter Mehmet Artor unter, damit sie auch nach der Abreise des Schriftstellerehepaars in Peking bleiben kann.

Rose erlebt mit, wie sich Albanien nach Nikita Chruschtschows Bericht auf dem XX. Parteitag der Kommunistischen Partei der UdSSR 1956 über Stalins Verbrechen auf die Seite der Volksrepublik China stellt. Sie leidet unter den Versorgungsengpässen, die durch den 1958 von Mao Tse-tung initiierten „Großen Sprung nach vorn“ verursacht werden.

Rose und Liu Zhongling heiraten 1966 in Peking.

Aber noch im selben Jahr beginnt die „Kulturrevolution“, Deng Xiaoping fällt in Ungnade, und sein Gefolgsmann Liu Zhongling wird Anfang 1968 von den Roten Garden mit einer Eisenstange erschlagen. Nach der Ermordung ihres Ehemanns fliegt Rose über Tirana nach Marseille zurück.

Direkt am Alten Hafen eröffnet sie 1969 ein Restaurant, das sie wieder „La Petite Provence“ nennt. Für den Service stellt sie Kady Diakité aus Mali ein, „eine dreiundzwanzigjährige Malierin ohne Papiere, Komplexe und Unterwäsche“, mit der sie auch ins Bett geht. Kady findet zwar Gefallen am Sex mit einer Frau, aber nachdem sie einen in der benachbarten Brasserie beschäftigten Tellerwäscher aus ihrer Heimat gesehen hat, wünscht sie sich ein Kind. Neun Monate später bringt sie den Sohn Mamadou Diakité zur Welt.

Claude Mespolet, der Rose 1930 in Manosque wegen der Pilzvergiftung ihres Vormunds und dessen Frau vernommen hatte und inzwischen zum Polizeipräfekt von Marseille avanciert ist, taucht eines Tages im „La Petite Provence“ auf. Offenbar verdächtigt er Rose, auch Jean-André Lavisse ermordet zu haben, aber sie hält ihn in Schach, indem sie so tut, als besitze sie kompromittierende Dokumente über ihn aus der Zeit der deutschen Besetzung Frankreichs, darunter seinen Bericht an den Pariser Polizeipräsidenten zu einem Gutachten des Anthropologie-Professors Dr. George Montandon mit dem angeblichen Nachweis, dass es sich bei Gabriel Beaucaire um einen Angehörigen der jüdischen Rasse handele.

Sie überfällt Claude Mespolet in dessen Wochenendhaus in Lourmarin im Luberon und tötet den Polizeipräsidenten mit sieben Schüssen aus ihrer Pistole, um Gabriel, Édouard und Garance zu rächen.

Nachdem Kady 1970 an Krebs gestorben ist, macht Rose sich durch Masturbieren sexuell autark.

An der Selbstbefriedigung mag ich, dass man kein Vorspiel braucht und sich hinterher mit niemandem unterhalten muss, das spart Zeit und entspannt den Geist.

Als Rose kurz vor ihrem 105. Geburtstag von ihrem Restaurant nach Hause gehen will, lauert Ryan ihr auf, der Sohn der 46 Jahre alten verwitweten Psycho­thera­peutin Madame Ravare, aber sie überrascht den Kleinkriminellen mit einer Glock 17 in der Hand und zwingt ihn dazu, ihr seine Tasche mit Diebesgut zu überlassen. Die Sachen verteilt sie noch in derselben Nacht unter den Obdachlosen.

Am nächsten Tag warnte mich der Wirt der Bar nebenan: Am Vorabend sei schon wieder jemand an der Place aux Huiles überfallen worden. Dieses Mal von einer alten Frau!

Sie hält es an der Zeit, ihre Biografie zu schreiben. Einen Arbeitstitel hat sie bereits dafür: „Meine ersten hundert Jahre“.

Überraschend erhält sie einen Brief aus Köln mit dem Absender „Renate Fröll“. Aber Renate Fröll kann den Brief nicht geschickt haben, denn er enthält eine Trauerkarte, aus der hervorgeht, dass eine Frau dieses Namens vor vier Monaten starb und dann im Krematorium in Köln eingeäschert wurde. Rose ruft den 13-jährigen Samir an, den Sohn eines Nachbarn Mitte 70, der das ganze Leben über arbeitslos gewesen sein soll.

Das ist ihm gut bekommen, er ist ein wirklich schöner Mann, immer gebügelt und geschniegelt, wie aus dem Ei gepellt. Seine Frau hingegen, die als Kassiererin und Putzfrau schuftet und zwanzig Jahre jünger ist als er, sieht aus, als hätte sie mindestens zehn Jahre mehr auf dem Buckel.

Samir soll Renate Fröll für Rose googeln. Als Gegenleistung verspricht sie ihm einen Konsolentisch, den er verhökern kann. Es dauert nicht lang, bis er ihr mitteilt, dass es sich bei Renate Fröll um eine unverheiratete Apothekerin in Neuwied bei Köln gehandelt habe. Sie wurde 1943 in einem Lebensborn-Heim geboren. Samir forscht weiter nach und entdeckt ein paar Tage später seine Auftraggeberin auf einem Foto mit Heinrich Himmler. Sie will dazu nichts sagen. Der pfiffige Junge findet auch ohne ihre Hilfe heraus, dass Renate Fröll ihre Tochter war. Schließlich unterrichtet er sie darüber, dass sie Großmutter sei, weil Renate Fröll einen Sohn hatte. Erwin Fröll scheiterte im Alter von 18 Jahren am Abitur und lebt seit 2004 in einer Nervenheilanstalt der Peter-Lambert-Stiftung in Trier.

Rose schließt ihr Restaurant in Marseille für vier Tage und reist mit Samir und Mamadou nach Trier, um ihren 49-jährigen Enkel zu besuchen. Sie erfährt, dass sich der Mann, der nicht mehr lang zu leben hat, als Metzger, Lagerarbeiter, Stuckateur, Lebensmittelhändler und Maler durchgeschlagen hatte, bevor er mit Ende 30 „die Arbeitslosigkeit zum Beruf“ machte. Seine Mutter starb an Magenkrebs. Rose vermutet, dass ihr eine der Pflegerinnen die Nachricht geschickt habe.

Ihren 105. Geburtstag feiert Rose am 18. Juli 2012 in ihrem „wegen privater Feier“ geschlossenen Restaurant mit Mamadou, Samir und ein paar anderen Freunden wie Jacky Valtamore, einem ehemaligen Gangsterboss, der inzwischen auch mit dem Oberstaatsanwalt befreundet ist.

Als sie Gäste zur Tür bringt, hört sie einen Hilfeschrei. Eine Frau in einem leichten Kleidchen liegt auf dem Boden und ringt mit Ryan Ravare, der versucht, ihr die Halskette abzureißen, aber wegrennt, als er Leute kommen sieht.

Jacky half der Dame auf, einem jungen Ding von achtzig Jahren mit viel Botox im Gesicht.

Von Jacky Valtamore begleitet, klingelt Rose am nächsten Tag bei den Ravares. Ryan öffnet die Tür.

„Du siehst ganz richtig, kleiner Scheißer. Ich bin’s, die verrückte alte Schachtel, vor der du in der einen Nacht am Alten Hafen davongerannt bist.“
Ich zog die Glock 17 aus der Tasche meiner Safarijacke.
„Ich hatte dich doch gewarnt, was passieren würde, wenn du dich noch einmal blicken lässt. Tja, Bürschchen, heute ist der Tag des Jüngsten Gerichts.“
Jacky packte mich mit gerunzelter Stirn am Ärmel und flüsterte mir ins Ohr: „Was soll das werden, Rose? Wir hatten uns doch auf eine kleine Lektion geeinigt, sonst nichts.“
„Wir werden sehen“, murmelte ich. „Ich improvisiere.“

Am Ende liefern Rose und Jacky den Kleinganoven bei der Polizeidienststelle in der Canebière ab.

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Die 1907 am Schwarzen Meer geborene Armenierin Rose Zhongling, die seit 1969 in Marseille ein Restaurant betreibt, schreibt 2012 ihre Memoiren. Arbeitstitel: „Meine ersten hundert Jahre“. Ihre Eltern und Geschwister fielen dem Genozid an den Armeniern zum Opfer. Rose wurde als Kind missbraucht und 1942 auf dem Obersalzberg vergewaltigt. Die Nationalsozialisten ermordeten ihren ersten Ehemann und die beiden Kinder, die sie mit ihm hatte. Liu Zhongling, ihr dritter Ehemann, kam in der chinesischen Kulturrevolution ums Leben.

Das niederländische Clingendael-Institut für Internationale Beziehungen bezifferte die Zahl der Toten aus den Konflikten, Kriegen und Genoziden des zwanzigsten Jahrhunderts, das nicht müde wurde, die Grenzen der Niedertracht auszuweiten, auf 231 Millionen.

Das zwanzigste Jahrhundert sah die Vernichtung der Juden, der Armenier und der Tutsis. Die Blutbäder der Kommunisten und Antikommunisten, der Faschisten und Antifaschisten. Die politischen Hungersnöte in der Sowjetunion, der Volksrepublik China und in Nordkorea, die die angeblich so widerspenstigen Bauern dezimierten. Den Zweiten Weltkrieg mit seinen 60 oder 70 Millionen Opfern, ausgelöst von Adolf Hitler, dem Erfinder des industriellen Massenmords. Dazu die Schandtaten in Belgisch-Kongo, Biafra und Kambodscha.
Ganz oben auf dieser Liste des Schreckens stehen Hitler, Stalin und Mao.

Es ist gewiss kein Zufall, dass das Cover von „Ein Diktator zum Dessert“ dem des Romans „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ von Jonas Jonasson ähnelt. Der Protagonist Allan Emmanuel Karlsson wird 1905 geboren und erzählt als 100-Jähriger vor dem Hintergrund der politischen Ereignisse von seinen fantastischen Erlebnissen. Franz-Olivier Giesberts Romanfigur Rose ist zwei Jahre jünger und blickt als 105-Jährige zurück.

Mit überbordender Fabulierlaune jagt Franz-Olivier Giesbert seine beherzte und unerschrockene Ich-Erzählerin durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Mit ihr zusammen begegnen wir in „Ein Diktator zum Dessert“ zahlreichen realen Figuren, darunter Heinrich Himmler, dessen Name sogar im französischen Originaltitel auftaucht: „La cuisinière d’Himmler“. „Ein Diktator zum Dessert“ beginnt und endet Anfang 2012 in Marseille. Auch zwischendurch kehrt Franz-Olivier Giesbert immer wieder in die Rahmenhandlung zurück und baut dabei geschickt Spannung auf. Abgesehen von diesen Einschüben entwickelt er die Erlebnisse der Ich-Erzählerin chronologisch. Der Parforce-Ritt durch ein Jahrhundert wirkt eher sarkastisch als humorvoll, auf jeden Fall hat Franz-Olivier Giesbert den Schelmenroman „Ein Diktator zum Dessert“ mit einer Unmenge von originellen Ideen gespickt; das Buch ist intelligent, politisch unkorrekt und höchst unterhaltsam.

Im Anhang von „Ein Diktator zum Dessert“ finden wir vier Rezepte:

  • Das Plaki meiner Großmutter
  • Mamie Jos Parmesane
  • Emma Lempereurs Karamellflan
  • Tarte aux fraises à l’américaine oder Strawberry Shortcake aus dem „Frenchy’s“

Hilfreich sind das Glossar von Algren bis Zedong und die „kleine Bibliothek des Jahrhunderts“ mit Literaturangaben zu den Hauptthemen: armenischer Genozid, Stalinismus, Nationalsozialismus, Maoismus, Vernichtungslager, deutsche Besatzung Frankreichs.

Den Roman „Ein Diktator zum Dessert“ von Franz-Olivier Giesbert gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Carmen-Maja Antoni (ISBN 978-3-8445-1826-9).

Franz-Olivier Giesbert wurde am 18. Januar 1949 in Wilmington/Delaware geboren, kam aber im Alter von drei Jahren mit seiner Mutter in die Normandie und blieb in Frankreich. Er wurde Journalist, übernahm 1998 die Chefredaktion der Zeitung „Le Figaro“ (1998 – 2000) und 2000 die des politischen Wochenmagazins „Le Point“ (2000 – 2013). Seit 1977 schreibt Franz-Olivier Giesbert auch Romane.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2016
Textauszüge: © carl’s books (Random House)

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