Truman Capote : Die Grasharfe

Die Grasharfe
Originalausgabe: The Grass Harp Random House, New York 1951 Die Grasharfe Übersetzung: Annemarie Seidel, Friedrich Podszus Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 1952 Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt/M 1990 ISBN: 3-518-38296-9, 208 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nach dem frühen Tod seiner Eltern wohnt Collin Fenwick bei zwei unverheirateten, 50 Jahre älteren Cousinen zweiten Grades in Alabama. Obwohl Dolly Talbo die ältere der beiden ist, lässt sie ihre tüchtige Schwester Verena auch für sich entscheiden. Als diese ihr aus Geldgier die letzte Eigenständigkeit zu nehmen versucht, flüchtet Dolly mit Collin und ihrer afroamerikanischen Freundin Catherine in ein Baumhaus ...
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Kritik

Der märchenhaft-poetische Roman "Die Grasharfe" von Truman Capote ist vor allem ein Plädoyer für die Freiheit. Erzählt wird die Außenseiter-Geschichte aus der Sicht eines Sechzehnjährigen.
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Wann war es, dass ich zum ersten Male von der Grasharfe hörte? Lange vor jenem Herbst, als wir im Paternosterbaum lebten, also in einem früheren Herbst, und es war natürlich Dolly, die mir davon erzählte; niemand sonst hätte diesen Namen finden können: die Grasharfe. (Seite 7)

Als Collin Fenwick elf Jahre alt ist, stirbt seine Mutter, und der Vater, der als Reisender tätig ist und sich deshalb nicht um ihn kümmern kann, bringt den Jungen daraufhin zu seinen Cousinen Dolly und Verena Talbo. Ein paar Tage später stürzt Eugene Fenwick mit seinem Wagen in den Golf von Mexiko und kommt dabei ums Leben.

Verena Talbo ist die reichste Bewohnerin einer Kleinstadt in Alabama; ihr gehören ein Drugstore, ein Konfektionsgeschäft, eine Tankstelle, ein Kolonialwarenladen und ein Bürohaus. Obwohl sie etwas jünger als ihre sechzigjährige Schwester Dolly ist, gibt sie den Ton an. Von ihrem vor zehn oder fünfzehn Jahren gestorbenen Vater Uriah hatten Verena und Dolly die etwa gleichaltrige afroamerikanische Haushälterin Catherine Creek übernommen, die als Waisenkind auf Uriah Talbos Farm gekommen und mit ihnen zusammen aufgewachsen war. Die drei Frauen wohnen nicht mehr auf dem Farmgelände, wo sich inzwischen ein Eisenbahndepot befindet, sondern in einem normalen Haus. Catherine mag die ehrgeizige und geschäftstüchtige Verena nicht, aber mit der verträumten Dolly ist sie befreundet.

Sie hilft Dolly bei der Herstellung einer Medizin aus Kräutern und der Abfüllung in Flaschen. Als Verena fünf Jahre nach der Aufnahme Collins herausfindet, wie viel Geld Dolly damit verdient, staunt sie. Kurz darauf bringt sie von ihrer halbjährigen Einkaufsreise den Arzt Morris Ritz aus Chicago mit. Die Leute beginnen zu tuscheln, denn es bleibt ihnen nicht verborgen, dass Verena mit dem zwanzig Jahre jüngeren Juden ein Verhältnis hat, und die Spießbürger halten das für skandalös. Ritz zeigt Dolly Etiketten, die er für ihre Medizin drucken ließ: „Zigeunerkönigin-Tropfenkur“. Im Auftrag Verenas will er die Essenz zum Patent anmelden. Dolly weigert sich jedoch, die Rezeptur offenzulegen und den entsprechenden Antrag zu unterschreiben. Es kommt zum Streit, und Verena lässt sich dazu hinreißen, ihrer Schwester zu sagen, dass sie sich wegen deren Verschrobenheit und Catherine schäme:

„Du und diese gurgelnde Idiotin. Ist es dir niemals aufgegangen, warum ich keinen Menschen in dieses Haus bitte? Aus einem sehr einfachen Grund: ich schäme mich, das zu tun […]“
Ich konnte hören, wie Dollys Atem stockte. „Es tut mir leid“, sagte sie matt. „Wahrhaftig, ich dachte immer du brauchst uns irgendwie. Ich dachte, wir hätten hier unseren Platz.“ (Seite 37f)

Noch in der Nacht packen Dolly und Catherine Vorräte ein. Collin gibt keine Ruhe, bis sie ihn mitnehmen. Sie verstecken sich in einem etwa vierzig, fünfundvierzig Jahre alten Baumhaus in einem doppelstämmigen Paternosterbaum.

Am frühen Morgen kommt der achtzehnjährige Riley Henderson vorbei. Er entdeckt den zwei Jahre jüngeren Collin und die beiden fünfundsechzigjährigen Frauen im Baumhaus, und weil er gerade von der Jagd kommt, schenkt er ihnen zwei der von ihm erlegten Eichhörnchen.

Riley wurde in China geboren. Nachdem sein Vater, der dort missionierte, bei einem Aufstand getötet worden war, kehrte die Witwe Rose Henderson mit ihrem fünf Jahre alten Sohn Riley und den beiden jüngeren Töchtern Elizabeth und Anne in ihre Heimatstadt zurück und wurde von ihrem unverheirateten Bruder, dem Friedensrichter Horace Holton, aufgenommen. Riley und sein Onkel vertrugen sich nicht. Als der inzwischen fünfzehnjährige Junge Holtons Auto nahm und mit einem Mädchen zum Tanzen fuhr, ließ der Friedensrichter ihn vom Sheriff festnehmen. Riley beschuldigte ihn daraufhin, Rose Geld gestohlen zu haben, und der Richter Charlie Cool stieß auf Kontobewegungen, die den Verdacht erhärteten. Horace Holton verließ daraufhin die Stadt, zog nach New Orleans und begann dort als „Priester der Liebe“ Paare auf einem Mississippi-Dampfer zu trauen.

Als Verena merkt, dass ihre Schwester das Haus verlassen hat, alarmiert sie den Sheriff Junius Candle, der sofort eine Suchaktion einleitet. Es dauert nicht lang, bis er mit dem Reverend Buster, dessen Ehefrau, dem verwitweten Richter Charlie Cool und Mrs Macy Wheeler vor dem Baumhaus auftaucht. Der Geistliche fordert Dolly, Catherine und Collin auf, herunterzukommen, aber sie weigern sich, und als der Sheriff hinaufklettern will, zerrt der Richter ihn zurück.

Cool bleibt bei den Bewohnern des Baumhauses, nachdem der Sheriff und dessen Begleiter wieder abgezogen sind. Im Schutz der Dunkelheit kommt auch Riley zurück und berichtet, der Sheriff habe nicht nur einen Haftbefehl gegen die Ausreißer erlassen, sondern auch gegen den Richter, und zwar wegen der Behinderung eines amtlichen Rechtsvollzugs. Charlie Cool klagt:

„Ich, ich hätte niemals Richter sein dürfen; ich musste dadurch zu oft auf der falschen Seite stehen, denn das Gesetz erkennt die Schwierigkeiten nicht an. Erinnert ihr euch an den alten Carper, den Fischer, der ein Hausboot auf dem Fluss hatte? Er wurde aus der Stadt gejagt – er wollte das hübsche, kleine farbige Mädchen heiraten, jetzt arbeitet sie für Mrs Postum, glaube ich; und ihr wisst alle, dass sie ihn liebte; ich sah sie immer, wenn ich fischen ging, sie waren sehr glücklich zusammen. Für ihn war sie das, was nie jemand für mich gewesen ist – der einzige Mensch auf der Welt, vor dem man nichts zu verbergen braucht. Und dennoch, wenn es ihm gelungen wäre, sie zu heiraten, wäre es die Pflicht des Sheriffs gewesen, sie zu verhaften, und meine Pflicht, sie zu verurteilen.“ (Seite 76)

Er gesteht, vor fünf Jahren auf die Anzeige einer Dreizehnjährigen namens Heather Falls in Alaska geantwortet und mit ihr eine Brieffreundschaft begonnen zu haben. Dabei gab er sich als Sechzehnjähriger aus und schickte ihr ein altes Foto. Sie wechselten Briefe, bis Heather ihm eines Tages mitteilte, dass sie sich in einen anderen Jungen verliebt habe.

Im Morgengrauen, bevor Dolly, Catherine und Cool aufwachen, schwimmen Riley und Collin im nahen Fluss. Als sie zurückkommen, hören sie Catherine schreien. Ihr Kleid ist zerrissen. Ray Oliver, Jack Mill und Big Eddie Stover, drei Spießgesellen des Sheriffs, verprügeln sie. Collin tritt Stover in die Hoden, kann aber nicht verhindern, dass die drei Kerle Catherine wegzerren und zum Sheriff bringen, der die Afroamerikanerin einsperrt. Dolly und der Richter hatten sich beim Eintreffen der drei Männer weiter oben in der Baumkrone versteckt. Catherine war erwischt worden, weil sie nach Collin hatte suchen wollen. Riley, der während der Auseinandersetzung unbemerkt blieb, war inzwischen in der Stadt und kehrt mit seinem Gewehr ins Baumhaus zurück. Er berichtet den anderen, dass Morris Ritz verschwunden sei, und zwar mit 700 Dollar Bargeld von Verena und 12 000 Dollar in Wertpapieren. Darüber hinaus büßte Verena 10 000 Dollar ein, die sie Ritz in der Annahme anvertraut hatte, dass er damit den Kauf der Konservenfabrik für sie vorbereiten würde.

Die Wanderpredigerin „Schwester“ Ida kommt mit ihren fünfzehn Kindern vorbei.

Nach einer Fehlgeburt ihrer ein Jahr älteren Schwester Geraldine hatte Ida deren Stelle als Kellnerin in einem Hotel in Youfry übernommen. Als sie ihren Schwager Dan Rainy tröstete, ließ sie sich auf Zärtlichkeiten ein und wurde schwanger. Sie verriet niemandem, wer der Vater war, und nachdem sie ihren Sohn zur Welt gebracht hatte, ließ sie ihn von Dan und Geraldine Rainy aufziehen. Die Leute hielten Danny für ein Kind des Ehepaars. Ida eröffnete mit einer anderen Frau zusammen eine Wäscherei und besuchte Danny alle zwei Monate. Als sie den Straßenprediger Mr Honey heiratete, war sie bereits Mutter von fünf Kindern, aber das störte ihn nicht. Er fuhr mit ihr und den Kindern über Land, um zu missionieren und zeugte weitere fünf Kinder mit „Schwester“ Ida. Eines Tages stahl er sich davon. Nach seinem Verschwinden schlief Ida mit wechselnden Männern und wurde noch einige Male schwanger.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Als der Sheriff mit etwa zwanzig Leuten – darunter auch Verena – anrückt, klettern Frauen und Kinder ins Baumhaus hinauf, während sich Collin und die Männer in der Umgebung verteilen und dann mit Steinwürfen angreifen. Als Big Eddie Stover auf Riley schießt und ihn in der Schulter trifft, endet die Auseinandersetzung. Man bringt den Verletzten ins Krankenhaus.

Cool hat Dolly inzwischen einen Heiratsantrag gemacht. Ohne darauf einzugehen, fordert Verena ihre Schwester auf, mit nach Hause zu kommen und die Entscheidungen wieder ihr zu überlassen.

Kurz darauf diagnostiziert Dr. Carter bei Dolly eine Lungenentzündung und rät Verena, sie ins nächste Krankenhaus bringen zu lassen. Das befindet sich in Brewton und ist sechzig Meilen weit entfernt. Als der Krankenwagen eintrifft, verriegelt Catherina Dollys Türe von innen und verhindert den Abtransport der Patientin.

Charlie Cool besucht Dolly jeden Nachmittag – bis sie einem Schlaganfall erliegt.

Und da wünschte ich mir, dass der Richter wüsste, was Dolly mir einst erzählt hatte: Dieses, die Grasharfe war es, die alles bewahrte, die alles erzählte, die Harfe der Stimmen, die uns alles ins Gedächtnis rief. Wir lauschten. (Seite 208)

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Unter einer Grasharfe versteht Dolly den Klang, der entsteht, wenn der Wind über die Wiese streicht.

Der märchenhaft-poetische Roman „Die Grasharfe“ ist vor allem ein Plädoyer für die Freiheit. Truman Capote prangert die Bevormundung von Menschen unter dem Deckmantel der Fürsorge an, kritisiert Rassendiskriminierung, Bigotterie und Geldgier, entlarvt die Scheinheiligkeit des Spießbürgertums und plädiert für Liebe, Toleranz und Individualität. Erzählt wird die Außenseiter-Geschichte in der ersten Person Singular aus der Sicht eines zunächst elf, dann sechzehn Jahre alten Jungen.

An der deutschen Übersetzung von Annemarie Seidel und Friedrich Podszus aus dem Jahr 1952 stören inzwischen einige altmodische Wörter und Formulierungen.

Charles Matthau verfilmte den Roman „Die Grasharfe“.

Die Grasharfe – Originaltitel: The Grass Harp – Regie: Charles Matthau – Drehbuch: Stirling Silliphant, Kirk Ellis, nach dem Roman „Die Grasharfe“ von Truman Capote – Kamera: John A. Alonzo – Schnitt: Sidney Levin, Carroll Timothy O’Meara – Musik: Patrick Williams – Darsteller: Piper Laurie, Sissy Spacek, Walter Matthau, Edward Furlong, Nell Carter, Jack Lemmon, Mary Steenburgen, Sean Patrick Flanery, Joe Don Baker, Charles Durning, Roddy McDowall, Grayson Fricke u.a. – 1995; 105 Minuten

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2010
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

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