Joseph Conrad : Herz der Finsternis

Herz der Finsternis
Heart of Darkness Blackwood's Magazine 1899 Herz der Finsternis Übersetzung: Ernst W. Freißler Deutsche Erstausgabe: 1926 Neuübersetzung: Urs Widmer Haffmans Verlag, Zürich 1992
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erzählt Charlie Marlow vier Zuhörern von seiner Afrika-Reise. Im Auftrag einer belgischen Handelsgesellschaft übernahm der Kapitän einen Flussdampfer auf dem Kongo. Dabei beobachtete er, wie die Afrikaner ausgebeutet wurden und hörte von dem Agenten Kurtz im Landesinneren, der mehr Elfenbein lieferte als alle anderen zusammen. Während er es zunächst kaum erwarten konnte, diesen vermeintlichen Übermenschen kennenzulernen, wurde er bei der Begegnung mit ihm rasch desillusioniert ...
mehr erfahren

Kritik

Joseph Conrad prangert die Gier und Grausamkeit der Kolonialisten an. Seine Erzählung weist Versatzstücke des Genres der Abenteuer- und Reiseromane auf. In ihrer Dichtheit wirkt sie wie ein Mythos. Obwohl "Herz der Finsternis" dem Symbolismus zugeordnet wird, handelt es sich um eine realistische Darstellung. Joseph Conrad schreibt mit einfühlsamer Beobachtungsgabe, zwischendurch auch mit Ironie und Sinn für Tragikomik.
mehr erfahren

Rahmenhandlung

Während die Hochseeyacht „Nellie“ an der Themse-Mündung auf Ebbe wartet, um in See stechen zu können, sagt der ehemalige Kapitän Charlie Marlow: „Und das hier ist auch einer der finstern Orte der Erde gewesen.“

Damit spielt er auf die Zeit der römischen Eroberung Britanniens an und beginnt dann, vier Zuhörern an Bord von seiner Reise ins Herz der Finsternis zu erzählen.

Anreise

Nachdem Charlie Marlow mehrere Jahre als Schiffskapitän in Fernost verbracht hatte, vermittelte ihm seine in Brüssel lebende Tante eine Anstellung als Kapitän auf einem Flussdampfer in Afrika, der einer belgischen Handelsgesellschaft gehörte. Sein Vorgänger, ein Däne namens Fresleven, war von Eingeborenen getötet worden, als er sich bei einem Hühner-Handel betrogen gefühlt und deshalb den Dorfältesten verprügelt hatte.

Bei seiner Vorstellung in Brüssel fallen Marlow zwei Frauen im Vorzimmer auf, die mit schwarzer Wolle stricken.

Gut einen Monat dauert die Anreise auf einem französischen Dampfer bis zur Kongo-Mündung. Von dort bringt ihn ein Flussdampfer unter dem Kommando eines schwedischen Kapitäns 50 Kilometer flussaufwärts zu einer Station seiner Handelsgesellschaft, wo er sich zu melden hat.

Er beobachtet Afrikaner, die eigentlich eine Eisenbahnstrecke bauen sollen, aber stattdessen mit sinnlosen Sprengungen beschäftigt sind und aneinander gekettete Häftlinge, die jedes Interesse an ihrer Umgebung verloren haben. Aus Europa angelieferte Drainagerohre liegen zerbrochen herum.

Schwarze Gestalten hockten, lagen, saßen zwischen den Bäumen, lehnten sich gegen die Stämme, krümmten sich am Boden, von dem trüben Licht kenntlich und unsichtbar gemacht, in allen Stellungen des Schmerzes, der Verlassenheit und der Verzweiflung. […] und das hier war der Ort, an dem sich einige der Helfer zurückgezogen hatten, um zu sterben.
Sie starben langsam – es war sehr klar. Sie waren keine Feinde, sie waren keine Kriminelle, sie waren jetzt nichts Irdisches mehr – nur noch schwarze, kranke, verhungernde Schatten, die wirr durcheinander in dem grünen Düster lagen. Sie waren mit völlig legalen Zeitverträgen aus den vielen Schlupfwinkeln der Küste hergebracht worden, und verloren in einer schrecklichen Umgebung, mit unvertrautem Essen gefüttert, wurden sie krank, ineffizient und kriegten endlich die Erlaubnis, wegzukriechen und sich irgendwo hinzulegen. Diese dahinsterbenden Schatten waren frei wie die Luft – und beinah so dünn. Ich erkannte nun allmählich das Glänzen der Augen unter dem Bäumen. Dann als ich nach unten blickte, sah ich ein Gesicht neben meiner Hand. Die schwarzen Knochen lagen längelang da, eine Schulter gegen den Baum, und langsam hoben sich die Augenlider, und die in tiefen Höhlen liegenden Augen sahen zu mir hoch, riesengroß und leer, eine Art blindes, weißes Flackern aus den Tiefen der Augäpfel, das langsam wieder erlosch. Der Mann schien jung zu sein – ein Knabe fast noch –, […] Mir fiel nichts anderes ein, als ihm einen meiner guten schwedischen Schiffszwiebacks zu geben, die ich in der Tasche hatte. Die Finger schlossen sich langsam um ihn und blieben dann so – keine weitere Bewegung und kein Blick mehr. […]
Neben demselben Baum saßen noch zwei so spitzwinklige Haufen, mit hochgestellten Beinen. Der eine stützte das Kinn auf seinen Knien und starrte auf eine unerträgliche und schreckliche Weise ins Leere; der andere, ein Gespenst wie er, hatte seine Stirn aufgelegt, als habe ihn eine große Müdigkeit übermannt; und überall lagen welche, in allen erdenklichen Haltungen schmerzverkrümmter Erschöpfung, wie auf jenen Bildern, die ein Massaker oder die Pest zeigen. Während ich schreckensstarr dastand, rappelte sich eine dieser Kreaturen auf und kroch, um zu trinken, auf allen Vieren zum Fluss. Er schlürfte aus der hohlen Hand, setzte sich dann mit gekreuzten Beinen ins Sonnenlicht, und nach einiger Zeit fiel sein Wollkopf auf seine Brust.

Marlow hört vom „wie die Schaufensterpuppe eines Frisörs“ gekleideten Chefbuchhalter etwas von einem Agenten der Handelsgesellschaft im Inneren des Landes. Dieser Kurtz erbeutet mehr Elfenbein als alle anderen Agenten zusammen. Und Elfenbein ist mit Abstand das wichtigste Handelsgut der Gesellschaft.

Jede Menge staubiger, plattfüßiger Neger kamen und gingen; ein Strom aus Industriegütern, Baumwolltüchern miesester Qualität, Glaskugeln und Messingdraht floss in die Tiefen des Finsternis, und zurück kam ein kostbares Rinnsal aus Elfenbein.

Zentralstation

Der Dampfer, den Marlow übernehmen soll, befindet sich weitere 300 Kilometer stromaufwärts. Nach einem zehntägigen Aufenthalt in der Handelsstation schließt er sich einer Karawane an.

Trampelpfade, überall Trampelpfade; ein in die Erde getrampeltes Netz aus Pfaden, das sich über ein leeres Land ausbreitete, durch hohes Gras, durch niedergebranntes Gras, durch Dickicht, in frostkalte Schluchten hinunter und hinauf, auf hitzeglühende Steinhügel hinauf und hinunter, und eine Einsamkeit, eine Einsamkeit, niemand, keine Hütte. […] Tag für Tag das Stampfen und Schlurfen von sechzig nackten Fußpaaren hinter mir, jedes Paar unter einer Last von dreißig Kilo. Camp aufstellen, kochen, schlafen, Camp abbrechen, marschieren. Hie und da ein toter Träger, mit seinem Joch im hohen Gras neben dem Pfad liegend, mit einem leeren Wasserkürbis und seinem langen Stab.

Nach 15 Tagen erreicht Marlow die Zentralstation, wo ihn ein Direktor der Handelsgesellschaft erwartet. Der will mit dem Flussdampfer weiter ins Landesinnere, um seinen erkrankten Agenten Kurtz abzuholen. Aber der Boden des Blechkahns wurde vor zwei Tagen an Felsen aufgerissen. Er muss erst gehoben und repariert werden. Die Arbeit dauert Monate, denn die verfügbaren Arbeiter sind faul, und die zur benötigten Ersatzteile treffen, wenn überhaupt, nur nach und nach ein.

Auch hier wird über den geheimnisumwitterten Agenten Kurtz geredet:

Er ist ein Monstrum […] Er ist ein Botschafter der Barmherzigkeit und der Wissenschaft und des Fortschritts und von weiß der Teufel was noch. Wir brauchen, um die hohe Aufgabe zu bewältigen, die uns von Europa sozusagen übertragen worden ist, vertieftes Wissen, weitreichende Zustimmung, zielgerichtete Beharrlichkeit. […] darum kommt er hierher, ein besonderes Wesen, wie Sie wissen sollten.

Marlow wird immer neugieriger auf diese Persönlichkeit.

Während der Flussdampfer notdürftig hergerichtet wird, treffen die fünf Gruppen der von einem Onkel des Direktors geführten „Eldorado Exploring Expedition“ ein. Marlow hält die Männer für „rücksichtslos, aber nicht kühn; gierig, aber nicht verwegen; und grausam, aber nicht mutig“.

Ein Geruch aus sackdummer Raubgier schien über alldem zu schweben, wie der Gestank einer Leiche.

Bald darauf ist die Expedition in der Wildnis verschollen.

Letzte Etappe

Mit dem Direktor und weiteren drei Weißen an Bord macht sich Kapitän Marlow auf den Weg zu Kurtz.

Und zwischendurch musste ich noch auf den Wilden aufpassen, der mein Heizer war. Er war ein Spitzenmann: konnte einen vertikal stehenden Kessel heizen. Dort war er, tief unter mir, und, ich schwörs euch, sein Anblick war so aufbauend wie der eines Hundes, der in Hosen und Federn auf den Hinterbeinen geht. Ein paar Monate Übung hatten bei diesem wirklich wundervollen Burschen ausgereicht. Er schielte mit einer erkennbaren Anstrengung, keine Angst zu zeigen, nach der Dampfdruck- und der Wasseranzeige – und er hatte zudem spitz gefeilte Zähne, der arme Kerl, und zu seltsamen Mustern geschorene Wolle auf seinem Schädel, und drei Ziernarben auf jeder seiner Wangen. […] Er schuftete hier, ein Knecht fremder Zauberkunst, voller Kenntnisse, die mit jedem Tag größer wurden. […] Was er gelernt hatte, war: sollte das Wasser in dem durchsichtigen Ding verschwinden, würde der böse Geist im Kessel zornig werden, weil er einen furchtbaren Durst bekam, und sich schrecklich rächen. Also schwitzte und heizte er, und beobachtete angstvoll das Glas (mit einem improvisierten Talisman aus Lumpen am Arm, und einem Stück eines zugespitzten Knochens, das ihm mit der stumpfen Seite nach unten in der Unterlippe steckte), während die waldigen Ufer langsam an uns vorbeiglitten […] Der Kessel schien tatsächlich einen schlecht gelaunten Teufel in sich zu haben und folglich hatten weder jener Heizer noch ich Zeit, in unsern schauervollen Gedanken zu baden.

Sobald der Flussdampfer auf Grund läuft, müssen 30 Schwarze helfen, die Marlow für Kannibalen hält.

Wir hatten unterwegs ein paar dieser Kerle angeheuert. Gute Leute – Kannibalen – wenn sie zu Hause waren. Man konnte mit ihnen arbeiten, und ich bin ihnen dankbar. Immerhin fraßen sie sich nicht gegenseitig vor meinen Augen: sie hatten einen Vorrat aus Flusspferdfleisch mitgebracht, das langsam faulig wurde, sodass mir das Geheimnis der Wildnis immer mehr in die Nase stank. […] Davon schluckten sie hie und da ein Stück, ein so kleines, dass sie es wohl eher taten, um den Schein zu waren als um sich wirklich zu ernähren. Wieso sie sich, im Namen aller nagenden Hungerteufel, nicht über uns hergemacht – sie waren dreißig, wir fünf – und sich den Bauch einmal so richtig vollgeschlagen hatten, wundert mich heute noch. […] Sie waren große kräftige Männer, die nicht besonders fähig schienen, die Folgen ihrer Handlungen einzuschätzen, sogar jetzt noch mutig und stark, wo ihre Haut nicht mehr glatt und kein Muskel mehr hart war. Und ich sah, dass irgendeine Hemmung, eines jener Menschengeheimnisse, die den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit spotten, mit im Spiel war.

Es war unirdisch, und die Menschen waren – nein, sie waren nicht unmenschlich. Genau, versteht ihr, das war das Schlimmste von allem – der Verdacht, dass sie nicht unmenschlich waren. Er drang uns langsam ins Bewusstsein. […] was uns aber erschreckte, war just der Gedanke an ihre Menschlichkeit – die unserer glich –, der Gedanke an die entfernte Verwandtschaft mit diesem wilden und leidenschaftlichen Aufruhr.
Diesen Fluss hochzufahren war wie eine Reise zu den frühesten Tage der Erde, als wirre Pflanzen sie überwucherten und die großen Bäume Könige waren. Ein leerer Strom, eine große Stille, ein undurchdringlicher Wald. Die Luft war warm, dick, schwer, zäh. Im Glanz des Sonnenscheins lag keine Freude. Die langen Streckenabschnitte des Flusslaufs dehnten sich öde vor uns und führten ins Düster schattenverhangener Fernen hinein. Auf silbrig glänzenden Sandbänken sonnten sich nebeneinander Flusspferde und Krokodile. […] Und dieses Schweigen des Lebens glich in nichts irgendeinem Frieden. Es war das Schweigen einer gnadenlosen Macht, die über unverstehbaren Plänen brütete. Uns rachsüchtig ansah.

Kurz vor dem Ziel werden Marlow und die Mitreisenden vom Ufer aus mit Pfeilen beschossen. Ein durch eine Luke gestoßener oder geworfener Speer tötet den afrikanischen Steuermann. Bevor es noch weitere Tote oder Verletzte gibt, ziehen sich die Angreifer zurück. Nicht die ziellos aus der Hüfte abgegebenen Gewehrschüsse, sondern der gellende Lärm der Dampfpfeife scheint sie vertrieben zu haben.

Kurtz

Bald darauf legt Marlow am Ufer unterhalb eines Hügels an, auf dem sich Kurtz‘ Station befindet. Während der Direktor hinaufgeht, redet Marlow mit einem 25 Jahre alten Russen, der wie mit dem Narrenkostüm einer Schauspielertruppe bekleidet ist. Er sei zu Hause fortgelaufen, erzählt er, und habe auf einem russischen Schiff angeheuert. Schließlich verschlug es ihn an die Kongo-Mündung, und von dort wanderte er zwei Jahre lang flussaufwärts, bis er auf Kurtz traf. Der ausgemergelte Russe bewundert Kurtz. Doch obwohl er den Agenten bereits zweimal gesund gepflegt habe, klagt er, müsse er sich vor ihm in Acht nehmen. Einmal habe Kurtz ihn erschießen wollen. Der 25-Jährige berichtet Marlow von Kulthandlungen, mit denen Kurtz die Eingeborenen dazu gebracht hat, ihn wie einen Gott zu verehren. Jetzt sei Kurtz todkrank, sagt der Russe, aber er habe den Angriff auf den sich nahenden Flussdampfer initiiert, um nicht aus der Wildnis geholt zu werden.

Auf einer Trage bringt man Kurtz zum Flussufer.

Endlich kann sich Marlow selbst ein Bild von der sagenumwobenen Persönlichkeit machen. Deren charismatische Aura fasziniert Marlow, verliert jedoch ihre Wirkung, als Marlow die Machtgier und Skrupellosigkeit, den kranken Ehrgeiz, die Brutalität, Maßlosigkeit und Menschenverachtung des Mannes durchschaut. Dann entdeckt er auch noch, was es mit den vermeintlichen Zierkugeln auf Pfosten vor dem Haus der Station auf sich hat, die so gar nicht zu dem verwahrlosten Zustand passen. Als er das Fernglas scharf stellt, trifft es ihn wie ein Faustschlag ins Gesicht:

Dann bewegte ich mein Fernglas sorgfältig von Pfosten zu Pfosten und erkannte meinen Irrtum. Diese runden Kugeln waren nicht ornamental, sondern symbolisch; sie waren ausdrucksstark und verwirrend, schlagend und aufwühlend – Nahrung fürs Denken und auch für die Geier, falls gerade welche vom Himmel herabsahen; auf jeden Fall für jene Ameisen, die fleißig genug waren, die Pfosten hochzuklettern. Sie wären sogar noch eindrucksvoller gewesen, jene Schädel an den Pfostenspitzen, wenn ihre Gesichter nicht dem Haus zugewandt gewesen wären. […] Ich wandte mich ohne Hast wieder dem ersten zu, den ich gesehen hatte – und da war er, schwarz, vertrocknet, eingefallen, mit geschlossenen Augenlidern – ein Kopf, der auf der Spitze dieses Pfahls zu schlafen schien und der, weil die eingeschrumpften, trockenen Lippen eine weiße Zahnreihe sehen ließen, auch lächelte, unentwegt über irgendeinen endlosen und witzigen Traum jenes ewigen Schlummers lächelte.

Die aufgespießten Köpfe seien von getöteten Rebellen, heißt es.

Rückreise

Beim Ablegen fällt Marlow am Ufer eine „wilde und prachtvolle“ Afrikanerin auf:

Sie ging mit gemessenen Schritten, in gestreiften Kleidern voller Fransen, und während sie ihre Füße stolz auf die Erde setzte, klingelte und glänzte ihr urzeitlichr Schmuck. Sie trug ihren Kopf hoch erhoben; ihre Haare hatten die Form eines Helms; sie trug einen Beinschutz aus Messing, der ihr bis zum Knie ging, bis zu den Ellbogen reichende Handschuhe aus Messingdraht, einen karminroten Fleck auf jeder der hellbraunen Wangen, zahllose Halsbänder aus Glasperlen; bizarre Gegenstände, Amulette, Gaben von Hexern hingen an ihr herum und glitzerten und bebten bei jedem Schritt. Sie trug gewiss den Gegenwert mehrerer Elefantenzähne auf sich. Sie war wild und großartig, glutäugig und herrlich; etwas Unheilvolles und Majestätisches lag in ihren bedächtig näher kommenden Schritten. Und in der Stille, die sich jäh über das ganze trauervolle Land gelegt hatte, schien die unendliche Wildnis, der gewaltige Körper des fruchtbaren und geheimnisvollen Lebens auf sie zu blicken […]

„Ich hatte ungeheure Pläne“, murmelt Kurtz. Der Todkranke, der nach Europa gebracht werden soll, übergibt Kapitän Marlow ein Bündel mit Briefen und einem Porträt seiner Braut in Belgien. Er stirbt noch auf dem Flussdampfer.

Niemals habe ich eine solche Veränderung in einem Gesicht gesehen, und ich hoffe, nie mehr so was zu sehen. Oh, ich war nicht gerührt. Ich war fasziniert. Es war, als sei ein Schleier zerrissen. Ich sah düsteren Stolz, erbarmungslose Gewalt, feigen Schrecken auf diesem Gesicht aus Elfenbein, tiefe und hoffnungslose Verzweiflung. Lebte er sein Leben nochmals, jeden einzelnen Wunsch, jede Versuchung und alle Hingabe, während jenes höchsten Augenblicks vollkommenen Wissens? Flüsternd schrie er etwas irgendeinem Bild entgegen, einer Vision – er schrie zweimal, nicht lauter als sein Atmen: „Das Grauen! Das Grauen!“

Auf einer Flussinsel wird der Tote beerdigt.

Epilog

Charlie Marlow, der auf der Weiterfahrt selbst schwer erkrankte, kann sich kaum erinnern, wie er zurück nach Belgien kam.

Ein Jahr nach Kurtz‘ Tod sucht er dessen Braut in Brüssel auf und übergibt ihr die Briefe. Ebenso wie seine Tante geht sie davon aus, dass die Weißen in Afrika eine zivilisatorische Mission erfüllen, und sie ahnt nichts von den Entgleisungen des Verlobten. Als die Trauernde ihren Besucher fragt, was die letzten Worte des Sterbenden gewesen seien, sagt er statt „Das Grauen! Das Grauen!“: „Das letzte Wort, das er aussprach, war – Ihr Name.“

nach oben

In Joseph Conrads Erzählung „Herz der Finsternis“ gibt es weder Orts- noch Zeitangaben. Aber wir können davon ausgehen, dass die Handlung am Ende des 19. Jahrhunderts spielt, in England, Belgien und vor allem am Kongo von der Mündung bis zu den Stromschnellen am Oberlauf (Boyomafälle, früher: Stanleyfälle), denn was Joseph Conrad hier Charlie Marlow erzählen lässt, erlebte er großenteils selbst auf einer Afrika-Reise im Jahr 1891.

Seit der Kongokonferenz vom 15. November 1884 bis 26. Februar 1885 in Berlin war der Kongo belgische Kolonie, die König Leopold II. als seinen Privatbesitz betrachtete und unter dem Deckmantel einer zivilisatorischen Mission gewissenlos ausbeutete. Wichtigstes Handelsgut war Elfenbein. Die als Arbeitskräfte benötigten Afrikaner wurden versklavt und gefoltert. Tausenden hackte man die Hände ab, während sie noch lebten, weil die Verwaltungsbeamten für jeden getöteten „Rebellen“ eine Prämie zahlten und die Hände als Beweis forderten. Auch den in „Herz der Finsternis“ beschriebenen „Todeshain“ gab es tatsächlich. Joseph Conrad ist zwar selbst nicht frei von Vorurteilen gegenüber „wilden“ Afrikanern, die er als Teil einer bedrohlichen Natur darstellt, aber mit seinem Buch prangert er die Gier und Grausamkeit der Kolonialisten und Imperialisten an. Begriffe wie Wildnis, Finsternis, Schatten, Grauen, Nebel, Hitze, Krankheit sind charakteristisch für die Erzählung, die auch als Blick in die Abgründe der menschlichen Natur gelesen werden kann.

Personifiziert wird das Kolonialsystem durch die Romanfigur Kurtz. Dabei handelt es sich um den erfolgreichsten Elfenbein-Lieferanten einer belgischen Handelsgesellschaft, der im Zentrum Afrikas eine Terrorherrschaft aufgebaut hat, die Schwarzen hemmungslos ausbeutet und sich wie ein Gott verehren lässt. Der rassistische, menschenverachtende und charismatische Egomane hat jedes Maß verloren.

Im Vergleich zu diesem effizienten Ausbeuter wirken die übrigen Kolonialisten in „Herz der Finsternis“ – bis auf den „wie die Schaufensterpuppe eines Frisörs“ gekleideten Chefbuchhalter – bei aller Habgier faul, phlegmatisch und nachlässig. Kapitän Charlie Marlow bleibt nach der strapaziösen, gefährlichen Flussfahrt auf dem Schiff, statt in den Dschungel vorzudringen, wie es der bösartig und wahnsinnig gewordene Kurtz getan hat. Im Gegensatz zu Kurtz akzeptiert Marlow Grenzen. Während Marlow es zunächst kaum erwarten kann, diesen vermeintlichen Übermenschen kennenzulernen, wird er bei der Begegnung mit ihm rasch desillusioniert.

Bemerkenswert ist auch, dass Frauen wie Marlows Tante und Kurtz‘ Braut der Propaganda kritiklos glauben, derzufolge es sich bei der Kolonialisierung um eine ehrenvolle zivilisatorische Aufgabe handelt.

Auf eine andere Interpretationsmöglichkeit weist Urs Widmer in seinem Nachwort hin:

[Die Erzählung] kann, warum nicht?, als eine ins Gigantische vergrößerte Frau gelesen werden. Marlow fährt staunend und immer erregter mit seinem Jammerkahn auf einem breiten, dann immer schmaler werdenden Fluss jenem einen Punkt entgegen – die Ufer rechts und links rücken ihm drohend immer näher –, an dem es nicht mehr weitergeht, es sei denn, er dringe in das Pflanzengewucher ein. […]
Vielleicht also handelt die Erzählung doch nur – nur! – davon, noch einmal mit der Mutter zu verschmelzen, von ihr, der Mutter Wildnis, nochmals alles zu bekommen […].

Joseph Conrad umrahmt den Hauptteil der Erzählung „Herz der Finsternis“ mit einer Szene, in der ein Schiff an der Themse-Mündung auf Ebbe wartet, um in See stechen zu können und Charlie Marlow von seiner Afrika-Reise erzählt. Diese Rahmenhandlung blendet Joseph Conrad zwischendurch immer wieder kurz ein.

In „Herz der Finsternis“ gibt es zwei Ich-Erzähler. Der eine ist Charlie Marlow. Der andere ist einer der Zuhörer, der hier die Rahmenhandlung und Marlows Monolog wiedergibt.

„Herz der Finsternis“ weist Versatzstücke des Genres der Abenteuer- und Reiseromane auf. In ihrer Dichtheit wirkt die Erzählung wie ein Mythos. Obwohl „Herz der Finsternis“ dem Symbolismus zugeordnet wird, handelt es sich um eine realistische Darstellung. Joseph Conrad schreibt mit einfühlsamer Beobachtungsgabe, zwischendurch auch mit Ironie und Sinn für Tragikomik.

Urs Widmer weist in einem Nachwort darauf hin, dass der sonst zögerlich arbeitende Schriftsteller Joseph Conrad diese Erzählung wie in Trance geschrieben habe. Tatsächlich entstand sie in einem Schaffensrausch von Dezember 1898 bis Januar 1899.

Eine von Ernst W. Freißler übertragene erste deutschsprachige Ausgabe des 1899 veröffentlichten Romans „Heart of Darkness“ erschien 1926. Nach Neuübersetzungen von Waldemar Krause (1958), Fritz Lorch (1968), Elli Berger (1979), Daniel Göske (1991) und Reinhold Batberger (1992) gibt es seit 1992 eine weitere Übersetzung von Urs Widmer. 2005 bzw. 2007 folgten Neuübersetzungen von Tobias Döring und Manfred Allie.

„Herz der Finsternis“ gibt es auch in Hörbuch-Fassungen, beispielsweise in der Übersetzung von Fritz Lorch, gelesen von Manfred Zapatka, oder in der Übersetzung von Daniel Göske, gelesen von Christian Brückner. Das Hörspiel „Die lächerliche Finsternis“ ist dagegen eine Fortsetzung des Romans „Herz der Finsternis“ von Wolfram Lotz. Es kam auch auf die Bühne (Uraufführung am 6. September 2014 am Akademietheater Wien). Joseph Conrads Erzählung selbst wurde von Jan-Christoph Gockel und David Schliesing fürs Theater bearbeitet (Uraufführung am 23. April 2015 am Schauspiel Bonn).

Nicolas Roeg verfilmte die literarische Vorlage 1993 mit Tim Roth, John Malkovich und Iman Abdulmajid. Werner Herzog knüpfte mit seinem Film „Aguirre, der Zorn Gottes“ (1972) an den Roman „Herz der Finsternis“ von Joseph Conrad an. Außerdem regte das Buch Francis Ford Coppola zu seinem Film „Apocalypse Now“ (1979 / 2001) an. Dabei verlegte er die Handlung von Zentralafrika nach Vietnam und Kambodscha (Vietnam-Krieg).

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Irene Wunderlich 2002 / Dieter Wunderlich 2020
Textauszüge: © Haffmans Verlag, Zürich

Joseph Conrad (kurze Biografie)

Philip Roth - Täuschung
Der Roman "Täuschung" von Philip Roth besteht ausnahmslos aus Dialogen. Wirklich gelungen sind die letzten beiden Kapitel, in denen Philip Roth raffiniert und witzig mit Fiktion und Wirklichkeit spielt.
Täuschung