Schtonk!

Schtonk!

Schtonk!

Originaltitel: Schtonk! - Regie: Helmut Dietl - Drehbuch: Helmut Dietl und Ulrich Limmer - Kamera: Xaver Schwarzenberger - Schnitt: Tanja Schmidbauer - Musik: Konstantin Wecker - Darsteller: Uwe Ochsenknecht, Götz George, Veronica Ferres, Christiane Hörbiger, Dagmar Manzel, Harald Juhnke, Rolf Hoppe, Rosemarie Fendel, Karl Schönböck, Ulrich Mühe, Martin Benrath, Hermann Lause, Martin Feifel u.a. - 1992; 105 Minuten

Inhaltsangabe

Der erfolglose Maler Fritz Knobel verkauft Anfang der Achtzigerjahre einem alten Nazi einen gefälschten, angeblich von Adolf Hitler gemalten Akt Eva Brauns. Als er einem Reporter erzählt, er habe die geheimen und bis dahin unbekannten Tagebücher Adolf Hitlers entdeckt, glaubt dieser an eine Sensation. Knobel kommt mit den Fälschungen kaum nach ...
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Kritik

In der Posse "Schtonk!" nimmt Helmut Dietl den Skandal um die angeblichen Hitler-Tagebücher aufs Korn, prangert unsere Leicht­gläubig­keit und Sensations­gier an und zeigt, dass der Hitler-Kult auch heute noch viele fasziniert.
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Schon als neunjähriges Kind (Robert Chalkey) fälscht Fritz Knobel in der Nachkriegszeit NS-Devotionalien und dreht sie GIs an.

Später versucht er (ab jetzt: Uwe Ochsenknecht) sich in der schwäbischen Provinz als Maler, und weil er damit keinen Erfolg hat, gibt er sich Anfang der Achtzigerjahre als Kunstsammler „Prof. Dr. Knobel“ aus. Nachdem er dem Fabrikanten Karl Lentz (Rolf Hoppe) erzählt hat, es gebe einen von Hitler selbst („mit seinem eigenen Pinsel“) gemalten Akt Eva Brauns, erklärt sich der Alt-Nazi bereit, 10 000 Mark dafür zu bezahlen.

Knobels Ehefrau Biggi (Dagmar Manzel), die ein kleines Reinigungsunternehmen führt, weigert sich, für so ein Bild nackt Modell zu stehen, aber der angebliche Professor überredet die Erntehelferin Martha (Veronica Ferres), es zu tun. Sie wird auch seine Geliebte und fängt in der benachbarten Gaststätte als Kellnerin an.

Als Fritz Knobel das Ölgemälde bei Karl Lentz abliefert, führt dessen Ehefrau (Rosemarie Fendel) unerwartet einen Sachverständigen herein. Anders als ihr leichtgläubiger Ehemann misstraut sie dem „Kunsthändler“ und hat deshalb Kunstprofessor August Strasser (Karl Schönböck) gebeten, die Echtheit des Gemäldes zu prüfen. Der Betrüger erschrickt, aber zu seiner Verwunderung behauptet der Autor des Buches „Der Führer und ich“, dabei gewesen zu sein, als Hitler (Günther Bader) 1938 auf dem Berghof das Bild seiner Geliebten (Beate Loibl) malte. 1945 sei es wohl an Bord der Ju 52 gewesen, mit der Hitlers Privatsachen aus dem eingeschlossenen Berlin ausgeflogen werden sollten, die jedoch über Börnersdorf bei Dresden abstürzte. Nun sei also das seit damals verschollene Gemälde wieder aufgetaucht.

Diese Lüge bringt Fritz Knobel auf die Idee, ein angebliches Tagebuch Hitlers herzustellen und es Karl Lentz zum Kauf anzubieten. Zur feierlichen Öffnung des versiegelten Buches lädt der Unternehmer den früheren SS-Obergruppenführer von Klantz (Georg Marischka) und zahlreiche andere Gäste in ein Schloss ein. Nachdem er das versiegelte Buch geöffnet hat, will er ergriffen daraus vorlesen, hat jedoch Schwierigkeiten, die Schrift zu entziffern und sagt zum Beispiel statt „Gott sei Dank“ „Kotze schtonk“.

Unter den Gästen befindet sich Hermann Willié (Götz George), ein Reporter der Hamburger Illustrierten „HH-Press“. Der war zwar nicht eingeladen, kam jedoch als Begleiter von Hermann Görings Nichte Freya Freifrau von Hepp (Christiane Hörbiger).

Die beiden haben seit kurzem eine Affäre miteinander. Hermann Willié wandte sich an die Verwandte des früheren Reichsmarschalls, nachdem er das Wrack der Göring-Yacht „Carin II“ gekauft und sich mit der Instandsetzung finanziell übernommen hatte. Sein Versuch, die „HH-Press“ für eine gut bezahlte Bild­reportage über die „Carin II“ und seine Sammlung von weiteren NS-Devotionalien zu gewinnen, war an den beiden Chefredakteuren Uwe Esser und Kurt Glück (Martin Benrath, Hermann Lause) gescheitert.

Eine Sensation witternd, setzt Hermann Willié sich mit Fritz Knobel in Verbindung, und der Betrüger tut so, als könne er unter großen Schwierig­keiten möglicher­weise weitere Tagebücher Hitlers beschaffen.

Hermann Willié und der mit ihm befreundete Ressortleiter Pit Kummer (Harald Juhnke) fahren nach Börnersdorf und lassen sich von einem Zeitzeugen über den Flugzeugabsturz im Jahr 1945 berichten. Dann bringen sie gemeinsam den Verlagsleiter Dr. Guntram Wieland (Ulrich Mühe) dazu, 120 000 Mark für drei Hitler-Tagebücher bereitzustellen.

Nachdem Fritz Knobel eine Anzahlung erhalten hat, schreibt er in tage- und nächtelanger Arbeit frei erfundene Texte in alte Schulkladden aus der DDR: „Die ständigen Anstrengungen der letzten Wochen verursachen mir Blähungen im Darmbereich, und Eva sagt, ich habe Mundgeruch.“ Über die Olympischen Spiele 1936 in Berlin notiert er, sie seien ausverkauft und fügt hinzu: „Hoffentlich bekomme ich für Eva noch Karten.“

Erst nachdem Dr. Wieland die drei Kladden erhalten und Hermann Willié mit Genehmigung des Verlagsleiters weitere 25 bei Fritz Knobel bestellt hat, erfahren die Chefredakteure Uwe Esser und Kurt Glück von den Hitler-Tagebüchern. Sie wundern sich zunächst über die Initialen FH auf dem Einband („er hieß doch nicht Fritz Hitler“), aber Dr. Wieland – dem das noch gar nicht auffiel – meint, das sei die Abkürzung von „Führerhauptquartier“.

Weil Glück und Esser darauf bestehen, die Echtheit der Hitler-Tagebücher vor der Veröffentlichung prüfen zu lassen, eilt Willié zu Knobel. Der schlägt einen Handschriften-Vergleich vor und fälscht sogleich einen Brief Hitlers an Ferdinand Porsche über das Volkswagen-Projekt. Grafologen in London (Wolfgang Menge), in der Schweiz (Fritz Lichtenhahn) und in New York kommen zu dem Schluss, dass die Handschriften auf dem Brief und in den Tagebüchern von ein und derselben Person stammen. Der Notar Dr. Cornelius (Thomas Holtzmann) teilt das Ergebnis den Chefredakteuren, dem Verlags- und dem Ressortleiter mit. Hermann Willié ahnt zwar inzwischen, dass es sich bei Fritz Knobel um einen Fälscher handelt, aber er verdrängt seinen Verdacht und spielt weiter mit.

Um das Geschäft auszubauen, verbrennt der Betrüger Socken und Büstenhalter. Die Asche füllt er in einen Pokal, auf den er ein Hakenkreuz schraubt. Während eines Abendessens im Hotel Atlantic in Hamburg nimmt er Hermann Willié mit in die Toilette und zeigt ihm dort die angebliche Urne mit der Asche von Adolf Hitler und Eva Braun. Der Devotionalien-Sammler springt darauf an, aber Knobel behauptet, die eigentlich unbezahlbare Urne könne er nur im Paket mit den restlichen Hitler-Tagebüchern abgeben. Er habe inzwischen herausgefunden, dass es davon 60 Stück gebe. Dafür verlangt er neun Millionen Mark.

Beim Frühstück am nächsten Morgen beschwert Hermann Willié sich, dass seine Geliebte ihre Gesichtsfalten nicht wenigstens überschminkt habe. Freya Freifrau von Hepp schleudert ihm daraufhin bittere Orangenmarmelade – die er verabscheut – ins Gesicht. Sie trennen sich. Freya von Hepp sagt zum Abschied, sie verstehe, dass er auf dem Weg nach oben niemanden dabei haben wolle, der ihn unten kannte.

Fritz Knobel arbeitet Tag und Nacht bis zur Erschöpfung an den Fälschungen. Dabei identifiziert er sich mit dem angeblichen Autor der Tagebücher und ähnelt dem zittrigen Hitler des Jahres 1945 immer stärker, nicht zuletzt, als er sich versehentlich zwischen Nase und Oberlippe mit schwarzer Tinte beschmiert. Er könne Hitlers Handschrift inzwischen besser als seine eigene, klagt er.

Anlässlich des Scoops über die Hitler-Tagebücher lädt die „HH-Press“ zu einer internationalen Pressekonferenz ein. Die deutsche Geschichte müsse zu großen Teilen neu geschrieben werden, heißt es da, und Hermann Willié posiert ebenso eitel wie stolz mit einem der Tagebücher vor den Kameras. Nur der ebenfalls anwesende Kunstprofessor August Strasser sagt zu von Klantz, es handele sich um Fälschungen, FH bedeute „falscher Hase“ („haben Sie das nicht gewusst?“), aber niemand hört auf ihn.

Während Hermann Willié sich anderen Reportern auf der „Carin II“ in einem weißen Morgenmantel Görings fotografieren lässt, den Freya von Hepp ihm schenkte, überbringt ihm Pit Kummer die Nachricht, dass das Bundeskriminalamt die angeblichen Hitler-Tagebücher als Fälschungen erkannt habe. Einige der verwendeten Materialien gab es vor 1945 noch gar nicht.

Fritz Knobel setzt sich mit Biggi und Martha, die sich inzwischen angefreundet haben, ins Ausland ab und wird von einem bayrischen Grenzbeamten (Willy Harlander) aufgrund der gefälschten Pässe als „kaiserliche Hoheit“ angesprochen.

Hermann Willié versucht vergeblich, Pit Kummer und Dr. Guntram Wieland von einer noch größeren Sensation zu überzeugen: Wenn das BKA festgestellt habe, dass die Tagebücher aus der Nachkriegszeit stammen und internationale Gutachter die Schrift als die Adolf Hitlers erkannten, könne das doch nur bedeuten, dass Hitler lebt! Er werde sich auf den Weg machen und ihn suchen, kündigt er an.

Als er mit der Yacht „Carin II“ im Hamburger Hafen losfährt, holen ihn zwei Polizeiboote ein, die ausgeschickt wurden, um ihn zu verhaften.

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Die in „Schtonk!“ gezeigte internationale Pressekonferenz fand tatsächlich statt, und zwar am 25. April 1983 im Verlagshaus Gruner + Jahr in Hamburg. Der „Stern“ präsentierte dort die angeblichen Hitler-Tagebücher und begann drei Tage später mit der Veröffentlichung von Auszügen aus den 62 Kladden. Der Fälscher Konrad Kujau war dem „Stern“-Reporter Gerd Heidemann bei einem Industriellen namens Fritz Stiefel begegnet, den er mit echten oder gefälschten NS-Devotionalien beliefert hatte. Vorbild der Rolle des Kunstprofessors Strasser könnte August Priesack gewesen sein, der für Hitler herumgereist war und nach Exponaten für deutsche Museen gesucht hatte. Ihn zog Stiefel allerdings nicht wegen eines angeblich von Hitler gemalten Akts zu Rate, sondern wegen des Tagebuchs, das ihm Kujau besorgt hatte.

Gerd Heidemann erwarb in der Tat die Yacht, die einmal Hermann Görings gehört hatte. Die „Carin II“ war von den Briten beschlagnahmt, in „Prince Charles“ umgetauft, aufgrund eines Gerichtsurteils jedoch 1960 an Görings Witwe Emmy zurückgegeben worden. Emmy Göring hatte sie einem Bonner Druckereibesitzer verkauft, von dem Heidemann das Schiff 1973 für 160.000 D-Mark erhielt.

Mit der Rolle des Dr. Guntram Wieland spielt Helmut Dietl auf den Chef des Verlags Gruner + Jahr an. Das war zur Zeit der Veröffentlichung der gefälschten Hitler-Tagebücher Gerd Schulte-Hillen.

Die Echtheit der Aufzeichnungen ließ der „Stern“ sich vor dem Abdruck von dem Graphologen Hans Booms vom Bundesarchiv in Koblenz bestätigen. Auch das Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz kam zu dem Schluss, dass die Tagebücher echt seien. Doch Anfang Mai deckte der „Spiegel“ mit Hilfe des Bundeskriminalamts auf, dass es sich um plumpe Fälschungen handelte.

In der Posse „Schtonk!“ nimmt Helmut Dietl den Skandal aufs Korn, prangert unsere Leichtgläubigkeit und Sensationsgier an und zeigt, dass der Hitler-Kult auch heute noch viele fasziniert.

Viele gute Einfälle tragen zur Unterhaltung bei. Aber es gibt auch eine große Portion Klamauk, und vor allem die Figuren Hermann Willié und Fritz Knobel werden von Götz George bzw. Uwe Ochsenknecht entsprechend überzeichnet.

Der Titel „Schtonk!“ stammt aus der Groteske „Der große Diktator“. In der berühmten Rede des von Charlie Chaplin gespielten Diktators Adenoid Hynkel heißt es: „Demokratsie Schtonk! Liberty Schtonk! Free Sprekken Schtonk!“ („Die Demokratie wird abgeschafft! Die Freiheit wird abgeschafft! Die Redefreiheit wird abgeschafft!“).

Obwohl jeder weiß, dass die Illustrierte „Stern“ auf die gefälschten Hitler-Tagebücher hereinfiel, wurde der Name des Blatts im Film geändert. Während der Dreharbeiten klagte allerdings die nordrhein-westfälische Boulevard-Zeitung „Express“ gegen den gewählten Titel „Expressmagazin“. Deshalb machte Helmut Dietl „HHpress“ daraus. Erstmals wurden digitale Mittel eingesetzt, um den Schriftzug zu korrigieren.

Die Innenaufnahmen der Szene, in der Karl Lentz (Rolf Hoppe) feierlich das erste gefälschte Hitler-Tagebuch öffnet, entstanden auf der Wartburg in Eisenach, aber für die Außenaufnahmen diente das Schloss Drachenburg auf dem Drachenfels am Rhein als Kulisse. Die angeblich in Börnersdorf bei Pirna spielenden Szenen wurden in Abtsbessingen am Kyffhäuser und Umgebung gedreht, u. a. auf dem Kirchhof des Dorfes.

Zarah Leander ist in „Schtonk!“ mit den Schlagern „Davon geht die Welt nicht unter“, „Er heißt Waldemar“ und „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n“ zu hören. Lilian Harvey singt „Das gibt’s nur einmal“. Konstantin Wecker komponierte die Musikuntermalung.

„Schtonk!“ wurde in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ für einen
„Oscar“ nominiert, ging jedoch leer aus.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002 / 2017

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