Roman Ehrlich : Das kalte Jahr

Das kalte Jahr

Roman Ehrlich

Das kalte Jahr

Das kalte Jahr Originalausgabe: DuMont Buchverlag, Köln 2013 ISBN: 978-3-8321-9725-4, 253 Seiten, 19.99 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Ich-Erzähler, dessen Namen wir nicht erfahren, entschließt sich unvermittelt, die Stadt zu verlassen, in der er lebt und arbeitet. Trotz des eisigen Winterwetters macht er sich zu Fuß auf den Weg nach Norden zu seinem Elternhaus. Dort trifft er auf einen ihm unbekannten kleinen Jungen, der sich im Kinderzimmer eingenistet hat. Was mit den Eltern geschehen ist, erfährt der Neuankömmling nicht und er fragt auch nicht weiter danach ...
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Kritik

Bei dem Kind, dem der Ich-Erzähler in "Das kalte Jahr" begegnet, könnte es sich um ihn selbst handeln. Roman Ehrlich gibt dazu in seinem rätselhaften und angestrengt hochliterarischen Debütroman keine Erklärung.
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Der Ich-Erzähler, dessen Namen wir nicht erfahren, entschließt sich unvermittelt, die Stadt zu verlassen, in der er lebt und arbeitet. Trotz des eisigen Winterwetters macht er sich zu Fuß auf den Weg nach Norden zu seinen Eltern, die dort an der Küste nach der Auflassung eines nahen Militärgeländes günstig ein Haus erworben hatten, in dem er aufwuchs.

Kurz vor dem tief verschneiten Zielort kommt ihm ein Junge auf einem Motorroller entgegen, hält an, ohne das Visier des Helms hochzuklappen, sagt seinen Namen – Hannes –, zeigt jedoch kein besonderes Interesse an dem Fremden, sondern fährt nach kurzem Aufenthalt weiter.

Der Erzähler klingelt am Haus seiner Eltern. Ein kleiner, ihm unbekannter Junge öffnet die Türe. Er heißt Richard und hat sich im ehemaligen Kinderzimmer eingenistet. Die Möbel und Bilder der Familie stehen bzw. hängen an ihren Plätzen, aber die Eltern sind nicht da, und als der Ankömmling nach ihnen fragt, schüttelt Richard nur den Kopf. Der Erzähler zieht die Hausschuhe seines Vaters an und nimmt mit der Couch im Wohnzimmer als Schlafstatt vorlieb.

Die beiden reden zwar nicht wirklich miteinander, aber der Ältere teilt dem Jüngeren mit, was er in der Zeitung las, die er bei seinem Aufbruch aus dem Briefkasten der Nachbarn stahl. Und nachdem er die Zeitung fürs Feuermachen verwendet hat, erzählt er aus dem Gedächtnis von früheren Vorkommnissen beispielsweise in Indonesien und den USA.

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Worüber der Protagonist Richard berichtet:

Im 18. Jahrhundert, als Holz in Form von gewaltigen Flößen vom Schwarzwald in die Niederlande transportiert wurde, brach der Holzarbeiter Friedrich Link auf dem Eis ein und trieb kurz unter der Eisdecke, bis er gerettet werden konnte. Weil sich sein Herz und seine Nerven nicht mehr erholten, entließ man ihn unter einem Vorwand. Link fand dann zwar noch eine Anstellung bei der Stadtverwaltung, verdämmerte jedoch schleichend und starb drei Jahre nach dem Unfall. Er hinterließ eine Frau, eine siebenjährige Tochter und den 13-jährigen Ziehsohn Louis, bei dessen leiblichem Vater es sich um einen vorübergehend im Schwarzwald stationierten Soldaten handelte.

Louis Link ging nach einer abgeschlossenen Tischlerlehre auf die Walz und wanderte schließlich in die USA aus, um dem Militärdienst zu entgehen. Von New York zog er im Herbst 1887 nach Chicago. Dort fand er Arbeit in einer Fabrik und schloss sich der Holzarbeitergewerkschaft an. Nachdem am 4. Mai 1886 auf dem Haymarket in Chicago eine Bombe explodiert war, verhaftete die Polizei acht Verdächtige, von denen sechs zum Tod verurteilt wurden. Einer von ihnen war Louis Link. Am Tag vor der für 11. November 1887 angesetzten Hinrichtung schob er sich eine eingeschmuggelte Sprengkapsel zwischen die Zähne und entzündete sie mit einer Kerze. Die Explosion riss dem 23-Jährigen das halbe Gesicht weg und verletzte ihn tödlich.

An der Stelle, an der Louis Link und die Hingerichteten begraben worden waren, stürzte am 27. Juli 1960 ein Hubschrauber ab, riss einen Krater auf und verbrannte.

Der Grundschullehrer und jüdische Kantor Liebmann Adler erhielt am 3. Juli 1844 die Nachricht, dass seine Frau bei der Geburt des ersten Kindes gestorben sei. Zehn Jahre später emigrierte er mit seinem Sohn Dankmar von Lengsfeld in Thüringen nach Detroit/Michigan. Dort übernahm Liebmann Adler das Amt eines Rabbiners und Kantors, während sich der Sohn von verschiedenen Architekten ausbilden ließ. Nachdem Dankmar Adler drei Jahre lang im Amerikanischen Bürgerkrieg gekämpft hatte, zog er mit seinem Vater nach Chicago. Dort erlebten sie den Großen Brand vom 8. bis 10. Oktober 1871. Zehn Jahre später gründete Dankmar Adler mit Louis Sullivan das Architekturbüro Adler & Sullivan in Chicago. Adler starb am 16. April 1900, Sullivan am 14. April 1924.

Frank Lloyd Wright, ein Schüler von Dankmar Adler und Louis Sullivan, errichtete 1911 für sich und seine zweite Ehefrau Mamah Borthwick Cheney ein Haus in Spring Green/Wisconsin, das er Taliesin nannte. Während der Architekt am 15. August 1914 an der Einweihung eines Bauwerks in Chicago teilnahm, verschloss der Hausangestelle Julia Carlton das Speisezimmer, in dem sich zehn Menschen aufhielten, verschüttete Benzin, entfachte ein Feuer und ermordete die durchs Fenster Flüchtenden mit einer Axt. Acht Menschen starben, darunter Mamah und ihre beiden Kinder John und Martha. Der Witwer baute Taliesin neu auf, aber auch dieses Gebäude brannte am 20. April 1925 nieder. Später wurde Taliesin von einer Stiftung rekonstruiert.

Kapitän George Wellington Streeter und seine zweite Ehefrau Maria wollten von Chicago nach Honduras auswandern, aber bei einer Testfahrt des dafür vorgesehenen Schiffes „Reutan“ strandeten sie 1886 im Michigansee. Sie riefen einen eigen Staat aus und bauten die „Reutan“ zum zweistöckigen Wohnhaus um. Später verhaftete die Polizei George und Mary Streeter sowie alle übrigen Anwesenden und löste den „Staat“ auf.

Außerdem erzählt der Protagonist Richard vom Ausbruch des Vulkans Tambora auf der Insel Sumbawa am 10. April 1815, von einer Einheit deutscher Marineinfanteristen, die im Dezember 1888 auf der Insel Samoa von Konsul Wilhelm Knappe angefordert worden war und von einem Wirbelsturm am 16. März 1889 auf Samoa, über den Fanny Stevenson, die Ehefrau des schottischen Schriftstellers Robert Louis Stevenson, in ihrem Tagebuch berichtet.

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Er sorgt für Richard, kauft Lebensmittel in einem Supermarkt und besorgt mit ihm zusammen in einem anderen Geschäft einige Zentimeter Stahlrohr, eine Eisensäge und einen Mörser, Gegenstände, die der Junge für die geheimnisvollen Bastelarbeiten benötigt, die er in seinem Zimmer vornimmt.

Um sich nicht Richards Unmut zuzuziehen, fragt der Erzähler nicht, seit wann der Junge hier lebt, woher er kam, ob er zur Schule muss, was er bastelt und was mit den beiden Familien geschehen ist.

Wahrscheinlich ist sehr viel Zeit vergangen. Es gab nirgendwo einen verlässlichen Kalender oder eine mit Sicherheit korrekt nach unserer Lage auf dem Planeten gestellte Uhr. Nicht im Haus und nirgendwo im Ort. Es lässt sich nicht mehr zweifelsfrei sagen, wann ich angekommen bin und wie viel Zeit tatsächlich seitdem verstrichen ist.

Schließlich meint Richard, wenn er hier leben wolle, müsse er Geld verdienen. Einen Job findet der Erzähler im Elektrofachmarkt des Herrn Letterau. Zu seinen Aufgaben gehört es nicht nur, Geräte zu schleppen, sondern vor allem auch, jeden Tag Fernsehsendungen aufzuzeichnen und diese Aufnahmen dann auf Videokassetten zu kopieren, die an Kunden verliehen werden, die nicht über einen Fernsehempfang verfügen.

Als der Erzähler zugeben muss, nicht selbst an den Orten gewesen zu sein, von denen er berichtet, ist Richard enttäuscht und von da an etwas misstrauisch. Der Argwohn verstärkt sich, als Richard merkt, dass sein Mitbewohner während seiner Abwesenheit in seinem Zimmer war und Schachteln öffnete.

Tatsächlich wollte der Ältere herausfinden, was Richard bastelt. Aber er war enttäuscht, als er in den Schachteln nur zusammengeschustertes Zeug ohne erkennbaren Zweck vorfand.

[…] erkannte daran nichts als eine einzige Verschwendung von Zeit und Material.

Beim Aufräumen fiel mein Blick noch auf einige Batterien, die mit Klebeband zu einem Block zusammengefügt waren. Ein Bündel Schaltdraht ging von den Kontakten ab. Ich sah vier schräg angesägte Eisenrohre, eine Art Rahmen aus Fußbodenleisten, ein Marmeladenglas voll feiner zerstoßener Glasscherben und Schwerlastwinkel, die mit Konterschrauben zu einem festen Kasten zusammengefügt waren.

Richard verbarrikadiert von da an sein Zimmer. Schließlich verschwindet er. Der Mitbewohner sucht ihn und findet ihn schließlich bei Willy Helbig, der in seinem Wohnhaus eine Werkstatt hat und Grabkreuze repariert. Als Helbig sich nach den Eltern des jungen Mannes erkundigt, fängt dieser einen drohenden Blick von Richard auf. Er sagt deshalb, es gehe ihnen gut und lässt Helbig in dem Glauben, sie lebten noch in ihrem Haus.

Der Erzähler wird krank und kann tagelang nicht aufstehen. Danach will er nicht mehr bei Elektro Letterau arbeiten. Da er sich auch nicht krankgemeldet hat, geht er einfach nicht mehr hin.

Kurz nachdem ihm ein hellgrüner Spross im Schnee aufgefallen ist, brennt Willy Helbigs Haus nieder. Nur das Lager und die Garage bleiben stehen. Über die Brandursache erfahren wir nichts.

Richard wollte meine Hand nehmen. Ich schaute in die Flammen und tat so, als würde ich es nicht bemerken.

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Roman Ehrlich hat die eigentliche Handlung in einen Prolog und einen Epilog eingebettet, die beide in einem klimatisierten Großraumbüro spielen, in dem der Protagonist beschäftigt ist. Im Gegensatz zu dem „goldenen“ Sonnenlicht im Freien wird der Raum durch Leuchtstoffröhren, verkümmerte Topfpflanzen, das Klappern von Computertastaturen und den Geruch von Toner charakterisiert. Der Ich-Erzähler ist am Ende wieder in das Büro zurückgekehrt – oder er hat es nie verlassen, und alles andere fand nur in seiner Vorstellung statt.

Das bleibt nicht das einzige Rätsel in dem Roman „Das kalte Jahr“. Viele Fragen bleiben offen. Was geschah mit den Eltern des Ich-Erzählers? Warum forscht er nicht nach ihnen? Wer ist Richard? Woher kommt er? Warum hat er sich im Kinderzimmer des Protagonisten eingenistet? Man könnte ihn als das kindliche Ich des Protagonisten auffassen. Das würde zu der Annahme passen, dass alles nur in dessen Vorstellung stattfindet.

Jedenfalls handelt „Das kalte Herz“ von Kälte, Einsamkeit und Beziehungslosigkeit.

Roman Ehrlich erzählt in der Ich-Form und wechselt dabei zwischen Präsens und Imperfekt. Einige Beschreibungen sind extrem ausführlich und detailliert. Das gilt nicht zuletzt für das mehrmalige An- und Ausziehen von warmen Kleidungsstücken.

Ich schloss die Haustür auf, machte Licht, trat mir den Schnee von den Stiefeln, öffnete die Knöpfe an meinem Wintermantel, zog mir die Mütze vom Kopf und setzte mich auf den Stuhl im Hausflur, um meine Schnürsenkel zu lösen. Meinen Schal und den Mantel hängte ich an den Garderobenhaken auf, dann zog ich mir die Hausschuhe meines Vaters an, es war kalt im Haus, mein Feuer vom Vorabend längst schon erloschen und die Wärme verflogen.

In die Handlung hat Roman Ehrlich Binnengeschichten eingeflochten, die der Protagonisten erzählt oder aufschreibt. Zumindest die längeren davon werden nicht in einer Passage, sondern stückweise erzählt. Einen erkennbaren Zusammenhang mit den anderen Ereignissen haben sie nicht. Das gilt auch für rätselhafte Sätze wie zum Beispiel:

Er kam aus dem Nichts stand da, und nahm uns allen die Luft zum Atmen.

Meine Familiengeschichte, das hat Helbig einmal gesagt, oder vielleicht habe ich es in einem Buch über einen französischen Schriftsteller gelesen, ist eine Geschichte der Ohnmacht gegenüber dem Leben. Oder ein Leben in Ohnmacht.

Einer dieser Sätze wird sogar wiederholt:

Unter denen, die draußen auf dem Feld sitzen, erkennt man die Toten daran, dass der Schnee auf ihnen liegen bleibt. (Seite 8)

Und ich höre Richard, wie er sagt: Unter denen, die draußen auf dem Feld sitzen, erkennt man die Toten daran, dass der Schnee auf ihnen liegen bleibt. (Seite 197)

Auch mit scheinbar dokumentarischen Schwarzweiß-Abbildungen – wie in „Lazarus“ von Aleksandar Hemon (Albrecht Knaus Verlag, München 2008, 352 Seiten, ISBN 9783813503296) steigert Roman Ehrlich die Irritation des Lesers.

In einem angestrengt hochliterarischen Roman wie „Das kalte Jahr“ stören Grammatikfehler besonders.

Eine Gokartbahn sollte auf dem Flugfeld entstehen und die Kasernen zu Fremdenzimmern umgebaut werden. (Seite 32)

Und ich dachte mir schon früher, wenn ich wieder hierher zurückkam, dass es nicht nur an der Erinnerung an meine Kindheit liegen kann, wenn mir beim Betreten des Hauses jedes Mal die Zeit stehen bleibt. (Seite 43)

[…] einige Zentimeter Stahlrohr, eine Eisensäge und ein Mörser. (Seite 92)

Roman Ehrlich wurde 1983 in Aichach geboren und wuchs in Neuburg an der Donau auf. Er studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und an der Freien Universität Berlin, war Stipendiat der Werkstatttage des Wiener Burgtheaters und Teilnehmer der Autorenwerkstatt Prosa am Literarischen Colloquium Berlin. „Das kalte Jahr“ ist sein Debütroman.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2013
Textauszüge: © DuMont Buchverlag

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